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04 2008
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Jupitermonde: Netzwerk-Institutionen im Kontext des Wandels der Produktion in Europa

Übersetzt von Steffi Weiss, Beratung: Klaus Neundlinger

Francesco Salvini

Francesco Salvini

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Klaus Neundlinger (translation)

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Steffi Weiss (translation)

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transversal

monster institutions

Ob sie bloß mit zwei
Freunden oder bei einer öffentlichen
Versammlung sprachen,
man merkte, dass sie immer dabei waren, ein Netz zu spinnen.
Beide waren unermüdliche Weber von
Spinnennetzen, aber was sie
voneinander unterschied, war,
dass es dem einen bloß darum ging,
Fliegen zu fangen, um die eigene Position zu stärken,
während für den anderen die Spinnennetze Verbindungsorgane
in der Welt der Insekten darstellten.
(Nanni Balestrini)

 
Wir möchten in diesem Artikel einige Reflexionen zum Konzept der Netzwerk-Institutionen als einer im Entstehen begriffenen Form der Kooperation zwischen den sozialen Bewegungen anstellen. Deshalb werden wir vor dem Hintergrund der Bildung eines gemeinsamen europäischen Raumes sowohl der Herrschaft als auch des Widerstandes und Organisierens von Kämpfen einige Fragen zu innovativen Organisationsformen sowie zu Transformations- und Kristallisationsprozesse aufwerfen, die die Bewegungen im letzten Jahrzehnt charakterisiert haben. Insbesondere werden wir uns auf die Arten der Verknüpfung und gegenseitigen Befruchtung verschiedener Formen des politischen Gedächtnisses konzentrieren, die in diesen Jahren zur permanenten Neu-Erfindung von Organisationspraxen geführt haben. Wir erheben dabei nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild zu zeichnen, das die vielgestaltige Geographie der Bewegungen zu rekonstruieren imstande wäre. Unsere Absicht besteht eher darin, einige Ereignisse und Prozesse in ihrem jeweiligen Kontext zu verorten, herauszuarbeiten, an welchen Punkten sich Gemeinsamkeiten der Kämpfe herauskristallisieren, und einige Orientierungshilfen zu bieten, die dazu dienen sollen, sich in der Komplexität zu bewegen, ohne sich darin zu verlieren (Braidotti 1994).

Raul Sánchez hat in einem kürzlich in diesem Webjournal erschienenen Artikel zu Recht festgestellt, „dass die Thematik der Institutionen eine außergewöhnliche Aktualität im Verhältnis mit dem Problem der sozialen (und letztlich der politischen) Gegenmächte darstellt, mit dem Projekt eines Netzwerks von Gegenmächten, die imstande sind, eine diskontinuierliche und unvorhersagbare Dynamik auszuhalten, von einem konstituierenden Exodus aus dem komplexen Dispositiv Kapitalismus-Governance-Krieg“ (Sánchez Cedillo, 2007).

Wir schlagen deshalb eine erste Arbeitsdefinition der Netzwerk-Institution als synchrone Institution von Kartographien vor, die je nach Situation vorgeht, indem sie sich innerhalb variabler Geometrien verändert, und die dort gemeinsame Begrifflichkeiten entwickelt, wo sich gemeinsame Intensitäten, übereinstimmende Zeitlichkeiten und geteilte Perspektiven zwischen den untereinander verschiedenen, aber „zusammenfügbaren“ sozialen Bewegungen herausbilden. Wir stellen dieses Konzept der synchronen Institution der Institution der Partei gegenüber, die den eigenen Prozess in diachronen, dem Prinzip der logischen Folge gehorchenden Begriffen konzipiert und die die Bestimmung der eigenen Entwicklungslinien einer teleologischen Programmatik anvertraut. Damit wollen wir nicht behaupten, dass in den Netzwerk-Institutionen das Problem des Programms verschwinde, sondern, dass sich in diesem Kontext das Problem radikal verändert und eine Reflexion über Organisationsfragen und deren Realisierung Priorität einnimmt. Die technische Möglichkeit einer engen sozialen Kooperation – durch rechtliche Dispositive (Möglichkeiten des transnationalen Zusammenschlusses, Finanzierungskanäle), Informatik-Ressourcen (wetware und netware; Moulier-Boutang, 2001), Mobilitäts-Infrastrukturen – bereichert das Spektrum der Praxen, die den Bewegungen bei der Schaffung horizontaler Formen institutioneller Praktiken zugänglich sind, oder anders gesagt der Praxen, durch die man komplexe und projektbezogene Rahmenbedingungen für die gemeinsame Gestaltung selbstorganisierender Prozesse bestimmen kann.

