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04 2006
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Kartographie und Kriegsmaschine

Herausforderungen und Erfahrungen mit der militanten Untersuchung im Süden Europas

Übersetzt von Birgit Mennel

Javier Toret / Nicolás Sguiglia

Nicolás Sguiglia

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Javier Toret

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Birgit Mennel (translation)

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transversal

militante untersuchung

„Es gibt ein Revolutionär‑Werden, das weder mit zukünftigen Revolutionen verwechselt werden darf noch durch Militante ausgelöst wird.“

„Der Nomadismus ist genau die Kombination zwischen Kriegsmaschine und glattem Raum.“

Gilles Deleuze


Die intellektuell‑kreativ‑kommunikativen Fähigkeiten der AktvistInnen heute, die Notwendigkeit, die Welt von unten umzubenennen, um wieder eine nicht‑kodifizierte Kommunikation mit der Gesellschaft herzustellen sowie das Begehren Äußerungen hervorzubringen, die die waltenden, schwindelerregenden sozialen Transformationen verankern können, lassen jene Erfahrungen wuchern, die die Notwendigkeit einer engen Verbindung von Intellekt und kollektiver Handlung ins Zentrum ihres Tuns stellen. Es stellt sich ein wahrhaftiges „untersuchend‑militant‑Werden“[1] her, das in der prothetischen Verwendung von Untersuchungsmethodologien durch die sozialen Bewegungen sowie in der Produktion von Kartographien und Landkarten seinen Ausdruck findet.

Eine Untersuchung in den Bewegungen eignet sich dazu, mit den unsichtbaren Zäunen und der identitären Zurückgezogenheit militanter Gruppen zu brechen wie auch dafür, das Beharrungsvermögen eines voluntaristischen Aktivismus ohne Reflexion und Projekt zu befragen. Aber wir müssen darüber hinaus gelangen, unsere Augen und Ohren offen halten für die entstehenden sozialen Unruhen und Vermögen sowie gleichzeitig unsere Fähigkeit beibehalten, soziale Atomisierung in Verbindungen und Isolierung in kollektives Vermögen zu verwandeln.

Es muss eingeräumt werden, dass die partizipativen Methodologien gegenwärtig dazu tendieren, sich ins institutionelle Geflecht einzuordnen und sich dazu berufen fühlen, die Regierbarkeit jener Gesellschaften zu ermöglichen, die sich von der repräsentativen Demokratie distanzieren. Die Fragilität und die Güte bestimmter durch die Institutionen initiierter, „partizipatorischer“ Dynamiken sind wohlbekannt. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die „partizipativen Interventionen“ schon ihren Platz im akademischen Feld haben, mit all den Risiken, die das beinhaltet.

Aus der Perspektive der „offensiven“ Rekonstruktion antagonistischer Dynamiken sehen wir uns vor die Herausforderung gestellt, die Untersuchung und die Organisation zugleich im Kontext großer Mobilität und Instabilität zu denken. Wir sollten vermeiden, diese Probleme getrennt zu behandeln. Um weiter zu kommen, müssen wir die mit der militanten Untersuchung und der Partizipation gemachten Erfahrungen vorantreiben. Die Notwendigkeit, das „untersuchend-militant-Werden“ mit den Dispositiven der Ansammlung und der kollektiven Organisation zu verbinden, ist für uns eine zentrale Priorität. Oftmals sind die militante Untersuchung oder die partizipativen Untersuchungen dazu fähig, eine Frage zu situieren (ein Problem zu konstruieren, dem sie sich in komplexer Weise annähern) oder etwas zu finden, das eine Kartographie des Territoriums erahnen und läßt und es ermöglicht, Bande zwischen den Subjekten und heterogenen Wissen zu knüpfen, aber vielfach sind sie außerstande, Ebenen einer konsistenteren und ehrgeizigeren politischen Unternehmung herzustellen oder sich in diese einzufügen.

