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06 2006
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Der „semiotische Pluralismus“ und die neue Regierung der Zeichen

Hommage an Félix Guattari

Übersetzt von Stefan Nowotny

Maurizio Lazzarato

Maurizio Lazzarato

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Stefan Nowotny (translation)

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the language of things

Für Félix Guattari ist das Kapital weit mehr als eine einfache ökonomische Kategorie, die sich auf Güterzirkulation und Akkumulation bezieht. Es ist eine semiotische Kategorie, welche die Gesamtheit der Produktionsebenen sowie die Gesamtheit der Ebenen, auf denen sich Macht stratifiziert, betrifft. Einer Definition zufolge, die auf die 1970er Jahre zurückgeht, ist das Kapital ein „semiotischer Operator“.

Die Funktionsweise der semiotischen Komponenten des Kapitals folgt immer einem doppelten Register. Das erste ist jenes von „Repräsentation“ und „Signifikation“ bzw. „Bezeichnung“, die durch signifikante Semiotiken (Sprache) organisiert werden, um das „Subjekt“, das „Individuum“, das „Ich“ hervorzubringen. Das zweite ist das maschinische Register und wird durch a-signifikante Semiotiken (wie z. B. Geld, analoge oder digitale Maschinen der Bild-, Ton- und Informationsproduktion, wissenschaftliche Gleichungen, Funktionen oder Diagramme, Musik etc.) organisiert, welche „Zeichen ins Spiel bringen können, die zwar nebenbei einen symbolischen Effekt oder Bezeichnungseffekt zeitigen, deren eigene Funktionsweise jedoch nicht symbolisierend oder bezeichnend ist“. Dieses zweite Register zielt nicht auf die Konstitution des Subjekts, sondern auf das Einfangen und die Aktivierung präsubjektiver und präindividueller Elemente (Affekte, Emotionen, Wahrnehmungen), um diese als Teile oder Räder der semiotischen Maschine des Kapitals funktionieren zu lassen.

 
Soziale Unterwerfung und subjektive Entfremdung: Die Funktionen der signifikanten Semiotiken

Über Repräsentation und Signifikation produziert und verteilt das kapitalistische System Rollen und Funktionen; es stattet uns mit einer Subjektivität aus und weist uns einer Individuation zu (Identität, Geschlecht, Beruf, Nationalität etc.), sodass alle Welt in einer semiotischen Falle von Bezeichnung und Repräsentation gefangen ist. Diese Operation einer „sozialen Unterwerfung“ unter Identitäten und festgesetzte Rollen („kapitalistische rationalistische Subjektivität“) vollzieht sich über die Unterordnung der Vielfalt und Heterogenität präsignifikanter oder symbolischer Semiotiken unter die Sprache und deren Repräsentations- und Bezeichnungsfunktionen.

Die körperlichen symbolischen Semiotiken (d. h. alle präverbalen, körperlichen, ikonischen Ausdrucksmittel: Tanz, Mimik, Musik, Somatisierungen, eine Nervenkrise, ein Weinkrampf, Intensitäten, Bewegungen, Rhythmen etc.) hängen weder von der bezeichnenden Sprache noch vom Bewusstsein ab. Sie bringen weder – wie das im sprachlichen Kommunikationsmodell der Fall ist – eine SprecherIn und eine ZuhörerIn ins Spiel, die voneinander vollkommen unterscheidbar wären, noch auch steht die Rede steht im Vordergrund. Diese Semiotiken sind von Affekten beseelt, und sie bringen Verhältnisse zur Geltung, die schwerlich einem Subjekt, einem Selbst oder einem Individuum zugeordnet werden können. Sie überschreiten die individualisierenden subjektiven Grenzen (Personen, Identitäten, soziale Rollen und Funktionen), in welche die Sprache sie einschließen und auf die sie sie reduzieren möchte. Die „Botschaft“ nimmt ihren Weg nicht über sprachliche Ketten, sondern über den Körper, über Haltungen, Geräusche, Bilder, Mimiken, Intensitäten, Bewegungen, Rhythmen etc. Die Anwendung signifikanter Semiotiken hat nach Guattari folgende Konsequenzen: „Die pathische [affektive; M. L.] Subjektivität, die an der Wurzel aller Subjektivierungsweisen steht, wird verschleiert […] und tendenziell ständig aus den Verhältnissen der Diskursivität ausgeschieden, obgleich die Operatoren der Diskursivität wesenhaft auf sie gegründet sind.“

