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04 2008
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Büros für soziale Rechte: Erfahrungen politischer Organisation und Aussage in Zeiten der Prekarität

Übersetzt von Tom Waibel

Silvia López, Xavier Martínez, Javier Toret

Silvia López

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Xavier Martínez

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Javier Toret

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Thomas Waibel (translation)

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Dieser Text setzt sich aus verschiedenen Stimmen zusammen, in ihm hallen sehr unterschiedliche Erfahrungen und Kontexte wieder. Wir schreiben aus Málaga im Süden, Terrassa/Barcelona und Madrid. Diese Polyphonie kennzeichnet den Artikel und seinen nicht geschlossenen Charakter. Wir wünschen, dass diese Heterogenität als Teil der komplexen und experimentellen Natur der genannten Praxen begriffen wird. Wir stellen Fragmente vor, skizziert, um Problemstellen kenntlich zu machen und lösen sie nicht in vorgefertigten Formeln auf. Dennoch zielen wir auf gemeinsame Bedürfnisse ab: Die Konstruktion neuer Räume, die in der Lage sind, von den/anderen Wünschen zu sprechen und diese außerhalb der Befehlsgewalt des Kapitals in Bewegung zu setzen; Räume der Teilhabe und Kollektivierung von Ungerechtigkeiten und Verletzungen, die in Einsamkeit erlebt werden sowie Räume der Produktion von Subjektivitäten, die die Angst sprengen, vor allem die Angst und Logik des „Rette sich wer kann“ im Diktat des Individuellen; kurz, wir sind gemeinsam auf der Suche nach neuen Räumen, die in der Lage sind, der immer stärkeren Prekarisierung unseres Lebens die Stirn zu bieten.

 
1. Einleitung

Der zeitgenössische Kapitalismus im europäischen Territorium definiert sich durch ein neues Diagramm von Ausbeutung und Herrschaft, das ins Zentrum der Produktionsverhältnisse eine wiederholte Neubestimmung der Beziehung zwischen Kapital und Arbeit stellt. Eine Neubestimmung der Arbeits- und Lebensformen.

Das Leben ist nicht mehr das, was außerhalb der Lohnarbeit liegt. Die affektiven Fähigkeiten, die linguistischen Fertigkeiten, das Wissen und die Vorlieben, der Körper und die Sexualitäten haben sich heute in eine produktive Matrize verwandelt. Was bedeutet das für die sozialen Kämpfe und Bewegungen? An erster Stelle die Verwandlung des Lebens in ein Feld von Kampf, Konflikt und Erfindung und nicht nur von Ausbeutung. An zweiter Stelle, dass die Entstehung von neuen Schichtungen in den Gestalten der zeitgenössischen lebendigen Arbeit politischer Schöpfungen und Organisationsformen bedarf, die den existierenden sozialen Subjektivitäten angemessen sind.

In diesem kurzen Artikel versuchen wir einige Annahmen einer subjektiven Neuanordnung zu skizzieren, die aus Differenzen und neuen Herausforderungen besteht und den Versuch unternimmt, aus dem Inneren der vielfältigen Reorganisationsprozesse gegen die Prekarität zu denken und zu handeln. Anmerkungen einer militanten Untersuchung im Licht einiger Erfahrungen im spanischen Staat, die uns mit der Notwendigkeit konfrontieren, neue Maschinen von Organisation, Leben und Kampf auf der Höhe der Komplexitäten der Gegenwart zu erfinden.

 
1.1 Wenn die Realität in Stücke bricht: Neue Rechte erkennen, wieder zusammenfügen und erfinden

Die Prekarisierung der Existenz, nicht mehr länger als Tendenz des Sozialen, sondern als wilde Einschreibung in den sozialen Körper, die kein Zurück kennt, hat zur Folge, dass wir eine Realität bewohnen, die in Stücke bricht. Die Fragmentierung, Vereinzelung und Einsamkeit, der wilde Individualismus, der Kreislauf, der ruhelos Produktion, Reproduktion und Konsumation in sich einschließt[1], die Verhärtung sowohl der inneren als auch äußeren Grenzen, das Imperium der Sicherheitsparanoia und die neuen Kontrollformen, die soziale Bindung auflösen und sich direkt mit der Möglichkeit einer Logik der Sorge* auseinandersetzen, die Entfernung von einem Leben, das dem Kapital zur Verfügung steht und mit der Realität verwechselt wird, das sind die Tatsachen, von denen wir heute unvermeidlich ausgehen müssen und die unsere gesamte Existenz durchziehen. Die Politik der Allianzen funktioniert in diesem Sinn nicht mehr (oder funktioniert nicht für sich allein): Sie muss neu erfunden werden. Es geht nicht länger darum, Gruppierungen oder Realitäten, „die am selben dran sind“ zu versammeln, oder Netzwerke zu bilden und Räume der Begegnung zu öffnen (das auch), sondern darum, verstreute und erschreckend unverbundene Erfahrungen zu rekonstruieren.

