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06 2004
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Die politische Form der Koordination

Übersetzt von Stefan Nowotny

Maurizio Lazzarato

Maurizio Lazzarato

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Stefan Nowotny (translation)

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instituent practices

Gegründet auf den Modus der „Koordination“, bildet der Kampf der „Intermittents et précaires d’Ile de France“ ein veritables Laboratorium, das den Zusammenbruch jenes politischen Schemas zu beleuchten vermag, welches aus der sozialistischen und kommunistischen Tradition hervorgegangen ist. Wo Letzteres auf einer Logik des Widerspruchs insistiert, einer Logik der politischen Repräsentation eines Unrechts, die bedeutungsvolle Identitäten in Szene setzt, gibt sich die politische Form der „Koordination“ entschieden expressiv, transformistisch, achtsam gegenüber der instabilen Dynamik der post-identitären Identitäten, aus denen die Wirklichkeit unserer Welt gewoben ist. Die Koordination zielt nicht so sehr auf die Konstituierung eines einheitlichen Kollektivs, welches um jeden Preis die Gleichheit seiner Mitglieder anstrebt, als vielmehr auf das Werden der Singularitäten, die sie innerhalb einer instabilen, vernetzten, ins Patchwork verliebten Mannigfaltigkeit zusammenfügt; sie übersteigt damit jegliche theoretische Definition ebenso wie alle gewerkschaftlichen und staatlichen Kennzeichnungen. Es handelt sich um eine Politik des Experimentierens, die eine Absetzung der vorausgesetzten Wissensformen bewirkt und sich dem Unbekannten öffnet, ohne das kein neues Leben vorstellbar ist.

Die gegenwärtigen politischen Bewegungen vollziehen einen radikalen Bruch mit der sozialistischen und kommunistischen Tradition. Sie entfalten sich nicht gemäß der Logik des Widerspruchs, sondern folgen einer Logik der Differenz, die nicht Abwesenheit von Konflikt, Opposition, Kampf bedeutet, sondern deren radikale Modifizierung auf zwei asymmetrischen Ebenen. Die politischen Bewegungen und Individualitäten konstituieren sich gemäß der Logik der „Verweigerung“, des „Dagegen“-Seins, der Teilung. Auf den ersten Blick scheinen sie die Trennung zwischen „ihnen und uns“, zwischen Freund und Feind zu reproduzieren, die für die Logik der Arbeiterbewegung bzw. der Politik überhaupt charakteristisch ist. Aber dieses „Nein“, diese Affirmation der Teilung, formuliert sich auf zwei verschiedene Weisen. Einesteils ist es gegen die Politik gerichtet und drückt eine radikale Ablösung von den Repräsentationsregeln bzw. der Inszenierung der Teilung im Inneren ein und derselben Welt aus; anderenteils ist es die Bedingung dafür, sich einem Werden zu öffnen, einer Gabelung der Welten sowie ihrer konfliktuellen, nicht aber vereinheitlichenden Zusammenfügung.

Auf der ersten Ebene drückt sich der Kampf in Gestalt einer Flucht aus den Institutionen und den Regeln der Politik aus. Man entzieht sich ganz einfach, man geht, so wie die „Völker des Ostens“ den real existierenden Sozialismus verlassen haben, indem sie die Grenzen überquerten oder an Ort und Stelle die Formel Bartlebys rezitierten: „I would prefer not to“ – ich würde vorziehen, nicht. Auf der zweiten Ebene entfalten die individuellen und kollektiven Singularitäten, welche die Bewegung konstituieren, eine Dynamik der Subjektivierung, die eine Zusammenführung gemeinsamer Ausgangspunkte (kollektive Rechte) und zugleich die differenzielle Affirmation einer Mannigfaltigkeit von Ausdrucks- und Lebenspraxen ist. Flucht, Praktiken des politischen Sich-Entziehens auf der einen Seite, Konstituierung, Strategien des „Empowerment“ auf der anderen. Diese neue Dynamik lässt die Verhaltensweisen der Bewegungen und Singularitäten für die PolitologInnen, SoziologInnen, politischen Parteien und Gewerkschaften undurchsichtig und unverständlich werden.