Das Abblendung dieser Ausdrucksmodalitäten auf die signifikanten Semiotiken ist eine politische Operation; einerseits nämlich „ist die Eroberung der Bezeichnungen immer untrennbar mit einer Machtübernahme verbunden“, und andererseits gibt es keine Bezeichnung oder Repräsentation, die von den herrschenden Bezeichnungen und Repräsentationen unabhängig wäre. Das mit sprachlichen und nicht-sprachlichen Zeichen verbundene Tätigkeitsvermögen wird auf die Logik von Repräsentation und Signifikation heruntergebogen, die alle anderen Funktionen von Sprache und Zeichen neutralisieren und unterdrücken. Es gibt eine Behauptung, die der kapitalistischen Logik von Disziplinargesellschaften sowie der sozialistischen und kommunistischen Logik gemeinsam ist: dass nämlich der Bezug auf das Reale zwangsläufig über eine Vermittlung laufen muss. Ohne Signifikation und Repräsentation gibt es keinen Zugang zum Realen. In der Tradition der ArbeiterInnenbewegung gibt es keine Politik, die ohne „Bewusstseinsbildung“ (Signifikation) sowie ohne „Repräsentation“ des Volkes oder der Klasse durch die „Partei“ möglich wäre. Semiotik und Politik, Zeichenregierung und Regierung des politischen Raums sind eng miteinander verbunden.

 
Maschinische Indienstnahme: Die Funktionen der a-signifikanten Semiotiken

Guattaris Begriff der sozialen Unterwerfung überschneidet sich an mehreren Punkten mit dem Konzept des „Regierens durch Individualisierung“, das Foucault zufolge die Disziplinargesellschaften charakterisiert. Hingegen finden die Funktionen der „maschinischen Indienstnahme“ weder in politischen noch in linguistischen Theorien eine Entsprechung; sie stellen einen der grundlegenden Beiträge dar, die Deleuze und Guattari zum Verständnis gegenwärtiger Gesellschaften geleistet haben.

Das maschinische Register der semiotischen Produktion des Kapitals funktioniert auf der Grundlage a-signifikanter Semiotiken, die sich direkt an den Körper anschließen (Affekte, Begehrensweisen, Emotionen und Wahrnehmungen), und zwar durch Zeichen, die – anstatt eine Bezeichnung hervorzubringen – eine Handlung, eine Reaktion, ein Verhalten, eine Einstellung oder eine Haltung auslösen. Diese Semiotiken bezeichnen nicht, sie setzen in Bewegung und aktivieren. Geld, Fernsehen, Wissenschaft, Musik etc. können als Maschinen der Zeichenproduktion arbeiten, die sich auf direkte Weise dem Realen und dem Körper einschreiben, ohne ihren Weg über eine Signifikation oder Repräsentation zu nehmen. Die Kreislauf von Furcht, Angst oder Panik, durch die sich jene Atmosphäre und Tonalität ausbildet, in die unsere „Sicherheitsgesellschaften“ getaucht sind, wird durch Zeichenmaschinen in Gang gesetzt, die sich nicht an das Bewusstsein wenden, sondern direkt an das Nervensystem, an die Affekte und Emotionen. Anstatt auf die Sprache konzentriert zu sein, sind die symbolischen Semiotiken des Körpers in sich selbst Aktivität – eine Aktivität, die über die industrielle, maschinische, nicht-menschliche Produktion von Bildern, Tönen, Reden, Intensitäten, Bewegungen, Rhythmen etc. verläuft.

Haben die signifikanten Semiotiken eine Funktion der subjektiven Entfremdung, der „sozialen Unterwerfung“, so ist die Funktion der a-signifikanten Semiotiken jene der „maschinischen Indienstnahme“. Die a-signifikanten Semiotiken bewirken eine Synchronisierung und Modulation der präindividuellen und vorsprachlichen Komponenten der Subjektivität, indem sie Affekte, Wahrnehmungen, Emotionen etc. als Bestandteile, Komponenten und Elemente einer Maschine in Gang setzen (maschinische Indienstnahme). Wir alle können als Input/Output-Komponenten semiotischer Maschinen funktionieren, als einfache Relais von Fernsehen oder Internet, die die Weitergabe von Information, Kommunikation und Affekten bewerkstelligen und/oder verhindern. Im Unterschied zu den signifikanten Semiotiken kennen die a-signifikanten Semiotiken weder Personen noch auch Rollen oder Subjekte. Während die Unterwerfung ganze Personen in sich einbezieht, molare subjektive Repräsentationen, die leicht manipulierbar sind, „ordnet die maschinische Indienstnahme infrapersonale und infrasoziale Elemente an, die einer molekularen Ökonomie des Begehrens Rechnung tragen“. Die Macht dieser Semiotiken beruht darauf, dass sie die Repräsentations- und Bezeichnungssysteme durchqueren, in denen „sich die individuierten Subjekte wiedererkennen und entfremden“.

