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Ein
neuer globaler Bewegungszyklus begann am 1. Januar 1994
in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat von Mexiko.
Der Aufstand der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN
war einer der wichtigsten Ausgangspunkte jener Bewegungen,
die später als globalisierungskritische oder Antiglobalisierungsbewegungen,
"Bewegung der Bewegungen" oder Altermundistas
die Straßen und Bewegungszeitschriften nicht nur der
Metropolen füllen sollten. Auch dem künstlerischen Feld
bot und bietet die Bewegung gegen die neoliberale Globalisierung
diverse Anknüpfungspunkte – Brian Holmes spricht von
"zahllosen KünstlerInnen, die bei den Anti-Globalisierungs-Demonstrationen
und Kampagnen der letzten Jahre mitgewirkt haben"[1].
Der vielfache Bezug von zeitgenössischer Kunst auf die
Bewegungen gegen die neoliberale Globalisierung legt
die Frage nach dem Zusammenhang von künstlerischer Produktion
und sozialen Bewegungen nahe. Aber selbstverständlich
ist er nicht. Zwar ist der Mythos weit verbreitet, die
Welt der Kunst sei in besonderer Weise "globalisiert",
deren Akteure und Akteurinnen seien aufgrund eines mondänen
Lebensstils die ersten "globalisierten Subjekte"
gewesen und hätten dadurch einen privilegierten Zugang
zum Thema. Ein Aufgreifen dieser besonderen Lebens-
und Arbeitsbedingungen und deren Strukturen in den Werken
selbst scheint also alles andere als unwahrscheinlich.
Bei genauerem Hinsehen aber erweist sich bereits die
Grundannahme als fraglich: Inwieweit lassen überhaupt
gesellschaftliche Bedingungen Rückschlüsse auf künstlerische
Ausdrucksweisen zu? Schließlich findet Kunstschaffen
in einem gesellschaftlichen Bereich statt, den Pierre
Bourdieu das künstlerische Feld genannt hat und der
sich gerade durch seine zunehmende Autonomisierung auszeichnet.
Was innerhalb dieses Feldes geschieht, ist vor allem
mit dessen eigener Geschichte verwoben und "immer
weniger aus dem Zustand der gesellschaftlichen Welt
zu einem gegebenen Zeitpunkt abzuleiten".[2]
Und hinzu kommt, dass auch die These vom globalisierten
Künstlertum schlicht falsch ist. Auch wenn zeitgenössische
KünstlerInnen die ein oder andere Reise mehr machen
als andere, von einer Globalisierung des Feldes kann
keine Rede sein.[3]
Weder dessen Beschaffenheit noch die soziale – mondäne
wie prekäre – Situation von KünstlerInnen führt also
automatisch zu sozialen oder politischen Stellungnahmen,
und auch im Nachhinein sind sie aus jenen nicht zu erklären.
Imperativ aus den Bergen Methoden
und Inhalte künstlerische Produktion lassen sich zwar
nicht aus sozialen oder politischen Bedingungen ableiten,
sie entwickeln sich aber auch nicht völlig losgelöst
von gesellschaftlichen Bedingungen. Denn auch das künstlerische
Feld ist kein abgeschlossener Mechanismus, sondern besteht
in vielfältigen Relationen zu anderen Feldern. Auch
das künstlerische Feld ist sozial konstruiert und wird
stets erneuert, erweitert und überschritten und gibt
als solches einen "Raum der Möglichkeiten"[5]
für künstlerische Praxis vor. Werke, durch die fortgeschrittene
Autonomisierung des Feldes so frei von den Determinierungen
der (politischen/gesellschaftlichen) Geschichte, sind
dennoch vor deren Hintergrund zu interpretieren. So
kann ein von den chiapanekischen Bergen ausgehender
Imperativ – ¡Mueve te! Beweg Dich!
[6]
– durchaus als Handlungsgebot auch innerhalb des Kunst-Feldes
aufgegriffen werden. Und so lässt sich auch die Frage
nach den inhaltlichen Verarbeitungen von "Globalisierung"
ebenso stellen[7]
wie die nach einer Wechselwirkung von sozialen Bewegungen
und künstlerischen Produktionen. Neu ist das, wie gesagt,
nicht und auch nicht verlogen.
Felder (jenseits der Landschaft) Bezogen
auf die Gesamtheit der objektiven Strukturen sind alle
drei Geschichten jedoch Randerscheinungen. Sie bewegen
sich als Praktiken an den Rändern des Feldes und vermögen
doch kaum über sie hinauszuweisen.[9]
Daraus aber zu schließen, das Reden von Politik innerhalb
des Feldes sei alles Lüge, ist, denke ich, ein Kurzschluss.
