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Es kann kaputtgeh’n. Tech-Frauen bringen Computer und Vorurteile zum Abstürzen

Übersetzt von Marion Hamm

Aileen Derieg

Aileen Derieg

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Marion Hamm (translation)

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instituent practices


“Wir ermuntern Frauen, Computer zum Abstürzen zu bringen und dann wieder zusammenzusetzen.
Am besten mit einer besseren Installation.”[1]

 

 

Freie Räume, freier Zugang, freie Software

Irgendwann Mitte der 90er Jahre entdeckten linke, progressive, alternative Gruppen elektronische Kommunikation als nützliches Werkzeug für Aktivismus und Organisation. Die erste Hürde bestand darin, sich Zugang zu diesem nützlichen Werkzeug zu verschaffen. Gleichzeitig jedoch war man sich der Notwendigkeit bewusst, die Kontrolle über dieselben zu behalten. In verschiedenen Diskussionen wurden Bedenken über die Überwachung elektronischer Kommunikation zum Ausdruck gebracht. Für Menschen mit akademischer Anbindung war es möglich, eine Emailadresse über die Universität zu bekommen, das aber bedeutete normalerweise, dass Email auch nur dort gelesen werden konnte. Mit der wachsenden Popularität von Email bedeutete dies zunehmend, dass Emails nur unter dem potentiell mitlesenden Blick der nächsten Person in der Warteschlange gelesen werden konnten. Freie Emaildienste wie Hotmail boten anfangs eine willkommene Alternative und Unabhängigkeit von den universitären Einrichtungen, und rasch verbreiteten sich Internetcafes in Städten in der ganzen Welt. Doch dies beschränkte den Zugang immer noch auf diejenigen, die bereits in gewisser Weise mit Email vertraut waren und sich die von den Internetcafes erhobenen Gebühren leisten konnten.

ASCII (Amsterdam Subversive Code for Information Interchange) wurde Ende der 90er Jahre in einem besetzten Haus in Amsterdam ausdrücklich zu dem Zweck gegründet, den wachsenden Bedarf nach freiem Zugang zu und Kontrolle über die neuen Werkzeuge zu decken: “ASCII ist eine mit Open Source Software betriebene non-profit Internetwerkstatt. Wir versuchen zu zeigen, dass es mehr gibt als nur M$ Windows und unseren Mit-Aktivisten klarzumachen, dass es keine gute Sache sein kann, Software zu einzusetzen, die vom größten multinationalen Unternehmen der Welt hergestellt wird. ASCII wurde 1999 in einem besetzten Haus in der Herengracht gegründet. Damals war unser Hauptziel, allen Hausbesetzern eine Emailadresse zu besorgen. Heute ist die Nutzung von Email und Web so selbstverständlich, dass wir uns neue Ziele suchen konnten: Wir richten Internetverbindungen in Aktionscamps ein, hosten Websites für Organisationen, die nirgends sonst willkommen sind und versuchen, Aktivisten bei der Nutzung des Internet zu unterstützen. […] Wir finden, dass das Internet für alle zugänglich sein sollte und dass Zensur Scheiße ist. Verstöße gegen das Recht auf Redefreiheit, Datenschutz und die Überkommerzialisierung des Netzes sind jetzt schon höchst problematisch. So, wie sich die Dinge entwickeln, wird das Netz bald eine riesige Plakatwand sein, auf der multinationale Konzerne der Welt gute, saubere Familienvergnügen liefern. Nicht, solange wir es verhindern können! Wir hoffen, dass die subversiven Elemente dieser Welt das Internet auch weiterhin infiltrieren werden.”[2]  In dieser Zeit brauchte die Amsterdamer Hausbesetzerszene ganz offensichtlich ihr eigenes Internetcafe, und ASCII wurde schnell zu einem beliebten Ort, an dem man Email checken, Gleichgesinnte treffen und ganz allgemein abhängen konnte, und – vor allem – an dem man nützliches technisches Können lernen, entwickeln und einüben konnte

