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06 2011
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Das Regieren durchlässiger Grenzen

Country Europa – ein Projekt von Marcelo Expósito und Verónica Iglesia

Isabell Lorey

Isabell Lorey

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art/knowledge: overlaps and neighboring zones

Die hegemoniale Logik der Sicherheit braucht die Eingrenzung des Terrains, denn sie verliert ohne die Bedrohung, vor der sie schützen soll, ihre Legitimation. Das Terrain umfasst einen Raum, auf dem nie allen in gleicher Weise erlaubt ist, sich aufzuhalten, und damit eine Gemeinschaft, die sich über Zugehörigkeit definiert. Dieses niemals homogene Kollektiv konstituiert sich über Ungleichheiten: sowohl unter denjenigen, die dazu gehören als auch im Verhältnis zu jenen, die – oftmals nur temporär – dazu kommen. Ungleichheiten entstehen durch die Aufteilung der Arbeit sowie durch die Heterogenität von Rechten. Eines der zentralen Regime, durch das Hierarchisierungen und Kategorisierungen in vielfachen Abstufungsverhältnissen entstehen, ist das der Grenze.[1] Grenzen sind immer durchlässig und porös – sowohl die Grenzen Europas als auch jene eines Gefängnisses oder einer Gated Community. Unter anderem, weil die Grenze stets durch die Unmöglichkeit ihrer Schließung charakterisiert ist, gibt es keine vollkommene Sicherheit. Durch Regulierung und Kontrolle der durchlässigen Grenze wird zur Sicherheit der zu schützenden Gemeinschaft permanent Unsicherheit produziert: Prekarisierung wird zu einem Regierungsinstrument, mit dem auf unterschiedliche Weise Bevölkerungen reguliert werden.[2]

Die Unmöglichkeit der Sicherheit und die Durchlässigkeit der Grenzen erwachsen in der abendländischen kapitalistischen Moderne aus der niemals vollständigen Kontrollierbarkeit der Zirkulation von Menschen und Waren. Im politischen Fokus steht deshalb die Regulation und Kontrolle des Grenzübertritts zur Legitimation von Sicherheitsmechanismen gegenüber jenen Zirkulierenden, die als bedrohlich anders konstruiert werden. Doch statt der strikten Abwehr der Gefährlichen stehen präventive Strategien im Vordergrund dieser regulativen Weise des Regierens: die Antizipation flexibler, kontingenter Taktiken des Grenzübertritts. Die Flexibilität und Kontingenz der Kontrolle der Grenze ist unter anderem eine gewaltvolle Reaktion auf die Flexibilität der Migration, die sich mit den Praxen des Reisens verschränken kann.[3]

Diesen Themenkomplex entfaltet und aktualisiert das Projekt Country Europa von Marcelo Expósito und Verónica Iglesia.[4] Und mehr noch: Die beiden WissensproduzentInnen schreiben ihr künstlerisches Projekt konstitutiv in die Krisen- wie Transformationsprozesse gegenwärtiger kapitalistischer Verhältnisse, Sicherheits- und Prekarisierungslogiken ein und liefern in ihrer kritischen Kunstpraxis eine Fluchtlinie, in der das darin präsentierte, kombinierte und produzierte Grenz-Wissen aktuellen Entgrenzungsstrategien von Kunstinstitutionen gegenübergestellt wird.

Im November 2009 wurden Iglesia und Expósito zur Europäischen Biennale zeitgenössischer Kunst Manifesta 8 eingeladen, die ein Jahr später im spanischen Murcia stattfand. Ihnen wurde der Vorschlag unterbreitet, in Zusammenarbeit mit den InsassInnen der Justizvollzugsanstalt in Murcia eine kleine künstlerische Intervention zu entwickeln. Die Antwort der beiden war – wie sie in ihrer Publikation Country Europa schreiben –, ihr Projekt erheblich auszuweiten und sich nicht auf das Gefängnis als einen der klassischen segregierten und gesicherten Räume zu beschränken. Zugleich verweigerten sie die Verwertungslogik, die Kunstinstitutionen gerne in der Zusammenarbeit mit Nicht-KünstlerInnen praktizieren: das ‚Ergebnis’ des kollaborativen Foto-Workshops mit InsassInnen des Gefängnisses sollte nicht einfach als fotografisches Projekt in einer Ausstellung aufbereitet und konsumierbar sein, objektiviert und so den Blicken der BetrachterInnen ausgesetzt. Zudem sollten die InsassInnen für den Workshop bezahlt werden, weil sie in jenem Moment für den Kunstbetrieb arbeiteten. Eine Forderung, die die Prekarisierungsdynamiken nicht nur jener Projekte auf die Agenda hebt, in denen Kunstinstitutionen in den sozialen Raum geöffnet werden sollen, sondern zugleich die prekären künstlerischen Projekte selbst thematisiert und damit die allgemeine Reformierung von Arbeit in postfordistischen Produktionsverhältnissen.

