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07 2007
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Pessimismus des Intellekts, Optimismus des General Intellect?

Einige Bemerkungen zur Organisation

Übersetzt von Thomas Waibel

Rodrigo Nunes

Rodrigo Nunes

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„Die Tendenz ist in keiner Weise ein notwendiges und unvermeidliches Gesetz, das die Wirklichkeit beherrscht. Die Tendenz ist eine allgemeine Skizze; sie nimmt die Analyse jener Elemente zu ihrem Ausgangspunkt, die eine gegebene historische Wirklichkeit prägen. Auf der Grundlage dieser Analyse wird eine Methode entwickelt, eine Orientierung und Ausrichtung der massenhaften politischen Aktion. (...) Die Vernunft ist darauf vorbereitet, die Risiken eines solchen Abenteuers auf sich zu nehmen: tatsächlich liegt die Wahrheit der Tendenz in der praktischen Überprüfung. (...) Das Ziel war immer schon, theoretische Vorhersagen in Politik und Praxis zu übersetzen – und auf dieser Ebene das Problem der Organisation grundsätzlich zu stellen. (...) Wenn wir daher wegen irgendetwas angeklagt werden, soll es nicht wegen eines Ökonomismus geschehen, sondern wegen eines tatsächlichen Problems, unserem Versäumnis, eine neue Lösung für das Organisationsproblem gefunden zu haben. Wir werden die Anklage hinnehmen und uns innerhalb und durch die Bewegung einer Lösung widmen.“ (Negri, 2003: 98)

 

„All das zeigt das enorme Problem der Legitimierung von politischer Tätigkeit, und zwingt uns, der Klassenzusammensetzung auf einer alltäglichen Grundlage zu begegnen und das Programm ausschließlich aus den Verhaltensweisen der Klasse und nicht aus den eigenen Statuten zu entschlüsseln (...)“ (Bologna, 1978: 28)

 

 

Das am meisten mysteriöse Element in der Erzählung und der Methodologie der Klassenzusammensetzung kommt zuletzt – die Neuzusammensetzung. Anfänglich war es ein Schwerpunkt der operaistischen Agitation, in jenen großen Fabriken Kämpfe zu unternehmen, in denen es den operaisti gelungen war, eine soziale Basis zu entwickeln. Den Arbeitslohn zu einer unabhängigen Variablen zu machen, die ihr einziges Maß in der relativen politischen Kraft der MassenarbeiterInnen fand, war in der keynesianischen Übereinkunft ein strategisches Schlüsselmoment zur Bestätigung eines subjektiven ‚Eigennutzes’, der das System an seine Grenzen trieb. Mit dem Ende der Maßnahmen des Wohlfahrtstaates und der produktiven Restrukturierung schien der Punkt der Neuzusammensetzung immer abstrakter zu werden: zunächst, in den letzten Tagen des Potere Operaio, die Fixierung auf eine Parteigründung, und dann in Negris Schriften die abstrakte Arbeit (‚Krise des Planungsstaates’) und die sozialisierten ArbeiterInnen (‚ProletarierInnen und Staat’). Weniger von dem, was bereits als konkrete Forderung oder Ausgangspunkt gegeben ist, und mehr von dem, was konstruiert werden muss (die Partei); oder ein abstraktes Konzept, aus dem eine Richtung logisch deduziert werden kann – und die gemäß der operaistischen Teleologie von einer wachsenden Sozialisierung des Proletariats immer umfassender werden sollte.

Das Problem bei diesen abstrakten Punkten der Neuzusammensetzung besteht darin, dass konzeptuelle Entwicklung und logische Strenge bestenfalls Hinweise dafür liefern können, wohin man sich bewegen soll; weder lösen, noch stellen sie die Probleme der Organisation. Während jedes Sprechen über die Struktur zumindest zum Teil objektiv ist und in einen marxistischen Diskurs aufgenommen werden kann, lässt sich das Geheimnis der (Neu-)Zusammensetzung möglicherweise am besten in spinozistischen Begriffen verstehen – d.h. als jenes Streben des conatus, sich Dinge auszuwählen, mit denen er eine Beziehung aufnimmt, um die Macht der Tat zu steigern; eine Anordnung von Begegnungen, die mehr potentia hervorbringt. (Spinoza, 1999)[1]. Als solches kann es nur experimentell bestimmt werden; erst nachdem es in ein Verhältnis tritt und ein Gefüge hervorbringt (im Sinne Spinozas, oder eines bestimmten Spinoza, wie er von Deleuze gelesen wird), können wir etwas über seine mögliche Bedeutung aussagen. Noch einmal, „Organisation ist sich selbst reflektierende Spontaneität“.

