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07 2004
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Fuzzy Production Logics. Erfahrung und Reflexion im Labor der Unsicherheit

Klaus Neundlinger

Klaus Neundlinger

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Seit den 1970er Jahren erfreut sich ein Topos bezüglich der ökonomischen und politischen Situation Italiens besonderer Beliebtheit: Es handle sich um ein Laboratorium, um ein Experimentierfeld unterschiedlichster Kräfte, Interessen, Strömungen. Die besondere Vielfalt der Protestformen und die Ausdifferenzierung der außerparlamentarischen Öffentlichkeit von den späten 1960er Jahren an bis zum Wendepunkt von 1977 scheinen dabei besonders angetan, romantische Vorstellungen bezüglich der Stärke einer "Gegenmacht", einer konstituierenden Bewegung, die sich nicht von repräsentativen Strukturen vereinnahmen lässt, zu entfachen.
Gleichsam im Schatten der antagonistischen Bewegung beginnt jedoch schon bald eine Reihe von Intellektuellen, die "molaren" Diskurse vom Massenarbeiter, dem Klassenkampf, von der Integration der ArbeiterInnenklasse[1] über das infolge der wilden Kämpfe im Herbst 1969 ausgearbeitete ArbeiterInnenstatut, und von weiteren Diskursen über die möglichen institutionellen oder außerinstitutionellen Ziele auseinander zu nehmen. Auf der Basis einer eigenartigen Verbindung von Erforschung und Begleitung sozialer Gruppen und Bewegungen entwirft sich den BetreiberInnen der so genannten "conricerca" bald ein differenziertes, nicht auf Identitäten des Klassenkampfes reduzierbares Bild der Arbeitsformen. Diese Arbeit setzt schon in den 1960er Jahren ein, als Raniero Panzieri und andere AutorInnen in den "Quaderni Rossi" die gewerkschaftlichen Strategien analysieren und eine Gruppe um Mario Tronti (zu der auch Toni Negri gehört) den so genannten "operaismo" entwickelt. Eine wichtige Funktion im Übergang zu den sozialen Bewegungen der 1970er Jahre und den neuen politischen Subjekten (feministische Bewegung, Autonomie, "postoperaismo", freie Medien, Jugendbewegung …) haben auch die "Quaderni Piacentini" (Bellocchio, Fortini), die sich einer Reflexion des politisch-kulturellen Feldes annehmen. Ausformuliert werden die Thesen zur "selbständigen Arbeit", die nicht in der Dialektik des Klassenkampfes aufgeht, erst viel später, als angesichts der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse immer deutlicher wird, dass das vorbildhafte Gesetz zum Schutz der ArbeiterInnen von 1970 immer weniger imstande ist, die Wirklichkeit der arbeitenden Menschen zu widerspiegeln.[2]
Die Versuchung einer "molaren" Antwort auf die fortschreitende Deregulierung des Arbeitsmarktes besteht auch jetzt noch. Im Jahr 2003 rief eine der Nachfolgeparteien der Kommunistischen Partei, die Rifondazione Comunista, zur Beteiligung an einem Referendum auf, in dem die Ausweitung des effizienten Kündigungsschutzes, wie sie das "Statuto del Lavoro" vorsieht, gefordert wurde.[3] Am Volksentscheid beteiligten sich 25 % der Wahlberechtigten. Um dem Referendum Gültigkeit zu verleihen, hätten doppelt so viele Menschen die Urnen aufsuchen müssen.
Die Gewerkschaften waren bezüglich der Teilnahme am Referendum gespalten. Dies ist nur ein Anzeichen dafür, dass die neuen Konflikte – wie schon in den 1970er Jahren die vor allem von den Jugendlichen getragenen Revolten – über die traditionellen Verhandlungsmechanismen nicht gelöst werden können. Im Gegenteil, über die verschiedensten Figuren der "neuen" Arbeit zeichnet sich ein Antagonismus ab, dessen Subjekte den repräsentativen Interessenausgleich aus verschiedensten Gründen ablehnen. Im Laufe der letzten Monate haben sich sowohl in Mailand als auch in anderen Städten immer wieder "wilde" Streiks abgespielt, also Arbeitsniederlegungen, die sich nicht an die gewerkschaftlich festgelegten Regeln hielten. Im Falle des öffentlichen Transports in Mailand und anderen Städten in der Lombardei wie Brescia hatte das massive Konsequenzen, da Streiks in diesem Bereich normalerweise zeitlich "gestaffelt" sind. Zu den Stoßzeiten sind die Gewerkschaften verpflichtet, einen – wenn auch eingeschränkten – Betrieb zu garantieren. Einige in Basiskomitees organisierte Gruppen beschlossen jedoch, den Streik auch in diese Zeitblöcke hineinzutragen.[4] Zu gewerkschaftlich teilweise nicht gedeckten Streiks kam es auch bei der ehemals staatlichen Fluggesellschaft Alitalia,[5] bei der es über groß angelegte Auslagerungen von Geschäftsbereichen zu immer schlechteren Arbeitsbedingungen für die Angestellten und zu massenhaften Entlassungen gekommen war. Darüber hinaus fanden von Jänner bis Juni 2004 schon vier Streiks im Bereich der öffentlichen Gesundheitsversorgung statt, sowie mehrere landesweite Protestaktionen gegen die Schul- und die Universitätsreform der Ministerin Moratti,[6] die neben der Einschränkung von Betreuungszeiten und der Ausdünnung von Lehrplänen auch Verschlechterungen im Bereich der Dienstverhältnisse vorsehen.
Es brodelt also gehörig, und immer deutlicher wird die Brüchigkeit einer von den Regulativen des Sozialstaates geprägten Öffentlichkeit. Mannigfache Studien haben die Wende hin zu einem neuen Produktionsparadigma beschrieben, das die Ausgleichsmechanismen zur (Um-)Verteilung des geschaffenen Reichtums, wie wir sie vom fordistisch-keynesianischen Kompromiss her kennen, zerstört hat.[7] Zentrale Kategorien wie Produktivität, Beschäftigung, die Sozialisierung von Risiken usw. sind mit den gewandelten Produktionsbedingungen in eine tiefe Krise geraten. Was die Protestbewegungen auszuzeichnen scheint, ist, dass die prekär Beschäftigten nach und nach versuchen, ihre Situation nicht mehr ausschließlich als Mangel gegenüber den in "garantierten" Beschäftigungsverhältnissen Stehenden zu leben. Die Wende in der Produktion, der Übergang zu einer Wertschöpfung auf der Basis der Lebens-, Bewusstseins-, Wissens-, und Kommunikationsformen, macht aus den Subjekten der Kommunikation (LehrerInnen und SchülerInnen, ForscherInnen, Beschäftigte im Bereich Telekommunikation, Transport, Kreative, JournalistInnen, ÜbersetzerInnen etc.) zugleich begehrte Wesen und Subjekte des Begehrens. In dem Maße, in dem ihnen immer mehr zugemutet wird, ihr Leben fragmentiert (Flexibilität) wird, die Leute zu immer geringeren Löhnen, ohne jegliche organisatorische Vorgabe (Autonomie, Selbständigkeit) und unter vollkommener Abwesenheit verbriefter Rechte arbeiten müssen, stellt sich ihnen deutlicher als den Lohnabhängigen die Frage, wo denn die Grenzen zwischen Produktion und Nicht- bzw. Reproduktion liegen, wo Arbeit anfängt und wo sie aufhört; worin der Unterschied zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit besteht und folglich: was der Sinn dieser Unterscheidung ist.

