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06 2008
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Queer-feministische Besetzungen

Erika Doucette, Marty Huber

Erika Doucette

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Marty Huber

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Ein Stockwerk in einem noch zu besetzenden Haus hätte es werden sollen, ein ganzes Haus ist es geworden. Damals – zu Beginn der 1980er – bezeichnete sich diese Besetzung nicht als queer, manchmal jedoch und auch im internen Widerspruch als feministisch. Die Rede ist von der Rosa Lila Villa, dem Lesben- und Schwulenhaus in Wien.

Häuserbesetzungen im Allgemeinen haben den Nimbus eines männlich besetzten Terrains, selten werden schwule, lesbische, feministische oder queere Kämpfe mit „Häuserkampf“ assoziiert. Waren die damals beteiligten BesetzerInnen der Rosa Lila Villa anfangs noch in der kleinen, dennoch sehr aktiven HausbesetzerInnenszene Wiens und ihrem Streben nach einem großen gemeinsamen Haus Bestandteil, so ergab sich nach dem Scheitern des Großhausprojektes in der Liniengasse, u.a. aufgrund des Engagements der kürzlich verstorbenen Wiener Vizebürgermeisterin Gertrude Fröhlich-Sandner, die Möglichkeit, ein eigenes Haus zu übernehmen. In großen Lettern strahlte die damalige Beschriftung „1. Wiener Lesben- und Schwulenhaus“ von der bröckelnden Fassade, bis heute ist es aber das einzige Haus dieser Art in Österreich geblieben.

Jedoch nach mehr als 25 Jahren scheint sich wieder etwas zu regen: „Queer-feministische Besetzung in Wien“ ist neulich ein stark kursierendes Thema im politischen Alltag, und in der Praxis erweist sich dieses Vorhaben als eine noch zu pflegende und hegende Etablierung einer Monsterinstitution. Denn schon allein die Verbindung von queer und feministisch erscheint einigen kritischen Köpfen gar unmöglich, aufgrund der massiven queeren Kritik am feministischen Essenzialismus. Das veraltete feministische Konzept wurde nicht nur von queerer Theorie wie Judith Butlers „Gender Trouble“ (Das Unbehagen der Geschlechter), sondern auch lange zuvor von Schwarzen und Chicana Aktivistinnen wie zum Beispiel mit dem Buch This Bridge called my Back (1981), herausgegeben von Cherríe Moraga und Gloria Anzaldúa, hinterfragt und abgeworfen. Der Versuch aber, gerade jene Gräben zu übergrätschen, will derzeit mit queer-feministischen Ansätzen probiert werden. So fordern beispielsweise die queer-feministischen Tage Marburg, sich gegenseitig nicht den Zwang aufzuerlegen, sich einem der zwei prolongierten Geschlechter unterzuordnen und somit nicht-rollenkonforme körperliche und soziale Eigenschaften zu unterdrücken. Feministische Politik beschränkt sich für sie nicht auf die „Befreiung der Frauen“, sondern erfordert eine allgemeine Hegemonie- und Machtkritik an heteronormativen Normen. Die Ablehnung jeglicher eindeutiger Identität, basierend auf poststrukturalistischen Dekonstruktionen, hebelt gleichzeitig die Beschränkung von queer als lesbischwultransgender aus, wobei es sich doch weiterhin um die Auflösung binärer Positionen wie hetero- versus homosexuell dreht. Im Folgenden werden wir verschiedene Strategien queer-feministischer Besetzungen in drei europäischen Städten vorstellen.

 
Zum Beispiel Wien: Make yourself @ home, homo!
Queere Körperpolitik in heteronormativen Räumen

Besetzte Häuser haben oftmals klarerweise nicht nur eine Wohnfunktion. Ideale verknüpfen sich mit materiellen Realitäten und Utopien in solchen Projekten, denn sowohl leistbare als auch politisch tragbare Formen des Wohnens sind Eckpunkte in queer-feministischen Wohnprojekten. Queer-feministisches Engagement innerhalb bestehender (oder noch blühender) Bewegungen wie denen der Hausbesetzungen, schlägt Wellen, unter anderem da queere Wohnverhältnisse – wie Körper- und Sexpolitiken – eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Praxis von Hausbesetzungen haben, die an sich gerne mit machistischen Techniken von Häuser- und Raumkampf assoziiert werden. Die Dominanz dieser Körperbilder zu durchbrechen ist sicherlich einer der spannendsten Versuche in der Wohnrechts- und autonome Räume-Bewegung schlechthin. Dabei sind aber die rechtlichen Grundlagen von Hausbesetzungen auch ausschlaggebend für die gewählten Strategien.