In dieser Aufgabe besteht eine der sich aufdrängenden Herausforderungen darin, nicht von den ideologischen Kategorien auszugehen, mit der die Linke, einschließlich der am wenigsten orthodoxen, bisher operiert hat und die vielfach abstrakte Inseln der Selbstgefälligkeit ebenso hervorgebracht haben wie festgelegte Orte, an denen sich das Interessante und das „wahrhaft Politische“ begegnen: Man muss von singulären Erfahrungen ausgehen, die wenig oder nichts mit Ideologie zu tun haben, von einer akribischen Arbeit, um Widerstände und Unbehagen festzustellen, die sich im Sozialen bereits produzieren, und man muss daher auch von einer Revision der übermäßig homogenen Zusammensetzung militanter Bewegungen und Modellen ausgehen, die einem bestimmten Subjektivitätstypus entsprechen (jung, ohne zu versorgende Personen, die mit geringen Mitteln vereinnahmt werden können, keine Krankheiten haben etc.). Die Artikulation von Rechten ausgehend von gemeinsamen Erfahrungen in diesem offenen, fragmentierten und zerstreuten Kontext, der Realitäten entkoppelt und voneinander entfernt, taucht wieder als notwendiger Imperativ auf, um eine enteignete Subjektivität zu ermächtigen und neu zusammenzusetzen.

Der kollektive Prozess des EuroMayDay[2] hat versucht, die Resonanz und die gemeinsame Arbeit in Bezug auf die Ausarbeitung neuer Vorstellungen und Sprachen über die Prekarität zu mehren, indem unterschiedliche Neuanordnungen geschaffen wurden zwischen Basisgewerkschaften, sozialen Bewegungen und Singularitäten, die anfingen, sich als prekär zu bezeichnen. Das war ein wichtiger Schritt, um diese Fragen zu erweitern. Offensichtlich ist es dem EuroMayDay-Prozess nicht gelungen, aus sich heraus jene materielle Verankerung zu bieten, die Bewegungen brauchen, aber dennoch er hat in vielen Fällen und mit vielen Einschränkungen dazu beigetragen, einen Pol von Subjektivierung, Forschung und Selbstorganisation innerhalb der Verwirrung und Zerstreuung von Bewegungen und Leben zu stärken.

Andererseits sind die Praxen der Büros für soziale Rechte, die Versuche neuer sozialer Gewerkschaftlichkeit oder des Biosyndikalismus gegen die Prekarität mit ihren jeweils eigenen Besonderheiten[3] direkte Erben des Legats von politischen Praxen der 1990er Jahre, sie vermengen sich mit der Globalisierungsbewegung und kombinieren einen Gutteil ihrer Elemente, aber sie entstehen auch aufgrund einiger Einschränkungen in Organisation und Zusammensetzung, sowie aufgrund der Beschränkungen, die angesichts des tief greifenden, innerhalb des Subjektivitätsparadigmas und der sozialen Realität hervorgebrachten Wandels auftauchen.

Identifikation, Forschung, Neuzusammensetzung, Aussage, Kommunikation, Anhörung und Erfindung von Rechten[4] sind einige der Namen, die einen Teil der Bemühungen der Büros für soziale Rechte bilden. Es handelt sich um Praktiken, die einer vollständig prekarisierten Welt entspringen, sich in ihr entfalten und die Voraussetzungen einer eher klassischen Politik, die weiß, im Ausgang wovon sie sich wohin richtet, hinter sich gelassen haben; Praktiken, die im Umfeld neuer Organisationsformen experimentieren und forschen: Rechtliche und soziale Beratungsstellen werden eröffnet, Räume für Ausbildung und Workshops aufgebaut und für ImmigrantInnen abgehaltene Spanischstunden dienen als Räume der Fortbildung und der Begegnung. Ratgeber für Tricks und grundlegende Rechte werden erarbeitet sowie Aktionen und Interventionen angesichts rechtsverletzender Situationen durchgeführt. Dergestalt bilden sich gemeinsame Werdensprozesse zwischen prekären Einheimischen und MigrantInnen, es ergeben sich neue Verbindungen zwischen Basisgewerkschaften und prekären Bewegungen und offene Prozesse werden von anderen Personen begleitet, die gegen konkretes Unbehagen oder Unrechtsituationen rebellieren.

