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Das Fest des Huhnes (1992), eine Fernsehproduktion des Regisseurs Walter Wippersberg für den ORF, präsentiert das "unberührte, rätselhafte Oberösterreich" durch die Linse eines schwarzafrikanischen Fernsehteams, das die Region bereist, um einen ethnographischen Dokumentarfilm für das Publikum zu Hause zu drehen. Die 'Anderen' haben hier die Kamera in der Hand, und der ethnographische Blick, der traditionell 'primitive' Stämme dunkler Hautfarbe im Visier hat, richtet sich umgekehrt auf eine Landschaft im Herzen des zivilisierten Europa und die dort praktizierten fremden Rituale. Gekonnt parodiert der Film gängige Konventionen des Reiseberichts und der Fernsehdokumentation, einschließlich Interviews mit Einheimischen und erläuternde Kommentare von Kayonga Kagame zu Sitten und Bräuchen. Radler und Autofahrer erscheinen als Sinnbilder einer ziellosen Mobilität, deren Wurzeln in nomadischen Ursprüngen vermutet werden, und Bierzelte als Orte eines seltsamen kommunalen Ritus, der alljährlich in jedem Dorf stattfindet und offenbar den Kirchgang abgelöst hat. Die vielfältigen Beobachtungen verdichten sich schließlich zur Hypothese, dass das Huhn für die Oberösterreicher ein zentrales Kulttier ist, dessen Leib als Brathendl verspeist und dessen Bewegungen bei Schuhplattler und Ententanz, sozusagen als imitatio dei, simuliert werden. Als österreichische Fernsehproduktion richtet sich Das Fest des Huhnes vornehmlich an ein österreichisches Publikum, das durch die verfremdete Perspektive auf die lokalen Bräuche animiert wird, über sich selbst (oder über die hinterwäldlerischen Oberösterreicher?) zu lachen. Die Mobilisierung des fremden Blicks zum Zweck der Parodie ethnographischer Konventionen reicht jedoch über den nationalen Rahmen hinaus und richtet sich an ein Weltpublikum, für das multikulturelle Begegnungen in der Medienproduktion und -rezeption eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Der Film wurde in englischsprachiger Fassung sogar im australischen Fernsehprogramm gesendet. Die Prämisse, die in diesem parodistischen Film als absurd entlarvt wird, ist über die ethnologische Forschung hinaus verbreitet, nämlich die Annahme von reinen, unverfälschten, territorial verwurzelten Kulturen, die sich dem Beobachter als kohärentes System erschließen. Das Rollenspiel der Afrikaner als Fernsehreporter und überlegene Feldforscher, die Tirolerhütchen aufsetzen, mit apologetischem Blick in die Kamera dezent mitschunkeln und sich über die bizarren Bräuche wundern, demonstrieren die Potenziale eines ironisch karnevalistischen Umgangs mit ethnischen Identitäten. In den kritischen Reflexionen der Kulturanthropologie über das Verhältnis von schreibenden/filmenden Ethnologen zu ihrem Gegenstand verflüssigen sich ebenfalls die herkömmlichen Oppositionen zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen den Modernen und den Primitiven. Die Beschäftigung mit kulturellen Produkten muss heute den Bedingungen von globaler Zirkulation, Vernetzung und Polyphonie der Sprachen Rechnung tragen. Die in sich abgeschlossene Betrachtung nationaler Kulturen, wie sie etwa die Philologien seit dem neunzehnten Jahrhundert praktizierten, erscheint zunehmend als unzureichend. Das Interesse richtet sich verstärkt auf Spannungen zwischen globalen und regionalen Diskursen sowie auf Formen der Einbindung international zirkulierender Produkte und Symbole in lokale Praktiken. Authentizität wird als Konstruktion erkannt, "die reinen Dinge werden verrückt", wie der amerikanische Anthropologe James Clifford schreibt. In Zeiten zunehmender globaler Mobilität von Menschen und Medien haben die Fragen über den Stellenwert der transnationalen kulturellen Produktion von Reisenden und Heimatlosen aller Art eine neue Brisanz gewonnen. Homi Bhabha und andere postkoloniale KritikerInnen lehren uns, den Status von Grenzgängern und zugewanderten Bevölkerungsgruppen als produktive Provokation gegen den Begriff einer reinen nationalen Kultur zu verstehen. Die Präsenz von 'Fremden' wird zur Herausforderung, die Geschichte der Nation neu zu erzählen. Diese Verunsicherung ist insofern produktiv, als sie uns bewusst macht, dass es sich bei Definitionen von Kultur auf der Grundlage von nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit meist um fragwürdige Konstruktionen und Zuschreibungen handelt. In Bezug auf das Kino spricht man von einem neuen Genre,
das die herkömmlichen geographischen, nationalen, kulturellen
und filmischen Grenzen sprengt und das als "independent
transnational cinema" (Hamid Naficy), als "postcolonial
hybrid films" (Ella Shohat und Robert Stam) oder allgemeiner
auch als world cinema bezeichnet wird - eine Kategorie,
die in Anlehnung an world music neuerdings in Videoläden
auftaucht und ein buntes Spektrum umfasst, vom "Europudding"
und neuen Autorenkino aus Asien bis hin zum ethnographischen
Dokumentarfilm. Der Begriff 'Weltkino' betont gegenüber
älteren separatistischen Kategorien wie third cinema
(Dritte-Welt-Kino) oder sub-state cinema (subnationales
Kino) die Universalität von Mobilität und Diversität.