Von Anfang an gründete ASCII die Bereitstellung von freiem Zugang zum Netz auf den Einsatz Freier Software und recycelter Hardware, wobei die Gruppe betonte, dass es eine politische Entscheidung sei, sich unabhängig von multinationalen Konzernen und frei von Konsumzwängen zu machen. Gearbeitet wurde mit dem Linux Betriebssystem, denn “Information kann nicht frei sein, wenn die Software, die du brauchst, um sie zu sehen, nicht frei ist!”[3] GNU/Linux ist ein Freies und Open Source Betriebssystem, das auf dem Linux Kernel aufbaut. Freie Software steht nicht unbedingt für kostenlose Software, aber, wie Richard Stallmann, der Gründer der Free Software Foundation[4], in einem berühmt gewordenen Ausspruch erklärte, sie steht für “frei im Sinne von Redefreiheit, nicht im Sinne von Freibier”, sie ist eine Sache der Freiheit, nicht des Preises. Zu dieser Zeit wurde Linux im allgemeinen als geheimnisvolles Terrain betrachtet, das fast ausschließlich auf Computerfreaks, sogenannte Geeks, einen Reiz ausübte. Gleichwohl entsprach die Idee des Teilens von Wissen und Können, die den Kern der Freien Software/Open Source Bewegung bildet, in idealer Weise den Zielen von ASCII, das bald zu einem Treffpunkt für erfahrene Hacker und Linux “Newbies” wurde.

Wer sind die Menschen, die ASCII zu dem wichtigen Zentrum gemacht haben, das es geworden ist? In der Selbstbeschreibung heißt es: “ASCII sind ein internationaler Haufen von Ikonoklasten, Geeks, Tech-Terroristen, Hausbesetzern, Öko-Kriegern, Anarchisten, Techno-Beduinen, Rastas, Elektro Niabinghi etc., die sich zusammengetan haben. Aufgrund des höchst raffinierten Chaos seiner (Dis-)Organisation hat das Kollektiv eine offene Struktur, die auf den Input ihrer ehrenamtlichen Helfer angewiesen ist.” Und in den späten 90er Jahren waren einige davon Frauen.

 

HOWTO – oder auch nicht

Die Frauen, die sich an ASCII beteiligten, hatten zuallererst eines gemeinsam: Die meisten von ihnen kamen von außerhalb der Niederlande. Außerdem setzen sie sich alle leidenschaftlich und idealistisch zu jeweils unterschiedliche Themen und in verschiedenen Bewegungen für eine bessere Welt ein. Obwohl nicht alle von ihnen von einem technischen Wissenshintergrund her kamen, war die Nützlichkeit von Email und Internet zur Aufrechterhaltung von Kontakten in der ganzen Welt und zum Zweck aktivistischer Vernetzung für sie alle unmittelbar offensichtlich. Zudem korrespondierten Linux und die auf einer kollektiven Gruppenanstrengung beruhende Herangehensweise bei der Entwicklung Freier Software mit ihren Erfahrungen in Frauennetzwerken und feministischen Zusammenhängen. Beides ließ sich daher gut verbinden mit dem Engagement in anderen Projekten, an denen die einzelnen Frauen bereits beteiligt waren.