Von der (Neu-)Zusammensetzung in Begriffen der Verstärkung von Handlungsmacht zu sprechen, findet Echo in Paolo Virnos (2004) Analyse der ‚globalen Bewegung’:

„Die globale Bewegung seit Seattle erscheint als eine halb funktionierende Batterie: sie akkumuliert Energie ohne Unterlass, ohne zu wissen, wo sie sich entladen soll. Sie ist mit einer erstaunlichen Akkumulation konfrontiert, die derzeit keine Entsprechung in angemessenen Investitionen besitzt. Es ist wie an der Spitze eines neuen mächtigen und verfeinerten technologischen Apparats zu stehen, ohne dessen Gebrauchsanleitung zu kennen.“[2]

In wahrhaft (post-)operaistischer Manier und in einer ähnlichen Wendung wie der von Bologna im Verhältnis zur Bewegung von 1977, warnt Virno vor jeder Interpretation, die die gegenwärtige Bewegung gegenüber der Produktion entweder als äußerlich oder marginal postuliert. Wenn der Postfordismus das Leben zur Arbeit zwingt, so ist das, was die ‚globale Bewegung’ anzeigt, zugleich die Verwurzelung in dieser Bedingung und eine ‚ethische Anklage’, die Fragen im Hinblick auf das „gute Leben“ aufwirft, und einige ‚sehr allgemeine Richtlinien in Bezug auf die „menschlichen Verhältnisse“’ einfordert und verteidigt:

„Redefreiheit, Mitbeteiligung am Gemeinwohl, d.h. Wissen, Frieden, Umweltschutz, Gerechtigkeit und Solidarität, Anspruch auf einen öffentlichen Bereich, in dem die Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit jeder einzelnen Existenz gewürdigt wird.“ (Virno, 2004; leicht verändert).

In Europa, aber in gewissem Maß auch anderswo, ist die These von der immateriellen Arbeit benutzt worden, um die Bewegung zu ‚reterritorialisieren’. Diese Reterritorialisierung hat viele Bedeutungen. Sie ist zugleich eine Abwendung von Problemstellungen in globalen oder ‚allgemein menschlichen’ Begriffen (teilweise ein Grund für die Abkehr von Mobilisierungen gegen die Gipfeltreffen von globalen Institutionen), und die Ablehnung einer residualen Dritte-Welt-Haltung, in der ‚wirkliche’ Probleme und ‚wirkliche’ Kämpfe immer als etwas entfernt von ‚hier’ stattfindendes erscheinen. In diesem Sinn ist es auch eine Rückkehr zu einer Politik der ersten Person, die sich nicht um ein breites ethisches Anliegen zum Zustand der Welt bemüht, sondern um die unmittelbaren Bedürfnisse und Wünsche, die keine Trennung zwischen den ‚AktivistInnen’ und den ‚normalen Leuten’ zulassen, für die sie kämpft und die sie anspricht. Als Konsequenz davon bedeutet die Reterritorialisierung auch die Rückkehr zum unmittelbaren Territorium, der sich darin entfaltenden Produktion und der Reproduktion.[3] In Europa hat dieser Prozess seine beiden wichtigsten Bezugspunkte in den Themen Prekarität und Migration gefunden, und es ist offensichtlich möglich gewesen, in diesen Prozess eine Menge von Einsichten und Inspirationen aus dem (Post-)Operaismus einzubringen.