Wir erwähnen in aller Kürze drei der Fragen, für die sich die Büros für soziale Rechte interessiert haben, und die neue Herausforderungen für die Organisation und Analyse darstellen: (a) Die Frage der Sorgeleistungen als radikale feministische Kritik an einer Gesellschaft, die in Anlehnung an Marktinteressen und nicht zum Wohle von Personen organisiert ist; (b) das brennende Problem des Wohnraums, das im Lauf der letzten anderthalb Jahre tausende Personen spontan mobilisiert hatte und sich originelle, kreative und neuartige Elemente in der Art des Auf-die-Straße-Gehens und des politischen Ausdrucks angeeignet hat; und schließlich (c) die Organisation von MigrantInnen und Einheimischen, durch die subjektive Grenzen aufgebrochen werden und sich Netzwerke etablieren, sowie die Reibung mit einigen minoritären Gewerkschaften, welche die eher klassischen Formen im Arbeitskampf durch einen Biosyndikalismus oder eine soziale Gewerkschaftlichkeit ersetzen, die im Stande ist, die Kämpfe nicht auf den exklusiven Bereich einer prekären Anstellung zu reduzieren: Sorge, Wohnraum, Migration und minoritäre Gewerkschaften bilden also eine mögliche Karte von Konflikten, Herausforderungen und Allianzen.

 
2. Einige Linien von Reflexion und Aktion

2.1 Die Neuorganisation der Sorge

Eine zentrale Frage ist, was es heute bedeutet über Sorge zu reden, sowohl aus der Perspektive institutionalisierter Politiken und Reformen als auch aus der Perspektive der Antwort von Frauen, die, organisiert oder nicht, diese Sorgeleistungen übernehmen und gegen die Bedingungen rebellieren, unter denen sie geleistet wird. Diese Frage bezieht sich nicht nur auf Prekarität und Migration, auf die Produktion neuer Schichtungen in den stets rigideren aber subtilen Formen im Sex-Gender-System, sondern auch auf die neuen Produktionsformen, mit denen das Kapital arbeitet und in denen das Leben die Materie ausmacht. Sie steht außerdem in Zusammenhang mit der Lebensführung, mit der Ordnung und Kontrolle des Lebens, den (unsichtbaren und prekarisierten) Kreisläufen seiner Erhaltung (wer trägt Sorge für das Leben). Sie steht daher in Verbindung mit den Möglichkeiten andere, Veränderung bewirkende soziale Organisationsformen zu denken, die den neuen Ausbeutungsformen gegenüber kämpferisch sind, die insbesondere auf Frauen vernichtende Auswirkungen haben. Es handelt sich demnach auch um eine Frage im Bezug darauf, wie neue feministische Praxen auf diese Probleme antworten können und wie sie tatsächlich bereits zaghaft mittels möglicherweise unvermuteter Formen und Anordnungen antworten.[5]

Die Sorgekrise[6] ist ein Phänomen, das die Spannung zwischen einem Organisationsmodell anspricht, zu dem die Frauen gesagt haben, es reicht (wir haben genug von diesem aufgezwungenen Schicksal als Mütter, Pflegerinnen und für das Wohlergehen anderer Verantwortliche) und einer bleibenden Leere, in der darüber verhandelt wird, wer diese Sorgeleistung von jetzt an in welcher Weise übernimmt.[7] Die Frage, wer uns und die anderen pflegen werden wird, impliziert einerseits ein Infragestellen und Überdenken des aktuellen Modells sozialer Organisation, das sich durch den Geschlechtervertrag[8] und die geschlechtsspezifische und internationale Arbeitsteilung grundsätzlich auf Frauen stützt; andererseits impliziert sie Zweifel an der Nachhaltigkeit einer Gesellschaft, die um die Interessen der Unternehmen und nicht der Personen organisiert ist, d.h. um eine Logik des Kapitalprofits und nicht der Sorgeleistung; letztlich impliziert sie die Erinnerung daran, dass dem Leben seine Beziehung zu Krankheit, Pflege, Hygiene, Tod, den Anderen, dem Körper nicht entzogen werden kann. Das Leben ist weit davon entfernt aseptisch, weiß, göttlich und unabhängig zu sein: Das Leben ist auch eine positive Grenze, von der wir ausgehen müssen. Jegliches Organisationsmodell, das versucht, sich von der Materialität des Lebens und der Körper fern zu halten und den Bedürfnissen der Leute zuwider läuft, bleibt letztlich immer eine Quelle von Unbehagen, Frustrationen und Ängsten: Ein Leben, das versucht, etwas anderes als das Leben zu sein, ist nicht mehr lebbar.