Wir vertrauen weiterhin auf die Fähigkeit politischer Subjektivitäten in Bewegung, große, mächtige und kollektive Maschinen zu schaffen, aber wir glauben, dass dies nicht geschehen wird, solange sich diese partizipativ‑untersuchenden Dynamiken nicht mit solchen organisatorischen Dispositiven verbinden und vereinigen, die das Wirkliche erschüttern. Zugleich haben wir erkannt, dass das Vermögen der Bewegung nichts anderes sein kann als ihre Fähigkeit die singulären Wissen der Multitude zu verketten sowie ihre Kraft, diese Wissen als vektorielle Kriegsmaschine arbeiten zu lassen. Eine Kriegsmaschine muss auf „zentralisierte“ Weise funktionieren, wenn sich ein Konflikt entfacht, spannt sie sich an. Gleich darauf öffnet und entspannt sie sich, um sich zu erholen, sich virenartig und porös auszudehnen. Die Kriegsmaschine muss einen Prozess der Ermächtigung von unten herstellen können, der konkrete Schlachten gewinnt und so die bestehenden sozialen Probleme verändert. Wenn die Prozesse der Aktionsforschung sich nicht für extensivere Gemeinschaften öffnen und nicht in Übereinstimmung mit politischen Projekten „akkumulativer“ und strategischer Dimension gedacht und konstruiert werden, können sie nicht den qualitativen Sprung machen, den wir brauchen.

Kartographie und Kriegsmaschine sind für uns zwei Verschwörungskonzepte gegen die Beschränkungen, auf die wir uns beziehen. Sie sind das Handwerkszeug dazu, Probleme zu verstehen und gemeinsam zu attackieren. Kartographie als Fähigkeit der Bewegungen, die Wirklichkeit zu untersuchen und nachzuzeichen; eine Handwerkskunst, um das Aufkommen von Störungen in Konsensgesellschaften aufzuspüren und diese widerhallen zu lassen. Die Kartographie ist ein abstrakter Prototyp der Problemanalyse in Form einer Landkarte und eines Diagramms, das die Ebenen der Zusammensetzung abbildet. Kartographie und Kriegsmaschine fungieren als offene Landkarten zur Orientierung, „[die Karte] ist offen, sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, zerlegt und umgekehrt werden, sie kann ständige Veränderungen aufnehmen.“[2] Die Kriegsmaschine wirkt als organisatorisch‑zusammensetzender Prozess, der dazu befähigt, Punkte in Pfeile zu verwandeln, „als lineares Gefüge, das sich auf Fluchtlinien konstruiert. In diesem Sinne hat die Kriegsmaschine gar nicht den Krieg zum Ziel; sie hat einen sehr speziellen Raum zum Ziel, den glatten Raum, den sie bildet, besetzt und ausbreitet.“[3] Es geht also darum, jene Vektoren der Subjektivierung zu erahnen, die die Transformation des Existierenden zum Ausdruck bringen und in den Augen der klassischen AktivistIn oftmals merkwürdig anmuten. Wir beharren darauf, dass es nicht darum geht, zu interpretieren, um zu organisieren, sondern darum, die Punkte ausfindig zu machen, die einen gemeinsamen Plan, eine kollektive Flucht ermöglichen.

 
Das kartographische Werkzeug erlaubt uns:

Die Brennpunkte des gegenwärtigen Konflikts, seine Dynamiken und AkteurInnen, seine Bewegung sowie jene Wege aufzuspüren, die von der punktuellen Unzufriedenheit zu dem Begehren führen, das situativ eine Alternative schafft.

Über die Codes nachzudenken, die die Kommunikation der darin verstrickten Subjekte artikulieren, von diesen Codes zu lernen und mit kommunikativen Dispositiven zu experimentieren, die ein neues Bedeutungsfeld herstellen können.

Infolgedessen Äußerungen auszuprobieren, die es uns erlauben, eine gegebene Situation zu benennen, um ihre Fähigkeit zur Affektion zu erfassen. Das kartographische Werkzeug lässt uns also die Notwendigkeit erahnen, neue, mobile und situationale Aussagen zu prägen. Das Hervorbringen neuer Namen und Konzepte ist nicht Aufgabe der Militanten, sondern wird immer einer chorartige und kollektive Übung der Äußerung sein.

Das Vergängliche als Variable einzuführen, das alle Prozesse der Organisation begleitet. Von daher sind der Zweifel und das Experiment konstituierende Elemente jeder militanten Praxis.