Denn das künstlerische Feld ist kein selbstreferenzielles
System, sondern als Ganzes auch Teil des Feldes der
Macht. Genauso wie es als Ding gewordene Geschichte
auf die sich im Habitus verfestigenden Dispositionen
der Akteure und Akteurinnen einwirkt, also rahmt, beeinflusst
oder gar festlegt, wer wann was denken und produzieren
kann, so wirkt es auch in die andere Richtung auf die
sie umgebende Struktur, eben das Feld der Macht.
Räume in Bewegung Kulturelle Stellungskriege sind keine statischen Scharmützel, sie konstituieren zugleich den Raum, den es zu verteidigen und zu erobern gilt. Wie dieser Raum konstruiert wird und wie er möglicherweise zu schaffen ist, darum geht es in allen drei folgenden Beispielen. Es gehört zu einer der bevorzugten Methoden des in Mexiko lebenden, aus Belgien stammenden Künstlers Francis Alÿs, mit Spaziergängen Aneignungen städtischen Raumes vorzunehmen. In diversen Aktionen nimmt er temporäre Markierungen vor, so mit Hilfe eines seinen Pullover auflösenden Wollfadens ("Fairy Tales", 1992) oder durch Farbe, die er beim Gehen aus einer Dose auslaufen lässt ("The Leak", 2003). Strategische Spaziergänge haben eine längere Tradition in der europäischen Hochkultur, immer auch die Rolle des Akteurs reflektierend. Eine materialistische Radikalisierung erfuhr die Technik des Spaziergangs seit Mitte der 1950er Jahre durch die SituationistInnen. Zwar grenzt Guy Debord, prominentestes Mitglied der Situationistischen Internationale, die situationistische Technik des Umherschweifens vehement von Reise und Spaziergang ab, dennoch kann auch hier von einer ersten werklosen Aneignung öffentlichen Raumes gesprochen werden. Umherschweifen unterscheidet sich laut Debord[11] vom Spazierengehen durch die "Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens".[12] Teilt nun Alÿs das spielerische Moment, geht es ihm ganz sicher nicht um die Erkundung vermeintlich objektiver Determinierungen, um deren Bergung es Debord zu tun war. Er schließt also bestenfalls insofern an situatuionistische Praktiken an, als er das Austarieren von Grenzen künstlerischer Aktionen im öffentlichen Raum betreibt. Und während die SituationistInnen ihre Kritik am Kunstwerk tendenziell in eine Auflösung künstlerischer Praktiken in Politik trieben, sind Alÿs Aktionen doch alle als Performances gekennzeichnet und als solche wohldokumentiert. So beispielsweise die als "Re-Enactments" (2000) ausgewiesenen Aktionen, bei denen Alÿs seine eigene Handlungsanweisung befolgend, so lange es geht eine 9mm Beretta in der rechten Hand haltend, durch die Innenstadt läuft. Auf einem Foto ist Alÿs an einer Straßenecke zu sehen, die Waffe in der rechten Hand, wenige Schritte von einem mit dem Konterfei Che Guevaras plakatierten Stromkasten entfernt. Die Aktion, die mit der Verhaftung endet, lotet aber nicht bloß künstlerische Provokationspotenziale aus. Weitere Dimensionen erschließen sich wie immer durch Querverweise auf andere Arbeiten. So erinnern die "Re-Enactments" an eine Performance, die im Umkreis des US-amerikanischen Fotografen und Theoretikers Allan Sekula Anfang der 1970er Jahre durchgeführt und ebenfalls fotografisch dokumentiert wurde ("Two, three, many… (terrorism)", 1972). Sekulas Protagonist robbt sich mit vietnamesischem Strohhut und Plastik-Maschinengewehr durch ein Nobelviertel, die zentrale Aussage aus Ernesto Guevaras "Fokus-Theorie" künstlerisch umsetzend, nämlich "ein, zwei, viele Vietnam" zu schaffen. Äußert sich in Alÿs Spaziergängen das ambivalente Spiel zwischen poetischem Scheitern und Erfolgsversprechen, wie Montgomery[13] schreibt, muss in diesem Foto die ganze Guerilla-Tradition Lateinamerikas sowie das gründliche Misslingen aller Versuche von Stadtguerillas mitgelesen werden. Diese Referenz herauszustellen, ist Teil einer Repolitisierung. Denn dass es sich beim Umherschweifen/Spazieren nicht bloß um eine Kunstform handelt, in der sich "Horizontalität und Vertikalität in ihrer Reinform aufs Wunderbarste miteinander verbinden", wie Robert Storr[14] die Verbindung zwischen Debord und Alÿs interpretiert, dürfte ihr militanter Entstehungskontext inklusive der ikonografischen Anspielungen verdeutlichen.