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02 2007
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„Was wir verteidigen, verteidigen wir für alle“

Spuren einer Geschichte in Bewegung

Übersetzt von Karoline Feyertag

Antonella Corsani

Antonella Corsani

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Karoline Feyertag (translation)

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on universalism

„Was wir verteidigen, verteidigen wir für alle“, ist der Titel eines Textes der Koordination der Intermittents et Précaires, der in ihrer Zeitung Interluttants[1] erschienen ist. Es handelt sich aber auch um einen Satz, der als Statement auf einigen Flugblättern zu finden ist. Wie wird aus den vielfachen „Ichs“ ein „Wir“? Wie kann dieses „Wir“, so fragil und mächtig zugleich es auch ist, vorgeben für „Alle“ zu sprechen? Die Geschichte der Intermittents[2] ist lang, sie dauert schon seit dem 27. Juni 2003 an, und die Spuren dieser Geschichte reichen noch weiter zurück. Es geht um eine dichte Geschichte mit unterschiedlichen Facetten, und es ist mir in dieser Kürze unmöglich, ihre ganze Intensität und ihren Reichtum wiederzugeben. Ich schlage daher vor, diese Geschichte von einem speziellen Blickpunkt aus quer zu lesen: dem der Konstruktion eines „Wir“ und der Beziehung dieses „Wir“ mit einem „Alle“.

Im Zentrum dieser Fragen steht, wie ich meine, die immer sehr schwierige Konstruktion eines „Wir“, die Zerbrechlichkeit der Beziehung zwischen „uns“ und „allen“. Und es liegt an den Antworten, die wir erfinden und ausprobieren, die Verschiebung der Alternative zwischen Identitätspolitiken und einem „Universalismus“ in der Form eines totalitären Narrativs zu dem zu ermöglichen, was Donna Haraway eine „Politik des situierten Wissens“ nennt. Das heißt, die „Politiken und Epistemologien der Lokalisierung, Positionierung und Situierung, bei denen Partialität und nicht Universalität die Bedingung dafür ist, rationale Ansprüche auf Wissen vernehmbar anzumelden“[3]. Was ist diese „Selbstpositionierung“? Sich zu positionieren bedeutet nicht, eine Liste von Attributen oder Etikettierungen wie „Rasse“, Geschlecht und Klasse anzulegen. „Die Positionierung eines Subjekts oder eines Objekts ist nicht die konkrete Seite von jener abstrakten der ‚Dekontextualisierung’. Die Positionierung ist das Spiel einer kritischen, immer nur partiellen Ermittlung [...]. Die Positionierung ist auch in dem Sinn partiell, dass sie nur für gewisse Welten gilt und für andere nicht.“ Das situierte Wissen ist nicht „mein Wissen“ und „dein Wissen“, sondern das Produkt einer Beziehung. Deshalb sind das „Wir“ und das „Alle“ immer eine Konstruktion, und zwar eine partiale Konstruktion: Es ist niemals einfach gegeben, es ist ein komplexerer Prozess, da es ebenso dem Relativismus und dem Essenzialismus wie auch den immer gegenwärtigen Ansprüchen auf eine Verallgemeinerung dieser Kritik misstrauen muss.

Die Geschichte der Protestbewegung der Intermittents ist immer von Fragen des „Wir“ und des „Alle“ durchkreuzt worden, und die Erfahrung dieser Bewegung kann als Experiment einer Politik des situierten Wissen gelesen werden. Ich werde versuchen, diese Fragen ausgehend von der Geschichte eines Namens zu behandeln, nämlich jenes Namens, den sich die Bewegung (oder zumindest eine ihrer wichtigen Komponenten) gegeben hat: Koordination der Intermittents UND Prekären. Aber zuerst muss ich erklären, was einE IntermittentE du spectacle ist.

 
Die „Intermittence du spectacle“ und die Verschiebungen der binären Ordnung

Die IntermittentE du spectacle stellt eine Ausnahme in Europa dar, denn in den meisten europäischen Ländern haben Personen, die im Bereich der darstellenden Kunst (Film, audiovisueller Bereich, Theater) und im erweiterten kulturellen Sektor arbeiten, gemeinhin entweder einen Angestelltenstatus oder sie arbeiten als Selbstständige. Noch häufiger arbeiten KünsterInnen als FreelancerInnen. Aber die IntermittentE du spectacle ist auch in Frankreich eine Ausnahmefigur. Die Intermittenz im Bereich der (darstellenden) Kunst bezeichnet keinen Status, sondern ein spezielles System der Abgeltung des Anspruchs auf Arbeitslosenunterstützung.