Freie Software wurde auf Treffen, Mailinglisten und im Austausch unter Frauen häufig mit feministischen Strategien in Verbindung gebracht.[5]  Der Prozentsatz von Frauen im Computerbereich ist allgemein niedriger als der Prozentsatz von Männern, doch in der Freien Software Bewegung sind Frauen sogar noch stärker unterrepräsentiert: Der Prozentsatz an weiblichen Softwareentwicklern erreicht oft nur 0.5 bis 1.5%.[6] Die Frage, warum dies so ist, war häufig Gegenstand hitziger, manchmal ätzender Online-Debatten[7] und wurde in überlegterer und ernsthafterer Weise auf Tagungen und Podiumsdiskussionen[8] erörtert. In ihrem oft zitierten Text “HOWTO Encourage Women in Linux”[9] beschreibt Val Henson ein weites Spektrum von Verhaltensweisen und Situationen, die Frauen im Computerbereich im Allgemeinen und Linux im Besonderen demotivieren. Die Bandbreite reicht von unverhohlenem frauenfeindlichem Sexismus über die Aggressivität derber Konkurrenz um Status und Anerkennung für programmiererisches Können bis hin zu verzweifelter Einsamkeit:  “[…] Oft sind es gerade die Leute, die am dringlichsten mehr Frauen im Linuxbereich sehen wollen, die sie mit größter Wahrscheinlichkeit daraus vertreiben. Häufig verhalten sich Männer, die nur deshalb mehr Frauen in der Linuxszene wollen, um ihre Chance, eine Freundin zu finden, zu vergrößern, auf eine Weise, die Frauen stattdessen letztendlich vertreibt!”[10] Die in diesem HOWTO enthaltenen “Do’s and Don’t’s” Regeln spiegeln die Erfahrungen von Frauen mit Linux User Gruppen (LUGs) und anderen Versammlungen von Programmierern und Entwicklern buchstäblich in der ganzen Welt wider, und die Erfahrungen der Frauen, die sich an ASCII beteiligten, waren ähnlich wie die anderer Frauen in vergleichbaren Zusammenhängen von den späten 90er Jahren bis zum heutigen Tag.

Was es umso schwieriger macht, mit Erfahrungen wie diesen umzugehen, ist, dass es sich in einem Zusammenhang wie ASCII mit gemeinsamen Zielen und Idealen und einer DIY-Kultur nicht um “Männer” (abstrakt, verallgemeinert) versus “Frauen” (gleichermaßen abstrakt und verallgemeinert) handelt. Stattdessen können die betreffenden Menschen Freunde und Freundinnen, Genossen und Genossinnen, Liebende, Konkurrierende, Peers sein, in einem komplexen Netzwerk von Beziehungen und sich verschiebender Konstellationen.

Weil sie die Ziele und Ideale von ASCII teilten, und weil ihnen diese Ziele und Ideale wichtig waren, gaben die Frauen, die von dem Mangel an der Art von Ermutigung, wie sie in Hensons HOWTO propagiert wird, langsam frustriert wurden, nicht auf. Sie verließen das Projekt nicht, sondern beschlossen im Geist der Free Software, die Organisation so zu modifizieren, wie es ihren Bedürfnissen entsprach. Sie begannen, sich ausdrücklich als Frauen in einer Untergruppe zu treffen, teilten das Können, das sie sich angeeignet hatten, miteinander, sie unterstützten und ermutigten sich gegenseitig zur Weiterentwicklung ihres Wissens und ihres technischen Könnens. Ein besonderer Schwerpunkt lag von Anfang an auf der Hardware. “Hardware ist greifbar, real und sichtbar. Man kann leicht damit arbeiten, sie ist zugänglich. Alle können das, du brauchst keinen Unterricht oder Erfahrung, um sie auseinander zu nehmen und wieder zusammenzusetzen. Mit Hardware arbeiten macht Spaß und löst bei fast allen, die an einem unserer Hardware-Kurse teilgenommen haben, dieses 'Heureka'-Gefühl aus! Computer Hardware zu kennen, in der Lage zu sein, sich die Geräte vorzustellen und den Jargon mit Leben zu füllen ist unerlässlich, wenn man im ICT-Bereich weiterkommen will.”[11] Die Idee kam gut an. Bald lockte sie mehr Frauen an, die kleine Gruppe von ASCII Frauen entwickelte eine Art Gruppenidentität, und im November 1999 gaben sie sich einen Namen: Die Gender Changer Academy.