An diesem Punkt müssen wir uns aber von einigen der wesentlicheren Thesen des heutigen post-operaistischen Denkens trennen, der ursprünglichen Stoßrichtung dennoch treu bleiben und die bereits vorhandenen Formen von politischer Organisation erforschen, um künftige Wege zu entdecken. Das bedeutet, an der grundlegenden Idee hinter der Konzeption des Klassengefüges festzuhalten, dass bestimmten Gefügen der Produktionsorganisation (der technischen Zusammensetzung) bestimmte Raster von politischen Verhaltensweisen entsprechen müssen, die immanente Antworten auf diese Gefüge (die politische Zusammensetzung) vorwegnehmen, deren Verstärkung und Verbindung einen neuen Zyklus von Kämpfen hervorbringen kann.

In dieser Nahtstelle zeigen sich die Grenzen der Problematik, einerseits die gegenwärtig weitgehend festgestellte Pattsituation, die von jenen Formen und Subjektivitäten des Widerstands erreicht worden ist, die für das ‚globale Bewegung’ genannte Ereignis konstitutiv gewesen sind; andererseits die Fragen hinsichtlich der Untersuchung von inneren Mechanismen und Verknüpfungen innerhalb des heutigen planetarischen Klassengefüges. Das ist der Punkt, an dem sich wiederum Organisationsfragen auftun, und darauf kann das abstrakte Sprechen von Tendenzen – wie bei der angeblichen Hegemonie der immateriellen Arbeit – nur ein sehr beschränktes Licht werfen; im schlimmsten Fall kann das tatsächlich eine Rückkehr zum Objektivismus und zur Teleologie darstellen, die den (post-)operaistischen Diskurs immer schon verfolgt haben, ähnlich wie die Zwillingsgeister Hegel und orthodoxer Marxismus, die niemals gänzlich ausgetrieben werden konnten.[4]

Es ist offensichtlich, dass sich seit dem grundlegenden Beschluss der Quaderni Rossi, nach der ‚wirklichen Klasse’ in einer ‚richtigen Fabrik’ zu suchen – um nur ein Beispiel von nicht geringer Bedeutung zu nennen –, durch das Ende oder den relativen Gewichtsverlust der ‚Fabrikstor’-Agitation vieles geändert hat (insbesondere in den weitläufigen de-industralisierten Gegenden im globalen Norden, aber auch im globalen Süden).  Das bedeutet nicht nur eine Transformation der potenziellen sozialen Basis (die von den Operaisten zwischen den Streiks von 1969 und der Bewegung von 1977 durchgemacht worden ist), sondern auch eine Veränderung der tatsächlichen Mittel zur Konstitution politischer Subjektivitäten. Der Fordismus hat klarerweise eine Fülle von Möglichkeiten zur politischen Intervention durch die Konzentration von großen ArbeiterInnenmassen an einem einzigen Ort geschaffen, die am Fließband so eingesetzt wurden, dass es einer relativ kleinen Anzahl von strategisch verteilten ArbeiterInnen möglich war, eine gesamte Fabrik zum völligen Stillstand zu bringen; der Wohlfahrtsstaat bot einen bestimmten Grad an Sicherheit für die, die sich in politischen Aktivitäten engagierten.

Eine Interventionsform in eine produktive Situation, die durch Dezentralisierung, territoriale Streuung, Flexibilität, Beweglichkeit, Informalität und einer Fülle von Arbeitsweisen mit viel größeren Unterschieden in Organisation und Status selbst innerhalb derselben Art charakterisiert wird (z.B. zwischen einer Krankenschwester in der Klinik und einem/r flexible/n PflegearbeiterIn), ist dabei, neu geschaffen zu werden. Einige zögernde theoretische und praktische Schritte werden in diesem Bereich unternommen – unter solchen Namen wie Solidargewerkschaften, Biosyndikate, metropolitane co-research;[5] um Wohnungsbeschaffung gruppierte Organisationen und Kampagnen (die Versammlungen in Spanien), Transportwesen (Movimento Passe Livre in Brasilien, Planka Nu in Schweden), prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen (Oficinas de Derechos Sociales in Spanien, Coordination des Intermittents du Spectacle in Frankreich, das Euromayday-Netzwerk, Justice for Janitors und die Industrial Workers of the World.[6] Im Folgenden werde ich versuchen einige allgemeine Linien zu skizzieren, die solche Experimente bereits entwickeln oder möglicherweise noch entwickeln werden.