Gruppen zu bilden, die sich in der ständigen Neuzusammensetzung von Interaktionen mit den anderen verändern können und das Außen als Reichtum und Singularität verstehen; ein Außen, das wir begehren und uns aneignen.

Aus der Militanz eine Untersuchung zu machen, die die Leidenschaften, Affekte, Launen, Pathologien, Phantasien, Geschichten und das Werden der sozialen Figuren befragt. Die Figur der untersuchenden und nomadischen Militanten verliert auf diese Weise ihre ganze Äußerlichkeit und sieht sich von den Dynamiken der Situation, in der sie sich befindet, ihren Krisen, Zweifeln und Neuzusammensetzungen durchquert. Das kartographische Werkzeug ermöglicht uns, Überschüsse zu kartographieren, diese Überschüsse in Bewegung zu versetzen und zusammenzustellen. So verwandeln sich militante Gruppen in Analysierende und kreative FürsprecherInnen des Begehrens und sozialer Äußerungen.

 
Von einer Kriegsmaschine zu sprechen, erlaubt uns:

Wieder die Beziehung zur Organisation zu denken, indem wir das zwischen Vertikalität und Horizontalität erstickende Binom überwinden, die wichtige Beziehung zwischen Mikro‑ und Makropolitik verstehen und hohe Transversalitätskoeffizienten schaffen.

Eine nicht‑traumatische Beziehung mit der Macht einzugehen und uns dabei darauf zu berufen, die Multitude mit einer Kraft auszustatten, die fähig ist, in den Entwurf des Sozialen einzugreifen und diesen zu verändern. Von der Kriegsmaschine zu sprechen hilft uns aber auch, Möglichkeiten zu kartographieren sowie eine neue produktive und rebellische Institutionalität der Bewegung zu skizzieren und uns für diese einzusetzen.

Die Organisation aus der Perspektive der Zusammensetzung zu denken, die sowohl molare wie auch molekulare Dimensionen einkalkuliert. Von der Kriegsmaschine zu sprechen, ermöglicht uns ausserdem mit der kreativen Kombinatorik zwischen Spannung und Entspannung, äußernder Kraft und taktischer Ruhe, Intervention in die öffentliche Sphäre und unterirdischer Konstruktion zu experimentieren.

Das Gären kultureller, künstlerischer, analytischer und politischer Praxen sowie jener des Begehrens in vielschichtigen Begriffen zu denken.

Kühne Experimente zu wittern und in Bewegung zu versetzen, indem wir die konstruierten Hypothesen testen und jene Dosis an Kraft und Intelligenz ausmachen, die die Netzwerke und die Gesamtheit der Kompetenzen, mit denen wir agieren, zum Ausdruck bringen.

Die Bestimmung der Militanz weit über die Untersuchung hinaus zu verorten, als Ausdruck jener Dispositive, die zwischen sehr singulären Wirklichkeiten gemeinsame Erfahrungen herstellen können. Diese „Obsession“ für das Gemeinschaftliche rückt die Beziehung von Kommunikation und Organisation ins Zentrum. Es reicht nicht aus, potenziell verbündete Erfahrungen zu kommunizieren, um eine Organisation zu schaffen, wird aber zu ihrer Grundbedingung.

 
Erfahrungen im Süden Europas


A.    
Untersuchung und Organisation aus der Prekarität und gegen die Prekarität

Wer sind die neuen sozialen Subjekte, die die Prekarisierung der Existenz leben? Wie können organisatorische Dispositive für diese prekäre Zusammensetzung entwickelt werden? Welche Rolle spielen Erkenntnis und Untersuchung für den Erfolg der sich selbst organisierenden Prozesse mit den neuen Figuren der Prekarität?

