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02 2007
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Gesten des Widerstands im Alltag

Die Bedeutung von Spiel und Begehren in der Politik kollektiver Aneignung von Umsonst

Übersetzt von Therese Kaufmann

Anja Kanngieser

Anja Kanngieser

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Therese Kaufmann (translation)

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practices of transmuting signs

In den letzten Jahren hat vor allem für aktivistische Netzwerke in Verbindung mit europäischen und südamerikanischen Prekaritäts- und Autonomiebewegung eine bestimmte Politik kollektiver und sichtbarer Aneignung an Bedeutung gewonnen. Diese Politik kollektiver Aneignung ist von der Subversion einer kapitalorientierten Tauschlogik zugunsten eines Konzepts der Besitznahme gekennzeichnet, das von Begehren bestimmt und von finanziellen Notwendigkeiten nicht behindert ist. Diesen Gesten zu Eigen ist ein sehr offener Ansatz, eine überschwängliche und spielerische Negation der von axiomatisch konsumistischen Mechanismen hervorgerufenen Entfremdung und Exklusion sowie eine ganz eindeutige soziale Orientierung, die sowohl theoretisch als auch praktisch versucht, über die Paradigmen traditioneller politischer Strukturen hinauszugelangen.

In Deutschland offenbarte sich ein Weg dieser sozialen Politiken in den Umsonst-Kampagnen, die am stärksten zwischen 2003 und 2006 auftraten. Die Kampagnen bestanden mehrheitlich aus Zusammenschlüssen nicht näher definierter AktivistInnen und einer Öffentlichkeit, die sich kollektiv, spielerisch und performativ an illegalen Handlungen (widerrechtlichen Betretungen und Diebstahl) im sozialen Raum beteiligten. Initiiert von Mitgliedern der größeren radikalen Bewegung FelS – Für eine linke Strömung, bildete sich die Berliner Fraktion als erste molekulare Kampagne heraus und schuf eine „Kultur des Widerstands im Alltag“ als Antwort auf die Diskurse ökonomischer Rationalisierung, Privatisierung und den Anweisungen der Berliner Regierung, „den Gürtel enger zu schnallen“.[1] Mit der Frage, „Warum soll uns ‚Luxus’ versagt bleiben, nur weil wir nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, daran teilzuhaben?“, wurde jede der von den KampagnenteilnehmerInnen geplanten Aktionen auch als direkte Vergeltung gegen die neoliberale, in Deutschland grassierenden Knappheitsrhetorik formuliert. Der sehr populäre Kampagnenslogan “Alles für alle, und zwar Umsonst!” infiltrierte die aktivistischen Netzwerke, und das Umsonst-Format verbreitete sich in anderen deutschen Städten wie Hamburg, Dresden und Köln. Diese nationale Verbreitung der Umsonst-Ansätze trug dazu bei, dass innerhalb der linksradikalen Bewegungen – unter mehr oder weniger großer Zustimmung – eine Diskussion über Sozialproteste und politische Aneignungsaktionen begann. Anders als einige der aktuellen Alternativbewegungen in Deutschland folgen die Umsonst-Kampagnen einer gesellschaftlich ausgerichteten Methode mit der Absicht, die Überschneidungen zu entdecken zwischen dem öffentlichen Groll gegen staatlich verordnete Bestimmungen und den mikropolitischen, oft individuell verstecken Aneignungshandlungen wie dem illegalen Besuch von Badeanstalten und öffentlichen Gebäuden, ohne Fahrschein zu fahren, sich ins Kino zu schleichen, Bagatellediebstahl etc. aufgrund einer antikapitalistischen Einstellung. Gemäß den InitiatorInnen würden diese individuellen Taktiken politisiert durch die sichtbare, kollektive Präsenz im Versuch der Herausbildung einer Praxis des alltäglichen Widerstands.