Weder klassische LohnempfängerIn noch FreelancerIn ist die IntermittentE du spectacle einE nur unterbrochen, also diskontinuierlich BeschäftigteR mit vielfältigen ArbeitgeberInnen und unterschiedlicher Bezahlung je nach Projekt und ArbeitgeberIn. Diese Figur entsteht am Kreuzungspunkt von Arbeits- und Sozialrecht. Personen, die in diesem Kunstbereich als KünstlerInnen und TechnikerInnen arbeiten, können mit Arbeitsverträgen, die gegen die Normen des klassischen Arbeitsvertrags verstoßen, als salariés du spectacle angestellt werden. Diese Verträge können sehr kurz sein – und sind es oft: manchmal nur für einige Stunden. Ein Unternehmen kann ohne größere Umstände mehrere Verträge (zeitlich) hintereinander mit derselben ArbeitnehmerIn abschließen. Dennoch profitieren diese atypisch Angestellten seit den 1960er Jahren von dem System einer besonderen Arbeitslosenversicherung: Da die Kriterien für eine Zulassung zur Arbeitslosenunterstützung relativ locker waren, konnte dieses System einer Großzahl von Betroffenen trotz radikaler Diskontinuitäten in ihren Anstellungsverhältnissen Einkommenskontinuität garantieren. Die Finanzierung war durch das Prinzip der Solidarität zwischen verschiedenen Berufsgruppen, das Prinzip der „Unedic“ (Union nationale interprofessionnelle pour l’emploi dans l’industrie et le commerce) garantiert. (Die Institution wurde 1958 geschaffen und hatte eine doppelte Aufgabe: einmal als Verhandlungsorgan zwischen den SozialpartnerInnen (ArbeitgeberInnenverbände und Gewerkschaften), und als Verwaltungsorgan der Beitragszahlungen von ArbeitgeberInnen und –nehmerInnen.) Auf diese Weise bedeutete die Ungewissheit einer Anstellung für eine große Zahl von Intermittents weder Prekarisierung noch Verarmung, sie ließ vielmehr autonome Freiräume in der Art des Umgangs mit unterschiedlichen, individuellen Zeitlichkeiten, aber auch bei der Wahl von Projekten, in die investiert wurde, zu.

Bis in die 1980er Jahre war die Zahl derer, die dieses System nützen, sehr gering. Erst ab Beginn der 1980er Jahre stieg sie an: 2003 wurden ungefähr 100.000 Intermittents gezählt, die die Entschädigung in Anspruch nahmen, und bis zu 30.000 nicht entschädigte geschätzt. Das heißt, dass ungefähr 30.000 Personen die Zugangsbedingungen nicht erfüllten und deshalb von diesem System der Arbeitslosenentschädigung vorübergehend oder dauerhaft ausgeschlossen waren. Dieser Anstieg an Intermittents verweist auf einen zweifachen Prozess, einen durch die institutionelle Dynamik hervorgerufenen und einen anderen, der durch subjektive Dynamiken hervorgerufen wurde.

Seit den 1980er Jahren haben Kultur- und Stadtpolitik unter den linken Regierungen maßgeblich zu einer Verbreitung von künstlerischen und kulturellen Aktivitäten in neuen Öffentlichkeiten beigetragen, eine Vielfalt von Aktivitäten hat sich im urbanen Raum entwickelt (Neubesetzung von Branchen, Entwicklung von Straßenkunst, …). Gleichzeitig symbolisiert der große Ansturm der nachkommenden Generationen auf die Bereiche der darstellenden Kunst die – von den sozialen Kämpfen der 1960er und 1970er Jahre getragene – Sehnsucht nach einer Demokratisierung des Zugangs zu kulturellem und künstlerischem Schaffen: Es geht nicht mehr allein um das Recht zu „sehen“, sondern auch um jenes zu „tun“.

Wenn das System der Intermittenz den Beschäftigungsstrukturen auch einen wichtigen Spielraum für die Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen einräumt, so ermöglicht es den Intermittents gleichzeitig einen größeren Gestaltungsspielraum durch die Selbstbestimmung der Arbeitszeit, die individuelle Auswahl der Projekte und der Personen, in denen und mit denen man arbeitet. Das System der Arbeitslosenentschädigung der Intermittents du spectacle erlaubt somit auch eine größere Autonomie in Bezug auf das „Tun“ und darauf, „es anders zu tun“.

