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10 2002
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Karten des Antirassismus

Stefan Nowotny

Stefan Nowotny

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Was wäre ein antirassistisches Buch? Ein Buch, das jener "Zunahme rassistischer Haltungen" entgegenzuwirken versucht, über die sich die heutige Politik mitunter (so als handle es sich um ein mysteriöses außerpolitisches Geschehen) "besorgt" zeigt? Ein Buch, das der Scheinheiligkeit derselben Politik zu Leibe rückt, indem es die von ihr zu verantwortende Verfestigung und Verschärfung sozialer, ökonomischer und juridischer Strukturen (neo)rassistischer Diskriminierung anprangert? Ein Buch, das die Ideologien des Rassismus angreift, ihre sehr lange Geschichte und Vorgeschichte analysiert, sich ihrem Fortwirken etwa in den gegenwärtigen Zuwanderungsdebatten entgegenstellt?

Jedenfalls hätte ein antirassistisches Buch, das ist in den letzten Jahren zunehmend deutlich geworden, auf die Verflechtung der (nationalen, europäischen, globalen) Kontexte zu reagieren, in denen neue und alte Rassismen wirksam werden - und zwar nicht nur, indem es diese Verflechtung thematisiert, sondern auch, indem es den antirassistischen Diskurs selbst kontextübergreifend organisiert. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung setzt, für den Raum der Europäischen Union, der von Ljubomir Bratic herausgegebene Band "Landschaften der Tat. Vermessung, Transformationen und Ambivalenzen des Antirassismus in Europa". Er versammelt Texte, die die Beschreibung antirassistischer Praxen mit Analysen rassistisch geprägter Machtverhältnisse an verschiedenen Schauplätzen (Belgien, Britannien, Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien) verbinden. Von Projekt- und Organisationsreflexionen bis zu detaillierten historisch-politischen Analysen reichend und von AutorInnen verfasst, die ausnahmslos selbst aktivistische Erfahrungshintergründe haben, kartographieren die Texte das Europa der Demokratie, des Wohlstands und der viel beschworenen "europäischen Familie" als rassistisches Feld. Und sie verzeichnen antirassistische Kampf- und Widerstandslinien.

Genau an diesem Punkt ist jedoch zur Frage danach zurückzukehren, was ein antirassistisches Buch sein könnte. Denn die Maxime, die "Landschaften der Tat" eröffnet und trägt, lautet: Antirassismus denken. Das heißt, sich der paradoxal wirkenden Aufgabe zu stellen, die Positivität einer Praxis zu denken, die sich scheinbar über eine Negation, nämlich die Negation des Rassismus definiert; es heißt auch, wie Bratic im Vorwort darlegt, die Perspektive von der Analyse eines "als Faktum" hingenommenen Rassismus, innerhalb deren Antirassismus nur "immer als Reaktion gedacht" wird, hin auf "die unter dem Gesichtspunkt der Machtverhältnisse betrachtete Geschichte der politischen Interventionen in einem rassistischen Feld" zu verschieben.

Was ist mit einem solchen Perspektivenwechsel gewonnen? Zunächst einmal sicherlich, dass die Betrachtung antirassistischer Aktions- und Organisationsformen selbst in den Vordergrund rückt - und damit die Diskussion der konkreten Mittel, Handlungsspielräume und Erfahrungen des Antirassismus. Der Blick wird damit zugleich auch auf die erst freizulegende Geschichte seiner Orte und AkteurInnen gelenkt, die von den vorherrschenden Narrativen oft noch dort verdeckt wird, wo im Namen des Antirassismus einseitig die Geschichte des Rassismus analysiert wird. Genau hier aber wird ein zweiter Vorzug der beschriebenen Perspektivenverschiebung deutlich: Wo es nämlich nicht mehr allein darum geht, bestehende Rassismen und ihre Ideologien zu identifizieren (und sich dabei allzu oft selbst in deren diskursive Voraussetzungen zu verstricken), bricht der Rückgang auf die konkreten Erfahrungen antirassistischer Praxen so manche der festgefahrenen Verständigungsmuster auf, in denen sich die Diskussion über Rassismus heute allzu oft bewegt.