Dieses Format der kollektiven Aneignung war nichts für diese Kampagnen Singuläres. Wie eine der AktivistInnen in einem Interview 2005 erklärte, hatte es in Deutschland während der 80er Jahre eine fortlaufende Tradition dieser Art des autonomen Widerstands gegeben, „(...) und in den 70er Jahren in Italien, wo Leute kollektiv ihre Miete herabsetzten oder im Supermarkt geringere Preise verhandelten. Wir haben es also nur heute, im Berliner Kontext neu entdeckt und wiedererfunden.”[2]

In diesen Kämpfen für die „Wiederaneignung des von der ArbeiterInnenkIasse geschaffenen, aber vom Kapital unbezahlten gesellschaftlichen Reichtums“ wurden solche kollektiven Taktiken entwickelt, um die strategischen Orte der Macht außerhalb der entpersönlichten Repräsentation einer machtlosen Demokratie und wieder in der Multitude zu situieren.[3] Diese historischen Modelle kollektiver Verweigerung waren für die Umsonst-Kampagnen maßgeblich, und während sie einige der Techniken direkt umgestalteten, entfernten sie sich aktiv von der Organisationsform der „Partei“. Dies bedeutete die Schaffung einer dezentralisierteren, flexiblen und zerstreuten politischen Bewegung. Die Kerngruppe der AnstifterInnen verdeutlichte, dass das Umsonst Netzwerk nicht als hermetische Einheit operierte, sondern vor allem aufgrund einzelner Kampagnen, die allen zur Teilnahme, für weitere Diskussion und neuerliche Aneignung offenstanden, verbunden wurde. Auf diese Weise waren die Aktionen von dem Bemühen um integrative Mechanismen (z.B. Workshops, Recherchegruppen, Diskussionen) zwischen den AktivistInnen und verschiedenen, durch den beschleunigten Privatisierungsprozess besonders von Prekarisierung betroffenen Teilen der Öffentlichkeit (StudentInnen, KünstlerInnen, MindestlohnempfängerInnen, PraktikantInnen, etc.) geprägt. Es gab auch Workshops mit Netzwerken anderer autonomer Gruppen, die in den Bereichen aktiv waren, auf die die einzelnen Kampagnen abzielten. Dieses Format entstand teilweise als Experiment, um über die präskriptiven, abstrahierten oder ideologisch begründeten Zusammenschlüsse hinaus zu gehen, und es sollte den Kreis der Anwendbarkeit auf die dem bekannten aktivistischen Milieu oft fern stehenden Teile der Berliner Bevölkerung erweitern. Großer Wert wurde darauf gelegt, eine Verbindung herzustellen zwischen den Leuten und den Auswirkungen der Strukturreformen auf ihr alltägliches Leben, und sie zu mobilisieren, selbst Widerstand zu zeigen. Man war der Meinung, dass eine vereinte direkte Aktion diesen Widerstand sichtbar machen würde und hoffte, dass eine solche politische Sichtbarkeit auch eine Anregung sein könnte für pluralistische Fluchtwege selbstbestimmter Organisierung jenseits der Parameter der anerkannten aktivistischen Szene.