 
Sich verorten

Rufen wir zunächst in allgemeinen Begriffen die neuen Formen der Gouvernementalität in Erinnerung, die darauf abzielen, die Heterogenität des europäischen politischen Raums in ein Kontinuum zu verwandeln. Warum haben wir zu einem bestimmten Zeitpunkt die Notwendigkeit verspürt, unsere Aufmerksamkeit auf Projekte zu richten, an denen andernorts gearbeitet wurde? Welche Verbindungslinien haben wir aus dem Vergleich mit unseren eigenen Aktivitäten herausgelesen? Besteht eine Beziehung, und wenn ja, welche, zwischen der in den letzten Jahren geführte Debatte über die – tatsächliche oder scheinbare – Notwendigkeit, das politische Handeln aufgrund einer europäischen Regierungsdimension neu zu artikulieren, und der Krise der Regulierungsformen der gesellschaftlichen Produktion und politischen Repräsentation der Gesellschaft?

1. Während einerseits in den letzten Jahren das Projekt einer komplexen und sich auf vielen Ebenen  artikulierenden Gouvernementalität entstanden ist (Dark 2002; Agnew 2002), die den europäischen Raum durchdringt, um die Politik der einzelnen Staaten untereinander zu homogenisieren, so entwickelt sich andererseits dieser selbe Prozess auch durch das Einbeziehen untereinander heterogener Gebiete und Subjekte, und zwar indem dieser Raum durch die Polarisierung bereits bestehender Machtbeziehungen artikuliert wird, indem transversale Allianzen, Macht- und Abhängigkeitsbeziehungen geschaffen werden (Sassen 2006). Eine der wichtigsten Aufgaben, vor denen der heutige Kapitalismus steht, ist es, radikal heterogene, geographische, politische, rechtliche, soziale und kulturelle Skalen in der globalen Dimension aktueller Akkumulationskreisläufe zu schaffen (Mezzadra 2007). In diesem Prozess spiegelt sich die asymmetrische Zusammensetzung Europas, die anhand der Nord-Süddynamik besonders sichtbar und bei der Einbindung Osteuropas von zentraler Bedeutung ist, in der permanenten Polarisierung der Metropolen wider. In diesem Sinne können wir sehen, wie die politische Produktion von Konvergenzkriterien auf europäischer Ebene (Maastricht: Schulden, Defizit, Inflation, Zinssätze), von neuen Regimen für die Bildung, den Arbeitsmarkt und Migrationspolitiken (Bologna, Amsterdam, Bolkenstein und Schengen) auf der Ebene der Kommunalpolitik der europäischen Städte wiederholt wird: in Form von Gentrifizierung des urbanen Raums, Prekarisierung des Arbeitsmarktes und Multikulturalisierung des Sozialen sowie in Form des Einsatzes der menschlichen Vermögen wie der Sprache, der Affekte, der Kooperation, der Hervorbringung von Differenzen und des Wissens im Rahmen der Wertschöpfungsprozesse. Diese neue Gouvernementalität arbeitet, indem sie den sozialen Raum segmentiert, und zwar mit dem Ziel, „die Unternehmensform im Körper und im sozialen Gewebe zu generalisieren [und] das soziale Gewebe zurückzunehmen, [damit] es auseinandergezogen, aufgeteilt und aufgebrochen werden kann, nicht gemäß dem Gefüge der Individuen, sondern gemäß dem Gefüge des Unternehmens“. (Focault 2006)