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In Frankreich ist eines der interessantesten Dispositive, mittels deren die Bewegungen die beiden Ebenen zusammenhalten, jenes der „Koordination“. Die Koordination der „Intermittents et précaires d’Ile de France“ ist die jüngste und am weitesten vorangetriebene unter jenen Koordinationen, über die sich seit Beginn der 1990er Jahre sämtliche Formen des Kampfes organisieren, die eine bestimmte Reichweite haben (Koordinationen des Krankenpflegepersonals, der Studierenden, EisenbahnerInnen, Arbeitslosen, LehrerInnen etc.).

Die Verweigerung, das „Nein“ („wir spielen nicht mehr mit“), ist es, was die Intermittents den Schwenk von einer zweideutigen, aber immer individuellen Beziehung zur Organisation der Kultur- und Kommunikationsindustrie hin zu einer neuen Beziehung zu sich selbst sowie zur Macht, die sich über die „Kraft des Wir“ einstellt, vollziehen ließ. Anstatt den Gegenstand einer Aneignung und Ausbeutung seitens der Industrie zu bilden, funktionieren sämtliche Elemente, die für die Zusammenarbeit der Intermittents charakteristisch sind, als Motoren des Kampfes.

Es ist die Koordination, die das Ereignis des Kampfes ermöglicht hat. Im Ereignis zeigt sich sowohl das, was in einer bestimmten Zeit untragbar ist, als auch die neuen Lebensmöglichkeiten, die diese Zeit enthält. Die Destrukturierung des Untragbaren und die Artikulation neuer Lebensmöglichkeiten haben eine sehr reale Existenz, aber sie drücken sich zunächst als Transformation der Subjektivität aus, als Wandel der Empfindungsweise, als Neuverteilung des Begehrens in den „Seelen“ der Intermittents, die sich im Kampf befinden. Diese Neuverteilung von Möglichkeiten öffnet sich auf einen Prozess des Experimentierens und Schaffens hin: Es kommt zu Erprobungen dessen, was der Wandel der Subjektivität beinhaltet, und es werden Dispositive, Institutionen, Bedingungen geschaffen, die in der Lage sind, diese neuen Lebensmöglichkeiten zu entfalten.

Deleuze und Guattari sagten über den Mai 68: „Die Gesellschaft muss imstande sein, der neuen Subjektivität angemessene kollektive Gefüge zu bilden, dergestalt, dass sie die Mutation will.“[1] Betrachten wir das politische Handeln im Lichte des Ereignisses, so sind wir mit einem doppelten Schaffen, einer doppelten Individuation, einem doppelten Werden (Hervorbringung eines Möglichen sowie seine effektive Verwirklichung) konfrontiert, die sich den herrschenden Werten entgegenstellen. Hierin manifestiert sich der „Konflikt“ mit dem, was existiert. Diese neuen Lebensmöglichkeiten prallen auf die Organisation der vorhandenen Mächte sowie auf jene Effektuierungen, die diese Mächte auf der Grundlage derselben konstituierenden Öffnung ausformen.

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Die Koordination hat auf exemplarische Weise den Kampf auf den beiden genannten asymmetrischen Ebenen entwickelt: Verweigerung und Konstituierung, Destrukturierung des Untragbaren und Entfaltung neuer Möglichkeiten.