Diese Forderungen nach Inklusion florierten auf der rhetorischen Ebene, doch ist es wichtig, einige der im Zuge ihrer praktischen Umsetzung auftauchenden Hindernisse zu beschreiben. Beispielsweise waren die Aktionen für jene mit körperlichen Behinderungen nur schwer zugänglich, und trotz der Verbreitung von Propaganda und der Workshops hätte mehr für die Schaffung von stärkeren und nachhaltigeren Allianzen mit denen, die von der Umsetzung der Sparpolitik betroffen waren, unternommen werden können. Ein weiteres Thema war die offenkundige Illegalität der Aktionen und deren mögliche abschreckende Wirkung vor allem auf jene TeilnehmerInnen, die es sich aus Angst vor Strafen wie Abschiebung oder Verlust des Arbeitsplatzes nicht leisten konnten, erwischt zu werden. Diese Probleme erzeugten die Notwendigkeit, sich mit der paradoxen Rhetorik einer unmittelbarer Inklusivität zu beschäftigen, und da dies zu Beginn nicht lösbar war, lag das Hauptgewicht darauf, die Aktionen trotz dieser Einschränkungen so offen wie möglich zu gestalten. Auf einzelne, mit Illegalität verbundene Aspekte wie Angst und physische Gefährdung wurde unmittelbar mit dem Modell der Kollektivität geantwortet. Dieses Format sollte dabei helfen, etwas von den Schuldgefühlen und Ängsten zu entschärfen, die oft mit solchen Aktionen verbunden sind, wenn sie individuell umgesetzt werden. So bemühte man sich, potenziellen TeilnehmerInnen eine Plattform zu bieten, durch die sie sich mit ihrer Kooperation wohler fühlen konnten, und es wurden in diese Richtung gehende Maßnahmen befürwortet. Zum Beispiel war das ein vorrangiges Anliegen während der Aktion Pinker Punkt 2005, in der die Öffentlichkeit aufgefordert wurde, die städtischen öffentlichen Verkehrsmittel als Antwort auf Tariferhöhungen und die Neustrukturierung der StudentInnenfahrkarten ohne Fahrschein zu benützen. Die Aktion wurde so benannt, um die Praxis des „Schwarzfahrens“ durch Queering und die Verkehrung ihrer rassistischen und kriminalisierenden Assoziationen umzudefinieren. In Berlin bewegte sich die Anzahl der TeilnehmerInnen, die gemeinsam gratis fuhren, zwischen 3 und mehr als 50 Personen.[4] Jede der gemeinsam fahrenden Gruppen hatte erfahrene Mitglieder dabei, die Strategien für den Umgang mit allen rechtlichen Problemen geprobt hatten, und die TeilnehmerInnen wurden wiederholt über ihre Rechte informiert und mit Hinweisen darüber versehen, was sie tun sollten, um Schaden gering zu halten. Auch die anderen Fahrgäste wurden sofort über die Aktion informiert, um im Fall der Auseinandersetzung zwischen AktivistInnen und KontrolleurInnen nicht Unruhe oder Panik zu verursachen. Nach diesen Aktionen organisierten AktivistInnen und TeilnehmerInnen eine Fundraisingparty zur Deckung der Kosten für drei einzeln angefallene Übertretungsstrafen, um so den Geist von Solidarität und Gemeinschaft aufrecht zu erhalten.[5]

 
Spiel

Diese Integrationsversuche und eine Ethik der öffentlichen Auseinandersetzung charakterisierten die gesellschaftliche Ausrichtung vieler der Umsonst-Interventionen. Mit den eher „pragmatischen“ Techniken zur Unterstützung dieser Interaktion verbunden waren die affektiven Techniken, die eingesetzt wurden, um in der Aktion selbst stärker ein Gefühl von Kollektivität zu aktivieren. Indem Aufstände entwickelt wurden, die vergnüglich waren und – was wichtig war – zur richtigen Zeit stattfanden, wurde der politische Widerstand für ein breiteres gesellschaftliches Feld zum Begehren. Wichtig für die Erzeugung des Wunsches teilzunehmen, war die strategische Nutzung spielerischer Elemente, um eine Atmosphäre von Spaß und Verbundenheit zu schaffen. Nützlich am Spiel war für die Interventionen vor allem seine Qualität der Uneindeutigkeit und der Störung. Das Spiel hat die amorphe Fähigkeit, in eine paradoxale Situation zwischen „real“ und „nicht real“ zu schlüpfen, indem es „reale“ Wörter, Gesten, Hoffnungen und Intentionen beinhaltet, die durch den spielerischen Kontext als „nicht real“ gefasst werden. Gregory Bateson konstatierte eine komplexe Form des Spiels, in dem die Prämisse „das ist Spiel“ problematisiert wird zur Frage „ist das Spiel?“ Für Bateson führt dies zu dem besonderen und mehrdeutigen Paradox einer „Metapher, die so gemeint ist“, indem das Spiel auf mehr verweist als einfach einen Bereich des Fantastischen, Unwirklichen. Er behauptete, dass diese Doppelbewegung unter anderem in der Kunst präsent ist, wo Aktionen gleichzeitig wahr und falsch sein können.[6] Darüber hinaus glaube ich, dass es diese Unsicherheit des Spiels ist, die eine radikale Deterritorialisierung der Kategorien, die Spiel von Nicht-Spiel unterscheiden, hervorbringen kann, genau jene Umgebung, in der die Umsonst-Aktionen stattfanden. Denn obwohl die Aktionen voller Fantasyelemente waren, schufen sie das Moment einer riskanten Begegnung, in der die Welt des Spiels als potenzielle neue Realität wahrgenommen werden kann. Auch wenn die Interventionen auf einer konnotativen Ebene nur wie ein Spiel erschienen, überschreiten sie die Bestimmung als solches, indem sie etwas anderes anzeigen können, das bedeutende Auswirkungen für verschiedene Konstruktionen des Alltags hat. Dieser Stil eines Spiels, in diesem Fall eines Spiels mit sehr ernster politischer Intention in einem eher unernsten Format, zeigt, wie das Spiel nach „Risiken und Versprechen“ verlangt, „Belohnungen, die Konsequenzen für unser Alltagsleben haben könnten”.[7] Es ist genau diese Sensibilität, die kürzlich von Mitgliedern von Hamburg Umsonst artikuliert wurde. Deren Anwendung von Techniken, die das Spiel, Irritation, Performance und Karneval einschließen, „ermöglichen es für einen kurzen Moment, die Normalität des Konsums zu durchbrechen und das Undenkbare denkbar zu machen: Alles könnte umsonst sein”.[8]