Genderchanger

Was ist ein Genderchanger? “Wir haben uns diesen Begriff nicht ausgedacht, sondern wir verwenden ihn wieder. Geschaffen hat ihn die Tech-Industrie. Wortwörtlich und technisch gesehen ist ein Genderchanger ein Computerteil […]. Es handelt sich um einen Adapter, der das 'Geschlecht' einer Schnittstelle, oder Port, wechselt. Ports mit Anschlussstiften gelten als männlich, Ports mit Löchern gelten als weiblich. Wenn zwei Hardwareteile beide den gleichen Port haben, kann ein Adapter die Situation retten, indem er eine Verbindung möglich macht. Wir erobern uns den Begriff zurück, für uns bezeichnet er eine Person, die sich für die genderbezogenen Aspekte von Technologie interessiert.”[12]

Die Gründungsprinzipien der Gender Changer Academy (GCA) waren die gleichen wie bei ASCII als Ganzes: ein Schwerpunkt auf recycelter Hardware, Free Software und Zugang für alle. Diese Grundprinzipien wurden jedoch erweitert durch einen Fokus auf Frauen und Technologie: “Indem wir Freie/Libre und Open Source Software nutzen und das auch anderen beibringen, haben wir mehr Freiheit und mehr Kontrolle über unsere Arbeit und Projekte, egal in welchem Bereich, sei es Arbeit, Kunst oder Technologie oder eine Kombination aus allem. […] Wir sind der Meinung, dass du, wenn du unabhängig von den Experten und so genannten Autoritätspersonen sein willst, autodidaktisch und auf DIY-Art vorgehen musst. Dein Fahrrad, dein Auto, deinen Computer reparieren. Tatsächlich sind Frauen sowieso sehr technisch. Sie benutzen Nähmaschinen, weben, spinnen und stricken (das Weben führte übrigens zu den ersten Computerprogrammen). Es wird Kommunikationshürden geben, und das ist eine gute Metapher für ICT: Wir werden zu Informations- und Kommunikationsbastlerinnen werden, und so diese Hürden überspringen.”[13]

Die ursprüngliche Website der Gender Changer Academy wurde einem Unix Dateisystem nachempfunden. Dahinter stand die Absicht, eine Einführung in das Dateisystem auf eine Weise zur Verfügung zu stellen, die zugänglicher sein sollte als stapelweise trockene Computer-Handbücher zu lesen. “Wir haben die Linkstruktur unserer Website aufgebaut wie ein typisches Linuxverzeichnis. Auf jeder Seite kannst du technische Information (in Schreibmaschinenbuchstaben) darüber lesen, wofür das Verzeichnis mit dem gleichen Namen im Linux Verzeichnisbaum genutzt wird. Der Inhalt jeder Seite beschreibt und/oder linkt zu Webseiten von existierenden Gruppen, Veranstaltungen und so weiter. […]  Falls Du mehr über die Verzeichnisstruktur wissen willst: Lies die Information in Schreibmaschinenschrift. Falls Du mehr über interessante Gruppen wissen willst, kannst Du in /bin und /usr/bin suchen.”[14] Schon immer war es ein Grundsatz der Funktionsweise der GCA, Verbindungen zwischen technischem Wissen und gewohnten Alltagserfahrungen – besonders Erfahrungen von Frauen – auf kreative Art herzustellen.

Die GCA Hardwarekurse und Skill-Sharing Sessions wurden zu einer regelmäßigen Erscheinung. Gleichzeitig führte der “Internet boom” um die Jahrtausendwende herum zu einem raschen Wachstum und einer Stärkung von Frauennetzwerken, und die GCA nahm rasch Verbindung mit anderen Gruppen und Organisationen auf, wie etwa den “Haecksen”[15], den weiblichen Mitglieder des Chaos Computer Club, dem cyberfeministischen “Old Boys’ Network”[16], und anderen. Die Prinzipien und Arbeitsweisen der GCA gefielen Frauen mit ähnlichen Erfahrungen in anderen Zusammenhängen und an anderen Orten, und so unternahmen einige von ihnen den Versuch, Zweigstellen der GCA in verschiedenen Städten wie etwa London, Toronto, Philadelphia und der San Franzisko Bay Area aufzubauen, oder ähnliche Gruppen zu initiieren.