Die Destrukturierung des Untragbaren drückt sich – indem sie gegenüber den kodifizierten Formen des gewerkschaftlichen Kampfes, auf die man sich geeinigt hat (Versammlung, Demonstration), einen Schritt zur Seite vollzieht – durch die Erfindung neuer Handlungsformen aus, deren Intensität und Ausdehnung mehr und mehr auf die Störung und Enthüllung der Kommandonetze der Unternehmensgesellschaft gerichtet sind. Der Deregulierung des Arbeitsmarkts und der sozialen Rechte wird eine Deregulierung des Konflikts gegenübergestellt, die der Organisation der Macht bis in die – von den klassischen gewerkschaftlichen Kämpfen sehr zu Unrecht ignorierten – Kommunikationsnetzwerke und Ausdrucksmaschinen hinein folgt (Unterbrechung von Fernsehsendungen, Belegung der Werbeflächen, Interventionen in Zeitungsredaktionen etc.). An die monumentalen Mobilisierungen der Gewerkschaften (Streiks), die in Zeit und Raum konzentriert sind, hat die Koordination eine (über die Zahl der Beteiligten sowie die Variation der Zielsetzungen erfolgende) Diversifizierung von Aktionen „just in time“ (in Frequenz und Geschwindigkeit ihrer Vorbereitung und Durchführung) gekoppelt (ohne sie ihnen entgegenzusetzen), die einen Eindruck davon vermitteln, wie effiziente Aktionen im Rahmen einer mobilen, flexiblen kapitalistischen Produktionsorganisation aussehen können, in der die Ausdrucksmaschinen (Fernsehen, Werbung, Presse, Kino, Festivals) für die „Produktion“ konstitutiv sind.

Wenn die Destrukturierung des Untragbaren sich ihre Handlungsmodalitäten erfinden muss, so ist die mit der Verweigerung einhergehende Transformation der Empfindungsweisen lediglich die Öffnungsbedingung für einen anderen – „problematischen“ – Prozess des Schaffens und der Aktualisierung, der die Mannigfaltigkeit betrifft. Das „Problematische“ ist es, wodurch das Leben und die Organisation der Koordination charakterisiert sind. Die im Kampf engagierten Subjektivitäten finden sich eingespannt zwischen die alte Aufteilung des Sinnlichen, die bereits nicht mehr existiert, sowie die neue, die noch nicht da ist, es sei denn in den Modalitäten einer Transformation der Sinnlichkeit, in der Umwandlung der Wahrnehmungsmodalitäten der Welt. Die Koordination ist kein Kollektiv, sondern eine Kartographie von Singularitäten, zusammengesetzt aus einer Mannigfaltigkeit von Kommissionen, Initiativen, Orten, an denen Dinge diskutiert und ausgearbeitet werden, politischen und gewerkschaftlichen AktivistInnen, aus mannigfaltigen Sparten und Berufen, Freundschaftsnetzen, „kulturellen und künstlerischen“ Affinitäten, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Zwecksetzungen entstehen und vergehen. Der Konstituierungsprozess der Mannigfaltigkeit, der hier in Gang gesetzt wird, ist nicht organisch, sondern polemisch und konfliktuell. In diesen Prozess sind sowohl Individuen und Gruppen verwickelt, die sich verzweifelt an die Identitäten, Rollen und Funktionen klammern, welche die Industrie für sie moduliert hat, als auch Individuen und Gruppen, die in Bezug auf dieselben Modulierungen in einen radikalen Entsubjektivierungsprozess eingetreten sind. Es gibt konservative Handlungs- und Sprechweisen ebenso wie andere, erneuernde; bald verteilen sie sich auf verschiedene Individuen und Gruppen, bald durchziehen sie ein und dasselbe Individuum bzw. ein und dieselbe Gruppe.