Die maschinische Indienstnahme ist also nicht dasselbe wie die soziale Unterwerfung. Während sich Letztere auf die molare, individuierte Dimension der Subjektivität richtet, aktiviert Erstere deren molekulare, präindividuelle, transindividuelle Dimension. Im ersteren Fall spricht das System, und es macht sprechen. Es indexiert und wirft die Vielfalt der präsignifikanten und symbolischen Semiotiken auf die Sprache, auf die linguistischen Ketten zurück, indem es deren repräsentative Funktionen in den Vordergrund stellt. Indessen erzeugt es im zweiten Fall keinen Diskurs, es spricht nicht, und doch funktioniert es und versetzt in Bewegung, indem es sich direkt an „das Nervensystem, das Gehirn, das Gedächtnis etc.“ ankoppelt und die affektiven, transitivistischen, transindividuellen Beziehungen aktiviert, die schwerlich einem Subjekt, einem Individuum, einem Selbst zugeschrieben werden können. Die beiden semiotischen Register wirken zusammen auf die Produktion und Kontrolle der Subjektivität, indem sie zugleich deren molare und molekulare Dimension bearbeiten. Wie wir sehen werden, können dieselben semiotischen Dispositive gleichzeitig Dispositive der maschinischen Indienstnahme und solche der sozialen Unterwerfung sein (das Fernsehen z. B. kann uns als Subjekte, als VerbraucherInnen konstituieren oder aber als einfache Relais benutzen, die eine Information, eine Kommunikation oder Zeichen weitergeben, die eine Aktion/Reaktion auslösen!). Wir haben das Privileg, den Wirkungen des einen wie des anderen zugleich zu unterliegen.

Die Aufwertung der symbolischen oder präsignifikanten Semiotiken sowie die Affirmation ihrer Kreativität und ihres Handlungsvermögens, die von der Sprache unabhängig sind, begleiten und befördern die politische Affirmation der Minderheiten in den 1960er und 1970er Jahren. Denn diese Ausdrucksmaterien und -modalitäten sind jene von Minoritäten: von Frauen, Kindern, Wahnsinnigen, Kranken, sexuellen, sprachlichen und sozialen Minderheiten. In Wirklichkeit handelt es sich um Semiotiken und Ausdrucksmodalitäten, die „aller Welt“ eigen sind, denn wir haben es hier mit Semiotiken und Ausdrucksmodalitäten des Körpers zu tun. Der semiotische Pluralismus ist ein zentraler Teil der Kritik der „majoritären“ Subjektivität kapitalistischer Gesellschaften, die Deleuze und Guattari durchgeführt haben.

Unter diesen Umständen besteht das politische Problem Guattaris darin, eine „Politik der Signifikation“ radikal von einer „Politik des Ausdrucks“ zu unterscheiden, die gleichermaßen eine Politik der „Erprobung“, des „Experimentierens“ wäre. Undankbare Aufgabe, denn die gesamte Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und insbesondere ihres marxistischen Teils hat Subjektivierungsprozesse gänzlich auf die disziplinargesellschaftlichen Politiken der Signifikation und der Repräsentation abgestimmt (der Bezug zum Realen muss über das Bewusstsein und die Repräsentation verlaufen).

 
Die a-signifikanten Semiotiken

Man muss auf Sinn und Rolle der a-signifikanten Semiotiken insistieren (Geld, Dispositive der maschinischen Bild-, Ton- und Wortproduktion, von der Wissenschaft verwendete Zeichen, Gleichungen, Formeln, Musik etc.), zumal der Großteil der linguistischen und politischen Theorien sie ignoriert, auch wenn sie die Angelpunkte der neuen Formen kapitalistischen Regierens bilden. Von ihnen ausgehend tritt eine neue Verteilung zwischen dem Diskursiven und dem Nicht-Diskursiven auf den Plan.