2. Zumindest in meiner persönlichen Sicht sind es verschiedene kollektiv geteilte Erfahrungen seit den 1990ern, die dazu führten, dass einzelne Militante –  noch vor den Bewegungen selbst – die Notwendigkeit eines Zusammentreffens mit anderen politischen Subjekten der Bewegungen auf europäischer Ebene erkannten: nicht so sehr, um ein gemeinsames politisches Projekt zu schaffen, sondern vor allem, um die Geschichte des Widerstands und der vielfältigen Lebensformen (sowie der Organisations- und Aktionsformen), die in den 1990er Jahren im europäischen metropolitanen Raum entstanden sind, zu rekonstruieren.

Einen entscheidenden Augenblick in der Möglichkeit, einen Neubeginn der Geschichte vorzustellen,  markiert sicherlich der 1. Januar 1994. Genauso wichtig ist es jedoch, nicht die Geschichte der kleineren Bewegungen zu vergessen, die sich in Europa erneut mobilisieren, indem sie ihre eigenen Daseinsweisen finden, neue und gemeinsame Erfahrungen schaffen, einander begegnen und suchen. Einige Ereignisse können in diesem Zusammenhang zur Orientierung beitragen. Eine der ersten Gelegenheiten, zu denen sich Militante und AktivistInnen zusammenfinden, um über die Verbindungslinien zwischen den Prozessen in den einzelnen geographischen Räumen zu diskutieren, ist das internationale Treffen „Contro l’Europa dei Padroni” in Venedig im Jahr 1991. Genauso werden in den darauf folgenden Jahren die ersten Mobilisierungen gegen den G7 die ebenso persönliche wie politische Biographie jener Bewegungen zeichnen, die eine lange Durststrecke hinter sich haben. Sicherlich werden nach 1994, mit dem zapatistischen Aufstand, mit den ersten globalen Mobilisierungen (Madrid 94) und dem Wiederaufblühen einer intensiven Debatte unter den Bewegungen in den Zeitschriften und Fanzines, und unterstützt durch den sozialen Gebrauch des BBS-Netzes (Scelsi, 1994) die Spinnennetze, die Europa durchziehen, dichter.

Einen Wendepunkt in der Produktion gemeinsamer Aktionen auf europäischer Ebene stellt die Demonstration gegen Arbeitslosigkeit 1997 in Amsterdam dar, wo die Squatter-Bewegung, die centri sociali, der ‚europäische’ Zapatismus, die beginnende globale Protestbewegung, Basisgewerkschaften und unzählige häretische Bewegungsformen Tausende Menschen zu einer Reise einladen, bei der die Schengengrenzen überquert werden. Amsterdam verkörpert deshalb einen Wendepunkt, den wir mit dem Mobilisierungszyklus von London, Prag, Nizza, Davos, Göteborg, Genua, etc. in Beziehung  setzen können.

 
Gemeinsame Begriffe und Trennungslinien

Anstatt mit einer verschwommenen Genealogie der Bewegungen und einer unvollständigen Liste der Netzwerke der letzten Jahre fortzufahren, wollen wir versuchen, ihre Spielräume zu erforschen und einige gemeinsame Begriffe vorzuschlagen, die sie als nach vorne gerichtete Gegenmächte auszeichnen, welche sich durch diese Netzwerkerfahrungen geöffnet haben. Wir werden dabei auch auf einige Punkte der Trennung, auf einige terrae incognitae, hinweisen, bei denen es uns notwendig erscheint, neue Labors des politischen Handelns einzurichten und neue Experimente durchzuführen.