Unter welchen Bedingungen heute Sorge getragen wird (Unsichtbarkeit, Rechtlosigkeit, Unterhaltslosigkeit, fehlende Wertschätzung) sowie wer heute Sorge trägt (Hausangestellte ohne Papiere, mit Subkontrakten auf Stundenbasis, Hyperprekäre, Frauen, die sich um andere Personen kümmern müssen) tauchen als Fragen auf, die in enger Verbindung mit der Prekarisierung insbesondere der weiblichen Existenz und in direkter Beziehung zu Migrationsprozessen und weltweiten Affektverkettungen stehen.[9] Weit von der Rede über das Ende der Unterordnung der Frauen entfernt sowie abseits der Erfolgsrhetorik im Bereich der Geschlechtergleichberechtigung, gilt es in diesem Sinn viel eher, von einer Neuartikulation des Patriarchats zu sprechen.

Im November 2006 trafen sich eine Menge Frauen in Madrid, um über diese Fragen zu reden: Am 8. März 2007 gingen sie mit dem Motto „Für eine soziale Neuorganisation der Sorge“ auf die Straße. Die Implikationen und Auswirkungen dieser Parole zu bedenken und neue zu erfinden, die von diesen Prozessen Zeugnis ablegen, sowie die Allianzenbildung mit migrantischen Frauen wurden die grundlegenden Herausforderungen heutiger feministischer Praxen sowie des Kampfs gegen die Prekarisierung der aktuellen Lebensbedingungen.


2.2 Du wirst in deinem ganzen verdammten Leben keine Wohnung haben 

Eine Schlüsselstelle, von der aus die Reterritorialisierung in den Begriffen der Prekarität und der mit dem Alltagsleben verknüpften Probleme denkbar ist, war das „Recht auf würdigen Wohnraum“, von dem aus unter dem Motto „Du wirst in deinem ganzen verdammten Leben keine Wohnung haben“ dieses fundamentale Recht an die vorderste Front der öffentlichen Debatte gebracht wurde. Damit wurde zugleich die Gewalttätigkeit des Wohnbaus, die Zerstörung des Territoriums sowie die Neuorganisation der Metropolen zugunsten des Kapitals im Zeitalter des Postfordismus sichtbar gemacht.

Es gibt zwei Meilensteine, die den Beginn des vibrierenden Immobilienspekulationsprozesses markieren, der sich seit zwanzig Jahren im spanischen Staat ereignet. Erstens die Kundmachung des Hypothekarmarktgesetzes, das Teil der Pakte von Moncloa 1977 bildet und zweitens die Kundmachung des Boyer-Dekrets (Real Decreto-Ley 2/1985). Mit ersterem wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass sich Hypotheken in ein appetitliches Geschäft für Finanzagenturen verwandeln konnten; zweiteres war der Startschuss im Rennen um die Belästigung und Zerrüttung der MieterInnen.[10] 

Dieses brennende Problem mobilisierte am 14. Mai 2006 mittels eines anonymen Aufrufs im Netz[11] Tausende von Leuten, unabhängig von jeder Organisation, Vereinigung oder Partei, die die Straßen stundenlang spontan besetzten und eine originelle, kreative und neuartige Mobilisierungsform ins Leben riefen. Hier trafen sich Leute, die spürten, dass der Aufruf sie im Hinblick auf eine Verbindung mit ihren vitalen Erfahrungen ansprach und einen neuartigen Raum der Begegnung hervorbrachte, einen fröhlichem, gemeinsamen und im Alltagsleben verneinten Protest.