Zwischen der Zeit einer Beschäftigung und der Zeit der Beschäftigungslosigkeit sind die Perioden der „Intermittence“ (Unterbrechung) auch Arbeitszeiten, die für manche der Zeit für die Erarbeitung von Projekten entsprechen. Häufig Angestellte innerhalb ihres eigenen Netzwerks wechseln viele Intermittents von Beschäftigungen als ArbeitnehmerInnen zu Aktivitäten als ProjektträgerInnen. Die Intermittenz kann als „Grenzzone“ zwischen Beschäftigung und Beschäftigungslosigkeit gedacht werden, als eine hybride Form von ArbeitnehmerInnentum und unabhängiger Arbeit. Sie verschiebt die binäre Logik von Arbeitszeit, die als produktive Zeit gewertet wird, und einer Zeit der Beschäftigungslosigkeit als vergeudeter Zeit; sie verschiebt auch die Oppositionen von Autonomie und Unterordnung, LohnempfängerInnentum und ArbeitgeberInnentum. Einmal arbeitslos, dann wieder angestellt, weder abhängig noch selbstständig, ist die IntermittentE ein Symbol für die mögliche Verschiebung der binären Logiken, die uns beherrschen und unser Leben strukturieren.

 
… und prekär

Mit dem Argument eines wachsenden strukturellen Defizits wurde das System der Arbeitslosenentschädigung der Intermittents du spectacle radikal in Frage gestellt durch ein vom ArbeitgeberInnenverband Medef vorgeschlagenes Reformpaket, das am 26. Juni 2003 von  „repräsentativ“ eingestuften, jedoch auf diesem Sektor minoritären, Gewerkschaften unterzeichnet wird. Dem Verfahrensablauf entsprechend gibt die Regierung ihr Einverständnis zu dem Abkommen. Am Abend der Unterzeichnung wird eine Protestbewegung von großer Reichweite geboren. Sie konstituiert sich durch Aktion: die Besetzung des Théâtre de la Colline in Paris und am Tag darauf des Théâtre de la Villette.

Die Versammlung vom 28. Juni, an der mehr als tausend Personen teilnehmen, gibt der Bewegung per Votum den Namen „Koordination der Intermittents UND Prekären“.

Ich möchte im Folgenden auf zwei Punkte eingehen: die Form der Koordination und die Konjunktion UND, die Intermittents und Prekäre miteinander verbindet. Es ist die Form der „Koordination“, die hier betont wird. Sie ist das Ergebnis eines schon in den sozialen Kämpfen der 1990er Jahre (der Studierenden, der Krankenschwestern) präsenten, aus dem Experimenten mit neuen Formen der politischen Organisation hervorgegangenen Prozesses. In diesen Formen zirkuliert das Wort auf horizontaler Ebene, sodass der freien Rede und der Initiative deR Einzelnen Raum gegeben wird: Das „Wir“ ist nicht durch eine schon präexistente Identität gegeben, es muss erst geschaffen werden. Die Form der Koordination hat jedoch nichts Stabiles an sich, sie ist selbst prekär und aus der Zerbrechlichkeit der Beziehungen gemacht – etwas, wofür immer neue Existenzweisen erfunden werden müssen.

Die Koordination entsteht aus den Singularitäten, die sie konstituieren, aber sie übersteigt diese zugleich in einem „Wir“, welches beweglich ist und unaufhörlich hinterfragt wird. Ein „Wir“, das noch viel komplexer und problematischer ist als die „Ichs“, aus denen es sich zu einer Vielheit zusammenfügt. Denn jedeR von uns nimmt gleichzeitig an mehreren Gemeinschaften teil, niemand steckt vollständig in einer Gemeinschaft allein, niemand nimmt an nur einer einzigen dieser Gemeinschaften auf totale Art und Weise teil. Die Teilnahme ist immer nur partiell, aber deshalb nicht weniger konstitutiv für ein „Wir“.

Die Frage drehte sich also um dieses „Wir“ und die dieses „Wir“ tragende, kollektive Identität. Das Problem, das sich augenblicklich einstellte, war jenes einer kollektiven, „strategischen“ Identität, die notwendigerweise auch der Ausdruck von widersprüchlichen und partiellen Identitäten sein sollte. Gleichzeitig tauchte eine weitere Frage auf, nämlich die nach der Konstruktion einer gemeinsamen Aussage, die niemals der Ausdruck einer einheitlichen Aussage sein kann (da dies nichts anderes bedeutete, als die Auslöschung der singulären Meinungen), sondern die „der kleinste gemeinsame Nenner“ eines verwandtschaftsartigen Netzes sein sollte, dessen Stärke sich durch Aktion offenbart. Um zu vereinfachen, werde ich diese beiden Fragen trennen, obwohl sie innerhalb der Geschichte dieser Bewegung eigentlich nicht zu trennen sind: die Frage der kollektiven Identität und jene nach der Konstruktion einer kollektiven Rede.