MigrantInnen beginnen, in der kulturellen Imagination der
subnationalen Nische zu entwachsen und in transnationale Netzwerke
einzutreten, wenngleich sie sich häufig noch im Rahmen
nationaler Diskurse verorten. Das Neue Deutsche Kino rebellischer Autoren, die in den sechziger Jahren "Papas Kino" für tot erklärten und die Nation mit dem Spiegel ihrer Vergangenheit konfrontierten, entstand zu einer Zeit, als in Europa das populäre Kino im Sterben lag, während Hollywood sich immer größere Marktanteile sicherte und zugleich das Fernsehen sich als Massenmedium etablierte. Der Aufbruch des Neuen Deutschen Kinos wurde ermöglicht durch öffentliche Filmförderung, Fernsehkoproduktionen und das Ansehen einiger Starregisseure auf internationalen Festivals (Thomas Elsaesser). Dieser Rahmen von sozialem Sendungsbewusstsein und öffentlicher Förderung eröffnete einen Projektionsraum für Erfahrungen von AußenseiterInnen, zunächst Frauen und allmählich auch ethnischen Minderheiten als Gegenstand von Spielfilmproduktionen. Unter den Autoren des Neuen Deutschen Kinos stach allenfalls Fassbinder mit Filmen wie Katzelmacher (1969) und Angst essen Seele auf (1973) durch ein Interesse an Minderheiten hervor, das nicht nur von fürsorglich ausgrenzendem Mitleid geprägt war. Besonders türkische Frauen wurden zu Opfern filmischer Projektionen. Helma Sanders erzählte in Shirins Hochzeit (1975) die traurige Geschichte von Shirin, die ihr armes Heimatdorf in Anatolien verlässt, um in Köln nach dem Verlobten Mahmut zu suchen, auf der Straße endet und von einem Zuhälter umgebracht wird. Auch in den achtziger Jahren handelten die Filme häufig von türkischen Frauen, von der Unterdrückung durch patriarchalische Väter, Brüder, Ehemänner, von dem Ausschluss aus der Öffentlichkeit und der Gefangenschaft in verschlossenen Räumen. So ist Tevfik Basers 40 qm Deutschland (1986) ein 'Kammerspiel' im wahrsten Sinne des Wortes über eine Frau, die von ihrem Mann in einer Hamburger Wohnung gefangen gehalten wird. Monatelang bleibt sie eingeschränkt auf "40 qm Deutschland", ohne jeden Kontakt zur Außenwelt, die gleichförmigen Tage unterbrochen nur von subjektiven Rückblenden, Erinnerungen an das Heimatdorf. 40 qm Deutschland wurde 1987 für den Bundesfilmpreis nominiert - nationale Anerkennung, die paradoxerweise den subnationalen Status von 'Ausländerkultur' zementierte. Auch in seinem zweiten Film Abschied vom falschen Paradies (1988) inszenierte Baser die Gefangenschaft von Frauen in verschlossenen Räumen, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Hier spielt sich die Handlung in einem deutschen Gefängnis ab, das jedoch paradoxerweise eher als Zuflucht erscheint. Mit der kulturellen Produktion der neuen MigrantInnen tat sich die Kritik zunächst schwer, da sie nicht die Kriterien der einen oder anderen Nationalkultur erfüllten. - Welche Nationalität hat beispielsweise ein Film, der in Hamburg spielt und dort unter deutscher Regie produziert ist, in dem jedoch türkische SchauspielerInnen türkisch-deutsche Dialoge sprechen und türkische Milieus darstellen? Ist ein solcher Film dem deutschen oder dem türkischen Kino zuzurechnen? Macht er Aussagen über die deutsche oder die türkische Kultur oder über beide? Wie verhält es sich, wenn der Regisseur ein in Deutschland