Abgesehen von dieser Fluchtlinie in die Möglichkeiten des Spiels, das Räume eröffnet, die Welt in neuen Bildern zu denken, hat diese lebendige Schlüpfrigkeit des Kontexts auch praktischere Konsequenzen. Aktionen wie Umsonst, die wegen der unverhohlenen Illegalität der Gesten ein hohes Risiko in sich bergen, können die Unbestimmtheit spielerischer Anti-Identifikation als Doppelstrategie nützen, um Verhaftung und Ärger zu vermeiden. Spezifisch in einer Kampagne, MoMA Umsonst im April 2004, ermöglichten die Ambiguität der spielerischen Aktion und die unklare Identität der AktivistInnen, den Schutz und die Freiheit, die oft in Direct-Action-Protesten nicht gewährleistet sind. Die Aktion wurde als Reaktion auf Eintrittspreise für die Ausstellung und Warteschlangen, was beides eine allgemeine öffentliche Unzugänglichkeit verursachte und noch verschärft wurde durch die Einführung eines den Zutritt auf rein ökonomischer Basis betonenden VIP-Passes, organisiert. Die Kampagne begann zwei Wochen vor der Aktion mit der Verteilung von 2000 Postern, die der offiziellen MoMA-Werbung stark ähnelten und auf denen auf Deutsch, Türkisch und Englisch angekündigt wurde, dass am 17. April um 16.00 Uhr im MoMA der Eintritt frei sei. In allen Medien der Stadt wurde über die Kampagne berichtet und an dem entsprechenden Tag kamen 400-500 Personen. Weil die AktivistInnen visuell uneindeutig blieben und die ReporterInnen nicht wussten, an wen sie sich für Interviews und Kommentare wenden sollten, war mediales Aufsehen sicher. Diese Destabilisierung von Identität verrückte auch die Macht von Staatsapparaten, da unklar war, wer für das Anzetteln der Aktion zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Wie eine der TeilnehmerInnen erklärte: “Bei den großen Demos in Berlin gelingt es der Polizei immer irgendwie Leute zusammenzuschlagen... Spaß macht es schwieriger für sie... Du tanzt herum und verwirrst die Polizei, die nie ganz sicher sein kann: ist das eine politische Aktion oder eine künstlerische Aktion? Es ist gut, diese klare Unterscheidung zu durchbrechen.”[9]