Der Einbruch in der Produktivität, den die italienische Volkswirtschaft in den letzten Jahren zu verzeichnen hat, wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften zum allergrößten Teil von kleinen und kleinsten Unternehmen kommt, die keine Möglichkeit haben, in teure Technologien bzw. Forschung und Entwicklung zu investieren. Man könnte dies als ein Indiz dafür nehmen, dass der größte Anteil an der Produktivitätssteigerung, die es durch die Entwicklungen vor allem im Bereich der Informationstechnologie gegeben hat, in den letzten Jahren recht einseitig an private Unternehmen gegangen ist. Außerhalb der geregelten Arbeit, die über das Modell der Lohnnebenkosten die Hauptlast bei der Sozialisierung der Risiken zu tragen hat, findet demnach ein kollektives Experiment statt, das weniger der "Steigerung der Effizienz" dient, als vielmehr der Disziplinierung jener Kräfte, auf die die Produktion angewiesen ist. Innerhalb dieses "Labors" findet man all die Arbeitsformen und -verhältnisse, die man mittlerweile mit dem Begriff Prekarität verbindet: Befristete Verträge, kein Recht auf Mitbestimmung im Betrieb, keine oder kaum Pensionsvorsorge, keine Arbeitslosen- und nur rudimentäre Krankenversicherung.[8] Eine Prekäre fragt sich also: Was darf ich wollen? Wie soll ich handeln?
Der Keynesianismus bleibt insofern "bedenkenswert", als er unter den Akkumulationsmechanismen der industriellen, statistisch-mathematisch organisierten Produktion die symbolischen Funktionen des Geldes aufgespürt hat. Seine Tendenz, die segmentären, verhärteten, monetären Aspekte des Geldes zu "verflüssigen", um gesellschaftlich wirksame Austauschprozesse in Gang zu setzen, öffnet eine Perspektive auf die imaginäre Ausgestaltung ("Konsum") und die symbolische Vermittlung ("Institutionen, Rechte") des in der Produktion verfangenen Realen. Aus heutiger Sicht müsste man wohl eine "allgemeine Theorie des Einkommens"[9] ins Auge fassen, um Strategien des Ausgleichs zwischen der Erfahrung einer unsicheren, fragmentierten, befristeten Eingliederung in den Produktionsprozess und einer "unbefristeten" Lebensführung zu suchen. Es geht also darum, die in vielen Bereichen der Arbeitswelt voranschreitende Entgrenzung hinsichtlich Ort, Zeit und Intensität zunächst begrifflich und dann praktisch zu wenden. Wenn uns also eingetrichtert wird, dass es mit den Sicherheiten aus ist, dass wir uns an Flexibilität und Mobilität zu gewöhnen haben, dann setzen wir Prekäre dem entgegen: "Geht in Ordnung, und insofern man nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, ob wir gerade arbeiten oder nicht, fordern wir – für alle Fälle – ein Einkommen! Im Zweifel für die Schaffenden! Ich träume, also arbeite ich …"