Das Wort „prekär“, von der Koordination der Ile de France der Benennung „Intermittents“ hinzugefügt, ist jenes Wort, das die größten Leidenschaften und die meisten Wortmeldungen freigesetzt hat. Da gibt es jene, für die „prekär“ eine Tatsache, eine Feststellung bezeichnet (es gibt ebenso viele – wenn nicht mehr – nicht-entschädigte Intermittents, wie es entschädigte Intermittents gibt; jedenfalls verwandelt das neue Protokoll 35 % derer, die entschädigt werden, in Prekäre). Andere eignen sich das Wort mit Freude an, als eine Umkehrung der Bestimmung durch die Macht (auf dieselbe Weise wie „ArbeitsloseR“, „RMIstIn“[2], „EinwanderIn“ etc.) und als Verweigerung gegenüber der Klassifikation, in die sie gezwungen werden. Wieder andere, die die unbestimmten und negativen Konturen dieser Zuschreibung als Lähmung empfinden, verlangen nach der beruhigenden Identität der „KünstlerIn“ oder „professionellen KulturarbeiterIn“ – ebenso sehr Klassifikationen, aber solche, die ihrem Verständnis nach „positiv“ besetzt sind. Mit der KünstlerIn, der Professionalität kann man sich identifizieren, während „prekär“ eine über den Mangel erfolgende Identifikation darstellt. Es gibt auch jene, für die das Wort „prekär“ hinreichend doppel- und mehrdeutig ist, um sich einer Vielfalt von Situationen zu öffnen, die über den „Kulturbetrieb“ hinausgehen und genügend Möglichkeiten für den Klassifikationen der Macht entrinnende Werdensprozesse zulassen. Noch einmal andere fordern den Begriff einer „existenziellen“ Prekarität ein und beanstanden jenen der „ökonomischen Prekarität“. Und dann gibt es auch noch jene, für die „prekär“ den Ort bezeichnet, an dem die Klassifikationen, Zuschreibungen, Identitäten verschwimmen (zugleich KünstlerIn und prekär sein, zugleich professionell und arbeitslos sein, abwechselnd drinnen und draußen, an den Rändern und Grenzen): den Ort, an dem die Verhältnisse, indem sie unzureichend kodifiziert sind, zugleich und auf widersprüchliche Weise Quellen der politischen Unterwerfung, der ökonomischen Ausbeutung sowie auch der am Schopf zu packenden Gelegenheiten darstellen.

Das Wort „prekär“ ist das beste Beispiel für eine „problematische“ Benennung, die neue Fragen aufwirft und neue Antworten herausfordert. Ohne über die universelle Reichweite von Namen wie „ArbeiterIn“ oder „ProletariarIn“ zu verfügen, spielt dieses Wort, wie einst die letzteren, die Rolle eines Elements, das eine Überschreitung darstellt und folglich seitens der Macht nur negativ benennbar ist. Alle Welt stimmt darin überein, dass Prekarität als Waffe, die der politischen Unterwerfung und ökonomischen Ausbeutung dient, neutralisiert werden muss. Zur Teilung kommt es dort, wo es um die Frage geht, wie dies effektiv zu bewerkstelligen ist und worin der Sinn einer solchen Errungenschaft bestehen kann. Soll das Unbekannte der problematischen Situationen, welche die Prekarität hervorruft, auf den bekannten Faktor etablierter Institutionen und ihrer Repräsentationsformen zurückgelenkt werden: Lohnarbeit, Recht auf Arbeit (Beschäftigung), an den Beschäftigungsindex gebundenes Recht auf soziale Sicherheit, paritätische Demokratie von Unternehmerorganisationen und Gewerkschaften? Oder geht es darum, neue Rechte zu erfinden und durchzusetzen, die ein neues Verhältnis zur Tätigkeit, zur Zeit, zum Reichtum und zur Demokratie begünstigen, welche in prekären Situationen lediglich virtuell und oftmals negativ existieren?

Wie sich zeigt, werfen die ökonomischen Fragen, die an die Sicherungs- und Repräsentationssysteme rühren, unmittelbar Probleme der politischen Klassifikation auf, die auf unterschiedliche Subjektivierungsprozesse verweisen: einerseits eine Rückkehr in die vorfabrizierte Gussform der Beziehung zwischen Kapital und Arbeit, indem Kunst und Kultur als deren „Ausnahme“ gelebt werden; andererseits eine Befragung der Metamorphose der Begriffe von Arbeit und Kunst sowie eine Öffnung für jene Werdensprozesse, die diese Fragen selbst mit sich bringen, indem die Wörter „KünstlerIn“ und „Professionalität“ auf andere Weise definiert werden.

Oder schließlich: Geht es um eine Rückführung der „Prekären“, also derer, die noch nicht kodifiziert sind, auf den institutionalisierten und bereits normierten Konflikt (dem auch die Revolution von so manchen Revolutionären angehört!) oder um ein Ergreifen der Chance, Kämpfe für Identitäten im Werden zu entwerfen?