1. Der erste Spielraum besteht in den Orten der Autonomie der letzten zehn Jahre: das Er-Finden neuer Organisationsformen im städtischen Bereich (wie zum Beispiel der centri sociali, der Infoshops, Kampagnen des union organising und anderer Formen des sozialen Syndikalismus), die in den letzten Jahren in Europa lebendige und sich in permanenter Ausbreitung befindliche Labors dargestellt haben. Es ist in diesem Sinn interessant, sich einige Beispiele in Erinnerung zu rufen. In der Debatte über die Organisation der sexuellen Arbeit gibt es einen interessanten Trennungspunkt innerhalb der Bewegungen: Während nämlich für viele Genossinnen und Genossen in Europa (ISWU, Licit, Hetaira, Comitato per i diritti civili delle Prostitute, MAIZ, Doña Carmen) die Aufnahme der sexuellen Arbeit innerhalb des breiten Statuts garantierter Arbeit einen notwendiger Kampf für soziale Rechte und für den Bruch des sozialen Ausschlusses bedeutet, verteidigen Sonia Sánchez von AMMAR Capital in Buenos Aires und María Galindo von den Mujeres Creando (La Paz) die Unmöglichkeit, die Prostitution als Arbeit anzuerkennen. Sie vertreten diese Position vor dem Hintergrund der (physischen und symbolischen) sexuellen Gewalt, der die sie praktizierenden Frauen ausgesetzt sind (Galindo und Sánchez, 2007). Und dennoch geht diese Unterscheidung aus Elementen gemeinsamer Methoden in der Analyse des Bestehenden hervor. Die erste Position entsteht im Kontext des Ausschlusses aus dem Sozialsystem und der ausgrenzenden Stigmatisierung (bei den Gewerkschaften, in den staatlichen Strukturen, in der katholischen und der Arbeitsmoral) wie der daraus folgenden Notwendigkeit, das Recht der Sexarbeiterinnen durchzusetzen, selbständig und öffentlich das Wort zu ergreifen. Auf der anderen Seite entwickelt sich die Position von Galindo und Sánchez (insbesondere die von AMMAR) im lateinamerikanischen Kontext auch aufgrund der Notwendigkeit, die Machtbeziehung mit den Gewerkschaften zu durchbrechen, die Autonomie der Prostituierten zu bestätigen, um die Verhältnisse des Ausschlusses und das Monopol der Repräsentanz zu unterbrechen. Ebenso vielfältig sind in Europa die Beziehungen der politischen Bewegungen mit den Strukturen des Staates, wo die Kanäle der Beziehung, des Angriffs, der Kooperation und Finanzierung von den jeweiligen lokalen institutionellen Geographien abhängen: In Italien hat die Machtdifferenzierung auf lokaler Ebene und die Unterscheidung zwischen Politik und Verwaltung (Stadtgemeinden, Provinzen, Netze neuer Stadtverwaltungen) die Bewegungen in den letzten Jahren dazu gebracht, die Beziehung mit den Institutionen vor allem auf lokaler Ebene zu überdenken und neu auszuhandeln; in Großbritannien hingegen nehmen die akademischen Institutionen und die einzelnen Gewerkschaftsverbände eine bedeutsamere Rolle in den Diskussionen und Strategien der Bewegungen ein, sowohl aufgrund ihrer historischen Rolle als auch wegen der klaren Aufteilung der britischen Institutionsformen.

Mit diesen zwei Beispielen wollen wir unterstreichen, wie mit der Suche nach absoluten Tendenzen in den Bewegungen oft auch die Möglichkeit entschwindet, andere gemeinsame, aber nicht notwendigerweise koordinierte Tendenzen zu erkennen. Bedeutsam sind diese Tendenzen vor allem hinsichtlich der Unmöglichkeit, eine letztgültige Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Prozessen festzustellen. Wenn man diese Zusammenhänge jedoch synoptisch und nicht synthetisch interpretiert, dann ist es möglich, nicht nur zwischen den verschiedenen Projekten Übereinstimmungen zu erkennen, sondern – letzten Endes – zwischen diesen Projekten und den sozialen Veränderungen, deren Motor oder lediglich Spiegel die Bewegungen sein können. Es ist von wesentlicher Bedeutung, die Anpassungsfähigkeit und die Möglichkeit einer Neufassung der Ethik der Autonomie in Abhängigkeit des jeweiligen Kontextes zu begreifen, um die verschiedenen möglichen Bauweisen einer Netzwerk-Institution zu denken. Denn nur durch den offenen Austausch und die Auseinandersetzung zwischen diesen Handlungsmodi ist es möglich, Bündnisse zwischen einzelnen Realitäten in den verschiedenen Gebieten zu konstruieren und taktische Kartographien auszuarbeiten, die die alltägliche Intervention innerhalb der unwegsamen Strukturen und der sich verändernden Mikropolitiken der Governance erleichtern.