[15] Dass sich KünstlerInnen trotz der Autonomisierung des sie berherbergenden Feldes nicht nur mit Fragen der Ästhetik beschäftigt haben, auch darauf bestehen die "Re-Enactments". Politisch-historische Zusammenhänge herstellend, fragt die Arbeit Alÿs' auch nach den Waffen der künstlerischen Kritik. Die SituationistInnen konnten ihr Umherschweifen noch als avantgardistische Technik konzipieren, in der eine starke Subjektivität als "Verweigerung von Repräsentation"[16] fungierte. Repräsentationsformen stellt zwar auch Alÿs in Frage, allerdings gibt es dagegen keine so eindeutigen Rezepte mehr. Wollten die Situationisten die Revolution neu erfinden, begnügt sich Alÿs wohlweislich damit, auf eine wesentliche Einsicht der Kunstsoziologie hinzuweisen: dass nämlich das Kunstwerk nur für diejenigen existiert, die die Mittel zu seiner Aneignung, d.h. zu seiner Entschlüsselung zur Verfügung haben.[17] In dem Moment, in dem er auf Menschen ohne diese kulturellen Ressourcen trifft – einen Hauptstadtpolizisten beispielsweise –, endet die Arbeit. Die
soziale Verortung künstlerischer Arbeiten als Teil einer
sozialen Medienkonstruktion, deren Ablagerung in und
Reproduktion von realen und symbolischen Räumen steht
auch im Zentrum des Werkes der österreichischen Künstlerin
Dorit Margreiter. Ihre Arbeit "10104 Angelo View
Drive" (2004) ist eine komplexe Videoinstallation,
in deren Mittelpunkt das so genannte Sheats-Goldstein-Haus
des US-amerikanischen Architekten John Lautner steht.
Angefangen mit einem Blick auf das versmogte LA am Morgen,
dem sich durch auseinanderfahrende Fensterscheiben von
der Bildmitte her eine nur leicht variierte Farbgebung
anbietet, dokumentiert Margreiter mit statischer Kamera
die beweglichen Teile der spätmodernistischen Architektur.
Sie ist protzig, das Inventar teuer und sein Design
flottiert immer an der Grenze des Kitsches. Es sind
nicht nur so profane Dinge wie Schiebefenster oder –dächer,
die hier vorgeführt werden, sondern zum Beispiel auch
ein TV-Gerät, das sich langsam aus einem massiv wirkenden
Steintisch erhebt. Das Tischleindeckdich des Medienzeitalters
ist aber nur eines der Themen, die Margreiter in ihrer
Installation verarbeitet. So gemächlich, wie sich die
Holzterrasse über den Teich oder der Fernseher aus dem
Steinblock schiebt, so allmählich werden auch die Bedeutungs-
und Repräsentationsebenen freigelegt. Wie eine Melange
aus Architekturfotografie und Dokumentarfilm wirkend,
erkennt der Betrachter/die Betrachterin das Aufgreifen
beider Traditionen in dem Moment, in dem sie hinterfragt,
desavouiert oder zerlegt werden. Die mögliche Abbildung
des Statischen wird befragt, indem gerade die beweglichen
Teile der Architektur gezeigt werden, während beispielsweise
das im Film vorkommende Mobiliar in festen Glas-, Beton-
und Ledergarnituren alles andere als mobil erscheint.
Und indem sie die Kulisse bekannter Hollywoodstreifen
– u. a. der Dude in The Big Lebowski begegnete hier
einem fiesen Pornoproduzenten – für das Vorführen dokumentarischer
Strategien nutzt, rekurriert sie auf eines der fundamentalen
Dilemmata des Mediums Film. Die Frage, ob ausgehend
von der Wirklichkeit auch Wahrheit oder immer nur eine
beliebige Neuerzählung (re-)präsentiert werden kann,
erweist sich nicht nur für das Medium Film, sondern
für Öffentlichkeit schlechthin als zentral.
