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01 2013
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„Der Gegenangriff artikuliert sich als gegenseitige Unterstützung und Solidarität“

Übersetzt von Birgit Mennel

Sonia Chikh (Les engraineurs)

Sonia Chikh

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Birgit Mennel

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Stefan Nowotny

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Birgit Mennel (translation)

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the languages of the banlieues

Interview mit Sonia Chikh (Les engraineurs), geführt von Birgit Mennel und Stefan Nowotny

Sprechen wir zunächst vom Namen des Vereins, in dem Du tätig bist, Les engraineurs, da es scheint, dass dieser mehrdeutig ist. Könntest Du uns die Bedeutung dieses Namens erklären? Oder ganz einfach: Wer sind Les engraineurs und wen treibt ihr an?

Les engraineurs leitet sich von einem Wort aus der Umgangssprache her, von „engrainer“, und kann eine positive und eine negative Konnotation haben:  „engrainer“ kann einerseits heißen, „jemanden zu etwas verleiten“, das heißt, in korrektem Französisch, „mit einer Gruppe von Leuten etwas machen“ oder auch „jemanden dazu bringen, etwas Gutes oder Schlechtes zu tun“. Und der Verein Les engraineurs geht tatsächlich auf eine Erfahrung mit einer Gruppe von Jugendlichen zurück, die ein Französischlehrer „verleitet“ [engrainé] hat, wenn ihr wollt, dass ich das Wort aufgreife: Er hat sie dazu gebracht, ein Drehbuch zu schreiben und Kino zu machen –  und sie haben sich auf diese Sache mit dem Kino eingelassen, sie haben Lust darauf bekommen und so ist dann eine Struktur entstanden, nämlich Les engraineurs. Um nochmals auf die doppelte Bedeutung von „engraineur“ zurückzukommen: „engrainer“ ist auch das, was man mit einem Saatkorn macht, das man einpflanzt oder aussät und aus dem dann sehr viele besonders kleine Triebe hervorgehen. Das sind also die beiden Bedeutungen.

Wir arbeiten viel mit Jugendlichen aus populären Quartiers, aber auch mit Erwachsenen und alten Leuten, auch das kommt vor. Wir machen Spielfilme, Dokumentarfilme, Reportagen … Aber unser eigentliches Ziel ist es, diesen Leuten zu ermöglichen, einen Gesichtspunkt, eine Meinung zum Ausdruck zu bringen, und zwar vermittels des Audiovisuellen. Das geht auch mit Tanz, Musik oder Zeichnen und wir haben uns eben für Video entschieden.

Was ist die Aufgabe bzw. die Bedeutung einer audiovisuellen Produktion in den sogenannten „französischen Banlieues“, das heißt in den am Stadtrand gelegenen Milieus?

Das Wichtigste ist, sich des audiovisuellen Mediums zu bemächtigen. Das ist entscheidend, weil die Banlieues stigmatisiert werden; man zeigt sie auf eine bestimmte Weise, wenn man sie filmt, und an diesem Punkt geht es darum zu sagen: Wir leben drinnen, wir sind im Inneren der Banlieues, wir haben unsere Sicht der Dinge, wir wissen, wie’s läuft und wir werden es euch auf eine andere Weise zeigen. Was nicht unbedingt heißt, die negativen Dinge beiseite zu lassen. Aber es heißt, nicht nur das Auto zu zeigen, das brennt etc., weil es nicht nur das gibt. Es gibt in den Banlieues auch Leute, die positive Dinge machen. Und ich denke, das zu zeigen, ist interessant, gerade weil es die großen Medien nicht tun.

Kannst du uns etwas über eure Produktionsweise erzählen? Mit wem arbeitet ihr zusammen?