2. Ein zweiter Prozess, auf den wir unsere Aufmerksamkeit richten möchten, betrifft die  Konstruktion gemeinsamer organisatorischer Prozesse, die neue Paradigmen der Vernetzung und der Übersetzung von ‚Sprachen’/Sprechweisen und Praktiken erfunden haben. Wie wir schon sagten, ist die Kontinuität des europäischen Raums stark durch eine Regierungstechnik gekennzeichnet, welche die Heterogenität neu zusammensetzen und die Komplexität dieses Raumes sozialer Kooperation auf die Logik des Tauschwerts zurückzuführen möchte.

Die ‚heterolinguistische’ Produktion (Sakai & Neilson, 2004; Mezzadra, 2007) der Bewegungen versucht hingegen konkret ‚Sprachen’ zu schaffen, die an der Wurzel der antagonistischen Dimensionen des Realen situiert und imstande sind, sich von Subjekt zu Subjekt zu bewegen, sich von einem Kontext in einen anderen zu übersetzen.

Dieser Prozess beinhaltet die Notwendigkeit, in jeder Situation die Pluralität der ‚Sprachen’ anzuerkennen und in den heterogenen sozialen Räumen die Praxis und den Diskurs zu kontextualisieren, „auch in  jenen, die normalerweise als ‚monolinguistische’ [Situationen] gedacht werden“ (Solomon, 2007).

Die Vielzahl und die Komplexität dieser Netze verweigern sich sowohl mit ihren Erfolgen als auch ihren Beschränkungen dem Eindruck einer im Vorhinein festgelegten Konfliktlösung, der glatten sozialdemokratischen Rhetorik der Europäischen Union. Und sie erlauben uns, die inneren Grenzen, die subjektiven Differenzierungen und globalen Asymmetrien, die entstehenden Subjektivitäten und Praktiken, oder, anders gesagt, auch diesen Komplex von problematischen Wendungen, von Konflikten und Antagonismen anzuerkennen, die den netzartigen europäischen Raum bevölkern.

Wenn wir jedoch die diskursiven Felder der Initiativen der Bewegungen ab 1994 zu rekonstruieren versuchen, bemerken wir – wie sich auch in einer kürzlich stattgefundenen Diskussion zwischen Militanten und Aktivisten verschiedener Regionen Europas herausgestellt hat –, wie die Handlungsfelder sich um die klassischen Stichwörter der sozialen Regulierung und der Arbeit herum strukturieren, die in immer stärkerem Ausmaß mit den Sphären der Kommunikation und des Wissens verbunden sind. Trotz des theoretischen Interesses an der über die Arbeit hinausgehenden Dimensionen sozialer Kooperation sind die Sprachen (und Praktiken) der Bewegungen noch immer eng mit diesen Handlungsfeldern verbunden. Deshalb erscheint uns der Versuch notwendig, die „imaginäre Gestalt“ der Bewegungen innerhalb der realen Komplexität der Verschiebung der Produktion von der Arbeit hin zum Leben zu überdenken, zu dekonstruieren und neu zu artikulieren. Wir müssen uns von der zwanghaften Vorstellung lösen, die sozialen Prozesse des Antagonismus einzig und allein auf die Dynamiken der Produktion zurückzuführen. Vielmehr müssen wir uns der Vielgestaltigkeit der heute in die Produktion einbezogenen Existenzweisen zuwenden. Nur so können wir nachvollziehen, wie das Kapital versucht, das Terrain der Auseinandersetzung in Richtung der immer neu sich herausbildenden Lebensformen zu verschieben und diese unter die Sprache des Tauschwerts zu subsumieren.