Diese Verdrehung und Verschiebung von Kategorien, Identitäten und Protestterrains, in diesem Fall durch den rätselhaften Charakter des Spiels, können als auf drei Ebenen des Vorteils innerhalb der Methodologie der Umsonst-Interventionen funktionierend gesehen werden. Dies verweist nicht nur auf die Kapazität verschiedener Modi der Interaktion unter aktuellen Bedingungen durch das Herumtanzen zwischen den Parametern dessen, was das „Reale“ vom „Vorgestellten“ unterscheidet, sondern erhellt auch die Möglichkeiten einer zumindest teilweise beginnenden Überwindung der Entfremdung, die mit der klassischen Unterscheidung zwischen AktivistInnen und Öffentlichkeit oder Nicht-AktivistInnen verbunden wird. Spiel, ebenso wie Spaß, können ein Begehren nach Teilnahme zwingend machen, das dabei hilft, eine spontane, wenn auch vielleicht vorübergehende, Gemeinschaft zu kreieren. Durch das Durcheinanderbringen der Abgrenzungen zwischen der individuellen AktivistIn und dem größeren Körper der Öffentlichkeit verleiht diese Doppelstrategie einer spielerischen Praxis der Anti-Identifikation auch einen Schutz für diese in einem weiteren Sinn, der in Situationen von Direct-Action-Protesten oft schwer zu erreichen ist. Durch die Brechung von Erwartungen der Darstellung erhält eine Aktion, die das Spiel nützt, eine gewisse Bewegungsfreiheit, in der gegenseitige Interaktionen quer durch verschiedene soziale Gruppen und Zugehörigkeiten hindurch gestärkt werden.

 
Begehren

Sich mit den spielerischen Aspekten solcher performativer aktivistischer Praxen überschneidend ist die Hervorrufung von Begehren von Vorteil für die Gestaltung der Umsonst-Aktion. Es ist hier nützlich, über den Wunsch in Verbindung zu den Werken von Gilles Deleuze and Félix Guattari zu sprechen, die bekanntermaßen von projektiven Konzepten des Begehrens (in denen Begehren als etwas betrachtet wird, das einen Mangel bezeichnet und passiv auf Imagination und Phantasie beschränkt ist) abwichen und es als exzessive Geschwindigkeit, die in der Lage ist, die Zusammensetzung von Körpern und Staaten zu ermöglichen und zu verändern, neu zu positionieren. Wunschmaschinen sind für Deleuze und Guattari ambivalente Kräfte, die für alle Produktionsprozesse elementar sind. Sie sind ein wesentlicher Teil des sozialen Körpers, der in allen sozialen und technischen Maschinen angelegt ist; es ist das Begehren, das Realität produziert.[10] Dieses Konzept von Begehren ist im Zusammenhang mit den Umstonst-Aktionen interessant, da es hilfreich sein kann für eine Auseinandersetzung damit, wie diese von Wunschmaschinen angetrieben wurden. Die Wunschmaschinen erzeugen Verbindungen, Umwandlungen und Dislozierungen, die das Potenzial für die Produktion einer Unzahl von Effekten und Resonanzen haben, die neue Formen der Interaktion erweitern können. Eine dieser Linien liegt in den geschlossenen Verbindungen zwischen dem soziopolitischen Begehren der AktivistInnen und der „Nicht-AktivistInnen“. Was, wie bereits erwähnt, so überzeugend war für die Herstellung einer Verknüpfung der Felder von Aktivismus und Alltag, waren die kreativen Interventionen von Umsonst in Bereichen, in denen die öffentliche Unzufriedenheit offensichtlich war. Dies wurde erneut in einer Aktion von Hamburger Umstonst-AktivistInnen im Umfeld des EuroMayday 2006 demonstriert. Es hatte umfangreiche Diskussionen über die Prekarität und Ausbeutung von PraktikantInnen und MigrantInnen in Europa gegeben; Themen im Zusammenhang damit waren ganz zentral in den weiteren EuroMayday-Aktivitäten, aus denen die Aktion hervorging. Am Morgen des 28. April antworteten in Hamburg ca. 30 AktivistInnen auf diese Bedingungen, indem sie als SuperheldInnen gekleidet einen „Frische Paradies“ Gourmet-Supermarkt stürmten. Die AktivistInnen kamen mit einer beträchtlichen Menge von gestohlenem Champagner, Luxus-Fleischwaren und anderen Delikatessen davon, die sie an schlecht- oder unbezahlte PraktikantInnen vor Ort oder andere, die unter dem Mindesteinkommen verdienen, verteilten. Wie ich bereits im Zusammenhang mit den Berliner Umsonst-Aktionen erwähnt habe, war auch hier ein Element von Gemeinschaftlichkeit und Fürsorge – nicht nur durch die spätere Verteilung der Waren, sondern auch während der Aktion – präsent, da die AktivistInnen die Angestellten mit Geschenken beruhigten und die ZuseherInnen durch Flugblätter informierten.[11]