Auch
der aus Dänemark stammenden Künstlerin Katya Sander
geht es um die Konstruktion des Raumes, auch in ihren
Filminstallationen tauchen Hinweise auf soziale Bewegungen
auf. Eine in der globalisierungskritischen Bewegung
der letzten Jahre immer wieder diskutierte und nie erschöpfend
zu beantwortende Frage ist titelgebend für eine Videoinstallation
Sanders: "What is Capitalism?" (2003). Darin
spielt die mit Mikrofon ausgestattete Künstlerin selber
die Befragerin in einer Umfrage, checkt Kameraeinstellung
und Technik und stellt die Titelfrage an PassantInnen.
Das geschieht in einem Ambiente, das nach Hitchcocks
Antwort auf die Frage "Wie vermeide ich ein Cliché?"
arrangiert zu sein scheint: Wie Cary Grant in "Der
unsichtbare Dritte" nicht an einer dunklen Straßenecke
im Regen auf seine Verfolger wartet, sondern zwischen
sonnenüberfluteten Feldern, die weitläufiger nicht sein
könnten, steht auch Katya Sander in einer Brachlandschaft
statt in der Fußgängerzone. Die räumliche Ordnung, in
der Installation durch Spiegel rechts und links der
Leinwand in den Betrachterraum verlängert, verlängert
auch die End- und Aussichtslosigkeit der ökonomischen
Verhältnisse, nach denen gefragt wird.[21]
Zwar haben alle etwas zu sagen, auch wenn manche sich
über die Frage wundern. Gerade diese Vielstimmigkeit
aber verweist weder darauf, dass verstanden wird, wonach
gefragt ist, geschweige denn darauf, dass an Alternativen
gedacht würde. Um beides bemühen sich in der Regel soziale
Bewegungen, beides wird zumindest in ihnen verhandelt.
Diese radikalen (Selbst-)Ansprüche sozialer Bewegungen
beispielsweise in Form des Dutschke-Imperativs, den
Kapitalismus verstehen zu müssen, um ihn bekämpfen zu
können, werden in Sanders Arbeit als gnadenlos uneinholbar
ausgewiesen. Zugleich wird die gegenwärtige kulturelle
Verortung sozialer Bewegungen durch eine einfache Gegenfrage
lokalisiert: Nur durch die Titelfrage motiviert, fragt
eine Passantin zurück: "Bist Du Sozialistin, oder
was?" Allein die Frage nach dem Kapitalismus scheint
die/den Fragenden ins Abseits zu stellen, wo sich der
Sozialismus (in welcher Form auch immer) heute sozial-
wie ideengeschichtlich befindet.
Gräben Die
werkimmanente Analyse ist wichtig, um die Spuren aufzufinden,
die soziale Bewegungen in der Kunst hinterlassen, die
wiederum als Spuren gelegt und als Einsätze im Kampf
um kulturelle Hegemonie gesetzt werden könnten. Es geht
darum, Veranschaulichungen bis zum Imperativ aufzugreifen,
die auf die Bruchstellen des Feldes verweisen und diese
mit produzieren und bestimmte Impulse verlängern können
(ins "Leben", in andere Felder). Etwa indem
sie, wie Sabeth Buchmann anhand der Methoden Dorit Margreiters
verdeutlicht, aufzeigen, "dass die Räume innerhalb
der 'gesellschaftlichen Fabrik' (…) auch anders bewohnt
werden können."[23]
Oder, wie Astrid Wege über Katya Sander schreibt, indem
sie Modelle entwickeln, "die die Welt nicht implizit
so anerkennen, wie sie derzeit scheint."[24]
[1] Homes, Brian 2003: Liar's Poker. Repräsentation der Politik und Politik der Repräsentation, in: springerin. Hefte für Gegenwartskunst. Wien, Band IX, Heft 1/03, S.18-23, hier S.19. [2] Bourdieu, Pierre 2001: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag), S.385. [3] Ulf Wuggenig stellt anhand eines empirischen Vergleiches zwischen Top 100-KünstlerInnen-Ranglisten von 1970 und 2001 fest, dass der Anteil von KünstlerInnen, die nicht aus Westeuropa oder Nordamerika stammen, 2001 lediglich bei 10% (gegenüber 8% 1970) lag und spricht daher von einem "Mythos der Globalisierung des Kunstfeldes", Wuggenig, Ulf 2003: Das Empire, der Nordwesten und der Rest der Welt. Die 'internationale zeitgenössische Kunst' im Zeitalter der Globalisierung. In: Raunig. Gerald (Hg.): Transversal. Kunst und Globalisierungskritik, Wien (Verlag Turia + Kant), S.53-67, hier S.62. [4] Holmes, Brian 2003, S. 