Aus dem Projekt ist ein Buch entstanden, das als visueller sowie auf Text basierender Werkzeugkasten unter http://countryeuropa.net zugänglich ist. Es ist eine Assemblage unterschiedlicher gegenwärtiger Sicherheitslogiken und Grenzregime und der daraus entstehenden Prekarisierungen von Arbeit und Leben. Iglesia und Expósito schreiben ihre eigenen Erfahrungen von Grenzübertritten in diese Assemblage ein, sodass ein komplexes strukturelles (Un-)Sicherheitsgefüge deutlich wird, das sich ununterbrochen durch Bewegungen refiguriert, Bewegungen von Menschen, in denen sich das Gefüge auf subjektivierende Weise manifestiert und zugleich herausgefordert wird.

Diese künstlerische Wissensassemblage macht deutlich, dass es keine unberührte Position außerhalb der gegenwärtigen Verwobenheiten von Sicherheit und Prekarisierung gibt, keine Position, mit der in einem Forschungsprojekt oder einer Ausstellung eine distanzierte BetrachterInnenperspektive einzunehmen wäre. Die erste Autofahrt zum Gefängnis in Murcia nähert sich einem Grenzregime an einem segregierten Hochsicherheitsort, der nicht in jedem Moment die Überwachungskameras preisgibt, aber schon den BesucherInnen den Eindruck vermittelt, panoptisch gesehen zu werden. Dokumente sind im Vorhinein einzureichen, die Ausrüstung für den Foto-Workshop wird minutiös untersucht, mehrere Kontrollen finden statt, bevor ein Weiterfahren und dann Weitergehen ermöglicht wird. Ein Gefängnis eben, ließe sich sagen. An diesem Ort nichts Außergewöhnliches. Bevor allerdings der erste Eintritt in diesen Hochsicherheitsbereich überhaupt möglich werden konnte, brauchte es die Einreise nach Spanien. Eine erneute Einreise, denn die Zusammenarbeit von Expósito und Iglesia impliziert aufgrund ihrer unterschiedlichen Staatsbürgerschaften Reisebewegungen zwischen Europa und Lateinamerika, zwischen Spanien und Argentinien, Bewegungen, die auch die Möglichkeiten der Migration ausloten und für jene, die keinen europäischen Pass hat, einer postkolonialen Logik unterworfen sind.

Auch das global funktionierende Kunstfeld basiert auf der potenziellen Unbegrenztheit von Kreativität, Wissen und Individuen. Die Begrenzungen und Kontrollen aber, denen in erster Linie all jene KünstlerInnen mit ihren Körpern als Subjekte ausgesetzt sind, die nicht aus dem ‚globalen Norden’ kommen, finden selten Eingang in die internationalen Kunstdiskurse und werden auch kaum in künstlerischen Arbeiten selbst reflektiert. Die existenzielle Prekarisierung, die Angst und die Gewalterfahrung, die in diesem spezifischen Fall das spanische Grenzregime hervorruft, sind im Allgemeinen Teil transnationaler Migrationsbewegungen, prekärer Aufenthalte und Arbeitsverhältnisse.