 

1 – Im Territorium

Zunächst repräsentieren sie, wie bereits erwähnt, eine Rückkehr zum Territorium.  An der Spitze aller der Bewegung bereits zugeschriebenen Bedeutungen repräsentiert diese Rückkehr auch eine Dezentrierung des Arbeitsplatzes im Verhältnis zur klassischen ‚Fabrikstor’-Agitation. In manchen Fällen ist der Arbeitsplatz sekundär oder irrelevant – Passe Livre findet den Großteil seiner sozialen Basis unter StudentInnen und ist in einer föderalen Struktur mit Lokal-, Stadt- und Staatskomitees national organisiert; die Bewegung für erschwinglichen Wohnraum und gegen Eigentumsspekulation in Spanien ist in Stadtversammlungen organisiert. Sogar in jenen Fällen, in denen die Arbeitsplatzorganisation noch immer den Schwerpunkt ausmacht, ist diese in den größeren Rahmen einer Gemeinschaftsorganisation eingebunden. Beispielsweise ist es Teil und Element des Modells von Justice for Janitors, dass der Arbeitsplatzaktivismus durch eine ständige Abbildung der sozialen Netzwerke vervollständigt wird, in die die ArbeiterInnen eingebunden sind. Damit entwickelt sich der Organisierungsprozess seitwärts hin zu Gemeinschaften von MigrantInnen, Nachbarschaftsorganisationen, religiösen Gruppen etc. Das hat sich als eine der größten Stärken dieses Modells herausgestellt.

Die Territorialität führt zu einem zweiten Element: unter den Bedingungen von produktiver Verteilung und ‚produktiv gemachtem Leben’ muss eine praktischen Zwecken dienende Analyse des Klassengefüges zur Kartographie tendieren. Mit anderen Worten, sie wird weniger ein allgemeines abstraktes Modell oder gar ein hegemoniales Subjekt suchen, als vielmehr den konkreten Ausdruck verschiedener Formen von Arbeit, Gender, legalem Status und Subjektivitäten, Flüssen von Personen, Waren, Service und Kommunikation, die das Territorium hervorbringen. Weitläufige Kategorien, die brauchbar sind, wie etwa ‚Prekarität’, können nur durch einen solchen Übergang produktiv werden. Justice for Janitors etwa gebraucht das Kartieren als beständiges Werkzeug, um die sozialen Netzwerke innerhalb und außerhalb des Arbeitsplatzes zu bestimmen, um die Hauptknotenpunkte zu ermitteln (potenzielle AnführerInnen und AktivistInnen und mögliche Ziele von anti-gewerkschaftlichen Maßnahmen), indem sie den Bewegungen der ArbeiterInnen zwischen den unterschiedlichen Arbeitsplätzen und deren Gemeinschaften folgt (und dadurch neue Organisationsmöglichkeiten bestimmt) und sogar Veränderungen von Verhaltensweisen und Vorlieben einer Kampagne gegenüber wahrnimmt.[7] Kartographie ist gleichermaßen eine fortwährend erneuerbare Erkenntnisquelle und ein Motor der Selbstorganisation: ebenso wie co-research ist sie nicht nur ein Hilfsmittel zur Ansammlung von Erkenntnis um der Erkenntnis willen, sondern ein Prozess von Subjektivitätsproduktion – z.B. indem sie neue Beziehungen schafft oder LeiterInnen dafür verantwortlich macht, ihre Arbeitsplätze selbst zu kartieren.[8]

 

2 – Bauen und Wohnen

Eine zusätzliche Bedeutung dieser Rückkehr zum Territorium bringt uns zu einem dritten Punkt. In seiner Analyse der ‚globalen Bewegung’ bringt Virno (2004) eine viel versprechende Idee vor, die er aber nicht weiterentwickelt:

„Die symbolisch-mediale Dimension ist zugleich eine Reihe von vorteilhaften Gelegenheiten und Grenzen gewesen. Einerseits hat sie die Akkumulation von Energie garantiert und andererseits hat sie deren Anwendung verhindert, oder in die Unendlichkeit aufgeschoben. Alle AktivistInnen sind sich dessen bewusst: der globalen Bewegung ist es nicht gelungen, auf die gegenwärtige kapitalistische Bewegung auch nur einzuwirken – ich verstehe unter einwirken (incidir) das Bild einer ätzenden Säure. Die Bewegung hat keine Kombination von Kampfformen ins Spiel gebracht, die fähig wäre, die Bedingungen der prekären, sporadischen und atypischen Arbeit in eine politisch subversive Kraft (potencia) zu verwandeln. (...) Die Frage müsste lauten: woher kommt diese Schwierigkeit? Warum sind die Profitrate und das Funktionieren der konstituierten Mächte nach drei Jahren Unordnung nicht merklich betroffen? Warum gibt es diesen paradoxen ‚double-bind’, der darin besteht, dass das Symbolisch-Kommunikative eine wahrhaft vorantreibende Strömung und gleichzeitig eine Quelle von Lähmung ist?“

Man kann sagen, dass die ‚globale Bewegung’, sofern sie für mehr gehalten wird als die Summe ihrer Teile (d.h. mehr als ihre organisierten Elemente, die sich zumeist noch immer an den Nationalstaat richten), eine symbolische Produktion von spektakulären Ereignissen wie Seattle gewesen ist und deren Verbreitung durch verschiedene Kommunikationswege, die wiederum neue Kommunikations- und Koordinationsflüsse hervorgebracht haben.[9] Die Verbindung, die Virno scheinbar abrupt zwischen der ‚ethischen Anklage’ der Bewegung und dem ‚double-bind’ kurzschließt, besteht darin, dass das Andere des ‚symbolisch-kommunikativen’ Aktivismus jener Tage in der Öffentlichkeit gelegen ist: In einem Markt von Informationen und Affekten, die von Massen- und peer-to-peer-Medien weitergegeben worden sind, haben die AktivistInnen versucht, die Aufmerksamkeit mit massenhaft produzierten und massenhaft beworbenen Produkten und Lebensstilen zu wecken, manchmal auch durch die Neuzusammensetzung und Neuverpackung von jenen Informationen und Affekten, die sie selbst hervorgebracht hatten. Mit eingeschränkter Kontrolle über die Kanäle, durch die sie gestaltet und verbreitet werden, sendet sie der symbolisch-kommunikative Aktivismus in den Äther, in der Hoffnung, dass sie jemand hören wird, durch sie informiert/bewegt wird und wegen ihnen handeln wird. Das bedeutet allem unbesonnenen Sprechen von einer ‚Revolution ohne ZuseherInnen’ zum Trotz, dass der Misserfolg, die Kämpfe in den unmittelbaren Bedürfnissen und Wünschen zu verankern, weder dem einen noch dem anderen entspricht.

Das Protestmodell der Gipfeltreffen kann und ist in vieler Hinsicht kritisiert worden, besonders aufgrund seiner Unhaltbarkeit: in jedem kommenden Jahr den Schwerpunkt auf breite Mobilisierungen zu legen, bedeutet, dass ein enormer Aufwand an Ressourcen (physischen, emotionellen, zeitlichen, monetären etc.) in der Organisation von etwas verbraucht wird, das definitionsgemäß kein Selbstzweck ist;  die Verluste in Begriffen von burn-out, Trauma, polizeilicher Repression und medialer Dämonisierung tendieren dazu, die Gruppen eher zu schwächen als zu stärken, wenn das Ereignis vorbei ist; die Verschiebung vom Guerrillamodell der kleinen Aktionen zum ‚alle-raus’-Kriegsmodell der Massenaktionen, in dem die ‚alle-raus’-Kriegsführung notwendigerweise auf einige wenige Tage beschränkt ist, bedeutet, einen Grad von Aufmerksamkeit und Repression auf sich zu ziehen, der die Handlungsfähigkeit der Gruppen übersteigt. Eine vergleichbare Kritik könnte argumentieren, dass diese Unhaltbarkeit ein Reflex einer tiefer liegenden Verwirrung ist: zwischen der Arbeit, eine Machtdemonstration zu inszenieren, und der Arbeit, die Macht selbst zu entwickeln – die schwindende Beute einer spektakulären Logik, in der die Schaffung eines Ausdrucks von abweichender Meinung, die als Information und Affekt in Umlauf gebracht werden kann, als der einzige Weg wahrgenommen wird, um Dissens zu (re)produzieren.