Precarias a la Deriva (Madrid)[4] ist ‑ was die letzten Jahre angeht ‑ eine der aufschlussreichsten Erfahrungen mit militanter Untersuchung. Die Precarias haben minutiös und subjektiv ihre Derives durch metropolitane Prekaritätskreisläufe kartographiert. Nach jahrlanger Erfahrung im Sozialzentrum Okupado de Mujeres Eskalera Karakola leiten die Precarias a la Deriva auf der Suche nach neuen Komplizinnenschaften und Kooperationsstrategien, nach Erkenntnis und Subversion einen kollektiven Weg der Untersuchung ein. Ein kollektiver Untersuchungsprozess, der begreift, dass die Selbstbefragung ihrer eigenen Leben in die anderer interveniert und ein reiches Geflecht von minoritären Wissen, kritischen Kompetenzen und Allianzen zwischen unterschiedlichen Formen der Prekarität bildet.

Precarias a la Deriva gehen von einer feministischen Analyse und von den in Metropolen erlebten Veränderungen aus. So haben sie jede Reduktion der Prekarität als ein ausschließlich auf Arbeit bezogenes Phänomen hinter sich gelassen und denken damit an der Schnittstelle zwischen sozialen Stratifizierungen (Klasse, Rasse, Ethnie, Sex, sexuelle Orientierung und Identität, Bildung etc.) und wie diese neue Grenzen der Prekarisierung der Existenz herausbilden. Sie suchen unablässig nach Gemeinbegriffen, Verbindungen und Strategien, um der Stadt‑Fabrik eine Wendung zu geben. Precarias a la Deriva verwendeten als „elementare Werkzeuge: den Derive als Dispositiv dafür, sich vom rasenden und gewohnheitsmäßigen Zeit‑Raum einer vollständigen Mobilisierung zu entkoppeln und die Kreisläufe der Prekarität mit neuen Augen, einem gemeinschaftlichen Blick, wiederzuentdecken; den Workshop als Ort des Gemeinwerdens und der Vertiefung, und schließlich die Versammlungen als Raum zur Selbstanalyse und Problemerkennung sowie zur Formulierung einiger Arbeits‑ und Handlungshypothesen.“[5] Ihre zahlreichen Gespräche und öffentlichen Präsentationen, auf die sich alle europäischen Bewegungsrealitäten in ihren Diskussionen beziehen, sind eine Referenz für eine in der ersten Person gewonnene Erkenntnis der Prekarisierung der Existenz. Nach einer ersten Phase der Untersuchung produzierten die Precarias eine DVD sowie ein Buch und haben gerade ein neues Experiment begonnen: „Todasacien. Agencia de Asuntos Precarios. (AllesumHundert. Agentur für prekäre Angelegenheiten). Es handelt sich dabei um einen physischen Raum, der die virtuose Verknüpfung von Beratungen, Workshops und Treffen von Frauen möglich macht, um derart auf gegenseitiger Hilfsbereitschaft beruhende Mechanismen zu erfinden und einen prekären Instinkt zu entwickeln“, als Artikulation einer kollektiven Antwort auf die Prekarität.

Entránsito (ImTransit) ist ein Raum der Untersuchung und Handlung des Prekariats, der im Sozialzentrum Casa de Iniciativas (Haus der Initiativen) in Málaga entwickelt wurde. Diese Initiative ist Ergebnis einer Erfahrung und eines langen Weges der Begleitung von migrantischen Kämpfen sowie Arbeit an der Selbstgestaltung und Veränderung der gegenwärtigen Welt. Entránsito entstand mit Berufung darauf, die Veränderungen in der Arbeitswelt zu verstehen und jene gemeinschaftlichen Situationen aufzuspüren, die die Subjektivitäten „en tránsito“ (im Transit) durchleben, um so mit Aktions‑ und Organisationsmöglichkeiten zu experimentieren, die mit diesen neuen politischen Wesen im Einklang sind.

Nachdem die Schwäche der klassischen Gewerkschaftsorganisation zum Aufbau von Beziehungen mit flexiblen und temporären ArbeiterInnen deutlich wurde, sollte es die Aufgabe von Entránsito sein, in einer ersten Geste ein Verständnis für die Formen der Unzufriedenheit, der emotionalen Tonarten sowie für die unterschiedlichen Wohnformen in einem derart fragmentierten Territorium, in dem die Verankerung eines Gemeinschaftlichen unmöglich scheint, zu entwickeln und dessen Analyse zu bewerkstelligen.