Die linguistischen Theorien und die analytische Philosophie verkennen ihre Existenz und Funktionsweise, denn sie gehen davon aus, dass die Produktion und Zirkulation von Zeichen und Worten eine im Wesentlichen menschliche Angelegenheit ist, eine Sache des semiotischen „Austauschs“ zwischen Menschen. Sie legen sich eine logozentrische Konzeption der Äußerung zurecht, während ein wachsender Teil der Äußerungen und der Zeichenzirkulation durch maschinische Dispositive (Fernsehen, Kino, Radio, Internet etc.) produziert und bearbeitet wird. Die Äußerung wird hier noch territorialisiert und logozentrisch gedacht, wogegen der Kapitalismus durch eine deterritorialisierte und maschinozentrische Äußerung charakterisiert ist. Medien und Telekommunikationsformen verdoppeln die alten „mündlichen und schriftlichen“ Beziehungen, indem sie neue (individuelle und kollektive) Äußerungsgefüge ausbilden.

Jene Theorien, die in der Rede und der Sprache die wichtigste oder ausschließliche politische Ausdrucksform sehen (Arendt, Rancière, Virno), scheinen die a-signifikanten Semiotiken ebenso sehr zu verkennen, spielt sich hier der Prozess der Subjektivierung (Rancière) oder Individuation (Virno) doch in einem als theatrale Bühne begriffenen öffentlichen Raum ab; die politischen Subjekte konstituieren sich in diesem Raum in ihrer molaren und repräsentativen Dimension, indem sie die Performance einer KünstlerIn oder einer RednerIn vor einem Publikum nachahmen. Die theatrale Metapher scheint mir besonders unvorteilhaft zu sein, wenn es darum geht, den gegenwärtigen politischen Raum zu verstehen. (Walter Benjamin schrieb über die neuen Techniken: „Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern.“)

Der Prozess der Subjektivierung oder Individuation wird damit verstümmelt, denn die a-signifikanten Semiotiken und Maschinen bewirken einen völligen Neuentwurf, eine Neugestaltung des öffentlichen Raums und seiner Ausdrucksmodalitäten, indem sie direkt und in tiefgreifender Art und Weise die „politische Rede“ affizieren. Letztere kann nicht länger über die Funktionsweise des sprachlichen Handlungsvermögens beschrieben werden, wie es in der griechischen „Polis“ ausgeübt wurde; genau dies tun aber, Hannah Arendt folgend, all diese Theorien. Im gegenwärtigen öffentlichen Raum ist die Rede eher „industriell“ als „theatral“ organisiert. Der Prozess der Subjektivierung oder Individuation kann nicht auf die „soziale Unterwerfung“ reduziert werden, während die „maschinische Indienstnahme“ vollkommen ausgeblendet wird. Paradoxerweise finden wir uns mit all diesen gegenwärtigen politischen und linguistischen Theorien, die sich direkt oder indirekt auf die Polis und/oder das Theater beziehen, in einer präkapitalistischen Situation wieder.

 
Das Video als beliebiger Strom

Deleuze und Guattari zufolge realisiert und konkretisiert sich der kapitalistische Gebrauch der Sprache erst, wenn die technischen Ausdrucksmittel in Erscheinung treten, die der verallgemeinerten Dekodierung der für den Kapitalismus charakteristischen Ströme entsprechen. Der elektrische Strom kann als Realisierung eines solchen Stromes betrachtet werden. Der elektrische Strom produziert keine Symbole und Bezeichnungen, sondern Zeichenpunkte ohne Signifikation, die Bild-, Ton- und Wortströme erzeugen, welche darüber hinaus Bedeutung annehmen können. Als solcher ist der elektrische Strom indifferent gegenüber seinen Produkten. Bill Viola, ein Videokünstler, gibt uns eine Beschreibung davon, wie dieser a-signifikante Strom funktioniert: „Das Videobild ist ein Motiv aus stationären Wellen elektrischer Energie, ein System von Schwingungen, das sich aus spezifischen Frequenzen wie jener zusammensetzt, die man in jedem beliebigen Klangobjekt anzutreffen erwarten würde.“

Wie überträgt man Frequenzen und Amplituden elektrischer Wellen (Zeichen, die keine Bedeutungen haben) an Bilder, Klänge und Worte, die Bedeutungen transportieren? Durch Modulation. Der Sinn dieses Begriffs, den Deleuze benützt, um das Machtdispositiv der Kontrollgesellschaft zu erklären, und den er den „Gussformen“ der Disziplinargesellschaft gegenüberstellt, ist hier zu suchen, in der Videomaschine. Das Fernsehen ist ein Dispositiv, das die Trägerwelle (der Nachricht) moduliert, indem es zugleich auf ihre Amplitude und ihre Frequenz einwirkt. Die Kamera erfasst keine Bilder, sondern die Wellen, die sie erzeugen, indem sie sie über Modulation komponieren und dekomponieren. Die Produktion und Übertragung eines Bildes ist in Wirklichkeit die Modulation von Schwingungen, elektrischen Wellen oder, nach einem schönen Bild von Bergson, von „visuellem Staub“.