So war die queer-feministische Hausbesetzung in der Spitalgasse in Wien während der Internationalen Aktionstage für Freiräume und Besetzungen im April 2008 von Beginn an ein Haus mit offenen Türen. Das mag paradox erscheinen, doch durch die Kriminalisierung von Besetzungen von Leerständen in Österreich, wollten AktivistInnen ihre Ressourcen nicht mit dem Verbarrikadieren verschwenden, sondern widmeten sich schon im Vorfeld in einem Vorbereitungsworkshop der Frage nach Möglichkeiten queer-feministischer Taktiken und Politiken und der Öffnungen von Freiräumen während der Besetzung. Länderübergreifende Auseinandersetzungen mit queer-feministischen Raumpolitiken fanden in den letzten Jahren ihr Spielfeld insbesondere in den Praxen der Ladyfeste oder bei weiteren DIY (do-it-yourself)-Treffen wie Queeruption, die sich intensiv mit Fragen antisexistischer, antirassistischer, antihomo- und -transphober Party-, Konzert- und Workshopveranstaltungen auseinander setzten. Aktionen und Interventionen wurden ebenso vorbereitet wie Durchsagen, Websites und Druckwerke, welche die Prinzipien bzw. Anforderungen an die BesucherInnen verkündeten. Diese in kollektiven Prozessen entstandenen Regeln ließen sich meist in der Form etablieren, dass das Ansprechen von und das Agieren gegen übergriffige Situationen sich wesentlich leichter konstituierte als in heteronormativen Settings, insbesondere innerhalb einer Club- und Partykultur bzw. bei größeren öffentlichen Veranstaltungen. Vielgestaltiger präsentiert sich diese Frage jedoch in Wohnbelangen: Versuchten zwar Teile der Hausbesetzung in der Spitalgasse in Wien, queer-feministische Inhalte, bzw. Räume zu (er)gründen, so war es durch die Kürze der Besetzung schwerlich möglich, diese zu halten und weiter zu konkretisieren. Im Gegenteil, kam es durch die Offenheit des Hauses zum Beispiel auch zu sexistischen Beschmierungen, die kaum mehr durch das Kollektiv bearbeitet werden konnten. Fragen des Zusammenlebens gehen sicherlich über Partypolitiken hinaus, die Bearbeitung von Festlegungen auf reproduktive Arbeiten, Fragen der sozialen Kohäsion und Differenzen etc. gewinnen eine andere Intensität. Nicht zu unterschätzen sind dabei die Effekte weißer und bürgerlicher Vorstellungen von Familie und Heim, die als strukturelle Voraussetzung eine große Hürde zu sog. alternativen Praxen darstellten.

Offen bleibt die Frage, wie welche Strategien angewendet werden können, um einerseits den Ideen queerer Dekonstruktion gerecht zu werden und gleichzeitig die Arbeit an neuen und räumlich konkreten Formen des Zusammenlebens voranzutreiben.

 
Zum Beispiel Berlin, Wien und sonst wo: queerwardly mobile (home)
Mobile Verstrickungen zwischen Queer, Antirassismus und Antikapitalismus

Der Fokus queerer Strategien scheint im Moment noch hauptsächlich auf der Kreation temporärer Diskursmaschinen zu liegen. Das „monströse“ Moment dieser Maschinen findet sich in den komplexen Anforderungen wieder: Verwebt sind neben queeren Kernthemen weitreichende Kritik der Kommerzialisierung schwuler Bourgeoisie, mit Fragen der Tunten- und Weiblichkeitsfeindlichkeit, wie auch mit antirassistischer und antikapitalistischer Politiken. Die Ende Juni 2008 stattfindenden DIY „queer and rebel“ Tage am queeren Berliner Wagenplatz Schwarzer Kanal zeigen diese Verschränkung der Themen sehr deutlich. Es geht nicht mehr um klar definierte Identitätspolitiken, sondern um eine Ausweitung des Aktionsfeldes. Dazu gehört die Demonstration gegen die rassistische Gesetzgebung, ebenso wie das diskutieren um Femme-initäten in queeren Kontexten, oder über anti-Konsum. Doch auch die Frage nach queerem kommunalem Leben findet sich am Wagenplatz in den Diskussionen wieder: Warum es den Anschein hat, dass queere Strategien sich auf individualistisches Experimentieren mit Gendercodes beschränken, fragen sich die OrganisatorInnen im Ankündigungstext. Dennoch ist der Wunsch nach einer Diskussion um gemeinsame Lebensentwürfe unüberhörbar.