Entránsito gab den Anstoß für Räume, in denen prekäre Einheimische und MigrantInnen zusammentreffen, sich kennenlernen und ihre Ideen aufeinander übertragen konnten und regte dazu an, den Einsatz für die Definition einiger neuer kollektiver Rechte zu überdenken; Rechte, die die Entleerung der bestehenden BürgerInnenschaft attackieren und allen Personen ein Grundeinkommen sowie Bewegungsfreiheit zuerkennen. Gemeinsam mit anderen sozialen Netzwerken koordinierte Entránsito die Untersuchung Otra Málaga („Prekarität, Migration und Spekulation, in dem Territorium, in dem wir leben“), aus der eine Kartographie des Territoriums von Málaga, ein Buch mit Interviews sowie eine DVD über die Realität der Konflikte und der Bewegungen in der Provinz Málaga hervorgingen. Ein anderer zentraler Einsatz des Kollektivs war die Konstruktion öffentlicher Räume der Bewegung im Süden Europas. Gemeinsam mit anderen im Territorium koordinierte Otra Málaga in enger Zusammenarbeit mit Kollektiven aus Málaga, Sevilla, Granada, Jerez und Córdoba das erfolgreiche Ereignis EuroMayDaySur (der 1. Mai der Prekären) sowie die Begründung eines Netzwerks mit dem offenen Namen Precari@s en Movimiento (Prekäre in Bewegung).

Oficina de Derechos Sociales - ODS (Das Büro für Soziale Rechte) ist im Nachbarschaftszentrum in Pumarejo, Sevilla angesiedelt und begann einen Prozess der „Mituntersuchung über die Kreisläufe der Prekarität“[6]. Ein Prozess der Mituntersuchung in Form einer Begleitung der täglichen sozialen und juristischen Beratungsarbeit, die aufgrund der Probleme von Personen ohne garantierten Aufenthaltstitel geleistet wird. Die Fragen, denen sich das Büro jeden Tag gegenübersieht, sind Probleme mit Unterkunft, Papieren oder mit der Arbeit. Das ODS versucht die verschiedenen Ebenen miteinander zu verbinden, um die Probleme jener isolierten Personen, die zur Beratungsstelle kommen, in Prozesse der sozialen Selbstorganisation zu verwandeln, gegenseitige Hilfsnetzwerke zu schaffen und Strategien zu entwickeln, die gegenüber dem Missbrauch durch HausbesitzerInnen oder ArbeitgeberInnen sowie den mangelhaften sozialen Sicherungssystemen wirkliche Siege davontragen. Das ODS setzt dabei auf zwei ineinandergreifende Arbeitsachsen. Einerseits geht es darum auszumachen, welche Form der „Institution“ und Infrastruktur die Bewegungen schaffen können, um die Lebensbedingungen zu entprekarisieren. Andererseits handelt es sich darum, mit dem Aufbau eines Modells von sozialem Syndikalismus zu experimentieren, das in den Prozess der Prekarisierung interveniert und dabei weit über die Arbeitsbeziehungen hinausweist.

Gleichzeitig beabsichtigt das ODS, eine Untersuchung anzustellen über die Erzählung in der ersten Person dieser noch immer im Entstehen begriffenen Subjektivität, die wir Prekarisierte nennen und diese im Zuge der Untersuchung zu entwerfen. Die Mituntersuchung des ODS versucht die Reflektion über die Lebensbedingungen der Prekären auszuweiten und strebt Formen der Ermächtigung von unten an. Die Workshops, Debatten, Befragungen und Experimente der Video‑Analyse reichern den vermögenden kollektiven Konstruktionsprozess des MayDaySur an, indem gemeinsam mit den gegen die Prekarität angehenden AktivistInnen selbst Überlegungen angestellt werden und die Beziehung der sozialen Zusammensetzung sowie der Dienstleistungen und Funktionen der Beratungsstelle besser angepasst werden.

 
B.      Landkarten des Territoriums, Werkzeuge der Artikulation und Äußerungen der Bewegungen

Wie kann man aus einer Landkarte einen Prozess der Umdeutung des Territoriums und einer neuen Artikulation der sozialen Bewegungen machen? Wie kann man ein sich ständig veränderndes Territorium benennen? Wie die neuen Machtmechanismen, die Konflikte und die entstehenden sozialen Subjekte in einem fragmetierten und unübersichtlichen Territorium verorten?