In einer von Information erfüllten Umgebung ist der Wert von Aussagen und Affekten – ihre Fähigkeit, weiterhin Effekte zu produzieren – bestimmt von ihrer Materialität, Wiederholbarkeit, Streuungsfähigkeit und dem öffentlichen Management von eigener Aufmerksamkeit (und Leben).[10] Es ist tatsächlich durchaus möglich, dass ‚gemeine Leute’ mit den Argumenten der ‚AktivistInnen’ übereinstimmen: die Tatsache, dass die Mehrheit der Bevölkerung von Großbritannien und den USA gegen den Krieg ist, hat sich nicht in eine aktive Opposition oder einen breit gestreuten zivilen Ungehorsam übersetzt; die Tatsache, dass die meisten Leute an die Bedrohung des Klimawandels glauben, der von der gegenwärtigen Produktionsweise hervorgebracht wird, hat anscheinend zur Folge, dass sie mehr und nicht weniger Glauben (oder eben Hoffnung) in die Fähigkeit der Regierungen und der Wirtschaft haben, eine Lösung zu finden.

Wie auch immer, „die Kontrolle drückt sich darüber hinaus in den westlichen Ländern nicht nur durch die Anpassung der Gehirne, sondern auch durch die Formung der Körper (in Gefängnissen, Schulen und Kliniken) und die Verwaltung des Lebens aus (‚workfare’). Wir würden unseren kapitalistischen Gesellschaften einen Gefallen tun, wenn wir denken, dass alles durch die ununterbrochene Veränderung von Subjekten und Objekten geschehe, durch die Anpassung der Gehirne und mit den Mitteln der Besetzung von Gedächtnis und Aufmerksamkeit durch Zeichen, Bilder und Aussagen. Die Kontrollgesellschaft integriert das ‚alte’ Dispositiv der Disziplinierung. In nicht-westlichen Gesellschaften, in denen Disziplinarinstitutionen und ‚workfare’ schwächer und weniger entwickelt sind, bedeutet Kontrolle unmittelbar die Logik des Kriegs auch in Zeiten des ‚Friedens’ (etwa in Brasilien).“ (Lazzarato, 2003)

Obwohl es wahr ist und das dritte Element meines Arguments ausmacht, verhält es sich nicht nur so, dass die ‚älteren’ Formen der politischen Praxis, solche wie Arbeitsplatz und Gemeinschaftsorganisation[11], Beziehungen entwickeln, die tendenziell stärker und darum nachhaltiger sind (weil sie auf den Fesseln von Affekt, Glauben, gemeinsamer Zeit etc. aufbauen). Die Organisation selbst muss sich hin zur Neuanordnung der unterschiedlichen Formen bewegen, in denen Subjektivität vom und fürs Kapital produziert wird. In diesem Prozess muss sie über die ‚politische’ Organisation (im engen Sinn der Schaffung von Kampagnen, Gruppen etc.) hinausgehen und eine soziale Schöpfung werden: sie darf  – und das sind die Punkte fünf und sechs – keine Angst vor ihrer unternehmerischen Fähigkeit und ihrer eigenen Macht haben, Institutionen zu schaffen. Es ist überraschend, dass jede Feier der unerschöpflichen Kräfte der Selbstorganisation der heutigen ‚Multitude’ immer als Potenzialität und nicht als Handlung zelebriert wird; was für konkrete Angelegenheiten auch immer, wir sind fähig dieselbe (kritische) Liebe zu empfangen wie die, die unserer schöpferischen Kraft gewidmet ist.