Bis heute – retrospektiv und mehrere Jahre später – ist die Frage, warum diese anderen Gruppen weniger tragfähig waren, für die Frauen, die sich an diesen Bemühungen beteiligten, weitgehend offen und in gewisser Weise frustrierend. Anscheinend können die spezifischen Bedingungen, aus denen die GCA in Amsterdam hervorging, nicht einfach reproduziert werden. Selbst in anderen größeren europäischen Städten kann es schwierig sein, mehr als drei oder vier Frauen zu finden, die ein Interesse an beidem teilen: Technologie und Frauenräumen. Insbesondere das Prinzip der exklusiven Frauenräume erwies sich häufig als kontrovers und manchmal auf schmerzhafte Weise spaltend. Und selbst, wenn es gelang, eine kleine Gruppe mit starken gemeinsamen Überzeugungen zu bilden, so brauchte diese doch einen Ort, an dem sie sich treffen und zusammen arbeiten konnte. Im Nachhinein scheinen die Bedingungen, wie sie bei ASCII bestanden, entscheidend gewesen zu sein. In diesem Kontext konnte sich eine relativ einheitliche Gruppe auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen und des Wunsches, die vorgefundenen Bedingungen entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse zu verändern, formieren, aber gleichzeitig stellte dieser Kontext der Gruppe anfangs einen Raum zur Verfügung, in dem sie sich entwickeln konnte.

In ganz Europa


Eine der Frauen, die sich an den frühen GCA Kursen beteiligte, war eine Systemadministratorin aus Zagreb. Sie entwickelte ein Interesse an der Idee, ähnliche Kurse in Kroatien zu organisieren. Durch ihre Verbindungen und in Zusammenarbeit mit den Genderchangern in Amsterdam entstand jedoch statt der Gründung einer CGA Ortsgruppe Zagreb eine neue Form: Der Eclectic Tech Carnival[17].  Der Name leitet sich von der “/etc”-Sektion der Gender Changer Website ab (deshalb wird der Eclectic Tech Carnival als “/etc” abgekürzt). In der Beschreibung dieser Sektion heißt es, sie enthalte “allen möglichen Sozialisations- und Computer-Konfigurationskram”[18]. Im Unix-Dateisystem enthält das Verzeichnis /etc “alle wichtigen Konfigurationsdateien für deinen eigenen Computer, für’s Vernetzen (Hostname, Host, Netzwerke), Nutzer (Nutzergruppen), Mail (mail.rc) und rc.config und das Verzeichnis init.d mit den Initialisierungs-Skripten”[19]. Diese Idee der Konfiguration sowohl von Computern als auch von Sozialisation zum Zweck der Vernetzung wurde zum Grundprinzip für ein dreitägiges, intensives Treffen, an dem Workshops, Diskussionen und Hacking-Sessions von und für Frauen abgehalten werden sollten, und 2002 fand der erste Eclectic Tech Carnival in Pula, Kroatien, statt.

Mit dem Ortswechsel und der Verschiebung von der Veranstaltung von Kursen auf das aktive Zugehen auf mehr Frauen wurden jedoch gewisse unbewusste Vorannahmen deutlich. In einer wohlhabenden westeuropäischen Stadt wie Amsterdam ist die Entscheidung, in der Hausbesetzerszene zu leben und recycelte Hardware und Freie Software zu benutzen normalerweise (wenn auch nicht immer) eben dies: Eine Entscheidung. Diese Entscheidungsmöglichkeit besteht im Rahmen einer gut funktionierenden urbanen Infrastruktur noch immer, und Hardware wird nicht deshalb so häufig ausrangiert, weil sie defekt ist oder nicht mehr funktioniert, sondern einfach, um Platz zu machen für neuere, stärkere Modelle. Damit ist genügend Material für alle möglichen Projekte vorhanden. Dies war in einer sich noch von einem brutalen Krieg erholenden Region nicht unbedingt der Fall, und der Enthusiasmus für eine spezifisch innerhalb der und für die Amsterdamer Hausbesetzerszene entwickelte Herangehensweise konnte in einem anderen Kontext und unter anderen Bedingungen leicht als eine Art Missionierung verstanden werden. Die Vielfalt ihrer beruflichen, politischen und kulturellen Herkunftskontexte und der Sprachen, die bei den Gender Changern von Anfang an und dann auch unter all den unterschiedlichen /etc Frauen mit verschiedensten Graden der Perfektion gesprochen wurden, war immer eine Quelle für potentielle Konflikte und Missverständnisse, aber auch eine der größten Stärken der Gruppe gewesen.