Es ereignen sich die ersten Sitzungen für das Recht auf Wohnraum (zeitgleich in mehr als 20 Städten), später große spielerisch-festliche Massendemonstrationen, kommunikative, originelle, eigene Bilder werden geschaffen. Supervivienda[12] beispielsweise stellt eine fiktive Gestalt dar, die die Realität ironisiert und mit der sich alle identifizieren können: Überleben im prekären Dschungel. Supervivienda fordert ein kollektives Recht zur Verteidigung gegen die Prekarisierung des Lebens (die Gestalt greift das Problem ihrer individualisierten Erfahrung auf und verleiht ihm einen anderen Sinn). Zur gleichen Zeit, in der auch vermehrt Experimente im Bereich der symbolischen Produktion möglich waren, wurde ein gemeinsames Imaginäres in einem Mythenbildungsprozess geschaffen.

Diese machtvolle Fähigkeit zur Schaffung von Imaginärem und Subjektivierung ebenso wie die Verbindung mit einem realen, alltäglichen und massiven Problem führte dazu, dass die politische Macht sich positionieren und Maßnahmen ergreifen musste, die zwar nicht in Richtung dieser Rechte gehen, aber sehr wohl die diesbezügliche Debatte ans Licht bringen: das neue Wohnungsgesetz auf staatlicher Ebene, der Nationalplan für Wohnraum sowie ein neues Gesetz in Katalonien, in das Maßnahmen aufgenommen wurden, die wohl partiell, aber hinsichtlich neuer Möglichkeiten von Kampf und Ankunft im Alltäglichen interessant sind.

Worin könnte angesichts einer Mobilisierung, die in ihrem Wuchern die übliche Organisation sozialer Bewegungen überschritten hat, die Rolle oder der Beitrag von Dispositiven wie den Büros für soziale Rechte bestehen, die versuchen, sich jenseits solcher spontanen Momente zu organisieren? Die vollständig heterogene Zusammensetzung dieser Mobilisierungen zu respektieren, zu animieren, die militanten Kenntnisse, die brauchbar sein könnten, zu teilen, die Forderungen, die sich jenseits der klassischen Kreisläufe produzieren, anzuhören (nicht in der Versammlung, sondern beispielsweise im Blog[13]), sich den Paradoxien zu widmen und diese nicht zu annullieren, Kreativität und Kommunikationsformen zu fördern, die sich in ihrem Inneren produzieren, all das sind Elemente, die als Herausforderungen auftauchen, um jede Art von Forderung oder Kampfprozess bezüglich des Rechts auf Wohnraum in der Hitze dieser Mobilisierungen zu begleiten und zu konstruieren. Die Sozialrechtsbüros versuchen all das jenseits dieser einzelnen Momente aufrechtzuerhalten.

 
2.3 Neue Klassenpolitiken und -institutionen gegen die Prekarisierung stammeln

Bereits seit einigen Jahren versuchen verschiedene (post)autonome Bewegungen ein gemeinsames Werden von einheimischen und migrantischen Prekären zu bilden und zu ermöglichen.[14] Sie versuchen die Instrumente militanter Untersuchung sowie die Kartographie[15] subjektiver Entstehungsprozesse im Sozialen zu verfeinern und zu aktualisieren und damit das Begehren, RebellInnen und Rebellionen innerhalb der Migrationsprozesse und der neuen urbanen Kulturen zu entdecken; das Begehren, von anderen Politisierungen zu lernen; das Begehren, sich zu vermischen und gemeinsame Begriffe und Artikulationen zwischen den Figuren zu bilden, die die metropolitane Flexploitation überleben; das Begehren, neue Kriegsmaschinen zu bauen. Wir forschen und versuchen, neue experimentelle Prototypen eines nomadischen und monströsen Syndikats hervorzubringen: ein biopolitisches Syndikat[16], einen neuen sozialen Syndikalismus[17] oder Biosyndikalismus[18], eine verkörperte Waffe zur Neuanordnung lebendiger Arbeit.

Die Hypothese von einem sozialen oder biopolitischen Syndikat sollte heute im Rahmen der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts agieren, im Rahmen der permanenten Rotation und Vermehrung neuer Vertragsformen; im Rahmen der ArbeiterInnen „entránsito“ [im Übergang], mit Unterbrechungen, prekär, die gegen die Instabilität als eine Form der Beherrschung ankämpfen: Die arbeitsmäßige Instabilität findet in der sozialen Zerstreuung ihre Entsprechung außerhalb der Arbeit.