 

3 – Früher oder später wird es zu spät sein

Von unternehmerischer Fähigkeit zu sprechen beinhaltet den Versuch, einige der am stärksten optimistischen Behauptungen der These von immaterieller Arbeit in der Praxis zu überprüfen; wenn Leben und Territorium produktiv werden, so muss sich das in einer gesteigerten Fähigkeit zur gemeinschaftlichen Organisation der wirtschaftlichen Aktivität widerspiegeln. Während man eine gesunde Skepsis darüber wahren soll, wie weit solche Forderungen gehen können, trifft es zu, dass die Experimente, die von der Solidarökonomie durchgeführt werden, heute eher möglich sind als früher (aufgrund von Infrastrukturentwicklungen, Informatisierung, weiter gebildeten Arbeitskraft etc.).[12] Gemeinschaftliche Netzwerkbildung ist eine bekannte Erscheinung in der ‚globalen Bewegung’ – denkt an Indymedia – aber zumeist in einer zeitlich begrenzten ad hoc-Form. Insbesondere in jenen Gebieten der ‚eigentlichen’ immateriellen Arbeit, in denen die Annahme einer zunehmenden Äußerlichkeit vom kapitalistischen Zyklus zum produktiven stärker wahr zu werden scheint, sind es mehr als Möglichkeiten, die eingebracht werden: für kreative immaterielle ArbeiterInnen ist das die politische Fragestellung par excellence.[13] Es ist nicht (nur) eine Angelegenheit der Produktion von politischen Inhalten, sondern auch der Transformation der Bedingungen, unter denen sie produziert werden. Viele, die als ProduzentInnen in den Kampf gegen die heutigen geistigen Urheberrechte eingebunden sind, behaupten möglicherweise, dass das offensichtlich weit wichtiger sei, als jeder Versuch eine Vermittlung zu finden, die den Punktestand zwischen jenen ausgleichen könnte, die dem Urheberrecht entwischen und denen, die versuchen es durchzusetzen; ausgehend von der Tatsache, dass die gegenwärtigen technologischen Bedingungen die Möglichkeit einer Flucht mit unbegrenzter Wiederkehr bieten, ist den ProduzentInnen freier Lauf gelassen in der schlechten Unendlichkeit zu handeln, die das Kapital niemals auszuschließen vermag, während sie gleichzeitig neue Wege für ihren Lebensunterhalt finden.[14]

Von Institutionen zu sprechen, bringt die Rückkehr zu Langzeitprojekten mit sich. Für die neuen Bewegungen, die in den letzten zehn Jahren aufgetaucht sind, hat die Verwurzelung in produktive Verhältnisse eine ambivalente Bedeutung gehabt: größere Beweglichkeit und zeitliche Flexibilität hat auch bedeutet, dass nur wenige Projekte und Initiativen lange genug überlebt haben, um nachhaltige Resultate hervorzubringen. Überflüssig zu sagen, dass die Zeitlichkeit der Organisation und Produktion von sozialer Erneuerung völlig verschieden ist zu der von Mobilisierungen gegen Gipfeltreffen.

Während man feststellen kann, dass für die kreativen immateriellen ArbeiterInnen die objektive Möglichkeit zur gemeinschaftlichen Selbstorganisation mit einem starken subjektiven Ansporn verbunden ist, im Spiel zu bleiben (das schwer fassbare Versprechen ‚etwas Großes zu leisten’, aber auch die Verlockung eines interessanten Lebensstils selbst für die in den ‚unteren Rängen’), ist es auf einem universellen Niveau selbstverständlich die ganz elementare Notwendigkeit der eigenen Reproduktion, die die Leute dazu bringt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen: Mietzahlungen machen aus uns allen KapitalistInnen. Im Zusammenhang mit der Ausweglosigkeit der ‚globalen Bewegung’ fällt heutzutage die Beobachtung leicht, dass der Misserfolg einer kollektiven Investition in den Bau von konkreten und nachhaltigen Alternativen seine ‚Lösung’ in den meisten Fällen darin gefunden hat, dass die Leute einen individuellen Weg für ihren Lebensunterhalt finden müssen. Hier findet sich immer das Risiko, dass ein neu erworbener Job Leute in die Lage bringt, nicht nur ‚KameradInnen’ (in KonkurrentInnen verwandelt) mit den Ellbogen abzudrängen, sondern in der sie auch gezwungen sind, zu ZuhälterInnen ihres eigenen sozialen Kapitals zu werden. Beispielsweise ist es möglich, in der Akademie oder in der Kunst Karrieren aufgrund von politischem Engagement zu machen, was eine weitgehende private Aneignung von kollektiven Prozessen im Austausch mit Löhnen oder kulturellem Kapital beinhalten kann.[15]