Die drei intensiven, gemeinsam verbrachten Tage in Pula waren jedenfalls anregend genug, zwei Teilnehmerinnen aus Griechenland zu dem Vorschlag zu motivieren, das nächste /etc im Jahr 2003 in Athen abzuhalten. So entstand ein Modell, das sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Nach Athen im Jahr 2003 fand /etc 2004 in Belgrad (Serbien) statt, /etc 2005 in Graz (Österreich), /etc 2006 in Timisoara, (Rumänien), und /etc 2007 in Linz (Österreich). Frauen, die an irgendeinem Ort teilgenommen hatten, ließen sich dazu anregen, das /etc dorthin zu bringen, wo sie lebten und arbeiteten. Kontakte, Diskussionen und gegenseitige Unterstützung und Ermutigung setzen sich zwischen den Karnevals auf mehreren Mailinglisten, Webseiten und durch IRC fort.[20]

Obwohl das Grundmuster der inzwischen fünf Tage dauernden Karnevals mit ihren Hardware-Crashkursen, Software-Workshops und Demonstrationen von Freier und Open Source Software, mit der gleichen Mischung aus ernsthafter Tech-Arbeit und unbeschwertem Vergnügen weitgehend dasselbe blieb, so stellte doch jeder Veranstaltungsort die Gruppe vor eine neue Kombination unterschiedlicher Herausforderungen. So führte die vollständige Abwesenheit jeglicher Infrastruktur in Timisoara – zeitweise stand sogar in Frage, ob Elektrizität vorhanden sein würde – zu einer gewaltigen Anstrengung seitens der internationalen Gruppe der Organisatorinnen, die mit einer kleinen Gruppe vor Ort in Rumänien zusammenarbeitete, damit der Eclectic Tech Carnival überhaupt stattfinden konnte. Das /etc in Linz im nächsten Jahr warf aufgrund der diesmal hervorragenden Infrastruktur und den begrenzten Finanzierungsmöglichkeiten völlig andere Fragen auf. Häufig werden Bedenken dahingehend geäußert, dass der Eclectic Tech Carnival sehr darauf achten müsse, eine “Festivalisierung”, eine hierarchische Situation, in der sich eingeladene und bezahlte Vortragende und zahlende “Konsumentinnen” gegenüberstehen, zu vermeiden, wenn die ursprüngliche Absicht des Skillsharing und gemeinsamen Lernens nicht verloren gehen solle.


Wissen kann Grenzen überschreiten, Frauen und Ausrüstung nicht

Zur Vorbereitung des Eclectic Tech Carnival in Linz formierte sich eine Allianz aus Frauen von dem Linzer unabhängigen Kunstserver servus.at[21], dem unabhängigen Kunst- und Kulturzentrum Stadtwerkstatt[22], und von MAIZ[23], einem autonomen Verein von und für Migrantinnen in Oberösterreich. Insbesondere die Beteiligung von MAIZ vermittelte eine wichtige Botschaft: Das ursprüngliche Ziel des Eclectic Tech Carnival, gegründet auf die Ideale der Gender Changer Akademie, ist bis heute sein Grundprinzip geblieben, insbesondere das Ziel, eine Situation zu schaffen, in der Frauen sich die Fertigkeiten und Werkzeuge aneignen können, die sie wollen und brauchen, um ihre Ziele des sozialen, politischen und ökonomischen Wandels besser umsetzen zu können, egal wo sie herkommen oder welche Sprachen sie sprechen.