Die postfeministischen Bewegungen haben sich, im Zusammenhang mit dem „aporetischen“ Begriff der post-identitären Identität, bereits der schwierigen Frage des Werdens, dem Problem der Beziehung zwischen Differenz und Wiederholung gestellt: Identitäten in Bewegung, gebrochene Identitäten, exzentrische Identitäten, nomadische Subjekte, in denen die Identität affirmiert und zugleich ihrer selbst entrissen wird, in denen die Wiederholung (Identität) für die Differenz da ist, in denen die Affirmation von Rechten nicht eine Zuschreibung oder Integration bedeutet, sondern eine Werdensbedingung. An diesem Punkt besetzt dieselbe Frage den klassischeren Bereich des Rechts und der institutionellen Formen, über die das Soziale reguliert wird.

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Diverse Handlungs- und Sprechweisen drücken sich in der Koordination aus, indem sie sich als Lernprozesse oder „kollektive Expertisen“ (wie die Intermittents sagen, wenn sie von ihrem Handlen sprechen) entfalten und im Zuge dessen die jeweiligen politischen „Objekte“ und „Subjekte“ hervortreten lassen. Diese Lernprozesse und Expertisen führen, sobald sie funktionieren, zu einer Vervielfältigung von Problemen und Antworten.

Die Hervorbringung eines Modells, das eine Alternative zu dem von der Regierung vorgeschlagenen bildet, ist eine dieser Expertisen, welche im Ausgang von den spezifischen Praxen der Sparten des Kulturbetriebs in die allgemeine Organisation unserer Gesellschaften intervenieren. Indem die Legitimität einer Trennung zwischen ExpertInnen und Nicht-ExpertInnen in Frage gestellt wird, bringen die Konstruktionsmodalitäten des neuen Modells auch die Aufteilung zwischen RepräsentantInnen und Repräsentierten auf den Prüfstand. Das Handeln der Koordination ist auf die Erprobung von Dispositiven des Gemeinsam-Seins und des Dagegen-Seins rückführbar – Dispositive, die bereits kodifizierte Prozeduren der Politik wiederholen und zugleich neue erfinden, die jedoch allesamt sehr darauf achten, die Begegnung der Singularitäten zu favorisieren, die Bildung eines Gefüges von verschiedenen Welten und Universen.

Die generelle Organisationsform dabei ist nicht die vertikale und hierarchische der Parteien und Gewerkschaften, sondern die des Netzwerks, in dem verschiedene Organisationsmethoden und Formen der Entscheidungsfindung wirksam werden, die koexistieren und sich auf mehr oder weniger glückliche Weise ineinander fügen. Die Generalversammlung läuft nach dem Prinzip der Stimmenmehrheit ab, ohne indessen mit einer Auswahl von Eliten oder der Ausbildung vertikaler, direktiver und auf Dauer gestellter Strukturen einherzugehen. Das Leben der Koordination und der Kommissionen gestaltet sich vielmehr nach einem Patchwork-Modell, das es Individuen und Gruppen erlaubt, mit größerer Flexibilität und Verantwortlichkeit Initiativen zu setzen bzw. neue Handlungsformen zu lancieren. Die Netzwerkorganisation ist durch eine größere Offenheit für Lernprozesse sowie die Aneignung der politischen Aktion durch alle charakterisiert. Das Netzwerk erweist sich als günstig, wenn es um die Entfaltung minoritärer Politik und Entscheidungsfindung geht.

Die Koordination hat sich eine Strategie zu eigen gemacht, deren Wirkungsweise die von der Politik und den majoritären Modellen instituierten Aufteilungen transversal durchquert (RepräsentantInnen/Repräsentierte, öffentlich/privat, individuell/kollektiv, ExpertInnen/Nicht-ExpertInnen, sozial/politisch, Öffentlichkeit/BetrachterInnen, LohnempfängerInnen/Prekäre etc.). Die Öffnung dieses instituierenden Raums nährt eine Spannung zwischen der Affirmation der Gleichheit, die von der Politik proklamiert wird (wir sind alle gleich an Rechten), sowie den Machtbeziehungen zwischen Singularitäten, die stets asymmetrisch sind (innerhalb einer Versammlung, einer Diskussion, einer Entscheidungsfindung ist die Zirkulation der Rede, der Positionen und Funktionen niemals auf Gleichheit gegründet).