Die Reaktionen auf die Aktion waren unterschiedlich und sind rückblickend aufgrund der vorherrschend massenmedialen Berichterstattung gegenüber alternativen Berichten schwer zu bestimmen. Einem Artikel auf der Socialism Now-Website zufolge wurden bei der offiziellen Mayday-Parade Anstecker mit Bildern der SuperheldInnen begeistert unter der Menge von ungefähr 3000 Personen verteilt.[12] In den Massenmedien waren die Reaktionen ambivalenter, ein Guardian-Artikel unterstrich etwa, dass – entgegen der Intention – eine Angestellte eingeschüchtert worden sei. Derselbe Artikel verweist auf die Aktion aber auch als „einen der einfallsreichsten und wahrscheinlich witzigsten Überfälle [...] in der deutschen Kriminalgeschichte”.[13] Diese Ambivalenz zeigte sich auch in einem Bericht in der konservativen deutschen Boulevardzeitung Bild, der mit folgendem zweideutigen Kommentar begann: “Einfach mal in den teuersten Laden im Viertel gehen und sich nach Herzenslust bedienen! Davon träumt jeder, aber eine kleine Gruppe von Menschen tut’s auch tatsächlich.“[14]

Obwohl im Ton immer herablassender, ist es dieser Eingangssatz des Artikels, der am frappantesten ist. Denn aus ihm lässt sich das Potenzial solcher Interventionen, die Öffentlichkeit dazu hinzureißen, gewissermaßen eine Fluchtlinie für das gemeinsame respektlose Begehren zu finden, entnehmen. Den kollektiven Charakter dieses Begehrens einzufordern bedeutet nicht, seine Heterogenität zu negieren. Es bedeutet, die Aufmerksamkeit auf jene momentanen Kristallisationspunkte der Unzufriedenheit einer Bevölkerung zu lenken, die, wenn sie mit einem Bild oder einer mythischen Figur des Widerstands konfrontiert wird, auf eine gewisse Weise mit Anteilnahme oder Betroffenheit auf die in der Geste verkörperte Empfindung reagiert.

Ich würde etwa behaupten, dass dieser Fokus auf eine verortete und doch flexible Fluchtlinie des Begehrens einen Weg markierten, durch den solche Aktionen eine Fülle von Möglichkeiten eröffnen. Guattari sagte, dass eine Wunschmaschine kollektiv sein müsse, um emanzipatorisch zu sein und nicht die Herrschaftsstrukturen zu stärken oder zu affirmieren; sie müsse sich durch sämtliche soziale Schichten ausbreiten, von den Schulen zu den Gefängnissen und auf die Straßen. Für Guattari bedeutet dies:

„Befreite Wünsche, das heißt: die Wünsche entkommen der Sackgasse privater Phantasmen; es geht nicht darum, sie zu adaptieren, sie zu sozialisieren, zu disziplinieren, sondern sie auf eine solche Weise anzuschließen, dass ihre Prozesse im sozialen Körper nicht unterbrochen werden, und dass ihr Ausdruck kollektiv wird. [...] Es geht nicht darum, sie zu frisieren und zu totalisieren, sondern sie so anzuschließen, dass sie Teil eines einzigen Oszillationsplans werden.“[15]