Auch nach wiederholtem privaten und arbeitsbezogenen Aufenthalt braucht die mit einem argentinischen Pass einreisende Künstlerin erneut die schriftliche Erlaubnis der spanischen Polizei, für die unter anderem folgende Dokumente vorgelegt werden müssen[5]: ein Auszug aus dem Melderegister ihrer Herkunftsstadt; die beglaubigte Kopie eines gültigen Passes; ein Schreiben, aus dem hervorgeht, wo und bei wem die Person plant, sich in Spanien aufzuhalten; eine Verpflichtungserklärung des/der GastgeberIn, die Verantwortung für das angemessene Verhalten der einreisenden Person zu übernehmen; eine Einverständniserklärung, keine Anstellung anzunehmen oder diesbezüglich aktiv zu werden; eine Verpflichtung, sich nicht abträglich gegenüber dem Zielland zu verhalten; persönliche Fotos, die zuverlässig eine seit längerer Zeit existierende Beziehung zwischen der besuchenden Person und dem Gastgeber dokumentieren etc.

Selbst wenn die lateinamerikanische Bürgerin es schafft, alle Papiere und Belege rechtzeitig zu beschaffen und einen Einreiseantrag für die Europäische Union stellt – ein Prozess, der mehr als einen Monat Papierarbeit bedeutet und darüber hinaus Ausgaben in Höhe von rund 200 Euro umfasst –, gibt es keinerlei Garantie, dass sie auch tatsächlich das europäische Territorium betreten darf. Letztlich entscheidet die spanische Polizei im Moment des Grenzübertritts, ob die Einreise erlaubt wird oder nicht. Die Kontrollen sind kontingent und werden flexibel durchgeführt.

Die Kontingenz wollte es, dass die Künstlerin mit argentinischem Pass am spanischen Zielflughafen aus der Warteschlange für Nicht-EU-BürgerInnen herausgewunken und einer gesonderten Kontrolle und Disziplinierung unterzogen wurde. Bereits der Menge derjenigen zugeteilt, die in der Negation der EU-Bürgerschaft gezählt und damit als potenziell bedrohliche Andere geordnet und klassifiziert werden, fand in der kontingenten Extrakontrolle einiger eine zusätzliche Befragung durch mehrere Polizeibeamte nach dem Aufenthaltsgrund und dem Einladungsschreiben des Gastgebers statt. Weder war es erlaubt, das Gepäck vom Laufband zu holen noch zu telefonieren, um wenigstens denjenigen, die am Ausgang des Grenzbereichs und damit am Eingang des ‚Gastlandes’ warteten, eine Nachricht zukommen zu lassen. Über zwei Stunden hinweg blieb es unklar, ob der Einreise stattgegeben wird. Währenddessen fand eine Selbstdisziplinierung der Einreisenden statt, um im unabsehbaren Moment der Entscheidung über ihre potentielle Bedrohlichkeit nichts dazu beizutragen, doch noch als Gefahr beurteilt und abgeschoben zu werden.

Nicht nur im Moment des Grenzübertritts von Lateinamerika nach Spanien ist dieser polizeilichen Selektionsgewalt eine postkoloniale Logik inhärent. Die Reisebewegung überschneidet sich mit der Regulation von Migration und damit der Erfahrung der Kontingenz, einer derartigen rechtlichen und psychischen Prekarisierung ausgesetzt zu werden. Dieses Grenzregime ist allerdings nicht allein repressiv, die kontingente Entscheidungsgewalt der Polizei nicht allein mit Souveränität beschrieben. Die repressive Kontrolle ist vielmehr Teil eines flexiblen Grenzregimes, das an den porösen Grenzen unter anderem mit souveränitätslogischen Taktiken jene Zirkulation reguliert, die als Migration für die zu sichernde politische Gemeinschaft überlebensnotwendig ist.

Nicht nur geht es im europäischen Grenzregime nie um die vollkommene Abschottung gegenüber Migration, eher um einen Prozess der stufenweisen Eingliederung, der in der Regel die Unterordnung der notwendigen nicht-europäischen Arbeitskräfte verlangt. Die Regulation der durchlässigen Grenze produziert hierarchisierte Inklusionsprozesse, die nicht zuletzt eine dementsprechende Differenzierung des rechtlichen Status der ImmigrantInnen bedeuten.[6]