Die Ideen einer kleinen Gruppe von Frauen aus einem besetzten Zentrum in Amsterdam auf einen internationalen Kontext auszuweiten bedeutet jedoch, Lösungen zu finden – nicht nur für Missverständnisse und einander entgegen gesetzte Erwartungen, sondern auch für bürokratische und politische Hindernisse. Eines der frustrierendsten Hindernisse sind die Reisebeschränkungen, die es verhindern, dass Leute, die online zusammenarbeiten, sich face-to-face treffen können. So wurde einer der Hauptorganisatorinnen des Belgrader /etc die Erlaubnis verweigert, zu einem Vorbereitungstreffen nach Madrid zu reisen. Reisebeschränkungen, die manchen Regionen auferlegt werden und anderen nicht, schaffen ungleiche Bedingungen für Frauen, die sich ausdrücklich darum bemühen, das Feld sozusagen einzuebnen. Auf die Ankündigung, dass Anmeldungen für /etc 2007 in Linz nun entgegengenommen würden, gingen über 20 Anmeldungen aus Afrika ein, vor allem aus Äthiopien und Ghana. Nachdem deutlich gemacht wurde, dass /etc als eine vollständig auf ehrenamtliche Helferinnen angewiesene Veranstaltung keinerlei Finanzierungsmöglichkeiten für Reisekostenerstattung hatte, blieben davon nur zwei Frauen übrig, denen es gelang, selbst eine Finanzierung für ihre Reisekosten zu finden. Doch , um nach Österreich im Zentrum der Festung Europa zu gelangen, mussten sie immer noch ein Visum beantragen. Als die Organisatorinnen die “Verpflichtungserklärung” durchlasen, die sie für den Visumsantrag unterschreiben mussten, und deren Implikationen verstanden, fanden sie sich auf höchst unangenehme Weise in eine Position gezwungen, in der sie aufgrund ernstzunehmender rechtlicher und finanzieller Risiken die Motivation und Glaubwürdigkeit einer potentiellen Teilnehmerin in Frage stellen mussten – eine Position, die dem Geist und den Absichten des Eclectic Tech Carnival diametral entgegengesetzt ist und den persönlichen Überzeugungen der Organisatorinnen selbst widerspricht. Die Überwindung dieser bürokratischen Hürden erforderte ausgiebige, anstrengende und kooperative Kommunikation zwischen den internationalen Organisatorinnen und denen vor Ort sowie den potentiellen Teilnehmerinnen, eine Anstrengung, die insofern “belohnt” wurde, dass genau eine Frau ein Visum bekam, um am Eclectic Tech Carnival teilzunehmen. Eine andere Frau, die zusammen mit einer Kollegin einen Workshop abhalten wollte, konnte dieses Unterfangen letztendlich nicht in die Tat umsetzen. Denn im Verlauf der ständigen Zusammenarbeit online über verschiedenste Grenzen hinweg kam niemand auf die Idee, dass eine Frau aus Sarajewo, die mit einer anderen Frau in Zagreb zusammenarbeitete, ein Visum brauchen würde, um physisch von Sarajewo über Zagreb nach Linz zu reisen. Als dies offenbar wurde, war es zu spät, ein Visum zu beantragen.

Im Verlauf der Workshops in Linz kam es zu Diskussionen über Hardware, die an manchen Orten ausrangiert und an anderen dringend gebraucht wird. Gegenwärtig sieht es nicht so aus, als sei es für Ausrüstung in irgendeiner Weise einfacher, geopolitische Grenzen zu überschreiten, als für die Frauen, die diese Ausrüstung benötigen. Der ungebrochene Kommunikationsfluss über alle Sprachgrenzen hinweg hebt die frustrierende Absurdität dieser Hindernisse nur noch deutlicher hervor.