3. Ein dritter Punkt, der eine Reflexion wert ist, betrifft die Verschmelzung verschiedener Formen politischer Organisation. In den letzten Jahren sind in der Tat viele verschiedene Organisationsformen aus dem Zusammentreffen verschiedener historischer und subjektiver Wurzeln entstanden, die Veränderungsprozesse initiiert haben.

Es gab Prozesse, die nicht nur die ProtagonistInnen, sondern auch die Diskussionen und die politischen Kontexte, in denen die Bewegung zu verorten ist, aufgewühlt haben: die Beschleunigung etwa, die sie auf der spanischen Halbinsel durch die rassistischen Attacken in El Ejido (Almería) erfahren haben, und später durch die Welle von encierros von MigrantInnen, um deren Regularisierung 2001 und 2005 zu erreichen; die durch die Migration bedingte Erneuerung gewerkschaftlicher Aktionsformen über das Modell des union organizing in London; das Auftreten der Intermittents du Spectacle als soziale Protagonisten in Frankreich, oder das Entstehen von flash mobs wie V de Vivienda (Barcelona). Bei vielen Ereignissen hingegen ist es nur schwer möglich, dass – auch wenn sie in der Analyse als zentral anerkannt wurden – Prozesse tieferer Verschmelzung in Gang gesetzt werden; so etwa der Fall der mit den Attentaten in Madrid des 11. März 2004 verbundenen Netzwerke der afectados, die, nachdem sie an einer autonomen Reflexion über die soziale Dimension des Schmerzes und gegen den Krieg zu arbeiten versucht haben, nun immer weniger mit den Bewegungen verbunden und den klassischen Schemata rechts/links, Komplott/Gerechtigkeit verpflichtet sind. Das Phänomen der Pariser banlieue ist ebenfalls zu dieser Art von Ereignissen zu zählen.  Hier macht die Abwesenheit klassisch wiedererkennbarer ‚repräsentativer’ Stimmen einen über die Analyse hinausgehenden Austausch zwischen den urbanen Revolten und der Entwicklung von Aktionsformen auf europäischer Ebene schwierig.

Wenn man die Netzwerk-Institution als synchrone Form der Bewegungen denkt, bedeutet dies, sich zum Undechiffrierbaren, zu den noch unbekannten Sprachen vorzuwagen und auf das Wachstum und die Verbindung der in Europa existenten jüngeren politischen Kulturen zu setzen. Es bedeutet, ‚Übersetzungsprozesse’ anzuregen, um neue Formen der sozialen Zusammensetzung zu schaffen, die fähig sind, die erstarrten Formen der Politik aufzubrechen, vor allem jene an der Basis, und mikropolitische Erschütterungen in der Gesellschaft auszulösen. Wir sind der Meinung, dass sich viele Dinge bewegen und dass eine Welle nicht aufzuhaltender Politisierungsprozesse Europa durchzieht. Einige dieser Prozesse sind auf der Seite des Projektes Ferrocarill Clandestino (www.transfronterizo.net) dokumentiert, wo Kollektive und Vereine migrantischer AktivistInnen Diskussionsräume eröffnen, und zwar nicht nur hinsichtlich der Art der Einforderung der eigenen Rechte im institutionellen Rahmen, sondern auch hinsichtlich der Frage, wie man Institutionen schaffen kann und wie man Instrumente des selbstorganisierten Welfare und Commonfare gemeinsam entwickeln und verwalten kann (Rodriguez, 2003) (Weitergabe von Rechtsinformationen, Selbstorganisation von Räumen, Kooperation, etc.). Zur gleichen Zeit hat die in Madrid seit längerem vorangetriebene Diskussion über Pflegearbeit und den „sexuellen Gesellschaftsvertrag“ zu einer spannenden Zusammenarbeit zwischen der Agencia de Asuntos Precarios (ein aus der Erfahrung der Precarias a la Deriva stammender politischen Raums der Selbstorganisierung) und dem aus Menschen mit Behinderungen bestehenden Forum Vida Independiente hinsichtlich der Verbindung von Pflege, Kontrolle und Autonomie geführt. Diese Menge von Projekten bildet eine synchrone Dimension der netzwerkartigen Kooperation, die verschiedene kleinere Organisationskulturen in politische Prozesse verwandelt und eine unebene Kampflinie schafft, um hinsichtlich des gegenwärtigen Geschehens eine vielgestaltige Erzählung zu entwerfen. Diese ist der Schaffung eines Europas der asymmetrischen Erinnerung entgegengesetzt – einer Erinnerung, die sich im Westen als unkritisch gestaltet, und über die gefallenen Grenzen des Eisernen Vorhangs hinaus als gehorsam.