Die Frage der kollektiven, „strategischen“ Identität stellt sich mit dem Namen, den sich die Koordination gibt: Intermittents UND Prekäre. Ich möchte hier besonders das „UND PREKÄRE“ unterstreichen, denn genau darin findet man das Problem, aber auch die Stärke der Protestbewegung – ihre Zerbrechlichkeit sowie das, was ihre Dauer garantiert. Es ist nicht die „Koordination der KünstlerInnen und TechnikerInnen der darstellenden Kunst“, auch nicht die „Koordination der im Kunstsektor Berufstätigen“, der Name, den man sich gab, ist „Koordination der Intermittents UND PREKÄREN“. Dieser Name ist dafür verantwortlich, dass es zugleich eine „De-Identifizierung“ gibt und eine Offenheit gegenüber der Konstruktion einer kollektiven, strategischen Identität. Zuerst schon einmal Offenheit gegenüber all jenen, die zwar Intermittents du spectacle sind, aber nicht entschädigt werden, und schließlich auch eine mögliche, wenn auch immer problematische Offenheit gegenüber allen anderen Intermittents am Arbeitsmarkt. Die Koordination wird zu diesem Raum, von dem Donna Haraway sagt, dass er auf bewusste Art und Weise erzeugt wird und „nicht mit Handlungen auf der Grundlage natürlicher Identifikation gefüllt werden, sondern nur auf aufgrund bewusster Koalition, Affinität und politischer Verwandtschaft“[4]. Es handelt sich hierbei um Beziehungen, die von der Konjunktion UND ausgehend erforscht und hinterfragt werden, jenes UND, welches Intermittents UND Prekäre zusammenbringt. Es sind also Affinitäten, die ausgehend von einer Konfrontation der Beschäftigungspraktiken mit den Arbeitspraktiken ergründet und in Frage gestellt werden.[5]

Dieses UND PREKÄRE wird ständig neu hinterfragt und erregt immer hitzige Debatten. Eine dieser letzten Debatten war jene um die Organisation der Pariser Parade des EuroMayday-Netzwerks, bei der versucht wurde, daran zu erinnern, dass eines der Ziele des Mayday die Sichtbarmachung und Konstruktion einer antagonistischen Figur zur Figur der Prekären war, welche imstande wäre, das FÜR ALLE zu tragen.

JedeR IntermittentE ist prekär, wenn man von unregelmäßiger Beschäftigung und Unvorhersehbarkeit ausgeht. Manche können das Wort prekär – wenn es zum Wort IntermittentE hinzukommt – ohne weitere Infragestellung annehmen: Für sie handelt es sich um eine de facto Situation, ein Wort, das sich unvermittelt auf den realen Alltag bezieht. Prekär ist aber ein ambivalentes Wort, und diese Ambivalenz liegt schon in dem begründet, was den etymologischen Ursprung des Wortes mit dessen heute geläufigen Sinn verbindet. Das Wort prekär kommt vom lateinischen Terminus precarius, „durch Gebet empfangen“; es bezeichnet eine Bitte, aber auch Unterwürfigkeit. Dem zeitgenössischen Gebrauch nach bedeutet prekär „eine nicht gesicherte Zukunft oder Zeitdauer“. Die Prekarität ist zum einen das, was schöpferische Energien freisetzt, und zum anderen das, was uns einengt. Es ist die Angst vor dem Morgen, aber auch die Beschämung durch Zuschreibungen vor dem „sozialen Tribunal“ derer, die sich das Recht nehmen über die zu urteilen, die schlecht, unfähig und schwach scheinen und jene prekär zu nennen, die eine Synthese des Schlechten, Unfähigen und Schwachen zu sein scheinen.

Wenn manche im Umstand, sich selbst als prekär Arbeitende zu beschreiben, eine Möglichkeit sehen, Machtzuschreibungen umzukehren, so bleibt für andere die Versuchung, zu sicheren Identitäten zurückzukehren, immer noch präsent. Das UND PREKÄRE wird nicht aufhören, die Debatten im Umfeld der Koordination zu nähren und wird weiterhin die kollektive Reflexion bereichern.