Ebenso verhält es sich mit den seit 1998 regelmäßig stattfindenden Queeruption DIY-Festivals, die sich je nach Austragungsstadt ihren Aktionsradius selbst erfinden und auf die jeweiligen politischen Situationen eingehen. Ziel der Queeruptions ist es, verschiedene Gruppen von Queers von (möglichst) überall her zusammenzubringen, um den rassistischen, sexistischen, klassenspezifischen, konsumorientierten (schwul/lesbischen) Mainstream herauszufordern. Diese Zusammentreffen kreieren kurzfristige Communities, mobile Gemeinschaften, die in sich sicherlich einiges an Möglichkeiten der Erfahrung und des Experimentierens erlauben. Gleichwohl sie aber durch ihre Kurzzeitigkeit als temporäre Ladyfests, queer-feministische Tage, Queeruptions, queer and rebel-Tage ... auf Räume angewiesen bzw. begrenzt sind, die entweder extra dafür geschaffen oder über die Jahre durch zusätzliches durchgängiges Engagement und Auseinandersetzung erhalten werden müssen.

Mit diesen Fragen nach queeren und feministischen Raumaneignungen beschäftigen sich mehr und mehr AktivistInnen, da durch die massiven Teuerungen auf dem Wohnungsmarkt, durch weitreichende Gentrifizierungsmaßnahmen von lange vernachlässigten Stadtteilen usw. immer mehr bestehende Räume unter Druck kommen. Trotzdem gibt es unter den schlechten Voraussetzungen für Raumaneignungen eine Bereitschaft, sich mit über die Aspekte des Wohnrechts hinausgehenden Fragen zu beschäftigen: Freiraum.at schreibt z.B.:

„Die permanente Auseinandersetzung mit Herrschaftsmechanismen, insbesondere (Hetero-)Sexismen, Rassismen, Verwertungslogik etc., soll deswegen bei unserer gemeinsamen Praxis bei den Aktionstagen und darüber hinaus im Vordergrund stehen. Wir alle sind zutiefst von Hierarchien geprägt, unsere Beziehungen zu anderen Menschen sind durchzogen von Unterdrückungsmechanismen, und nur weil wir dies erkennen, heißt das noch lange nicht, dass wir uns von ihnen freimachen können. Unsere Sexismen, Rassismen, Homophobie, Antisemitismen usw. sind ein Teil von uns, wir können sie nicht einfach an der Türe ablegen.“ Eine sich als emanzipatorisch verstehende Praxis muss darum vor allem in Auseinandersetzung mit den AktivistInnen selbst ansetzen. Die AktivistInnen von Freiraum sehen die Notwendigkeit, erst die eigenen Strukturen bewusst zu machen. Diese Strukturen sollten in Vorbereitung auf die Aktionstage kritisch analysiert und über Normierung von Raum sowie den damit verbundenen allzu oft männlichen und heteronormativen Verhaltensweisen nachgedacht werden. „Im Sinne queerfeministischer Intervention und anti-heteronormativer Aktion wollen wir uns Raum jenseits von Sexismus und Makertum aneignen und etablieren.“

 
Zum Beispiel Amsterdam: I'm homo baby!
Freundliche Verfremdungen existierender Räume