Die Produktionen der Engraineurs werden mit öffentlichen Geldern gemacht, die vom Staat, von der Region oder von der Stadt kommen. Die Produktion ist ja schließlich auch das Geld, das man zur Verfügung hat um Filme zu machen – darin sind wir uns einig, oder? Unsere Filme werden also mit diesen Subventionen produziert. Wir entwickeln aber auch Projekte, die nicht finanziert sind. Da geht es um Selbstfinanzierung und das ist etwas ganz anderes. Um Geld auftreiben zu können, verkaufen wir dann zum Beispiel Getränke oder solche Dinge, also wir machen sehr spezielle Aktionen, wir verkaufen sogar die DVD eines Films, den wir fertigstellen konnten. Aber ihr wolltet wissen, wie wird diese Filme eigentlich machen …

… ja, und wie sich die Zusammenarbeit zwischen den Jugendlichen und den Mitgliedern des Vereins gestaltet: es gibt ja doch verschiedene Personen, die unterschiedliche und sehr spezifische Aufgaben zu übernehmen scheinen: Diejenigen, die die Ideen haben und andere, die die Expertise bzw. das spezifische Knowhow haben, etwa wenn es um die Montage geht.

Ach so, ja, es gibt Leute, die haben eine Spezialisierung, die einem Job in der Struktur entspricht; das heißt, wir haben eine Administratorin, die sich um die Subventionsanträge kümmert; und dann gibt es noch all jene, die das kollektive Schreiben betreuen, das heißt, diejenigen, die in einem Schreibatelier für die Struktur sprechen und den Workshop betreuen und leiten. Dann ist da noch die ganze Technik: Tatsächlich gibt es eine CutterIn, die Kameraleute, die ToningenieurIn etc. Nicht alle diese Personen werden notwendigerweise von der Struktur bezahlt, sie arbeiten auch unentgeltlich. Und das bringt dann ganz eigene Schwierigkeiten mit sich, weil sie nicht unbedingt immer Zeit haben und man folglich manchmal alleine zurechtkommen muss.

Heißt das, dass diejenigen, die die Schreibateliers leiten zum Verein gehören und das für die Kameraleute, die TechnikerInnen nicht notwendig gilt?

Das kommt darauf an, da es im Verein Leute gibt, die im Lauf der Zeit, das heißt auf nicht institutionelle Weise ausgebildet wurden; sie haben keine Schule besucht, um am Schluss ein Diplom zu bekommen. Klar, all diese TechnikerInnen haben ihr Knowhow mitgebracht und es an die Leute weitergegeben. Und so hat sich im Inneren der Struktur selbst eine Ausbildung und eine Autonomie entwickelt – und das erworbene Knowhow wurde weitergegeben.

Das heißt also, Les engraineurs sind ein ganzes Netzwerk?

Genau, im Grunde sind wir alle polyvalent. Ich selbst zum Beispiel kann einen Film schneiden und ich bin in der Lage, einen Subventionsantrag zusammenstellen; und ich kann auch ein Schreibatelier betreuen. Es kann dann jede ihre eigenen Entscheidungen treffen und sagen: Ich würde lieber nicht schneiden und vor dem Bildschirm sitzen, ich möchte nur Ateliers betreuen. Aber angesichts der Stärken, die wir haben, schien es uns wichtig, dass die Leute ein Minimum an Ausbildung haben, um ein Projekt erfolgreich zu Ende zu bringen, wenn jene Leute, die unbezahlt in der Struktur arbeiten, gerade nicht da sind.

Es sind die Jungen, nicht die Erwachsenen, die die Ateliers beleben. Wir betreuen die Ateliers; aber weil es um kollektives Arbeiten geht, moderieren die Jugendlichen selbst die Debatten und bringen die Thematiken ein. Aber es gibt keine Jugendlichen, die kommen und einfach so einen Workshop leiten. Das passiert immer in Zusammenhang mit Projekten. Letztes Jahr zum Beispiel hat ein Jugendlicher zu einem Projekt mit Musik à Venir gearbeitet. Da gab es eine Szene, die gefilmt und dann live wieder übertragen werden musste. Es war seine Initiative und er hat daher all das mit uns und dem anderen Verein koordiniert. Das steigert das Selbstwertgefühl unglaublich, weil ihn das dazu gezwungen hat, das Projekt zu entwickeln und darüber nachzudenken, wie man ein Team koordiniert etc.