Dahinter steckt natürlich mehr als der Versuch, die situationistische Internationale ihrer Vollendung zuzuführen. Tatsächlich bedient sich der Produktionsprozess ständig sozialer, kollektiver, öffentlicher Errungenschaften, Güter, Formen, um aus diesen einen Wert zu schöpfen. Was letztlich also zur Debatte steht, ist der Begriff der Produktion selbst. Nicht nur die Verweigerung von Rechten, die mit der Eingliederung in den Produktionsprozess verbunden sind, gilt es zu beklagen, sondern auch das Fehlen von Zeiträumen einer auf Erfahrung gründenden Öffentlichkeit. Insofern bleibt die Forderung nach einem Grundeinkommen in der Schwebe[10], zwischen der Möglichkeit, Freiräume jenseits des Zwangs zur Beschäftigung und der Drangsalierung der repressiven Institutionen des Sozialstaates zu schaffen, eine ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltige Produktionsordnung anzudenken, und der Gefahr, aufs Neue zum Instrument des Ausschlusses von Gruppen, die sich jenseits der durch die der Produktion zugrunde liegende Gesellschaftsordnung definierten Normalität ansiedeln, zu werden.  


[1] Die Kommunistische Partei trieb über gesetzliche Initiativen und die sukzessive Integration der Gewerkschaften in das institutionelle Gefüge das Repräsentativwerden der vorwiegend männlichen Arbeiterbewegung voran. Neben einem moralischen Diskurs, der sich gegen die Korrumpiertheit der Institutionen wandte (berühmt wurde vor allem der Slogan mani pulite des Wahlkampfes von 1974) versuchte die KPI unter ihrem charismatischen Generalsekretär Enrico Berlinguer eine Stabilisierung der Löhne zu erreichen. Die molare Lösung in Bezug auf die Lohnpolitik hieß scala mobile und garantierte die Angleichung der Nominallöhne an die Inflationsrate.

[2] Vgl.: S. Bologna / A. Fumagalli: Il lavoro autonomo di seconda generazione. Scenari del posfordismo in Italia. Milano: Feltrinelli 1997. Die Thematik der Selbständigkeit wird von der parlamentarischen Linken, die nach wie vor auf das "normale" Lohnarbeitsverhältnis setzt, weitgehend ignoriert.

[3] Konkret handelte es sich um die Ausweitung des Artikels 18 des erwähnten Gesetzes, der Kündigungen "ohne triftigen Grund" für Unternehmen über 15 Beschäftigte verbietet. Ein Großteil der Unternehmen in Italien ist wesentlich kleiner und kann in diesem Sinn von den Arbeitsgerichten nicht belangt werden.

[4] Inchiesta autoferrotranvieri: "Su la testa". In: Posse. Politica Filosofia Moltidudini. Nuovi animali politici. Giugno 2004.Roma: Manifestolibri, S. 166-171.

[5] Amoroso, Pulejo Trasciani: "Dossier Alitalia." In: Posse. Politica Filosofia Moltidudini. Nuovi animali politici. Giugno 2004.Roma: Manifestolibri, S. 148-165.

[6] Cristina Morini: "Di culla in computer." In: Posse. Politica Filosofia Moltidudini. Nuovi animali politici. Giugno 2004.Roma: Manifestolibri, S. 101-108.

[7] Vgl. zum Beispiel: M. Piore/C. Sabel: Das Ende der Massenproduktion. Frankfurt a. M.: Fischer 1985, C. Marazzi: Der Stammplatz der Socken, Zürich: Seismo 1996, und ders.: Fetisch Geld, Zürich: Rotpunkt Verlag, 1999, bzw. Lorenzo Cillario: L’economia degli spettri, Roma: Manifestolibri 1996.

[8] Schätzungen gehen davon aus, dass im Raum Mailand mittlerweile fast 70 % der jungen Leute, die ins Berufsleben einsteigen, über kein unbefristetes Arbeitsverhältnis verfügen.

[9] J. M. Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Berlin: Duncker & Humblot 1936.

[10] Andrea Fumagalli: "Misure contro la precarietà esistenziale e distribuzione sociale del reddito". In: Posse. Politica Filosofia Moltidudini. Nuovi animali politici. Giugno 2004.Roma: Manifestolibri, S. 28-43.