Rizoma (Málaga) hat einen transdisziplinären Raum geschaffen, an dem man sich treffen kann, um zu studieren, sich zu unterhalten, zu philosophieren und über Fragen zu diskutieren, die in Zusammenhang stehen mit den Veränderungen des Territoriums, dem Urbanismus sowie den Konsequenzen der neoliberalen Durchdringung aller Lebensbereiche. Neben der Produktion von Artikeln, Diskussionsgruppen und der Entwicklung einer außergewöhnlichen Form kritischen Unterrichts im akademischen Bereich, entfaltete Rizoma eine chorartige Untersuchung über dieses entstellte Territorium mit dem Namen metropolitane Zone der Südküste (ZoMeCS); ein Territorium, das von Massentourismus, urbaner Spekulation und Umweltzerstörung besonders heimgesucht wird. Mit 020404, dem Derive in ZoMeCS,[7] zeigten sie eine unglaubliche Fähigkeit, ein Dispositiv der Untersuchung und Schöpfung zu erfinden, das eine kritische Erkenntnisproduktion in Momenten erlaubte, in denen die Wissenschaft mit dem Privatinteresse eine offensichtiche Allianz zu etabliert haben scheint. Die experimentellen Derives der Gruppe Rizoma, die mit mehr als 300 SchülerInnen und ProfessorInnen der Fakultät für Architektur in Granada durchgeführt wurden, sind für das Unvorhergesehene sowie für die originelle Interaktion mit den durchquerten urbanen Landschaften offen und fungierten als Performance, die die mikrophysischen Aspekte des Werdens dieser Zone im Küstengebiet von Málaga untersucht. Die Arbeitsgruppen beantworteten während der Makroderives (anhand von Bildern, Texten, Zeichnungen etc.) einige Fragen wie z.B.: Welche Art von Bildern nehmen wir wahr? Wie werden die urbanistischen Projekte angeordnet? Was für Subjekte wohnen in diesem Territorium und wie empfinden sie die Veränderungen in ihrem Umfeld? Auf welche Arten von Arbeit stoßen wir? Diese durchwanderten Erzählungen mündeten einerseits in wichtigen, kollektiv produzierten Büchern, die unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht wurden, andererseits lösten sie nicht absehbare Folgen in den SchülerInnen und ProfessorInnen aus, die seither in verschiedenen Projekten arbeiten.

Kartographie Otra Málaga (Málaga). Im Rahmen des Sozialforums der Provinz Málaga, nahm sich das Kollektiv Entránsito vor, eine soziale Kartographie des Territoriums mit zwei zentralen Zielen zu erarbeiten. Der Krise eines Entwicklungsmodells sollte mittels drei als strategisch erachteter Konflikte Sichtbarkeit verliehen werden: Prekarität der Arbeit, urbane Spekulation sowie Management von Migrationsbewegungen. Das zweite angestrebte Ziel ist die Befragung von noch so kleinen Organisationserfahrungen, um sie in Zusammenhang zu bringen und einen Raum zur Koordinierung dieser Initiativen zu eröffnen und zu bekräftigen. Mit methodologischen Werkzeugen der qualitativen Soziologie, weißen Landkarten, einer Kamera und hunderten von Fragen ging die Gruppe, die die Untersuchung vorantrieb, los, um die gesamte Provinz zu erforschen. Wenn auch das materielle Resultat dieser Untersuchung schon sehr bedeutend war, so reichten die durch die Untersuchung ausgelösten Prozesse weit über die gesteckten Ziele hinaus. Dieser ergiebige Prozess des Knüpfens und der Vermehrung von Beziehungen erleichterte die Schaffung einer Koordination der MigrantInnen von Málaga, die Ausweitung der Arbeit über Prekarität sowie die Stärkung der Widerstandsnetzwerke im Küstenterritorium. Die Untersuchung Otra Málaga ist ein deutliches Beispiel dafür, wie brauchbar diese politisch‑untersuchenden Dispositive sein können, wenn sie für Prozesse der Neuzusammensetzung in der sozialen Bewegung, weitab von jeglichem Akademismus, eingesetzt werden. Die Kartographie Otra Málaga ermöglichte die Umdeutung des Territoriums mittels der Konflikte, unter denen die lokale Bevölkerung leidet, indem ein anderer Blick auf jenes Umfeld geworfen wurde, das geprägt ist von durch Reiseagenturen hergestellten Landkarten, Stadtentwicklungsförderungen sowie einer ausschließlich auf Tourismus und privaten Konsum gerichteten Vorstellung. Die Untersuchung eröffnete nicht nur viele Kontakte mit Kollektiven und bisher unbekannten Erfahrungen, sondern ermöglichte auch das Entstehen neuer politischer Räume.