Ich selbst habe all das mit dem Verein gelernt, aber es hat eine Weile gedauert. Ich bin seit 2000 bei Les engraineurs; ich hatte also Zeit, um zu lernen, alles hinzuschmeißen, wieder einzusteigen und nochmal zu beginnen. Und der Verein hat sich verändert: es gab einen Richtungswechsel; und plötzlich verändern sich die Ziele. Ich erkenne mich in dem, was es jetzt gibt, eher wieder; am Anfang war es so wie jetzt, aber in einem bestimmten Moment war alles ein bisschen unklar; es war eine Periode, in der der Vereinszweck darin bestand, bestimmten Personen einen Zugang  zu den großen Medien zu verschaffen bzw. ihnen dabei zu helfen ein großer Regisseur zu werden. Das war jedoch nicht das vorrangige Ziel der Struktur, weshalb sie sich vollkommen transformiert hat und in Vergessenheit geraten war, dass es in erster Linie um das Soziale ging und die audiovisuellen Medien nur das Mittel dafür waren.

Du hast von der Stigmatisierung der Banlieues und insbesondere der Jugendlichen gesprochen. In welchem Maß verstehst du die Arbeit der Engraineurs als audiovisuelle Gegenproduktion, als eine Art Gegenartikulation, die von der Banlieue ausgeht und sich den Repräsentationen der Banlieue in den großen Medien widersetzt?

Unser erstes Ziel ist es, Dinge zu zeigen, die sie nicht zeigen werden. Ihr habt einige Filme der Engraineurs gesehen: Man sieht das brennende Auto, aber es wird nicht auf dieselbe Weise gezeigt. Die Art und Weise, wie die Leute gefilmt, interviewt oder auch in einem Film inszeniert werden, ist nicht dieselbe wie auf TF1 oder France 2; es wird nicht mit Klischee gearbeitet. Das heißt, wir versuchen auch, die Leute dazu zu bringen, das Bild zu verlassen, in das sie sich letztlich auch selbst eingeschrieben haben, weil man ihnen ein Etikett verpasst hat und sie sich auch bisschen dementsprechend verhalten. Und da geht es darum zu sagen: Aber nein, du musst diese Rolle nicht spielen, nur weil man dir dieses Etikett verpasst hat. Man spielt also auch diese Rolle, was wichtig ist; und gleichzeitig gibt es Jugendliche, die sich darin überhaupt nicht wiederfinden, die etwas anders machen und die eben Lust haben, etwas anderes zu zeigen.

Wird in den großen Medien nicht vieles falsch dargestellt? Und ist das nicht auch ein großes Problem, das weniger die Aspekte des Lebens in der Banlieue berührt, die nicht gezeigt werden, als vielmehr die, die falsch dargestellt werden?

Ja, die Gewalt zum Beispiel wird sehr, sehr schlecht dargestellt, weil man sofort Bilder serviert bekommt, die Krieg evozieren, obwohl das gar nicht stimmt. Und gleichzeitig ist diese Gewalt nicht harmlos; sie taucht nicht einfach so auf, das heißt, sie ist etwas, das anschwillt, anschwillt, anschwillt – und das plötzlich ausbricht. Und danach werden Features gemacht, in denen … dabei passiert Ähnliches auch in einem Dorf: Ein Typ schießt auf einen anderen, weil er ihm sein Kartoffelfeld gestohlen hat; und hier ist es ein Typ, der auf einen anderen schießt, weil er ihm sein Moped geklaut hat. Eigentlich sind das Musterfälle, nur erlaubt es die Banlieue den PolitikerInnen, solche Leute zu stigmatisieren und der Bevölkerung Angst zu machen, indem sie sagen: „Da schaut her, diese Leute sind furchterregend; sie sind gefährlich etc.“ Da steckt auch eine politische Botschaft dahinter. So wird die Solidarität zerstört, die es zwischen den verschiedenen Milieus geben könnte. Ich spreche von Dörfern, weil Dörfer für mich wie die Banlieues sind: Sie werden von allem abgeschnitten; es gibt keine öffentlichen Dienstleistungen mehr wie etwa die Post und die ÄrztInnen sind sehr weit etc. Und das ist vergleichbar mit der Banlieue, wo man auch auf sich gestellt ist. Ständig hört man: „Ah, die französischen Dörfer, das ist super, aber die französischen Banlieues, die machen uns Angst“; nur dass auch die französischen Dörfer zum Fürchten sind, weil ohne diese Dienstleistungen wird das super gefährlich, weil der Typ, der da auf seinem Feld wohnt, der nicht rausgeht, der keinen Zugang zu Kultur, Medien etc. hat. Sorry, aber so ein Typ hat nicht gerade die geistige Offenheit, sich in der Gesellschaft zu integrieren.