Die „kollektiven“ Rechte definieren die Bedingungen von Gleichheit; die Rechte sind für alle da. Aber diese Gleichheit existiert nicht für sich selbst, sie ist kein Ziel in sich. Sie existiert für die Differenz, für das Werden aller, andernfalls ist sie nichts als eine Nivellierung der Mannigfaltigkeit, ein Mittelmaß an Subjektivitäten und eine mittelmäßige (majoritäre) Subjektivität. Die von der Macht auferlegten Differenzen werden zurückgewiesen, doch es werden Differenzen zwischen Singularitäten entworfen (auf dieser zweiten Ebene kann die Gleichheit nichts anderes sein als die Möglichkeit aller, nicht von dem abgetrennt zu werden, was sie können, die Möglichkeit einer vollen Entfaltung des eigenen Vermögens). Man verweigert sich der Hierarchie der Kulturindustrien und komponiert asymmetrische Beziehungen zwischen Singularitäten, die – „so wie es in der Welt der KünstlerInnen keinerlei Ränge, aber verschiedene Schauplätze gibt“ – nicht miteinander kommensurabel sind.

Die Koordination schafft die Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten und die Teilungen, Klassifizierungen, Zuschreibungen durcheinander zu bringen, in welche die Intermittents und wir alle gezwängt werden. Der Raum der Koordination richtet sich transversal zur Logik der Gleichheit ebenso wie zu jener der Differenz (Freiheit) ein, indem er das Verhältnis zwischen beiden als Problem entwirft und den Versuch unternimmt, die Begrenzungen zu prüfen , innerhalb deren sie von Sozialismus und Liberalismus bedacht und praktiziert wurden. Die Koordination ist der konfliktuale Ort, an dem die Verwandlung der Mannigfaltigkeit stattfindet: von der unterworfenen und in Dienst genommenen Mannigfaltigkeit in eine neue Mannigfaltigkeit, deren Konturen vorab nicht ausgemessen werden können.

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Im Allgemeineren können wir Folgendes sagen: Die politische Organisationsform der Koordination verweist auf ein Erfinden, auf ein Erproben sowie auf die entsprechenden Handlungsmodalitäten – und nicht auf eine neue Form des Krieges. Wir sind im Begriff, eine Situation des „planetarischen Bürgerkrieges“ und des permanenten „Ausnahmezustands“ zu erleben, aber die Antwort auf diese Machtorganisation kann sich meines Erachtens nur über eine Umwendung (Einstülpung) der Logik des Krieges in eine Logik der gemeinsamen Hervorbringung und Effektuierung herstellen. Die Logik des Krieges ist die der Eroberung oder Aufteilung einer einzigen möglichen Welt. Die Logik der Erfindung ist jene der Erschaffung und Effektuierung verschiedener Welten in derselben Welt; sie höhlt die Macht aus und ermöglicht es zugleich, dem Gehorsam ein Ende zu setzen. Diese Entfaltung und Ausbreitung bedeuten eine Verlängerung der Singularitäten in die Nachbarschaftszonen anderer Singularitäten hinein, das Ziehen einer Kraftlinie zwischen ihnen, ihre momentane Verähnlichung sowie die Herstellung einer Kooperation zwischen ihnen, für einen bestimmten Zeitraum und mit einem gemeinsamen Ziel, ohne jedoch deshalb ihre Autonomie und Unabhängigkeit zu verleugnen, ohne sie zu totalisieren. Und diese Handlung ist ihrerseits eine Erfindung, eine neue Individuation.

Die Konstituierung der Koordination spielt sich in Modalitäten ab, die auf die Unvorhersehbarkeit der Propagierung und Verbreitung der Erfindung verweisen (über eine gegenseitiges Erfassen, das auf Vertrauen und Sympathie gegründet ist) und nicht auf die Verwirklichung eines Idealplans oder einer auf Bewusstwerdung zielenden politischen Linie. Sie hat nur dann Erfolg, wenn sie eine Macht bzw. Kraft ausdrückt, in welcher die Singularitäten „je für sich, jeweils in eigener Angelegenheit“ existieren. Sie stellt sich nur dann her, wenn sie eine „Summe“ ausdrückt, „die ihre eigenen Elemente nicht totalisiert“. Der Übergang von der Mikro- zur Makroebene, vom Lokalen zum Globalen kann nicht über Abstraktion, Universalisierung oder Totalisierung verlaufen, sondern nur über die Fähigkeit, einen Zusammenhalt zu erzeugen sowie nach und nach Gefüge von Netzwerken und Patchworks hervorzubringen.