18. [5] Bourdieu 2001, S. 371ff. [6] "Mueve te!" ist der Titel eines Films über eine der vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen der zapatistischen Bewegung, die zugleich als Mobilisierungen konzipiert sind, in diesem Fall über die nationale Befragung (Consulta) bezüglich Zustimmung zu den zapatistischen Forderungen 1999. [7] Nach Möglichkeiten einer umfassenden Abbildbarkeit von Globalisierungsprozessen fragt beispielsweise Höller, Christian 2003: Imag(in)ing Globalization. Oder: Wie lässt sich etwas fassbar machen, wofür widersprüchlichste Bilder existieren? In: Raunig, Gerald (Hg.): Transversal. Kunst und Globalisierungskritik, Wien (Verlag Turia + Kant), S. 79-87. [8] Vgl. Foltin, Robert 2004: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich, Wien (edition grundrisse), S.61f. [9] Während aus dem künstlerischen Feld heraus häufig auf soziale Bewegungen Bezug genommen wird, geschieht dies in umgekehrter Richtung äußerst selten. Zwar sind hier und da Praktiken aus dem Bereich der Kunst in die Symbole und Rituale von Bewegungen eingegangen, von einer gründlichen Kenntnisnahme oder gar systematischer Rezeption zeitgenössischer Kunst in sozialen Bewegungen kann jedoch keine Rede sein. Das ist wohl nicht zuletzt der elitären Konstitution des Feldes zu verdanken, das nicht nur zu neunzig Prozent von WesteuropäerInnen und NordamerikanerInnen, sondern zudem auch noch hauptsächlich von AkademikerInnen besetzt ist: "Der Anteil der Akademiker und Studierenden unter den Kunstmuseumsbesuchern liegt bei 75-85%", Gerhards, Jürgen 1997: Soziologie der Kunst: Einführende Bemerkungen. In: ders. (Hg.): Soziologie der Kunst. Produzenten, Vermittler und Rezipienten, Opladen (Westdeutscher Verlag), S.7-21, hier S.18. In der Wissenschaft wird dieses Bild bestätigt und perpetuiert: Während es in der Fachliteratur der Kunst über die Besprechung von Ausstellungen oder einzelner Werke verschiedenste Verweise auf soziale Bewegungen gibt, kommt die zeitgenössische Kunst in der soziologischen Bewegungsforschung so gut wie nicht vor. [10] Fraser, Andrea 2002: "Zitieren", sagen die Kabylen, "ist Wiederbeleben". Pierre Bourdieu, in: Texte zur Kunst, Berlin, Heft 46, 12. Jg., S.86-91, hier S.90. [11] Debord, Guy 1995a: Theorie des Umherschweifens, in: Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Hamburg (Edition Nautilus), S.64-67, hier S.64. [12] Der Begriff der Psychogeographie geht angeblich auf einen "des Lesens und Schreibens unkundigen Kabylen" zurück. Bezeichnet ist damit "die Erforschung der genauen Gesetze und exakten Wirkungen des geographischen Milieus (…), das, bewusst eingerichtet oder nicht, direkt auf das emotionale Verhalten des Individuums einwirkt." Debord, Guy 1995b: Einführung in die Kritik der städtischen Geographie, in: Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Hamburg (Edition Nautilus), S.17-20, hier S.17. [13] Montgomery, Harper 2002: Francis Alÿs' Modern Procession, In: Museum of Modern Art (Hg.): Projects 76. Francis Alÿs, New York. [14] Storr, Robert 2003: Seltsamer Attraktor, in: Parkett, Nr.69, Zürich 2003, S.52-56, hier S. 52. [15] Horizontalität und Vertikalität verbinden sich "nämlich in der Gestalt des Bodens und der Person, und der Person, die zu Fuss oder gegebenenfalls auf Händen und Knien über diesen Boden geht", Storr 2003, S.52. Überhaupt scheint der Situationisten-Hype der letzten Jahre nur unter der Bedingung stattgefunden zu haben, ihren Marxismus zugunsten einer Betonung der spontaneistischen Geste wegzukürzen. [16] Hastings-King, Stephen 1999: Über den Durchgang einiger Personen durch eine ziemlich kurze Zeiteinheit: Die Situationistische Internationale, Socialisme ou Barbarie und die Krise des marxistischen Imaginären, in: Ohrt, Roberto (Hg.): Das große Spiel. Die Situationisten zwischen Politik und Kunst, Hamburg (Edition Nautilus), S.61-110, hier