Welche Rolle spielen die Aufstände vom Herbst 2005 in diesem Kontext? Kann man sagen, dass sich die Dinge verändert haben? Hat sich auf der Ebene der Taktiken und Strategien etwas verändert – nicht nur aufgrund der Ereignisse, sondern auch der Repräsentationen?

Nein, eigentlich hat sich nichts verändert; manches hat sich verstärkt, akzentuiert. Auf einer politischen Ebene ist man letztlich dazu übergangen, zu sagen: „Wir müssen Konzessionen machen; also was tun wir? Wir werden Geldmittel verschieben; und das wird uns dazu dienen, die Behausungen, die da sind, instand zu setzen.“ Solange aber die ökonomischen Probleme, das heißt, die Arbeitslosigkeit, und die kulturellen und sozialen Probleme nicht angegangen werden, solange man mit dem Kulturschock nicht umzugehen weiß, solange Schreiben und Lesen nicht allen zugänglich sind, scheint mir das so, als würde man in eine total saubere und schöne Superwohnung einen Mülleimer stellen. Da stecken wir also fest, seht ihr. Und darum kann man schon Schönes machen, aber wenn das, was drinnen ist, schlecht ist, dann wird das Schöne nicht allzu viel daran verändern. Das ist also die Dynamik, die losgetreten wurde – ohne dass sich jemand gesagt hätte, dass es vielleicht um etwas gehen könnte, was sehr viel wichtiger ist. Ich weiß, dass der Sozialbau wichtig ist, aber es ist genauso wichtig, dass die Leute eine Arbeit finden können, dass sie Zugang zur Lektüre, zur Kultur haben, dass sie sich austauschen können und dass sie nicht dermaßen auf ihre Gemeinschaft verwiesen werden. All das produziert auch Kommunitarismus und damit eine Nicht-Öffnung für Dinge, die es in Frankreich gibt. Grenzen werden akzentuiert und verstärkt, wenn man sagt: „Ihr seid da und wir sind hier; und es keinen Weg, keinen Übergang, es gibt gar nichts.“ Genau, also für mich jedenfalls hat sich seit 2005 an sich nichts verändert.

Und es ist auch kein Referenzpunkt?

Nein, 2005 ist für mich keine Referenz. Das war ein heißer Moment, aber was ich mir im Hinblick darauf erhofft hätte, ist eine Bewusstwerdung bei jenen Leuten, die sich in einem bestimmten Moment politisch positionieren, auf die Straße gehen und dem Recht auf Zugang zu einer korrekten Arbeit ebenso Ausdruck verleihen wie der Forderung, wie normale Leute behandelt zu werden, nicht wie Leute, die man in eine Art HLM-Käfig[1] sperrt und immer dann konsultiert, wenn Wahlen sind – und nach den Ergebnissen sind sie auch schon wieder wurscht. Die Tatsache, dass in dieser Hinsicht nichts entstanden ist, nervt mich und regt mich auch auf, denn, ich denke, dass wir viele sind und dass sich das das in den von der Politik getroffenen Entscheidungen auswirken könnte.