lebender Türke ist, der unter ähnlichen Produktionsbedingungen arbeitet wie seine deutschen KollegInnen? Fällt dann die Zuordnung leichter? Wie kommt es, dass Türken im deutschen Kino jahrzehntelang so undifferenzierte, unwandelbare Rollen zu spielen hatten? Zeichnet sich heute ein neuer Trend zu wechselseitigem Grenzverkehr und humoristischen Spiegelungen ab? Die Filmförderung auf Bundes- und Landesebene sowie die Möglichkeiten der Koproduktion mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, insbesondere mit der Redaktion "Das kleine Fernsehspiel" beim ZDF, die - im Sinne des Autorenkinos - um die Förderung von künstlerischem Nachwuchs bemüht ist und die Produktion vieler 'Migrantenfilme' ermöglicht hat, schufen einen Nährboden für Filmprojekte, die nach einer neuen Rhetorik über ethnische Differenzen und Minderheitenkulturen suchten. Allerdings bedingten die Kriterien der Auswahl und Förderung oft eine Einschränkung auf bestimmte Themenfelder und Fragestellungen. Gefragt waren pflichtbewusste Problemfilme, ein cinema of duty, wie es im britischen Kontext heißt. Mit einer gewissen Herablassung wurde den 'Ausländern' ihr kultureller Platz zugewiesen, und FilmemacherInnen sahen sich häufig festgelegt auf leidvolle Geschichten vom Verlorensein 'zwischen den Kulturen'. Um der Förderung teilhaftig zu werden, reproduzierten in Deutschland lebende AutorInnen und RegisseurInnen ausländischer Herkunft in ihren Drehbüchern und Filmen häufig Klischees über die 'eigene' Kultur und deren archaische Sitten und Bräuche. Wer aus der Türkei stammte und in Deutschland Filme machen wollte, hatte lange Zeit nur Chancen mit einem Drehbuch, das von der Unterdrückung einer rückständigen Landbevölkerung handelte. Die Förderung hegte eine Reservatskultur, die sich große Mühe gab, Integration zu propagieren, aber selten große Popularität und Publikumswirkung erzielte. 1998 auf den Filmfestspielen in Berlin wehte ein frischer
Wind. Kritiker schrieben, das neue deutsche Kino würde
von jungen Türken gemacht. Neben Filmen wie Lola und
Bilidikid (1999) und Dealer (1999) sticht unter
den neuen Produktionen Ich Chef, Du Turnschuh (1998)
hervor, eine Produktion des ZDF/Das kleine Fernsehspiel und
die zweite Regiearbeit des Schauspielers Hussi Kutlucan, der
selbst die Hauptrolle des illegalen armenischen Immigranten
Dudie spielte. In dieser anarchistischen Komödie wird
Ethnizität karnevalistisch als Maskerade und Rollenspiel
inszeniert. Dudie findet Arbeit auf der Baustelle am Potsdamer
Platz, die bevölkert ist von illegalen Arbeitern unterschiedlicher
Herkunft und Hautfarbe, die nicht zuletzt von den bereits
'naturalisierten' türkischen Gastarbeitern angefeindet
werden. Vor der Kulisse der unfertigen Reichstagskuppel beugt
sich ein Türke zum muslimischen Gebet. Als die Schwarzarbeiter
ihren Lohn nicht bekommen, besetzen sie kurzerhand ein Stück
Land und feiern mitten in der Sandwüste eine wilde Grillparty
mit "Bimbo-Musik" (so der konsternierte Meister).
Deutlich klingen hier Referenzen an auf die langjährige
Debatte über das Grillen im Tiergarten und die Präsentationen
von 'Exoten' im Haus der Kulturen der Welt. Damit eröffnen
sich ironische Perspektiven auf die Lage der Republik.
Bhabha, Homi (Hg.): Nation and Narration. London/New York:
Routledge 1990. |