¿De qué va realmente el Fórum? (Worum handelt es sich beim Fórum 2004 tatsächlich?) (Barcelona)[8] Hier geht es um eine Kartographie, die aus dem kollektiven Willen entstand, die Wissen und kritischen Visionen vom Dispositiv Forum der Kulturen im Kontext von Barcelona mit der fortschrittlichen Rhetorik seines Bürgermeister in Beziehung zu setzen. Die Landkarte wurde als ein für unterschiedliche soziale Kollektive verwendbares Werkzeug für die Kampagne gegen das Fotut2004 entworfen. Von daher handelt es sich um eine Aktions‑Landkarte. Auf der einer Seite (der Landkarte) wurden eine Reihe von Aktionspunkten in der Stadt Barcelona aufgezeigt, Firmensitze von großen Unternehmen – mit der Beschreibung ihrer Geschäfte –, die sich an der Finanzierung des Forums beteiligten. Auf der anderen Seite wurden die Ideen, die Kraft der Marketingkampagne des Forums, demontiert, die Barcelona als Stadt des Friedens, Stadt der Multikulturalität und der Nachhaltigkeit verkauften, indem die Spekulationsgeschäfte und die Stadtplanung der Stadt der Geschäfte erklärt wurden. Die Bedeutungsverschiebung, die die Karte operativ macht, erschüttert die „Marke‑Event‑Stadt“, wenn erst einmal jenen Konflikten Sichtbarkeit verliehen wird, die hinter dem glücklichen, bürgerlichen und harmlosen Antlitz des fortschrittlichen Kulturalismus der Stadt des Spektakels verborgen sind.

Einer der Aspekte dieser kollektiven Konstruktion war die Fähigkeit, eine kreative und weitreichende Kampagne zu propagiereren und zu beleben, die es schaffte, die verschiedenen Erregbarkeiten mit dem Ziel des Eventboykotts und seiner sowohl ökonomisch‑urbanistisch‑spekulativen wie auch symbolischen Zurschaustellung in Beziehung zu setzen. Zusammenfassend kann von einer Vielzahl von Aktionen, Mobilisierungen und Kommunikationseinrichtungen (wie das Forumatón) berichtet werden, die der Arbeit an der Karte selbst Vorschub leisteten. Die Landkarte trug in einer nicht abschätzbaren Weise zum nachträglichen Scheitern des Marketings der Kontrolle wie auch zum Verlust der Legitimität und der Unterstützung des Forums bei.