Zugleich wird aus einer demographischen, besser: aus einer biopolitischen Perspektive die Durchlässigkeit der Grenze zu einer Frage des ‚Überlebens’. Statt ein bestehendes Kollektiv zu sichern, trägt die Grenze zur Produktion einer heterogenen Bevölkerung bei.[7] Die europäische Population schrumpft dramatisch, weshalb es immer weniger sinnvoll erscheint, vermeintlich autochthone Bevölkerungen vor bedrohlichen Anderen zu schützen und zu sichern. Die einzelnen europäischen Nationalstaaten ebenso wie die gesamte EU sehen sich aus ökonomischen und sozialpolitischen Gründen zusehends nicht mehr in der Lage, den erreichten Wohlstand aus ‚eigenen’ Kräften auch nur annähernd zu bewahren. Dieses Europa braucht Einwanderung in existenzieller Weise.[8] Das hat im Herbst 2007 der EU-Kommissar für Justiz, Freiheit und Sicherheit in aller Deutlichkeit formuliert: Bei anhaltend sinkenden Geburtenraten braucht die EU in den nächsten 20 Jahren 20 Millionen MigrantInnen.[9]

Als diese Nachricht des obersten europäischen Sicherheitsbeamten verkündet wurde, hatte Spanien eine biopolitische Reproduktionsrate von 1,37 „Geburten pro Frau im gebärfähigen Alter“ – keineswegs ein beruhigender Durchschnitt, obwohl die Reproduktionsfähigkeit der spanischen Bevölkerung bereits auf der durchlässigen Grenze basierte: Zu einem Fünftel waren nicht-spanische Gebärende einberechnet, denn gezählt wurden alle Geburten von Frauen, die sich ‚legal’ seit mindestens zwei Jahren in Spanien aufhielten. Um diese biopolitische Rate weiter zu steigern, führte die Regierung unter Zapatero im Herbst 2007 einen so genannten Babyscheck von 2.500 Euro für jede legale Geburt oder Adoption auf spanischem Terrain ein. Der Anspruch auf diese Prämie galt bis Ende 2010, dann wurde der Babyscheck im Zuge des umfassenden Sparpakets zur Sanierung der Staatsverschuldung von der gleichen Regierung wieder gestrichen.

Diese Babyprämie galt allerdings noch, als Verónica Iglesia für das Country Europa-Projekt im Gefängnis von Murcia nach Spanien einreiste. Sie war schwanger mit einem patrilinear potenziell spanischen Bürger. Bei der Einreise wurde sie als mögliche bedrohliche Andere kategorisiert, die der kontingenten polizeilichen Einschätzung über den Grad ihrer Gefährlichkeit ausgesetzt ist. In der Logik des spanischen Grenz- und Migrationsregimes wird sie als Schwangere zum pharmakon für die prekäre nationale Bio-Sicherheit.[10] Ihr Körper wird zur polizeilich einzuschätzenden pharmakologischen Dosis, die entweder als giftig und gefährlich für die nationale Gemeinschaft klassifiziert und abgeschoben oder aber als potenzielle Heilung und Arznei eingestuft werden kann, die auf- und (her-)eingenommen wird, um das spanische und letztlich auch das europäische Überleben zu sichern. Diese biopolitisch immunisierende Grenzdynamik ist variabel und hängt sowohl von der Dosis der domestizierbaren Anderen ab, als auch von der jeweils notwendigen gemischten Dosis von Gefährdung und Sicherung einer Bevölkerung, um jede/n Einzelne/n regierbar zu halten und letztlich den Aufstand zu verhindern.

 


Eines der zentralen Fotos von Country Europa zeigt den schwangeren Bauch von Iglesia, auf dem in schwarzen Lettern „peligro“, „Gefahr“ zu lesen ist.[11] Ein paar Wochen, nachdem das Foto ins Netz gestellt wurde, tauchten Ende 2010 fotografische Adaptionen davon auf – sowohl in einem spanischen als auch in einem argentinischen Journal zur Illustration von Artikeln, die sich auf das Ende der spanischen Babyprämie bezogen. Auf dem extrem schwangeren Bauch, den diese Adaptionen zu sehen geben, steht in schwarzen Buchstaben mit der Hand geschrieben: „Ziel: gebären vor dem 31. D(ezember)“[12]. Handelt es sich hier um die medialisierte Ambivalenz des biopolitischen pharmakon? Oder um Ideenklau und Plagiarismus? Auf jeden Fall können die Adaptionen als ein Beispiel für weltweit zirkulierende und (wieder) aneigenbare Ideen verstanden werden, die im Kontrast zur beschränkten Bewegungsfreiheit von als gefährlich klassifizierten Individuen stehen, sie können gelesen werden als Beispiel für die Ambivalenz zwischen frei zirkulierender Kreativität und der restriktiv regulierten Zirkulation von Personen.