Im Vergleich zu diesen Dynamiken der Koordination sind die Instrumente und Organisationsformen der Arbeiterbewegung in weiten Bereichen unzureichend, zumal sie sich einerseits auf die Zusammenarbeit in der Fabrik gemäß Marx und Smith beziehen und in ihnen andererseits politisches Handeln nicht als Erfindung konzipiert ist, sondern als etwas bereits Vorhandenes, dessen grundlegender Operator durch Bewusstwerdung und Repräsentation gebildet wird. Einer Potenzialität Präsenz und Aktualität zu verleihen ist etwas gänzlich anderes als die Repräsentation eines Konflikts. Das aus den Resten der Arbeiterbewegung (in ihrer institutionellen oder der Linken zugeordneten Form) hervorgehende politische Handeln ist noch und immer noch von der Logik der Repräsentation und Totalisierung beherrscht, was bedeutet: Ausübung von Hegemonie in einer einzigen möglichen Welt (sei es durch Machtergreifung oder durch Teilhabe an der Macht); die Koordination hingegen ist eine Politik des Ausdrucks. Die Entfaltung der politischen Form der Koordination erfordert zunächst die Neutralisierung dieser politischen Handlungs- und Sprechweisen. Wo eine Hegemonie der Organisationsformen der Arbeiterbewegung besteht, gibt es keine Koordination. Wo es Koordination gibt, können diese Organisationen eine ihrer Komponenten bilden, aber nur unter der Bedingung, dass sie ihre Hegemonieansprüche aufgeben und sich an die konstitutiven Regeln der Mannigfaltigkeit anpassen. (Diese Koexistenz ist auch in den Organisationsformen der Mobilisierung gegen die neoliberale Globalisierung wirksam!) Allein die Koordination konstituiert einen öffentlichen Raum, der inklusiv ist in Bezug auf die Differenzen.

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Die an den Koordinationen beteiligten AktivistInnen sind engagiert, und zugleich entziehen sie sich. Das Auftreten gegenwärtiger politischer Bewegungen folgt nicht den „mystischen“ Modalitäten des Übergangs vom Individuellen zum Kollektiven. In jedem Schaffensprozess gibt es – am Ausgangspunkt – Initiativen, die stets singulär sind (ob das nun eine Gruppe betrifft oder ein Individuum), mehr oder weniger klein, mehr oder weniger anonym. Diese Initiativen bewirken eine Unterbrechung, sie führen eine Diskontinuität ein, und zwar nicht in die Ausübung von Macht über die Subjektivität, sondern auch und vor allem in die Reproduktion der mentalen und körperlichen Habitualitäten der Mannigfaltigkeit. Die widerständige Handlung führt Diskontinuitäten ein, die neue Anfänge sind, und diese neuen Anfänge sind multipel, disparat, heterogen (es gibt stets eine Mannigfaltigkeit von Widerstandsherden).

Anstatt sich auf die Posen des Kriegers oder der religiösen Selbstverpflichtung zu beziehen, nehmen die an den gegenwärtigen Bewegungen beteiligten AktivistInnen viel eher die Attribute jener an, die etwas erfinden oder Experimente durchführen. Die AktivistInnen engagieren und entziehen sich auf dieselbe Weise, wie es die Letztgenannten tun, denn auch sie müssen, damit ihr Handeln wirksam werden kann, der Kette „der die Umwelt charakterisierenden Gewohnheiten und Nachahmungen“ entfliehen, welche die Kodes des politischen Handlungsraums festlegen. Die Faszination, die von der Figur des Subkommandanten Marcos ausgeht, hat mit sämtlichen Elementen zu tun, die in seinen Handlungs- und Aussageweisen gegenwärtig sind. In einer Situation, die einen anderen Zwangscharakter als die unsere hat, tritt er als Krieger auf, als politischer und militärischer Kommandant, um sich im selben Moment, mittels derselben Gesten und derselben Worte, unmittelbar der kriegerischen Identität zu entziehen und sich aus der Zuschreibung der Kommandantenrolle bzw. der militärischen und politischen Führung zu lösen. In der aporetischen Definition des „Subkommandanten“ drückt sich jene Art von Situation aus, die einem Handeln eigen ist, das etwas Neues beginnt: Subjektivierung und Desubjektivierung zugleich, beide setzen einander wechselseitig voraus und kurbeln einander an.