Wir haben also eine abstrakte und nicht-figurative Linie (Welle), einen analogen Strom elektrischer Wellen, die wie ein Klangobjekt schwingen, und ein Dispositiv der Modulation (Fernsehen, Radio, Computer), das sich direkt an die analogen Ströme anschließt und Figuren, Worte, Klänge produziert. Die Modulation ist Modulation von Bewegungen, Strömen, Intensitäten, Schwingungen, Rhythmen einer Welt, die dem Menschen vorhergeht (einer Welt vor dem Bild, wie wir es wahrnehmen, einer Welt vor dem Klang, wie wir ihn hören, einer Welt vor dem Wort, wie wir es artikulieren). Es handelt sich um eine Welt der „reinen Erfahrung“, bevor sich Objekt und Subjekt herauskristallisieren. Eine nicht-„menschliche“ Welt, denn sie überschreitet unsere Fähigkeiten, diese Bewegungen, Intensitäten, Rhythmen wahrzunehmen. Im Video ist alles Bewegung, alles ist Zeit. Aber es sind „nicht-menschliche“ Bewegungen und Zeitlichkeiten. „Die Unterteilung in Linien und Raster sind nur Aufteilungen in der Zeit: Öffnungen und Schließungen von Zeitfenstern, die Perioden der Aktivität im Inneren des Elektronenstroms umgrenzen. Das Videobild ist also ein lebendiges und dynamisches Energiefeld, eine Schwingung, die allein deshalb als fest erscheint, weil sie unsere Fähigkeit übersteigt, dermaßen feine Zeitintervalle zu unterscheiden“ (Bill Viola).

Indem sie diese Intensitäten, Rhythmen, Bewegungen modulieren, bearbeiten die a-signifikanten Maschinen die Emergenzbedingungen des Bildes, Wortes oder Klanges, das heißt die Bedingungen des Hervortretens einer Handlung, Wahrnehmung, Äußerung. Hieraus beziehen sie ihre Macht, denn sie beeinflussen die Gesamtheit der Komponenten von (sprachlichen und symbolischen) Subjektivierungsprozessen, wobei sie allerdings von jener „Leere“ ausgehen, die dem Rang nach und de facto jeder Signifikation und Repräsentation vorgängig ist. Sie scannen die Gesamtheit der Ausdrucksmodalitäten ab, der molaren wie auch der molekularen.

 
Geld

In diesem Zusammenhang ist es der Bezug zwischen nicht-figurativer abstrakter Linie und der figürlichen Produktion, der uns interessiert, denn im Kapitalismus funktioniert das Geld auf exakt dieselbe Art und Weise. Das Investitionsgeld, das Geld als Kapital, ist ein Strom, der jeglicher Substanz, jeglicher Materie, jeglichem Subjekt gegenüber indifferent ist. Ein absolut abstrakter, nicht-figurativer Strom, der zu jeder beliebigen Figur (zu jeder beliebigen Produktion) Anlass geben kann. In den Geldströmen bewirkt das Bankensystem die Modulation dieses abstrakten und nicht-figurativen Stromes. Das Bankendispositiv kann, indem es Frequenz und Amplitude der Investitionen moduliert, jede beliebige Figur/Produktion veranlassen. Es ist das Bankensystem, das die Umwandlung der abstrakten Linie des Geldes als Kapital in Zahlungsgeld bewerkstelligt.

Das Geld, das in den Banken zirkuliert und in die Bilanz der Unternehmen eingetragen ist, ist keineswegs dasselbe Geld, das wir in unseren Taschen haben oder das wir als Gehalt oder über Beihilfen beziehen. Diese beiden Gelder, das Tauschgeld und das Kreditgeld, gehören zwei Regimes von unterschiedlicher Macht an. Was man als „Kaufkraft“ bezeichnet, ist in Wirklichkeit eine Ohnmacht. Es handelt sich um ohnmächtige monetäre Zeichen, beschränken sie sich doch auf das, was einem Konsumtionsfluss entnommen werden kann, der von den Kreditströmen, den abstrakten Linien des Geldes als Kapital bestimmt wurde. „Kosmische Betrügerei“.