In das Regieren der durchlässigen Grenzen Europas sind kulturelle Rassismen eingeschrieben, die sich im Inneren des Territoriums der Gemeinschaften als anhaltende, latente Kriminalisierung und als manifeste Unterordnung von MigrantInnen zeigen. Diese Ordnungsmuster korrespondieren in der EU zunehmend mit einem neoliberalen Regieren durch soziale Ungleichheit und einer sich normalisierenden Unsicherheit. Es scheinen vor allem diejenigen überdurchschnittlich häufig vor Gericht zu stehen, die sich verstärkt in äußerst prekären Lebens- und Arbeitsverhältnissen befinden, und die in unterschiedlichen Weisen nonkonforme Gegenreaktionen auf die aktuelle ökonomische Ordnung des Gehorsams und der Segregation zeigen.[13] Die steigenden Straftaten und Gerichtsurteile nicht nur in den USA, sondern auch an manchen Orten in Europa, können als Symptome der präventiven polizeilichen Aufstandsbekämpfung zur Herstellung einer ‚inneren Sicherheit’ gelesen werden, die zur eigenen Legitimation zugleich die politisch induzierte Prekarität braucht.

Iglesia und Expósito verketten in ihrer Assemblage von Country Europa auf der visuellen Ebene Außenansichten der Gefängnisgebäude in Murcia mit Bildern von argentinischen Gated Communities, die auch als „countries“ bezeichnet werden. Solche privaten Hochsicherheitswohngebiete symbolisieren nicht nur im neoliberalen Argentinien der 1990er Jahre eine weitere Komponente der das Soziale durchdringenden zunehmend globalen Sicherheitslogik, die auf der Segregation des Raums und der Hierarchisierung der zirkulierenden Personen basiert und zugleich auf weit reichenden Prekarisierungen. Auch in diesen oftmals hochverschuldeten Anordnungen privaten Eigentums und privilegierter Lifestyles der Mittel- und Oberklasse müssen zur Herstellung von Sicherheit und zur Gewährleistung der Reproduktion die Grenzen durchlässig bleiben. In einer pharmakologischen biopolitischen Logik wollen sich die BewohnerInnen gerade potenziell vor jenen Leuten schützen, die sie als Sicherheitspersonal anheuern, die ihnen den Haushalt machen, die Kinder hüten und zu anderen Diensten die Grenzen passieren und das segregierte Terrain durchqueren. Die Privilegierten fürchten sich potenziell vor jenen untergeordneten, oft prekären Arbeitskräften, die die private Nachbarschaft überhaupt erst am Laufen halten.[14]

Im Rahmen dieser Assemblage aus Sicherheitdynamiken und prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen im Gefängnis von Murcia einen kollaborativen Foto-Workshop mit InsassInnen nur unter der Bedingung durchzuführen, dass die TeilnehmerInnen – nicht zufällig größtenteils MigrantInnen aus Lateinamerika und Osteuropa – auch für ihre Arbeit bezahlt werden, war in mehrfacher Hinsicht eine provokative Intervention. Nicht nur, weil im Gefängnis kein Geldverkehr erlaubt ist. Das Honorar musste auf eine Art ‚Konto’ des/der partizipierenden InsassIn überwiesen werden. Es deckte zudem – vertraglich geregelt – die Nutzung der Bildrechte ab, eine Vereinbarung, die in solchen kollaborativen Kunstprojekten keineswegs üblich ist. Die Summe im kleinen dreistelligen Bereich bleibt freilich symbolisch, vor allem, weil die Honorare aus dem begrenzten Budget für Country Europa beglichen werden mussten, das auch die KünstlerInnenhonorare umfasste.

Country Europa kontextualisiert und problematisiert gegenwärtige Praxen in der Biennalisierung des globalen Kunstsystems und damit zugleich auch die Öffnung von Kunstinstitutionen ins soziale Feld. Die Durchlässigkeit der Grenzen dient auch hier der dosierten Inkorporation der aufregend gefährlichen und ‚authentischen’ sozialen kunstbetriebsfernen ProtagonistInnen zur Steigerung des ökonomischen und symbolischen Kapitals. In dieser kunstfeldspezifischen Einverleibung stellt das soziale Feld das pharmakon dar, ein revitalisierendes Medikament innerhalb weit über das Kunstfeld hinausgehender (Un-)Sicherheitslogiken biopolitischer Immunisierung.