In der gegenwärtigen Militanz muss die kriegerische Dimension in eine Erfindungskraft umgewendet werden, in ein Vermögen, Gefüge und Lebensformen hervorzubringen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Die AktivistIn ist nicht jene Person, die über die Intelligenz der Bewegung verfügt, ihre Kräfte zusammenfasst, ihre Entscheidungen antizipiert; sie bezieht ihre Legitimität nicht aus ihrer Befähigung, zu lesen und die Entwicklungen der Macht zu interpretieren, sondern führt eine Diskontinuität in das Bestehende ein und macht damit eine Steigerung der Kraft des Gefüges und der Verbindung möglich, in denen sich die Kooperation vollzieht sowie die Ströme, Netzwerke und Singularitäten, aus denen sie sich zusammensetzt, und zwar über Modalitäten der Disjunktion sowie der nicht-totalisierenden, nicht-homogenisierenden, nicht-hierarchischen Koordination.

Die Intermittents sagen: Wir wissen nicht, was „Gemeinsam-Sein“ und „Dagegen-Sein“ unter den Bedingungen einer Vervielfältigung verschiedener Welten in ein und derselben Welt bedeutet; wir wissen nicht, was die Institutionen des Werdens sind, aber wir werfen derlei Fragen über Dispositive, Techniken, Gefüge, Äußerungen auf, und auf diese Art untersuchen wir sie und experimentieren. Die klassischen Modalitäten des politischen Handelns verschwinden nicht, aber sie werden der Entfaltung dieses Vermögens der Hervorbringung von Gefügen untergeordnet. Die Selbstkonstituierung als Mannigfaltigkeit wird nicht dem Kampf gegen die Imperative der Macht geopfert. AktivistInnen schlagen weiterhin Initiativen vor und stehen am Ursprung von Neuanfängen, aber nicht im Sinne der Logik der Verwirklichung eines Idealplans oder einer politischen Linie, die das Mögliche als vorweg bereits gegebenes Bild des Wirklichen begreift; sondern vielmehr im Sinne einer konkreten, aus der Situation erwachsenden Intelligenz, welche die AktivistInnen dazu verpflichtet, ihre eigene Identität, ihre Weltsicht und ihre Handlungsmittel aufs Spiel zu setzen. Im Übrigen gibt es gar keine andere Wahl, denn jeglicher Versuch einer Totalisierung oder homogenisierenden Verallgemeinerung, jeglicher Versuch der Konstituierung eines ausschließlich der Repräsentation zugewandten Kräfteverhältnisses sowie der Einrichtung hierarchischer Organisationsmodalitäten führt zur Flucht und zur Auflösung der Koordination (der Mannigfaltigkeit).

 
Der vorliegende Text erschien in französischer Originalfassung unter dem Titel „La forme politique de la coordination“ zuerst in: Multitudes, Nr. 17, Paris: Sommer 2004, Schwerpunkt: „L’intermittence dans tous ses états“ (online unter: http://multitudes.samizdat.net/La-forme-politique-de-la.html).



[1] Gilles Deleuze / Félix Guattari, „Der Mai 68 hat nicht stattgefunden“, in: G. Deleuze, Schizophrenie und Gesellschaft, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2005, S. 221.

[2] BezieherIn des RMI (revenu minimum d’insertion), eines „Wiedereingliederungsgeldes“, das in etwa der Sozialhilfe entspricht [Anm. d. Übers.].