Diese Notwendigkeit einer subjektiven Konstruktion von Klassenbiopolitik, eines großen Subjektivierungspols gegen die Prekarisierung, der die soziale Zerstreuung angreift sowie die Massenmedialisierung der Subjektivität und der aktuellen Befehlsgewalten sollte unter Beachtung unterschiedlicher Dimensionen und grundsätzlicher Richtungen durchgeführt werden:

(a) Die Schichtung der neuen Klassenstruktur metropolitaner Ausbeutung: Die beiden großen sozialen Segmente, die sich heute auf den niedrigsten Einkommensstufen in der städtischen Hierarchisierung befinden (Unterhalt und europaweite Rechte), sind das „metropolitane Servoproletariat“[19], sie sind der neue Zustand der working poors, metropolitane ProletarierInnen, hauptsächlich MigrantInnen (mit oder ohne Papiere), Frauen (aufgrund ihrer doppelten Voraussetzung von unsichtbar Gemachten und Ausgebeuteten) sowie einheimische Prekäre, die überleben, indem sie sich gegen die prekarisierte, kognitive, beiseite geschobene, kodifizierte und unterbezahlte Arbeit wehren.

(b) Die Mächte und Virtualitäten dieser technischen und subjektiven Zusammensetzung bis zum Äußersten ausnutzen: Schwärme eines produktiven Lebens und kritisch-kreativer Minderheiten, Trägerinnen eines neuen beruflichen und autonomen Ich-Unternehmertums sowie TrägerInnen von Lebensformen, die parallel zum System Biomacht-workfare bestehen. „Es handelt sich darum, neue Aktionsformen hervorzubringen, die diese Vielheit ausnützen. Wenn die Massengewerkschaft sich auf der Grundlage einer wachsenden Homogenität der Lebensbedingungen von ArbeiterInnen konstituierte, sollte der biopolitische Syndikalismus seine Kraft im Reichtum der Differenzen finden können, in der Fähigkeit, die Heterogenität politisch zu artikulieren“[20]; die Macht von Mobilität, Unterbrechung, Kommunikation und autonomer Kooperation zwischen Gehirnen selbst bestimmen und zu Waffen von Kampf und Zusammenrottung machen.

(c) Der soziale oder biopolitische Syndikalismus muss der strikten korporativen Trennung der bestehenden Gewerkschaftlichkeit entwischen (ohne sich der Intervention in die problematischen gewerkschaftlichen Repräsentationen innerhalb der Unternehmen a priori zu enthalten). Er muss versuchen, intelligent und beweglich sowohl innerhalb wie außerhalb des Arbeitsplatzes anzugreifen und es verstehen, neue Horizonte im Zusammenfluss (gemeinsame Forderungen) der vielfältigen Formen prekärer Existenz zu produzieren. Dies ist zentral für seine Veränderungsfähigkeit.

(d) Die machtvollen Formen eines neuen sozialen Syndikalismus werden aus einer Pragmatik entstehen, die noch erfunden werden muss. Diese wird sich teilweise aus Reibungen, Ansteckungen und Kämpfen zusammensetzen, die innerhalb derselben Produktionsprozesse von Subjektivität, Gemeinschaft, Organisation und Mobilisierung zwischen migrantischen Gemeinschaften gelebt und gestärkt werden.

Der neue soziale und/oder biopolitische Syndikalismus darf als soziale Tendenz die Notwendigkeit nicht ausschließen, innerhalb der bestehenden Lohnarbeit zu kämpfen. Er darf nicht aufhören (wenn möglich in jeder Lage) zu versuchen, die gewerkschaftlichen Räume, die zu einer großzügigen Öffnung bereit sind und ihre Ressourcen sowie ihr begehrtestes Wissen beisteuern, erneut zu aktualisieren und neu zu subjektivieren. „Die organisierten prekären Subjektivitäten“ sollten nicht aufhören, Überkreuzungen mit migrantischen Figuren und prekarisierter Arbeit zu forcieren und herzustellen; sie sollten nicht aufhören zu fordern, dass die gewerkschaftlichen Strukturen sich an jene Subjekte anpassen, die diese heute benötigen. Das steht nicht im Gegensatz dazu, die neuen Institutionen des sozialen oder biopolitischen Syndikalismus als Büros für soziale Rechte zu denken.