Ein Beispiel: Mogniss H. Abdallah beschreibt in seinem Text, wie das faktische Politikverbot für so genannte "ausländische Vereinigungen" im Frankreich der späten 70er- bzw. frühen 80er-Jahre dazu führte, dass eine Vielzahl neu gegründeter migrantischer Vereinigungen sich zunehmend hinter "kulturellen Aktivitäten" verschanzte. Eine Entwicklung, die, so Abdallah, damit einherging, dass viele MigrantInnen den dominanten Diskurs internalisierten und ihren Anspruch auf politische Artikulation auf die jeweiligen Herkunftsländer beschränkten.

In der Bundesrepublik Deutschland wiederum, so ist dem Text Manuela Bojadzijevs zu entnehmen, avancierte gegen Ende der 70-Jahre, als die im Land lebenden ArbeitsmigrantInnen erstmals als "eigene" soziale Gruppe objektiviert wurden, "Integration" zum zentralen Stichwort einer neuen "Ausländerpolitik", die damit vermeintlich drohende soziale Konflikte zu entschärfen versuchte, die sie unter der Hand selbst konstruierte. Vor dem Hintergrund dieses "Integrationsimperativs" kam es in den 80-Jahren zur Gründung zahlreicher Kulturvereine, und migrantische Selbstorganisations- und Widerstandsformen verlagerten sich - abgesehen von der Exilpolitik - von Arbeitskämpfen und Mietstreiks (wie es sie in den Siebzigern gegeben hatte) zunehmend in Richtung einer die Spezifität der jeweiligen "Kultur" betonenden Repräsentationspolitik.

Wir sehen hier einige Eckdaten des heute gebetsmühlenartig vorgetragenen Diskurses über Zuwanderung sozusagen in Entstehung begriffen: das inzwischen unvermeidlich gewordene Schlüsselkonzept der "Integration"; seine Herkunft aus der Diskriminierung, im doppelten Sinne der Unterscheidung wie der Ungleichberechtigung; und, damit zusammenhängend, nicht zuletzt die durch die Vorenthaltung politischer Rechte begünstigte Kulturalisierung migrationspolitischer Diskussionen, die die Weichen auf politische Frontstellungen zwischen multikulturalistischen und "leitkulturalistischen" Positionen stellt.

Angesichts solcher Befunde ist es nicht weiter verwunderlich, dass allen in "Landschaften der Tat" versammelten Texten ein tiefes Misstrauen gegen jenen moralisierend-appellativen "Antirassismus" gemeinsam ist, dessen Beschwörungen der "Toleranz" oder der "(multi)kulturellen Bereicherung" im Letzten eine systematische Ausblendung der politischen, ökonomischen und juridischen Dimensionen dessen bedienen, was für eine antirassistische Auseinandersetzung auf dem Spiel steht. Das angeführte Beispiel macht aber noch etwas anderes sehr deutlich: dass nämlich eine Kartographie des Antirassismus, so wenig sich dieser mit wohlmeinenden parlamentarischen oder außerparlamentarischen "FürsprecherInnen" begnügen kann, Karten entwirft, deren Linien sich nicht mit jenen territorialer oder von Staatsangehörigkeiten abhängiger Grenzziehungen decken; eben darum aber schaffen diese Linien nicht nur Orientierungen, sondern bahnen auch Wege für neue Solidarisierungen.

Auch in diesem Sinne ist "Landschaften der Tat" weder einfach ein Buch über Rassismus noch auch eines über Antirassismus. Es ist ein antirassistisches Buch - und zugleich auf dem Weg dorthin.

[in leicht gekürzter Fassung erschienen in: Kulturrisse 04/02]

Website zum Buch "Landschaften der Tat": http://www.servus.at/maiz/antirassismus/index.html