An Verqueerungsstrategien durch das regelmäßige Nutzen bestehender Räume gäbe es einiges zu berichten, hier stellvertretend nur ein, zwei Beispiele abseits der schon erwähnten Ladyfests und Queeruptions. Die kontinuierliche (Mitbe-)Nutzung existierender Räume findet vieler Orts statt und ist ein bewährter Ansatz, an sich heteronormative Kontexte „anzuwärmen“: Zwei Beispiele dazu aus Amsterdam, zum Einen das Hot Peper innerhalb des De Peper Kollektivs, einer veganen Volksküche, das von der HausbesetzerInnen-Bewegung gegründet und noch betrieben wird, jedoch heute in einem bereits „legalisierten“ besetzten Haus, der ehemaligen Filmakademie OT 301 (Overtoom 301), beheimatet ist. Hot Peper ist dabei eine mehr oder weniger regelmäßige queere Partyschiene, die besonders durch die Kooperationen mit queer-feministischen HausbesetzerInnen, dem Buttkraaker Kollektiv und durch die vielfältigen performativen Einsätze der Crew, von PerformerInnen und deren Gästen geprägt ist. Die Etablierung leistbarer, queer-freundlicher Räume steht dabei im Vordergrund. Das Gesamtprojekt im Gebäude OT 301, bei dem schon mal eine Hot Peper Dragparty neben einer Technoparty stattfindet, wird durch die queeren, wie auch feministischen Einsätze regelmäßig bearbeitet. Ähnliches findet sich auch im lang als Punk, anarchistisch und rebellisch etablierten und ehemals besetzten Haus Vrankrijk wieder, dessen Bar ein beliebter Treffpunkt und Einkehrstätte für HausbesetzerInnen in Amsterdam ist. Jeden Montag wird diese queer eingefärbt, nämlich „blau“ − am sog. „blue monday“. Das Programm der „blue mondays“ reicht von Screenings und Performances bis zu spontanen Parties mit DJs. Jedenfalls gibt es einfach mehr queeres Publikum, das sich neben den HausbesetzerInnen-Stammgästen montags dort trifft.

 
Zum Beispiel Amsterdam: Home Sweet Homo!
Zwischen Solidarität und Kritik an queeren Häusern und mobilen ProtagonistInnen.

Es stellt sich jedoch die Frage, wie es sich mit dem Verhältnis der HausbesetzerInnen-Bewegung zu queeren Wohnprojekten und zu Vorstellungen von Zusammenleben verhält. Das Zuhause ist nicht nur ein Ort, es ist auch vielmehr eine Verortung: eine Orientierung, eine Anbindung, eine Verbindung nicht nur mit einem Raum, sondern mit Lebensweisen und mit den Menschen, die den gleichen Ort als ein Zuhause verstehen. Zuhause in einer Community zu sein ist ein sehr abstrakter Gedanke, der durch Wohnprojekte wie zum Beispiel Queer Squats bzw. queer-feministische Wohngemeinschaften konkret, greifbar, materiell werden soll. Die Diskussionen um besetzte Häuser oder Räume, eigene Räume, so genannte autonome oder DIY Räume, sind oftmals gleichzeitig eine Form von Zuhause.

Eines dieser queer-feministisch besetzten Häuser war das Pink Lighthouse, das zwischen Juni und Oktober 2003 in Amsterdam bestand. Anschließend an Queeruption Berlin 2003 wurde das Pink Lighthouse in Amsterdam, in Aussicht und Vorbereitung auf Queeruption NL 2004, besetzt. Inspiration fanden einige queere bzw. queer-anarchistische AktivistInnen bei der sehr politischen und gut organisierten HausbesetzerInnen-Bewegung, die sich seit über 25 Jahren äußerst kontinuierlich und aktiv gegen die Verknappung leistbarer bzw. bewohnbarer Wohnplätze in den Niederlanden wehrt. Das Pink Lighthouse wurde das Zuhause für viele in Amsterdam lebende Queers sowie für queere Reisende, die kurzfristig (bei Bekannten oder FreundInnen) in der Stadt unterkommen wollten. Der öffentliche Raum im Pink Lighthouse war das Cafe Het Roze Breekijzer (The Pink Crowbar). Innerhalb der HausbesetzerInnen-Bewegung wurde die queere Intervention und offensive Politik der PL jedoch trotzdem unterschiedlich aufgefasst. Nicht nur solidarische Unterstützung kam aus den Reihen der HausbesetzerInnen. Es gab oftmals eine nicht auseinander zu haltende Mischung von Homophobie und Unbehagen gegenüber den Reisenden (nicht-HausbesetzerInnen), die den Raum als Kurzzeitabsteige und die HausbesetzerInnen-Bewegung (und die hart erkämpften Räume) selbstverständlich fast „touristisch“ nutzten. Obwohl die HausbesetzerInnen-Ehre für viel Unterstützung gesorgt hat, blieb trans- und homophobes Gerede (bis dato) im Zusammenhang mit dem Pink Lighthouse in Amsterdam nicht aus. Andererseits sind queere Häuser für die breitere anarchistische HausbesetzerInnen-Bewegung sehr fruchtbar, da solche Räume die queeren Aspekte, Politiken, Praktiken und Menschen innerhalb der größeren Bewegung hervorheben, zur Diskussion stellen und auch (z.B. für nicht-queere) greifbar machen. Das Pink Lighthouse hielt leider nur einen Sommer durch, aber die queeren HausbesetzerInnen vernetzten sich verstärkt mit der HausbesetzerInnen-Szene Amsterdams, um einen passenden Ort für Queeruption zu finden. April 2003 wurde ein Lagerhaus am Hafen mit dem kolonialistischen Erbnamen „Afrika“ besetzt, das eine breite Palette an Angeboten für die öffentliche Nutzung hatte. Ein Teil des Hauses wurde im Rahmen der Vorbereitungen von Queeruption aufgeräumt, eingerichtet und als öffentlicher (queer-freundlicher) Ort etabliert. Das ehemalige Pakhuis Afrika wurde geräumt und in eines der größten Amsterdamer Gentrifizierungsprojekte der sog. „Cultuurfabriek de Zwijger“ Amsterdam eingegliedert.