Hingegen hat das Kreditgeld (nicht-figurative abstrakte Linie) die Macht, die ökonomischen Ketten neu ineinander zu fügen, eine Verschiebung der Figuren festzulegen, über die Konstitution von Möglichkeiten zu entscheiden. Das Investitionsgeld ist imstande, auf direkte Weise das Reale zu schreiben, denn es kennt, wie wir wissen, weder individuierte Subjekt noch Objekte, es nimmt seinen Weg quer durch die Signifikationen und Repräsentationen.

 
Die Techniken des Geistes

Die Inhalte der Subjektivität der Kontrollgesellschaft hängen von einer Vielheit von maschinischen Systemen ab. Um jenen „Eintritt der Subjektivität in die Maschine“ zu beschreiben – in dem Sinn, wie man einst vom „Eintritt in eine Religion“ gesprochen hat –, genügt es, sich die Gesten und Handlungen in Erinnerung zu rufen, die wir, Menschen des entwickelten Westens, ständig und in unserer banalsten Alltäglichkeit ausführen:

Ich stehe am Morgen auf, schalte zunächst das Licht an und aktiviere also eine technologische Vorrichtung, die der verallgemeinerten Dekodierung des für den Kapitalismus typischen Stroms entspricht. Es handelt sich um einen beliebigen Strom, der jedem Produkt, jeder Aktualisierung gegenüber indifferent ist; zusammengesetzt aus Zeichenpunkten ohne Signifikation, wird er jedoch wiederkehren und alle anderen technologischen Dispositive funktionieren lassen, die ich im weiteren Verlauf des Tages in Betrieb nehme.

Während ich frühstücke, höre ich Radio. Die habituellen räumlichen und zeitlichen Dimensionen meiner Klangwelt sind suspendiert. Die gewöhnlichen sensorisch-motorischen Muster, auf die sich die Klangwahrnehmung gründet, sind neutralisiert. Die Stimme, die Rede und der Klang sind deterritorialisiert, denn sie haben jeden Bezug zu einem Körper, einem Ort, einer Situation, einem Territorium verloren. Die Rundfunkausstrahlung gibt nicht „die Orientierung, die Grenzen und die Raumstruktur“ der Äußerung wieder, sondern lediglich „Beziehungen zwischen klanglichen Intensitäten“ (Serge Cardinal). Das „Radio erfasst weniger die klanglichen Fragmente im Sinne sinnlicher Qualitäten, die sich auf ein Objekt beziehen, als vielmehr eine unbegrenzte Serie von Modi, von passiven und aktiven Kräften der Affektion“. „Das Klangliche weist elementare Kräfte auf (Intensitäten, Klangqualität, Intervall, Rhythmus und Tempo), die eine direktere Auswirkung auf Menschen haben als der Sinn der Wörter: Hierin liegt die Grundlage der Radiokunst“, schreibt Arnheim (zitiert bei Cardinal). Aber hierin liegt auch die Grundlage des Regierens von Kontrollgesellschaften.

Bevor ich das Haus verlasse, greife ich zum Telefon, um jemanden darüber zu verständigen, dass ich mich eine halbe Stunde verspäten werde. Wo findet die Kommunikation statt? Bei mir zu Hause? Bei meinem Gesprächspartner? In der Telekommunikationsvorrichtung? Was ist der Kontext dieser Äußerung?

Auf der Straße hole ich Geld bei einem Geldautomaten; eine elektrische und telematische Datenverarbeitungsvorrichtung, die nur Zeichenpunkte ohne Bedeutung aussendet, kommt meiner Anfrage nach und stellt mir monetäre Zeichen zur Verfügung, die ich in meinen Taschen verstaue. Ströme der Kaufkraft, die in Wirklichkeit, wie wir wissen, keinerlei Macht hat, abgesehen von der Macht, mit anderen Warenzeichen ausgetauscht zu werden, die deutlich sichtbar im Gang der U-Bahn plakatiert sind, den ich zu durchschreiten habe. Der automatische Schalter ist ein Regulations- und Kontrollsystem ohne Bedeutung, das jedoch Signifikationen produzieren kann, ruft es mir doch unaufhörlich den noch zu zahlenden Betrag an jenen ohnmächtigen Zeichen, über die ich verfüge, in Erinnerung und moduliert unentwegt die Notwendigkeit zu arbeiten.