S.87. [17] Bourdieu, Pierre 1997: Elemente zu einer soziologischen Theorie der Kunstwahrnehmung, in: Gerhards, Jürgen (Hg.): Soziologie der Kunst: Produzenten, Vermittler und Rezipienten, Opladen (Westdeutscher Verlag), S.307-336, hier S.313. [18] Sabeth Buchmann weist darauf hin, das in nahezu allen Arbeiten Margreiters ein Feminismus mitverhandelt wird und "zugleich Bestandteil und Horizont einer kritischen Reflexion" gesellschaftlicher Konstellationen ist. Buchmann, Sabeth 2004: Augen auf die Welt, in: Michalka, Matthias und Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig /Wien (Hg.): Dorit Margreiter. 10104 Angelo View Drive, Wien/Köln (Mumok/Verlag der Buchhandlung Walther König), S.19-35, hier S.23. [19] "Dokumentalität beschreibt die Durchdringung einer dokumentarischen Wahrheitspolitik mit übergeordneten politischen, sozialen und epistemologischen Formationen", Steyerl, Hito 2003: Politik der Wahrheit. Dokumentarismen im Kunstfeld, in: springerin. Hefte für Gegenwartskunst, Wien, Band IX, Heft 3/03, S.18-21, hier S.20. [20] Der auf eine frei hängende Leinwand projizierte 16mm-Film wird in der Ausstellung im Wiener Museum für Moderne Kunst (19.November 2004 bis 16.Januar 2005) ergänzt durch einen Nachbau des im Film gezeigten Fernsehers. Als einziges Inventar neben zwei Stellwänden und der Leinwand steht er dieser schräg gegenüber. Auf seinem Bildschirm läuft der Abspann von Margreiters Film, den die große Leinwand nicht zeigt. Die wirklich Beteiligten am Film sind somit quasi ausgelagert und auf das angemessener erscheinende TV-Format beschränkt. Erst die Ausstellungssituation verweist also auf die Produktionsbedingungen, zeigt aber gleich wieder die Grenzen ihrer Darstellbarkeit auf, indem sie sie auf die Mattscheibe der Kopie des gefilmten Fernsehers verbannt. Das alles geschieht ganz ruhig und in zuweilen quälender Unbeweglichkeit der Kameraführung, und bevor man sich fragen kann, was dem eigenen Blick da eigentlich zu Teil geworden ist und welchen Regimes das Gesehene unterliegt, ist es Nacht über LA. [21] Ich würde dabei allerdings nicht so weit gehen wie der Kurator der Ausstellung, Matthias Michalka, der meint, dass die Orientierungslosigkeit sich durch die Spiegel "unmittelbar" auf die/den BetrachterIn "überträgt". Ich denke, die/der BetrachterIn weiß sehr wohl noch, dass er/sie im Museum ist und wie viel der Eintritt gekostet hat, und dass er/sie sich ihn hat leisten können, auch wenn die ökonomischen Verhältnisse prekär und ausweglos geworden sind. Auf diese Differenz muss bestanden werden. Michalka, Matthias 2005: Vorwort, in: Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig (Hg.): Katya Sander – All Complcated Mashines Are Made of Words, Wien (Mumok), S.7-10, hier S.8. [22] Höller, Christian 2005: Vox Pop Art. Zur künstlerischen Repräsentation der "Stimme des Volkes”, in: Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig (Hg.): Katya Sander – All Complcated Mashines Are Made of Words, Wien (Mumok), S.27-42, hier S.37. [23] Buchmann 2004, S.33. [24] Wege, Astrid 2005: On Stage. Einige Anmerkungen zu Katya Sander, in: Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig (Hg.): Katya Sander – All Complcated Mashines Are Made of Words, Wien (Mumok), S.99-111, hier S.109. [25] Einige sind erwähnt in: Kastner, Jens 2005: "¡Vivan las Americas!" Neozapatismus und Popkultur, in: Testcard. Beiträge zur Popgeschichte, Mainz, Heft 14, Frühjahr 2005, S.62-67. [26] Bourdieu 2001, S.398f. Avantgarde ist dabei auch – und wohl gerade – nach Bourdieu (ebd.) ein Begriff, der "wesentlich relational und nur auf der Ebene eines zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebenen Zustands des Feldes definierbar ist". Die Zapatistas grenzen sich gerade im Hinblick auf marxistisch-leninistische Guerilla-Konzepte von der Bezeichnung Avantgarde ab. [27] Bourdieu 2001, S.399. |