Kartographie des geopolitischen Raums der Meerenge (Estrecho) von Gibraltar[9]. Dieses Projekt entspringt einem kollektiven Prozess, der sich aus Indymedia Madiaq (Meerenge/Estrecho auf Arabisch) hervorging. Indymedia Estrecho[10] ist ein politisches Kommunikationsprojekt, das vom Paradoxon seinen Ausgang nimmt, sich über eine Stadt, über Grenzen und über die Trennung von National‑Staaten hinaus verorten zu wollen. Die Produktion einer Kartographie von einem anderen Territorium, einer Grenzzone mit großer strategischer Wichtigkeit, wo sowohl sehr intensive soziale Prozesse wie auch Gewalt zu finden sind, ergab ein nützliches Werkzeug, um uns in unserer Praxis zu orientieren. Die Landkarte erlaubte es, ein Inventar der Wissen weiter und vielfältiger, sozialer Netzwerke zu erstellen und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, sie zu sozialisieren. Von Anfang an beteiligten sich unterschiedliche AkteurInnen an diesem Prozess: Netzwerke sozialer und aktivistischer Bewegungen, Kommunikationsstellen und Personen von beiden Seiten der Küste. Auf der Seite A der Kartographie sollte ein anderes Bild des Estrecho gezeigt werden, eine von verschiedenen Strömen unterschiedlicher Intensität durchquerte, dynamische Vision, die dieses Territorium in ein wirkliches Schlachtfeld von Kontrolle und Überschuss verwandelte. Migrationsströme, Kapitalbewegungen, Informations‑ und Kommunikationsnetzwerke, Überwachungssysteme und Anhaltezentren, Handelstransit jeglicher Art, Militarisierung des Raums und Zonen intensiver Ausbeutung. Gleichzeitig wurden Widerstands‑ und Kampfzonen abgebildet, die auf die Dringlichkeit von Organisationserfahrungen hindeuten.

Die Seite B sollte die Entwicklung sozialer Räume und Erlebnisse der letzen Jahre aufzeigen, die in diffuser Weise die Gründung vorher inexistenter Bewegungsnetzwerke begünstigten. Gleichzeitig sollte die B‑Seite der Kartographie Konzepte, Bilder und Texte präsentieren, die irgendwie das auf unterschiedliche Weise an Indymedia Estrecho beteiligte Netzwerk von Subjektivitäten begründeten.

Die etwas chaotische Präsentation dieser Kartographie geht auf die Unmöglichkeit zurück, ein in ständiger Transformation befindliches Territorum, das von angstvollen sozialen Dynamiken erschüttert und von sehr vielschichtigen Strömen und Netzwerken durchquert wird, kohärent und geordnet darzustellen. Diese Kartographie erlaubte es, die besagte, geographische Zone gänzlich umzudeuten und trug zu einer nicht kalkulierbaren Entwicklung und Stärkung des Projekts Indymedia Estrecho bei, indem das zentrale Ziel des Projekts mit Bildern versehen wurde: sich den Grenzen nicht unterwerfen, um ein anderes Territorium herzustellen.

*

Dies sind einige der Erfahrungen, die wir an der Schnittstelle von Militanz und Untersuchung für wichtig erachten, nur schwer klassifizierbare Praxen, die sich durch ihren Tatendrang charakterisieren. Jede von ihnen geht den Weg weiter, sie setzen sich auf den Wegen der Bewegung neu zusammen und generieren zum Glück Effekte und Resonanzen, die über die Ziele ihrer AutorInnen hinausreichen.



[1] Für die Ausarbeitung dieser Frage vgl. die kollektive Publikation: Marta Malo de Molina (Hg.), Nociones comunes. Experiencias y ensayos entre investigación y militancia, Traficantes de sueños, Madrid, 2004. Für die deutsche Übersetzung des ersten Abschnitts der Einleitung vgl. http://transform.eipcp.net/transversal/0406/malo/de, sowie den Text von Marisa Pérez Colina, Raúl Sánchez Cedillo, Marta Malo de Molina und Amador Fernández-Savater, Ingredientes de una onda global, in Desacuerdos, nº 2, Macba/Arteleku/Unia Arte y Pensamiento, Barcelona, 2005, http://www.estrecho.indymedia.org/newswire/display/17603/index.php.

[2] Vgl. Gilles Deleuze, Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Merve, Berlin, 1992, 24.

[3] Gilles Deleuze /Félix Guattari, Gespräch über Tausend Plateaus", in: Gilles Deleuze, Unterhandlungen. 1972-1990, FfM: Surhkamp 1993, 53

[5] Vgl. Precarias a la deriva, A la deriva. Por los circuitos de la precariedad femenina, Traficantes de sueños, Madrid, 2004, http://www.sindominio.net/traficantes/editorial/precariasaladerivapdf.htm; Teile des Buches sind auf der Homepage der Precarias online abrufbar http://sindominio.net/karakola/precarias.htm.

[8] ¿De qué va realmente el Fórum?, http://www.sindominio.net/mapas/es/mapa_es.htm.