Bevor ich in die U-Bahn einsteige, kaufe ich eine Zeitung. Die Lektüre der Tageszeitung konfrontiert mich mit der kapitalistischen Besonderheit des Schreibens sowie mit einer weiteren Zeichen- und Informationsmaschine. Geben wir Gabriel Tarde das Wort, der bereits zu Ende des 19. Jahrhunderts den Unterschied dieses „stummen“ Äußerungsmodus zum Modell der griechischen Polis herausgestrichen hat: „Die griechischen politischen Redner verfassten eine Rede, deren Vortrag eine sehr kurze Zeitspanne in Anspruch zu nehmen bestimmt war, und zwar in einem Raum, der niemals über die Reichweite der menschlichen Stimme hinausging“, vor einer beschränkten Anzahl von Menschen, die „in jenem Augenblick allen anderen Umgebungseinflüssen entzogen waren“ und durch den Redner in „ein und derselben Geisteshaltung“ zusammengehalten wurden.

Etwas ganz anderes scheint die Aufgabe der Zeitung zu sein. „Die Zeitung richtet sich an ein sehr viel weiter ausgedehntes Publikum, das aber verstreut ist und sich aus Individuen zusammensetzt, die, während sie ihren Artikel lesen, Zerstreuungen aller Art unterworfen sind, die in ihrem Klub oder ihrem Café das Gemurmel der Gespräche um sie herum hören, Ideen, die jenen des Schreibers entgegengesetzt sind.“ Wie die RadiohörerInnen bekommen auch die LeserInnen niemals die SchreiberIn noch auch ihre Gesten, Körperhaltungen oder Gesichtszüge zu sehen, und im Unterschied zum Radio hören sie auch nicht ihre Stimme oder Intonation. Im Unterschied zum Redner, der sich mit einer einzigen Rede dem Geist seiner Zuhörer einprägt, bedarf es mehrerer Artikel, um zum selben Ergebnis zu gelangen, denn „der Artikel ist nur ein Glied in einer Kette von Artikeln, die im Allgemeinen von einer Vielzahl von SchreiberInnen stammen, aus denen sich das Redaktionsbüro einer Zeitung zusammensetzt“.

Ausgehend von der Französischen Revolution hat sich der sehr lange und komplexe „angerufene stumme Diskurs“ daran gemacht, unsere Demokratien zu lenken. Die große Schwierigkeit für eine Zeitung besteht darin, ihr Publikum zu formen und zu behalten. Mit einem Corpus von kohärenten Ideen oder der harmonischen Entfaltung von Argumenten bringt man kein Publikum zustande und behält es auch nicht, so wie dies die Rhetorik des Redners tat. „Das Thema der Zeitung setzt sich aus unzähligen, inkohärenten Themen zusammen, die ihr jeden Morgen vom Ereignis des Tages oder des Vortages geliefert werden. Es ist, als ob sich im Verlauf einer Rede des Demosthenes gegen Philippos in jedem Augenblick Boten dem Demosthenes genähert hätten, um ihm einige ganz frische Nachrichten zu überbringen, und als ob seine Rede aus der Wiedergabe oder Interpretation dieser Informationen bestanden hätte.“

Nach Hause gekommen, sehe ich mir mit 8 Millionen anderen Franzosen und Französinnen im Fernsehen eine Nachrichtensendung an. Wir bilden ein immenses neuronales Netz, ein Netz aus Körpern und Seelen, aus Affekten, Emotionen, Leidenschaften, die alle zugleich synchronisiert werden. Wir bilden ein immenses Nervensystem, das den Losungen der Macht ausgesetzt ist. Wer spricht im Fernseher, und an wen richtet er oder sie sich? Der Talking Head, der gerade an der Reihe ist, ist nichts als die Endstation eines „industriellen“ Gefüges der Äußerungsproduktion, von dem die Redaktion, die JournalistInnen, die freien MitarbeiterInnen und Intermittents ihrerseits nur ein Teil sind (und zwar nicht unbedingt der in der Produktionskette wichtigste Teil). Die Stimme der PräsentatorIn ist eine „Polyphonie“, aber nicht die sympathischste. In ihrer Stimme klingen die Stimmen der Mächte vor Ort wider, der AuftraggeberInnen von Werbungen, anderer gedruckter oder elektronischer Medien sowie die Stimmen der GeneraldirektorInnen, deren „kulturelles“ Projekt darin besteht, die Gehirne dem Unternehmensmarketing verfügbar zu machen.