Wir befinden uns heute in einer embryonalen Phase dieser Hypothese und einer der wichtigsten Einsätze besteht in der Herstellung dieser hybriden Prototypen. Sie funktionieren ausgehend von konkreten physischen Räumen (die Sozialrechtsbüros ebenso sein können wie Sozialzentren der zweiten Generation, Basisgewerkschaften oder Gemeinschaften von „Betroffenen“, die sich in einer konkreten Situation organisieren), indem sie Kenntnisse, Logistiken und Begehren anziehen und akkumulieren, welche die Schnittstelle dieses doppelten Werdens katalysieren: das biogewerkschaftliche Experiment und die wiederholten Neuverbindungen zwischen Prekären und MigrantInnen.



[1] Vgl.: Maurizio Lazzarato und Antonio Negri, „Trabajo inmaterial y subjetividad“ (1990) in: Brumaria 7. Arte, máquinas, trabajo inmaterial, November 2006 (http://www.brumaria.net/erzio/publicacion/7/73.html).

* [Der spanische Begriff „cuidado“ steckt einen Bedeutungsbereich ab, der von „Pflege“ bis zur „Vorsicht“ reicht. Hier und im Folgenden wird er mit Sorge und Sorgeleistung übersetzt, da über die Pflege anderer hinaus etwa auch die „Sorge um sich“ angesprochen ist; vgl. etwa Anmerkung 7 des vorliegenden Texts. (Anm. d. Übers.)]

[3] In Folge bringen wir eine Aufzählung der Sozialrechtsbüros, die bisher im spanischen Staat in Gang gesetzt wurden, jedes mit seinen eigenen Differenzen und Singularitäten: Büro für soziale Rechte im Sozialzentrum Patio Maravillas, Madrid (http://blog.sindominio.net/blog/patio_maravillas/general/2007/12/09/presentaci_n_y_programaci_n_oficina_de _derechos_sociales), Büro für soziale Rechte im Sozialzentrum Seco, Madrid (http://ods.cs-seco.org), Todasacien: Agentur für prekäre Angelegenheiten in der Eskalera Karakola, Madrid (http://www.sindominio.net/karakola/precarias/todasacien/todasacien_invit.htm), Büro für soziale Rechte im Nachbarschaftszentrum El Pumarejo, Sevilla (http://estrecho.indymedia.org/newswire/display/10855/index.php), Büro für soziale Rechte im Ateneu Candela, Terrassa (http://www.communia.org/candela/?q=node/541). 

[4] „Unterhalt, Wohnung und Papiere für alle“ ist die Losung, die beispielsweise im Netzwerk des Büros für soziale Rechte im Patio Maravillas aufscheint. „Das Recht auf Rechte“ ist eine weitere häufig gebrauchte Parole.

[5] Besteht die Aufgabe des Feminismus möglicherweise nicht darin, sich um die neuen Beantwortungsprozesse zu kümmern, die nicht so sehr innerhalb der organisierten Bewegung entstehen, als vielmehr in der ebenso individuellen wie kollektiven Zerstreuung des Sozialen? Transnationale Pflegerinnen, Hausangestellte ohne Papiere, Hyperprekäre mit Subkontrakten, Einheimische mit Stundenverträgen, mittellose Mütter, Großmütter ohne Pflegerinnen, Frauen in mehrfachen Anstellungsregimen … zaghafte Organisationen und individuelle Antworten. Wie sieht die Antwort auf all diese Formen und Situationen aus? Wie lässt sich Feminismus, wie lassen sich Feminismen zusammensetzen, fähig, all das auszudrücken, ohne zu ersticken?

[6] Vgl.: C. Borrego, A. Pérez Orozco und S. del Rio, „Precariedad y cuidados“, in: Materiales de reflexión Nr. 7, Rojo y Negro, September 2003; Precarias a la Deriva, „Cuidados globalizados“, A la deriva por los circuitos de la precariedad femenina, Madrid: Traficantes de Sueños, 2004; Cristina Vega, „Interrogar al feminismo. Acción, violencia y gubernamentalidad“, in Paris: Multitudes Nr. 12, 2003; A. Pérez Orozco, Perspectivas feministas en torno a la economía: el caso de los cuidados, Consejo Económico y Social, Madrid 2006.