Der Kampf der Intermittents ist ein Kampf um „soziale Rechte“, ein Kampf gegen die Politik der Prekarisierung von Lebensbedingungen. Es ist ein Kampf für die Einforderung der Anerkennung eines außerhalb der Erwerbsarbeitszeit produzierten Reichtums. Das System der Intermittenz zu verteidigen bedeutet auch die Möglichkeit, dem Joch des Gebets zu entkommen. Es bedeutet auch die Verteidigung der Möglichkeit zu TUN, andere Formen von Politik, andere künstlerische Ausdrucksweisen und andere Lebensformen zu VERSUCHEN.

Ohne die Bedeutsamkeit der Spannungen und Auseinandersetzungen, mit denen die Interpretation des UND PREKÄRE verbunden ist, reduzieren zu wollen, glaube ich, dass das UND PREKÄRE dem WIR seine Kraft gegeben hat. Es hat der Bewegung erlaubt, sofort eine politische Dimension anzunehmen und gleichzeitig die Risiken des Korporatismus und der Identitätsforderungen zu vermeiden. Stärke und Zerbrechlichkeit eines WIR, welches niemals etwas anderes als eine neue Zusammenstellung von „Ich“-Fragmenten sein kann.

 
IJ = OK oder: Die Macht des Wir

Ich möchte nun zur Frage der Konstruktion einer kollektiven Rede kommen. Sicherlich gab es eine spontane, unmittelbare und kollektive Aussage, das NEIN zur Reform, das sich in den Aktionen ausdrückte. Aber auf dieses NEIN folgte das „Wir haben euch einen Vorschlag zu machen“.

Das System der Arbeitslosenentschädigung musste reformiert werden, aber anders. Das Neue Modell der Arbeitslosenentschädigung wurde von der Koordination der Intermittents et Précaires ausgearbeitet und geht aus einer Konfrontation der unterschiedlichen Beschäftigungspraktiken und Arbeitspraktiken hervor – eine Konfrontation, die mehrere Wochen gedauert hat und aus nicht enden wollenden und heftigen Zusammenkünften bestand. Der Konstruktionsprozess des Neuen Modells ist ein Prozess, den man nach einer Definition Isabelle Stengers als „empowerment“ beschreiben könnte: „Die Gesamtheit der Prozesse und Rezepturen, durch die jedes einzelne Mitglied eines Kollektivs dank der anderen und mit den anderen eine eigene Fähigkeit zu denken, zu fühlen und zu entscheiden erlangt, die sie/er als einzelneR nicht hatte“[6].

Das Neue Modell geht auf gewisse Weise über die Arbeitslosenentschädigung hinaus und will ein Garantiemodell für ein kontinuierliches Einkommen bei diskontinuierlicher Beschäftigungslage sein. Es antwortet auf eine zweifache Zielsetzung: Angepasst zu sein an die Beschäftigungs- und Arbeitspraktiken der Intermittents und einer größtmöglichen Anzahl zu erlauben, von dieser Einkommensregelmäßigkeit auf Basis des Mindestlohnes[7] zu profitieren. Auf dem Prinzip der Wechselseitigkeit gegründet beinhaltet es eine Umverteilung zu Gunsten derjenigen, die die niedrigsten Löhne erhalten und die größte Diskontinuität bei der Beschäftigung erfahren.

Das Neue Modell will eine radikale Alternative zur durchgeführten Reform sein. Über die Berechnungsgrundlage eines jeweiligen Dispositivs hinaus (Beispiel: die Berechnung des Tagessatzes) liegt der Unterschied in der Philosophie, die ihm als Inspiration dient. Es handelt sich hier um zwei Gesellschaftsmodelle, eines ist auf dem Prinzip der Individualisierung von Risiko und Kapitalisierung aufgebaut (jenes der Reform), das andere (das Neue Modell) hingegen auf Gegenseitigkeit und Umverteilung. Die Wahl zwischen diesen beiden Modellen betrifft nicht allein – das wäre weit gefehlt – die Intermittents du spectacle.

Das Neue Modell beabsichtigt eine offene Grundlage in dem Sinn zu sein, dass es seinen Prinzipien gelingt, auf andere Situationen übertragen zu werden, und es versucht, den für andere Berufsfelder spezifischen Beschäftigungs- und Arbeitspraktiken zu folgen. Die Intermittenz, also die Unterbrechung von Beschäftigung, ist weit davon entfernt, ein Spezifikum des Kunstsektors zu sein, da sie jedes Mal neue Formen annehmen kann.