In jedem Haus findet sich jeder und jede der acht Millionen ZuseherInnen ebenfalls im Zentrum eines Gefüges, am Kreuzungspunkt einer Reihe von Strömen. Die Modalitäten der Mobilisierung von Aufmerksamkeit, die Art und Weise, wie die Programme organisiert werden oder das Thema präsentiert wird, überschneiden sich an verschiedenen Punkten mit der Erfahrung der Zeitungslektüre oder des Radiohörens. Es treten jedoch neue Elemente in Erscheinung, die mit der technologischen Besonderheit des Dispositivs zusammenhängen. Vor meinem Fernsehgerät überkreuzen sich in mir „1) eine perzeptive Faszination, die durch das Lichtraster des Apparats hervorgerufen wird und an Hypnose grenzt; 2) ein mit dem narrativen Gehalt der Sendung unterhaltener Bezug des Gefangengenommenseins, das sich mit einer Nebenaufmerksamkeit auf die Ereignisse in der Umgebung verbindet (Wasser, das auf dem Herd kocht, Kindergeschrei, das Telefon etc.); 3) eine Welt der meine Träumereien bewohnenden Phantasmen … Mein persönliches Identitätsgefühl wird solcherart in verschiedene Richtungen gezerrt“ (Guattari).

Bevor ich ins Kino gehe, beantworte ich die E-Mails, die ich im Lauf des Tages bekommen habe, und lasse mich auf ein völlig anderes Schreib- und Kommunikationsdispositiv ein, an dem – um mich der Worte Bachtins zu bedienen – „die aktive Auffassung und Ansprechbarkeit“, die das Fernsehen neutralisiert, zur Ausübung gelangen können. Ich betrete einen anderen öffentlichen Raum.

Ich begebe mich ins Kino, gerade rechtzeitig zur letzten Vorstellung, und mache dort eine andere Erfahrung der „alltäglichen“ Suspension der Welt. Diesmal betrifft die Suspension die Wahrnehmung und ihre habituellen Raum- und Zeitkoordinaten. Mein sensorisch-motorisches System ist schwach, denn die Bilder und Bewegungen hängen nicht länger von einem Objekt oder von meinem Gehirn ab, sondern sind die automatischen Produkte eines maschinischen Dispositivs. Die Montage bringt die Verbindungen zwischen Situation, Bildern und Bewegungen durcheinander und lässt mich in andere Raum-Zeit-Blöcke eintreten. In den präsignifikanten oder symbolischen Semiologien verlaufen die Materien und Formen des Ausdrucks in Parallelen und sind nicht, wie in der Sprache, linear miteinander verbunden. In einem Film gibt es verschiedene Ausdruckslinien: die klangliche Linie, die visuelle Linie, die Linie des Lichts, der Farbe etc. „Hier kann keine Rede von einer Syntax sein oder von einem Schlüssel, der das Verhältnis zwischen diesen verschiedenen Linien homogenisieren würden“ (Guattari).

Die politische Frage, die es angesichts der dargestellten Prozesse der Unterwerfung und Indienstnahme zu stellen gilt, ist die folgende: Wie ist es möglich, sich diesen Herrschaftsbeziehungen zu entziehen und ausgehend von eben diesen Technologien individuelle und kollektive Freiheitspraxen und Subjektivierungsprozesse zu entwickeln?

 
Zitierte Literatur:

Michail Bachtin, Esthetique de la création verbale, Paris: Gallimard 1984.

W. Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, in: Ders., Abhandlungen. Gesammelte Schriften I.2, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1991.

Serge Cardinal, „La radio, modulateur de l’audible“, in: Chimères, n° 53.

G. Deleuze / F. Guattari, Anti-Œdipe. Capitalisme et schizophrénie 1, Paris: Editions de Minuit 1972.

Felix Guattari, „A propos des machines“, in: Chimères, n° 19.

–, Chaosmose, Paris: Galilée 1992.

–, La révolution moléculaire, Paris: Editions Recherche 1977.

Gabriel Tarde, Les transformations du pouvoir, Paris: Les empechêurs de penser en rond 2004.

Bill Viola, „Le son d’une ligne de balayage“, in: Chimères, n° 11.