Für die Frauen, die teilnehmen konnten jedoch wurden die während des Eclectic Tech Carnival fortgesetzten Ziele und Ideale der Gender Changer Akademie am klarsten am Ende der Veranstaltung von einer Frau von MAIZ zum Ausdruck gebracht. Sie hatte an einem Workshop teilgenommen und dort gelernt, ein UTP Kabel zu verlängern. Ein paar Wochen zuvor hatte sie ein längeres Kabel gebraucht, aber der Mann, den sie um Hilfe gebeten hatte, hatte ihr gesagt, dass das “kompliziert” sei, und dass er jetzt keine Zeit habe, und so wartete sie immer noch auf das Kabel. Nach dem Workshop kam sie raus, das Kabel, das sie gecrimpt hatte, in der erhobenen Faust, und verkündete triumphierend: “Ich kann’s selber machen: Jetzt hab’ ich Macht!”

 

 

Mit Respekt und Dank an die Gender Changer: Donna, Tali, Sara, Kristina, Sisi.

 

Anmerkung der Autorin: Obwohl ich die volle Verantwortung für alle Folgerungen und Interpretationen der Geschichte und Entwicklung der GCA und /etc übernehme, hätte dieser Aufsatz ohne die Frauen, die bereit waren, ihre Geschichten und Überlegungen mit mir zu teilen, selbstverständlich nicht geschrieben werden können. Besonderer Dank für Diskussionen, Kommentare und Korrekturen einer früheren Version dieses Aufsatzes geht an Amaia Castro, Reni Hofmüller, Donna Metzlar, Ivana Pavic, Ushi Reiter, Taliesin Love Smith, Jo Walsh.



[1]    http://old.genderchangers.org/boot/index.html

[2]    http://scii.nl/about/what/

[3]    http://scii.nl/projects/linux/

[4]    http://www.fsf.org/

[5]    Vgl. Aileen Derieg, “Kommunikationstechnologien: Nutzen – benutzen – ausgenutzt?”, in: Der Apfel. Rundbrief des Österreichischen Frauenforums Feministische Theologie, Nr. 47, February 1999, 4-5 (http://eliot.at/Texts/ICT_for_femtheologians.html); vgl. auch die Entwicklung weiterer Diskussionen im Zusammenhang mit dem Europäischen Feministischen Forum: http://europeanfeministforum.org/spip.php?article96&lang=en

[6]    Fernanda Weiden, “Women in Free Software”, Groklaw, September 11, 2005: http://www.groklaw.net/article.php?story=20050911153013536

[7]    Einige Beispiele finden sich in den Kommentaren hier: http://linux.slashdot.org/article.pl?sid=06/07/29/1444223 oder hier: http://www.devchix.com/2007/06/09/let%E2%80%99s-all-evolve-past-this-the-barriers-women-face-in-tech-communities/. Im zweiten Beispiel wurden beleidigende, obszöne und bedrohliche Kommentare von der Autorin entfernt.

[8]    Z.B. auf der Tagung der Wizards of OS, 14 – 16 September 2006, Berlin: “Will the future of free software be non-Western, user-driven and female?”: http://www.wizards-of-os.org/programm/panels/rules_amp_tools_of_freedom/the_future_of_free_software.html

[9]    http://www.tldp.org/HOWTO/Encourage-Women-Linux-HOWTO/

[10]  Ebd.: 1.1. Audience: http://www.tldp.org/HOWTO/Encourage-Women-Linux-HOWTO/x28.html#AEN36

[11]  “Why a hardware course?”: http://genderchangers.org/faq.html

[12]  http://genderchangers.org/faq.html

[13]  http://www.eclectictechcarnival.org/manifesto.html

[14]  http://old.genderchangers.org/

[15]  http://www.haecksen.org/

[16]  http://www.obn.org/

[17]  Vgl. Reni Hofmüller, “Do It Together”, in: Anschläge Juli/August 2007; http://drupal.eclectictechcarnival.org/node/671

[18]  http://old.genderchangers.org/

[19]  http://old.genderchangers.org/etc/index.html

[21]  http://www.servus.at

[22]  http://www.stwst.at

[23]  http://www.maiz.at