Die versuchte Anstiftung einer potenziellen gemeinsamen Freiheit, einer aufsässigen Position, durch die für kurze Zeit anstelle des Gesetzes eine andere Ethik errichtet wird, um im Folgenden zum Alltag zurückzukehren, fördert das Gefühl, dass diese Freiheit in greifbare Nähe der Multitude rücken könnte, dadurch, dass jeder Handlung des Alltags das Potenzial für den revolutionären Aufstands zugrunde liegen kann. Die SuperheldInnenaktion verknüpfte Teile eines kollektiven Begehrens, auf das verwiesen wurde in der medialen Dokumentation, den Reaktionen der EuroMayday-TeilnehmerInnen und im Feedback, das die AktivistInnen selbst bekamen, sowie in der ständigen Aneignungsrhetorik und den neuen, von verschiedenen alternativen politischen Initiativen unterstützten Formen des Aktivismus.

Dies bedeutet aber nicht, dass die Intervention nicht manch kritischer Analyse bedürfe. Denn während die Aktion konventionelle aktivistische Ebenen überschritt, um eher am Alltag orientierte Taktiken des kollektiven Widerstands zu demonstrieren, tendierte der Rekurs auf popularisierte Bilder in paradoxerweise dazu, Widerstand als etwas zu re-kodieren, das abseits einer alltäglichen, nicht-aktivistischen Identität oder Lebensform erscheint, und verminderte so die Pluralität von Identität und perpetuierte die Unterscheidung der Rolle einer AktivistIn von einer Nicht-AktivistIn. Wie in vielen Umsonst-Aktionen gab es trotz des klaren Willens zur ständigen Erweiterung von Aneignungsstrategien nicht zwangsläufig einen nachhaltigen Ansatz  zur Selbstorganisation jenseits der Struktur und Untermauerung, die vom organisierenden AktivistInnenkollektiv geboten wurden. Trotzdem gab es zumindest ein gemeinsames Bemühen, die Aktion und die darin involvierten Taktiken unkonventionell und innerhalb von Bereichen zu fassen, die klassischerweise nicht mit aktivistischen Praxen in Verbindung gebracht werden und von einem sonst unsichtbar bleibenden gesellschaftlichen Begehren geprägt sind.

Es liegt gerade in dieser Sichtbarmachung des meist unterrepräsentierten gesellschaftlichen Begehrens und der illegalen Aktionen, dass sowohl Spiel als auch Begehren immer wieder zurückkehren in der Politik kollektiver Aneignung, die die Umsonst-Kampagnen aktualisieren. Durch eine nicht-verordnende, rhizomatische und flexible politische Struktur zusammen mit kreativen Techniken wird ein ständiges, transversales Tanzen zwischen verschiedenen Kontexten und Terrains aufrechterhalten. Und zu einem gewissen Teil wird es innerhalb dieser Bewegung der Umsonst-Kampagnen möglich, über die Möglichkeiten nachzudenken, wie neue Begegnungen und Verbindungen zwischen AktivistInnen, der Öffentlichkeit und Gesten des Widerstands im Alltag gebildet werden können.

 

Eine längere Version des Texts erscheint in: Grindon, Gavin (Hg.): Aesthetics and Radical Politics, 2007.


[1] Berlin Umsonst, „Her mit dem schönen Leben”, in einem Berlin Umsonst-Flugblatt, Datum unbekannt.

[2] Rob Eshelman, „Everything for Everyone, and For Free, Too! A Conversation with Berlin Umsonst” auf Interactivist Info Exchange, 2005: http://info.interactivist.net/article.pl?sid=05/08/18/1741232. Einer der Einflüsse auf die Umsonst-Bewegungen in Deutschland kann auch in der Praxis und Theorie anderer jüngerer europäischer Aneignungsbewegungen wie Yomango (mit denen Hamburg Umsonst 2005 zusammenarbeitete) gesehen werden. 2002 veranstalteten die Gruppe Chainworkers aus Mailand und die Barcelona-Abteilung von Yomango zwei Workshops beim Europäischen Sozialforum in Florenz, in dem verschiedene Netzwerke von Europäischen Medien- und ArbeitsaktivistInnen zusammenkamen. Wie es auf der Chainworker-Website heißt, „entschieden diese, *esa* (euro social activism) entstehen zu lassen, eine Einheit zur Vernetzung von offiziellen und wilden Streiks, Formen direkter Aktion, Informationsguerilla und Bildsabotage, die alle darauf ausgerichtet waren, einen wirklich radikalen und vereinten europäischen Raum zu schaffen.” Aus: „Chainworkers Timeline” auf der Chainworkers website: http://www.ecn.org/chainworkers/dev/node/view/84.