„Keine Kultur ohne soziale Rechte“, schreibt die Koordination der Intermittents et Précaires – was sie verteidigt sind soziale Rechte – und zwar für alle. So steht am Ende des Textes geschrieben: „Keine einzige unserer Aktionen hätten wir durchführen können, wenn wir nicht festgestellt hätten, dass unsere spezielle Situation sich in der gesamten Gesellschaft widerspiegelt. Keine einzige dieser Aktionen hätten wir machen können, wenn wir nicht denken würden, dass das, womit wir experimentieren, stellvertretend für alle ausprobieren, das, was wir uns vorstellen, uns für alle vorstellen und das, was wir gewinnen, für alle gewinnen“.

Das Neue Modell kann anhand zweier mathematischer Formeln dargestellt werden, welche die Definitionskriterien zur Bestimmung der Tagessätze und der Deckelung (einer maximalen Obergrenze für die Anhäufung von Gehältern und Entgelten) auf Basis des Prinzips der Wechselseitigkeit bilden.

In einem Text der Koordination, der mit „Die Macht des Wir“ betitelt ist, kann man lesen:

„Ich habe gelernt, dass mathematische Formeln Konstruktionen von Welt sind und dass diese Welt nicht mit jener übereinstimmt, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ich habe gelernt, dass man die Formeln verändern kann, um die Welt zu verändern.“

Diese Formeln können jemandem, der/die nicht IntermittentE du spectacle ist, unverständlich vorkommen, aber im Grunde geschieht hier nichts anderes als eine Übersetzung einer vergleichenden Studie über Arbeitsbedingungen in die Formelsprache. Es handelte sich um eine kollektive Studie zu möglichen Modalitäten für einen Zugang zur Arbeitslosenentschädigung, die angepasst sein sollen an die speziellen Beschäftigungs- und Arbeitspraktiken der Intermittents du spectacle. Die Prinzipien der Gegenseitigkeit, welche sie übersetzen, sollen für alle LohnempfängerInnen mit diskontinuierlicher Beschäftigung und unterschiedlicher Entlohnung Gültigkeit besitzen. Das Modell ist genauso für „Intermittents“ aus anderen Bereichen adaptierbar. Hier ist der Punkt, an dem sich das Wir dem Alle öffnet.

Zusammenfassend sei noch gesagt, dass ich nicht Intermittente du spectacle bin, aber mit den Intermittents du spectacle viele Momente dieser Geschichte geteilt habe, von denen ich, wie ich betonen möchte, nur eine „bescheidene Zeugin“ bin. Bescheidene Zeugin im Sinn von Donna Haraway, das bedeutet, dass ich die Verantwortung und Verletzbarkeit meiner eigenen Visionen und Vorstellungen anerkenne.

 

Sie finden die Spuren dieser Geschichte (und der Studie) auf der Website der „Coordination des Intermittents et Précaires“ verzeichnet: http://www.cip-idf.org/
Auf dieser Website sind sämtliche Detailerklärungen für ein Verständnis des von der Cip-IdF erarbeiteten Modells verfügbar.



[1] Interluttants Nr. 27, Dezember 2006, http://www.cip-idf.org/IMG/pdf/Interluttant27.pdf.

[2] Vgl. auch: Antonella Corsani, Wissensproduktion und neue politische Aktionsformen. Die Erfahrung der Intermittents in Frankreich, http://transform.eipcp.net/transversal/0406/corsani/de.

[3] Donna J. Haraway, „Situiertes Wissen. Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive“, in: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Campus 1995, S. 73-97, S. 89.

[4] Donna J. Haraway, “Ein Manifesto für Cyborgs”, in: op. cit, S. 42.

[5] Vgl. dazu die Studie des CNRS (Antonella Corsani, Maurizio Lazzarato, Yann Moulier Boutang, Jean-Baptiste Oliveau für das Laboratoire Matisse-Isys de l'Université de Paris 1, Panthéon -Sorbonne für die AIP (Association des amis des intermittents et précaires/Assoziation der FreundInnen der Intermittents et Précaires).

Siehe auch: http://www.cip-idf.org/article.php3?id_article=1939.

[6] Isabelle Stengers, Postface à Starhawk: "Femmes, magie et politique", Les empecheurs de penser en rond, 2003, S. 323.

[7] SMIC (Salaire Minimum de Croissance), der in Frankreich um die € 1 300 pro Monat beträgt.