 
Zum Beispiel Berlin: 1, 2, viele Tuntenhäuser in Berlin
Zwischen radikal schwul und Reproduktion

Eine Einrichtung, die bis heute überlebt hat, ist das Tuntenhaus in Berlin, ein Hinter(n)haus in der besetzten Kastanienallee 86. Die vorangegangenen Projekte in der Mainzer Straße und in der Bülowstraße wurden jeweils geräumt, waren aber wie im Fall der Bülowstraße von einerseits der Hausbesetzungs- und der radikalen Schwulenbewegung Anfang der 1980er und wie im Fall der Mainzer Straße vom Fall der Berliner Mauer geprägt, die kurz nach der „Wiedervereinigung“ Deutschlands mit samt dem besetzten Straßenzug geräumt wurde.

Für radikale-schwule Politik scheinen Wohnprojekte wie das Tuntenhaus weniger eine Rolle zu spielen wie als noch vor ein paar Jahren. Zwar wird immer wieder versucht, in die Entpolitisierungstendenzen schwuler Mainstream-Kontexte zu intervenieren, wie beispielsweise bei der Abschiedsteilnahme des Tuntenhauses an der Berliner CSD-Parade. Anstatt sich dem offiziellen Thema des CSD („Freiheit täglich neu erkämpfen“) zu widmen, zogen es die AktivistInnen vor, den Aufmarsch von einer Trauer-Tribüne aus abzunehmen. Geschmückt mit weißen Lilien und einem Banner, der sich polemisch gegen die Konsumorientierung wandte: „Anpassung täglich neu erkämpfen“. Seitdem wendet sich auch das Tuntenhaus lieber dem alternativen – dem transgenialen – CSD zu, der 2008, trotz der Überfälle auf 7 Frauen/Lesben/Transgenders, unter dem Motto „Des Wahnsinns fette Beute: gegen Vertreibung, gegen Diskriminierung, gegen Kommerzscheiße“ stattfand.

Das Tuntenhaus Berlin beklagt dennoch eine fortschreitende „Entmonsterung“ des kommunalen Lebens. Das Haus wurde verkauft, und es ist bisweilen unsicher, wie die neuen Besitzer mit den BewohnerInnen umgehen werden. Doch dem nicht genug, die Beschäftigung mit den reproduktiven Arbeiten rund um die Instandsetzung und Erhaltung des Hauses erwecken laut den BewohnerInnen den Eindruck, man beziehe sich nur auf sich selbst und es gäbe kaum mehr Interesse an radikalen queeren Politiken. Um der Entpolitisierung und konkret der Tunten- und Weiblichkeitenfeindlichkeit etwas entgegen zu setzen, scheint eine strategische Vermischung temporärer Besetzungen von heteronormativen Räumen und die Schaffung von neuen eigenen Räumen ein wichtiger Hebel zu sein. Heteronormativen Effekten insbesondere im Bereich des (kollektiven) Wohnens und den damit einhergehenden rassistischen Strukturen der Wohnungspolitik entgegen zu wirken, sind dabei die großen Herausforderungen an die AktivistInnen. Aber vielleicht lassen die Entwicklungen in den mobilen, amorphen und hybriden Kontexten wie dem queeren Wagenplatz Schwarzer Kanal darauf hoffen, dass auch das kommunale, kollektive, „alternative“ Leben wieder mehr an politisierender Bedeutung gewinnt.