 



[1] Vgl. Sabine Hess/Bernd Kasparek (Hg.): Grenzregime. Diskurse, Praxen, Institutionen in Europa, Berlin/Hamburg 2010.

[2] Vgl. Isabell Lorey: „Gouvernementale Prekarisierung“, in: Isabell Lorey/Roberto Nigro/Gerald Raunig (Hg.): Inventionen I: Gemeinsam. Prekär. Potentia. Kon-/Disjunktion. Ereignis. Transversalität. Queere Assemblagen, Zürich 2011, S. 72-86, http://eipcp.net/transversal/0811/lorey/de.

[3] Vgl. Sabine Hess/Vassilis Tsianos: „Ethnographische Grenzregimeanalysen. Eine Methodologie der Autonomie der Migration“, in: Grenzregime, a.a.O., S. 243-264.

[4] http://countryeuropa.net/ Country Europa ist Teil des Projekts creating worlds und wurde – laut der Projekt-Website der KünstlerInnen – in einer kollaborativen Praxis mit dem Chamber of Public Secrets (CPS), der Gruppe der teilnehmenden GefängnisinsassInnen, der NGO Paréntesis, dem Manifesta 8 Ream und dem Designer Sergio Braguinsky entwickelt. Country Europa wird überarbeitet im Rahmen der Ausstellung Second World, kuratiert von What, How, and for Whom (WHW) in Graz beim Steyrischen Herbst 2011 zu sehen sein.

[5] Marcelo Expósito/Verónica Iglesia (Hg.): Country Europa, 2010, http://marceloexposito.net/pdf/countryeuropa1_introduccion.pdf, S. 11.

[6] Vgl. Paolo Cuttitta: „Das europäische Grenzregime: Dynamiken und Wechselwirkungen“, in: Sabine Hess/Bernd Kasparek (Hg.): Grenzregime. Diskurse, Praxen, Institutionen in Europa, Berlin/Hamburg 2010, S. 23-42, hier S. 28-30.

[7] Vgl. auch William Walters: „Mapping Schengenland: Die Grenze denaturalisieren“, übersetzt von Aida Ibrahim u.a., in: Marianne Pieper u.a. (Hg.): Biopolitik – in der Debatte, Wiesbaden 2011, S. 305-337, hier S. 320ff.

[8] Dennoch werden im europäischen Migrationsregime die Illegalisierung und die damit verbundene Rechtlosigkeit zunehmend als eine unausweichliche Stufe auf dem langen Weg zu einer möglichen Legalisierung und ‚Integration’ angesehen (vgl. Cuttitta: „Das europäische Grenzregime“, in: Grenzregime, a.a.O., S. 29).

[9] Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Schritte zu einer Gemeinsamen Einwanderungspolitik. Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, KOM(2007) 780 endgültig, vom 5.12.2007, Brüssel, http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2007:0780:FIN:DE:PDF (abgerufen: 1.5.2011)

[10] Das pharmakon steht für die Dynamik der biopolitischen Immunisierung, die sich über die Segregation des bedrohlichen Anderen in einen integrierbaren und einen nicht-integrierbaren Anteil konstituiert und auf der Durchlässigkeit eines Grenzregimes basiert. Zur Ausarbeitung dieser herrschaftsichernden Immunisierungsdynamik siehe Isabell Lorey: Figuren des Immunen. Elemente einer politischen Theorie, Zürich 2011, S. 260-281.

[13] Für die USA siehe Loïc Wacquant: Bestrafung der Armen. Zur neoliberalen Regierung der sozialen Unsicherheit, Opladen & Farmington Hills 2009, für Paris in unterschiedener Analyse Judith Revel: „Vom Leben in prekären Milieus (oder: Wie mit dem nackten Leben abschließen?)“, übersetzt von Birgit Mennel, in: Grundrisse. Zeitschrift für linke Theorie und Debatte, H. 32 (2009), S. 36-45.

[14] Vgl. Expósito/Iglesia: Country Europa, http://marceloexposito.net/pdf/countryeuropa3_countries.pdf, S. 32-39.