[3] Bruno Ramirez „The Working-Class Struggle Against the Crisis: Self-Reduction Of Prices in Italy”, in Zerowork (Februar 1975): http://www.geocities.com/cordobakaf/self_reduction.html.

[4] Diese große Zahl von TeilnehmerInnen war allerdings eine Ausnahme. Nach Auskunft eines der Mitglieder von Berlin Umsonst blieben weitere Unternehmungen neben dieser Aktion erfolglos; 5-10 Versuche, eine fixe Gruppenaktion zustande zu bringen, resultierten in nur wenig Teilnahme. Private Korrespondenz mit einem Berlin-Umsonst-Mitglied vom 1.2.2007.

[5] Aus den während der Kampagen verteilten Flugblättern, April 2005. Vlg. auch Rob Eshelman, op. cit.

[6] Gregory Bateson, „A Theory of Play and Fantasy”, in: Henry Bial (Hg.), The Performance Studies Reader, London und New York: Routledge 2004, S. 124-125.

[7] Henry Bial (Hg.), „Play”, in: The Performance Studies Reader, London and New York: Routledge 2004, S. 115.

[8] „Hamburg umsonst. Hier spielt das Leben”, in: Arranca! – Für eine linke Strömung, Nr. 29, 2004: http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=267.

[9] Eshelman, op. cit.

[10] Gilles Deleuze and Felix Guattari: „Programmatische Bilanz für Wunschmaschinen”, in: dies.: Anti-Ödipus, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1977, S. 497-502.

[11] Der Text auf den Flugblättern lautete: „Ob als vollvernetzte Dauerpraktikantin, Callcenterangel, aufenthaltlose Putzfrau oder ausbildungsplatzloser Ein-Euro-Jobber: Ohne die Fähigkeiten von Superhelden ist ein Überleben in der Stadt der Millionäre nicht möglich. Obwohl wir den Reichtum dieser Stadt produzieren, haben wir kaum etwas davon. Das muss nicht so bleiben. Von dem Gourmetfrühstück auf dem Süllberg bis zu Wildschweinkeule und Champagner vom ‚Frische Paradies’: Die Orte des Reichtums sind so zahlreich wie die Möglichkeiten, sich diesen Reichtum zu nehmen. Bleibt nur noch eine Frage offen: Wo setzt du deine Superheldenkräfte ein?” von Spider Mum am 28.04.2006: „Euromayday HH: Superhelden im Frische Paradies”, auf: http://de.indymedia.org/2006/04/145010.shtml.

[12] Gaston Kirsche „Revolutionäre Mannschaften und Superhelden: Über Sinn und Unsinn militanter Aktionen” auf: http://www.sozialismus-jetzt.de/LinX-2006-12/Superhelden.html.

[13] Luke Harding „A Merry Band” in: The Guardian UK vom 17.5.2006: http://www.guardian.co.uk/g2/story/0,,1776357,00.html.

[14] Kbr, „Klau-Chaoten stürmen Hamburger Geschäfte”, in: Bild Hamburg vom 8.5.2006: http://www.nadir.org//nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2006/04/452.shtml

[15] Gilles Deleuze, Félix Guattari, „Kapitalismus: Ein sehr spezielles Delirium – Ein Gespräch”, in: Jens Schröter, Gregor Schwering, Urs Stäheli (Hg.), Media Marx. Ein Handbuch, Bielefeld: transcript 2006, S. 383-397, hier S. 389.