 
Schluss

Innerhalb dieser Bewegung läuft diese Diskussion bereits – in der letzten Nummer der Zeitschrift Posse (‚La classe a venire’), in einigen kürzlich erschienenen Nummern und losen Artikeln von transform, wie auch in Debatten, Plena und Diskussionen in ganz Europa. Zum Schluss nehmen wir die Idee der „unmerklichen Politik“ wieder auf, und zwar als Schlüssel zum Handeln und der Verbindung eines vielschichtigen Raums „in Beziehung mit den unmerklichen Erfahrungen der Möglichkeit und Unterdrückung genau in der lebendigen  Arbeit“ (Tsianos und Papadopoulos, 2006). Die politischen Formen, die heute in der europäischen Gesellschaft sichtbar werden, können sich demnach nicht an bereits vorgezeichneten Wegen orientieren. Es wäre wenig sinnvoll, sich den bestehenden, staatlichen Formen der Repräsentation anzuvertrauen und mit den Institutionen eine Beziehung „von außen“ einzugehen. Diese neuen Lebensformen müssen sich entwickeln, indem sie die eigene Intelligenz den multiplen Formen der Macht anpassen, in einer direkten und konfliktreichen Beziehung mit der Regierung und über den Versuch, autonome Räume zu eröffnen, die eigene Stärke von der eigenen Singularität ausgehend aufzubauen, die jeweils unterschiedlichen Erfahrungen zu übersetzen und Hypothesen in vielgestaltigen Sprachen zu schaffen, ein lebendiges Gedächtnis zu mobilisieren und zu produzieren, das in der Lage ist, sich der imaginären Gestalt eines glatten und von allen Widersprüchen und Problemen freien Europas zu widersetzen. Wenn wir das Europa der letzten Jahre betrachteten, haben wir oft eine soziale Dynamik erkannt, die in den Logiken des Kapitals verfangen ist, in der die Bewegungen unfähig erscheinen, sich aufzurütteln und wieder Kraft zu bekommen. Und dennoch, manchmal, unmerklich wie die Monde des Galileo, bewegen sie sich.

Die in diesem Dokument wiedergegebenen Geschichten und Reflexionen habe ich in persönlichen Gesprächen oder im Rahmen der vielen Diskussionen gehört, an denen ich teilgenommen habe. Viele Genossinnen und Genossen werden hier eigene Aussagen wiederfinden, und nicht immer werden sie mit der Art und Weise, wie ich sie verwende, einverstanden sein. Ich bedanke mich dennoch für ihre Erzählungen, und im Besonderen danke ich Marcelo Expósito, Amador Fernández-Savater, Tomàs Herreos, Sandro Mezzadra, Marta Malo und Maia Pedullà für die Diskussionen, die Kritiken und die mir gegenüber aufgebrachte Geduld.

 

Die in diesem Dokument wiedergegebenen Geschichten und Reflexionen habe ich in persönlichen Gesprächen oder im Rahmen der vielen Diskussionen gehört, an denen ich teilgenommen habe. Viele Genossinnen und Genossen werden hier eigene Aussagen wiederfinden, und nicht immer werden sie mit der Art und Weise, wie ich sie verwende, einverstanden sein. Ich bedanke mich dennoch für ihre Erzählungen, und im Besonderen danke ich Marcelo Expósito, Amador Fernández-Savater, Tomàs Herreos, Sandro Mezzadra, Marta Malo und Maia Pedullà für die Diskussionen, die Kritiken und die mir gegenüber aufgebrachte Geduld.

 
Bibiographie

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