Hat der Herbst 2005 zumindest Diskussionen ausgelöst oder zu einer Intensivierung der Diskussionen geführt? Oder war die Haltung eher: „Warum machen die Medien plötzlich so viel Lärm?“

Diese Art von Debatten und Fragen gab es, ja, aber sie wurden von jenen Personen geführt bzw. aufgeworfen, die das immer machen, jede Nacht und jeden Tag. Im Moment der Aufstände hat sich das intensiviert. Ich selbst habe alles als eine Art großes Spiel erlebt: Wer wird als Erstes auftauchen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen versuchen, und mit welchem Mittel? Aber ist es auch zu großen öffentlichen, nationalen Debatten über die Frage der Medien gekommen? Wurde darüber geredet, wie man mit den Banlieues umgeht und dass die Polizei Jugendliche jagt? Diese Fragen wurden nur nach und nach aufgeworfen; die Leute wurden eingeschläfert, indem man ihnen Feuer-Bilder gezeigt hat; Bilder mit brennenden Mistkübeln und mit Polizisten, die sich aufführen als wären sie im Krieg, gefolgt von einer Gruppe von Medienleuten, die alles filmen und die auch mit Steinen beworfen werden. Das ist es, was gezeigt wurde. Ich denke also, da hätte es zu einem Nachdenken kommen müssen: ein Nachdenken über die Frage der Polizei, darüber, ob man einen Jugendlichen auf einem Moped, der keinen Helm trägt, verfolgen muss. Junge Leute jagen, die etwas anstellen und sich dann in einem Generatorhaus verstecken, das scheint mir doch irgendwie verrückt.[2] Diese Art von Fragen wurden also nicht adressiert, weil das bedeutet hätte, die nationale Polizei in Frage zu stellen, das heißt, den Staat und gleichzeitig – einen Fehler zuzugeben. Es gibt Polizisten, die solche Sachen machen; einige von ihnen wurden verurteilt, andere freigesprochen. Das ist eine Beleidung, wenn man derartiges drei Minuten, drei Sekunden in einem Nachrichtenflash zeigt. Also, nein, es gab weder wirkliche Debatten noch Zeit und Positionierungen um Fragen dieser Art zu diskutieren.

Wir haben jetzt viel vom Aspekt des „Dagegen-Seins“ gesprochen, von der Notwendigkeit von Gegenartikulationen zum Beispiel, oder von Gegenrepräsentationen im Hinblick auf die großen Medien und die große Politik. Was passiert darüber hinaus?

Das Darüberhinaus organsiert sich in verschiedenen Formen. Wir haben einen Verein ins Leben gerufen, in dem wir eine Aktivität vorschlagen, nämlich die Möglichkeit in einem bestimmten Moment den eigenen Blick auf die gegenwärtige Realität, auf heute mediatisierte Fragen zeigen zu können. Es gibt andere, die machen dasselbe über Musik und Gesang, wie etwa Musik à Venir mit Abdoullah.[3] In ihren Liedern geht es um Thematiken, um Fragen zur Gesellschaft und zu allgemeineren Thematiken, nicht nur um die Banlieue: Das können Fragen in Bezug auf Ökologie oder Tahiti sein, zum Ende der Welt und zu Naturkatastrophen. Diese Themen werden angesprochen, weil es Betroffenheit gibt. Diese Jugendlichen sind die Erwachsenen von morgen und die Welt, die man ihnen anbietet… – da kann man schon mal ein bisschen ausrasten. Der Gegenangriff artikuliert sich also auf der Ebene von Vereinen, in Form von gegenseitiger Unterstützung und Solidarität. Doch neben den aktuellen Medien gibt es keine großen Netzwerke, die dieser Stimme Gehör verschaffen würden. Es gibt einige Leute, die kommen und die bekannt sind; sie übermitteln eine bestimmte Botschaft, aber das ist nicht genug.

Welche Rolle spielt deiner Meinung nach für eure Arbeit die „postkoloniale Situation“ bzw. Migrationsgeschichten? Wir stellen dir diese Frage, weil solche Themen in den Filmen der Engraineurs zwar sehr präsent sind, aber nicht an erster Stelle stehen bzw. nicht zu den Hauptthemen gehören.