[7] Im Manifest vom 8. März 2007 haben einige Frauengruppen in Madrid die Sorge in folgender Weise definiert: „Sorgeleistungen machen eine Gesamtheit von Aufgaben aus, deren Ziel darin besteht, zusätzlich zur Sorge um sich, Dritten physisches und psychisches Wohlergehen zu verschaffen. Die Erfüllung dieser uns alle betreffenden Bedürfnisse erfordert eine Arbeit, die nicht nur materielle Aufgaben umfasst (etwa Essen, Wäsche und Reinigung), sondern auch eine gesamte immaterielle und schwer zu quantifizierende Komponente mit sich bringt, die mit den Affekten zu tun hat, die in solchen Verhältnissen vermitteln und sich im Alltagsleben ergeben. Es handelt sich um Kommunikation, Produktion von Gesellschaftlichkeit, Affektfähigkeit, Empathie. Diese der Sorge eigene Komplexität macht sie zu einer Arbeit, die nicht quantifizierbar ist, sich nicht auf eine Zeiteinteilung reduzieren oder auf festgelegte Aufgaben einschränken lässt und auf die unmöglich hingewiesen und gesagt werden kann: ‚Hier beginnt sie und hier endet sie.’ Sorgeleistung ist unverzichtbar für die Erhaltung und Nachhaltigkeit des Lebens, auch wenn sie paradoxerweise vollständig unsichtbar gemacht worden und unterbewertet sein mag.“  

[8] Vgl.: Carole Pateman, The Sexual Contract, Standford: Standford University Press, 1988.

[9] Vgl.: Ariel Russel Hochschild, „Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert“, in: Anthony Giddens und Will Hutton (Hg.), Die Zukunft des globalen Kapitalismus, Frankfurt a. M./New York: Campus 2001, S. 157–176.

[10] Workshop gegen die wohnbauliche und städteplanerische Gewalt, El cielo está enladrillado: entre el mobbing y la violencia immobiliaria y urbanística, Ediciones Bellaterra 2006 (http://www.sindominio.net/violenciaurbanistica/?q=node/6).

[11] Die fragliche Nachricht lautete: „Hallo Alle. Ich weiß, dass dieses e-mail vielen anderen ähnlich sehen mag, die im Netz zirkulieren, aber das trifft nicht zu. Dieses e-mail wird in ganz Spanien verschickt, um unsere Rechte einzufordern. Wir haben den gesamten März hindurch den Aufruf zu riesigen Saufgelagen in ganz Spanien miterlebt. Dieser Aufruf ist anders. In Frankreich protestieren die Jugendlichen für eine „Änderung“ der ausbeuterischen Arbeitsverträge. Viele Stimmen in diesem Land haben sich darüber aufgeregt, dass die Jugendlichen nichts machen würden. Na gut, werden wir es ihnen zeigen? FÜR WÜRDIGEN WOHNRAUM, HER DAMIT!!“

[14] Entránsito (Raum für Forschung und Aktion des Prekariats), Migrantes y precarios. Señales de un devenir común, 2004; http://estrecho.indymedia.org/newswire/display/7778/index.php.

[15] Nicolás Sguiglia und Javier Toret, „Kartographie und Kriegsmaschine. Herausforderungen und Erfahrungen mit der militanten Untersuchung im Süden Europas“, übers. v. Birgit Mennel, in: transversal: Militante Untersuchung, April 2006 (http://transform.eipcp.net/transversal/0406/tsg/de)

[16] Franco Ingrassia, „11 ideas precarias para un sindicalismo biopolítico“, 2005 (http://maydaysur.org/node/39).

[17] Interview mit dem Büro für soziale Rechte von Sevilla, geführt vom Team des Magazins La Dinamo, 2007; (http://estrecho.indymedia.org/newswire/display/67215/index.php).

[18] Precarias a la Deriva, „Léxico europeo provisional de libre copia, modificación y distribución para malabaristas de la vida, 2005 (http://maydaysur.org/node/38).

[19] Emmanuel Rodriguez im Buch des Observatorio Metropolitano, Madrid, ¿la suma de todos?, Madrid: Traficantes de Sueños, 2007; [Eine Rezension von Maribel Casas und Sebastian Cobarrubias findet sich auf: http://transform.eipcp.net/correspondence/1204745057, (Anm. d. Übers.)].   

[20] Franco Ingrassia, „11 ideas precarias para un sindicalismo biopolítico“, 2005 (http://maydaysur.org/node/39).