Wenn du mich fragst, dann verbindet sich Migration für uns mit unseren Eltern oder unseren Großeltern. Ich glaube, man hat ein Bild, ohne sich dessen bewusst zu sein, weshalb wir auch nicht darauf beharren. Es ist zudem eine Entscheidung der Engraineurs, nicht zu sagen: „Da schau her, das ist eine algerische Frau oder eine marokkanische Frau“. Gleichzeitig positionieren wir uns im Hinblick auf all die Migrationen, die aus unterschiedlichen Gründen erfolgt sind, die mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben, mit einer in einem bestimmten Moment nachgefragten Arbeitskraft und mit Leuten, die aufs Gründlichste ausgebeutet wurden. Darüber hinaus gibt es eine Nicht-Geschichte, eine in Frankreich nicht anerkannte Geschichte: Man erzählt den jungen Leuten in den Schulbüchern nichts über den Algerienkrieg oder über den Kolonialismus in Afrika; es wird von Sklaven gesprochen, aber nicht darüber, was wirklich passiert ist. In der Schule wird das nicht wirklich thematisiert. Ich glaube also, dass sich das für einige so verhält – für mich zumindest –, als ob man es an sich gerissen hat und als ob das nichts Gravierendes war. Wenn jedoch unsere Eltern und Großeltern heute hier sind, dann verbirgt sich dahinter eine Geschichte. Diese Geschichte anzuerkennen ist wichtig, weil das ermöglicht, zu betrauern, was geschehen konnte, und weil man sich aussöhnen kann – zumindest im Hinblick darauf.

Und trotzdem sind die Filme der Engraineurs auch sehr humorvoll. Welche Bedeutung haben dieser Humor und die Listen, die helfen, besser klarzukommen und die jeweiligen staatlichen, aber auch familiären Autoritäten nicht nur zu bekämpfen, sondern ihnen ins Gesicht zu lachen?

Genau darum geht es: die Problematik unter einem komischen Blickwinkel zu behandeln, um nicht nur möglicherweise belastende Diskurse zu führen und Sätze von sich zu geben, die man in Bezug auf die Banlieues bereits gehört hat. Und für die Leute, die das machen, ist es auch eine Art Analyse ihrer selbst, ein Hinterfragen. Die Dinge mit Humor anzugehen, geht, denke ich, einfacher durch, als ein wohlgeformter Diskurs und es ermöglicht außerdem, dass man sich selbst nicht allzu viel Gewalt zufügt. Das ist insbesondere für diejenigen wichtig, die das machen. Es bedeutet zu sagen: „Schau mal, letztlich sind wir gar nicht böse. Man kann auch über uns lachen und man kann über euch lachen; das ist gar kein Problem.“ Wichtig ist nur, dass man irgendwann mal denselben Weg zu beschreiten beginnt, auch wenn es manchmal schwierig ist.

Sonia Chikh ist Mitglied des Vereins Les Engraineurs in Pantin (Seine-Saint-Denis) in der Cité Les Courtillières. Dieser Verein organisiert seit 1998 Schreib- und Filmworkshops, an denen Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren beteiligt sind. Für mehr Information vgl. die Website: http://les-engraineurs.org.


[1] HLM [Habitation à loyer modérée] bezieht sich auf Sozialwohnungen, die von subventionierten, staatlichen Wohnbauträgern errichtet werden und die ab den 1950ern als Antwort auf die Wohnungskrise in Frankreich zumeist in städtischen Ballungsräumen außerhalb des Stadtzentrums, am Stadtrand, das heißt in der Banlieue errichtet wurden [Anm. d. Übers.].

[2] Am 27. Oktober 2005 sterben in Clichy-sous-Bois, einer Pariser Banlieue-Gemeinde zwei junge Franzosen auf der Flucht vor der Polizei in einem Generatorhaus. In der Folge kommt es zu Aufständen, die sich bald auf ganz Frankreich ausdehnen werden: Während drei Wochen machen vornehmlich Jugendliche auf ihre Lebensumstände aufmerksam, indem sie Autos anzünden und sich mit der Polizei konfrontieren etc. [Anm. d. Übers.].

[3] Vgl. das Interview mit Abdoullah Bensaïd in dieser Ausgabe von transversal.