Das heißt nicht, dass weil jemand KuratorIn, AkademikerIn etc. wird, sie notwendig und unmittelbar ‚die Seiten wechseln’; es gibt viele Wege, auf denen Individuen solche Funktionen besetzen können – z.B. indem sie Geldflüsse in kollektive Prozesse kanalisieren, die politische Effekte produzieren –; eine gesamte politische Ökonomie von ‚Gegen-Zuhälterei’[16] ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig für die Existenz von transversalen Beziehungen mit Institutionen wie Universitäten und (körperschaftlichen) Medien. Wenn hier die Alternative darin bestünde, die Tugenden jener zu loben, die geringfügige Jobs unter ihren Fähigkeiten akzeptiert haben, um sich nicht ‚zu verkaufen’, dann müsste man sagen, dass eine Ethik des Opfers auch keine wünschenswerte Alternative darstellt. Trotzdem muss am Ende des Tages festgehalten werden, dass selbst diejenigen Jobs, die in der Vergangenheit womöglich für äußerst wünschenswert gehalten worden sind, heutzutage nicht mehr so erscheinen; es genügt einen Blick auf den Fall der Akademie zu werfen, um zu erkennen, dass, wie verlockend der Goldschatz hinter dem Regenbogen auch immer sein mag, der strukturelle Trend darin besteht, dass er mehr und mehr und für immer mehr Leute zu einer bloßen Karotte wird, die den akademischen FlexarbeiterInnen als Ansporn für ein Leben unter eher schlechten (und sich verschlechternden) Umständen dient.[17]

Es sollte daher klar sein, dass die Frage von der Ebene individueller hin zu kollektiven Lösungen verschoben werden muss, in der die Niveaus von Nachhaltigkeit (individueller und kollektiver) und von politischen Langzeitprojekten, Unternehmertum und instituierender Macht sich in einer sozialen Erneuerung jenseits der Marktlogik treffen; die Fähigkeit zu kollektiver Verhandlung, das eigene Produkt und nicht die eigene Arbeit verkaufen, die Fähigkeit politische Effekte nicht nur zu produzieren, sondern sie auf einer anderen Grundlage zu produzieren.[18]

Jedes Sprechen über Institutionen darf angesichts der damit verbundenen Gefahren nicht unwissend bleiben; insofern sie in der Lage sein müssen, sich selektiv mit anderen Institutionen sowohl auf molarer als auch molekularer Ebene zu verbinden und sich von ihnen zu trennen (Gewerkschaften, NGOs, Regierungsinstitutionen), darf die ihnen entgegen gebrachte Liebe und die Verpflichtung nicht blind sein: man sollte niemals eine Identität besitzen, die nicht zurückgelassen werden kann. Das Ziel einer Bewegung sollte immer darin bestehen, Überschuss zu produzieren, neue Beziehungen und unerwartete Begegnungen; Fixpunkte in diesem Prozess können sowohl positive als auch negative Rollen spielen. Wie der heilige Franziskus, auf den am Ende von Empire (Hardt u. Negri, 2003) Bezug genommen wird, ist alles, was wir erhoffen können, die Weisheit, zwischen den beiden zu unterscheiden. Die Begründung dafür ist einfach: sobald man jegliche Form von Teleologie ablehnt, muss man bereit sein anzunehmen, dass alle eigenen Schöpfungen (uns selbst eingeschlossen) Teil eines vorwärts gerichteten Flusses sind, in dem sie verändert oder zurückgelassen werden können.[19] Die Gefahren sind groß, aber die praktische Wahl kann nicht durch das Aufstellen von abstrakten Oppositionen in der Art ‚Reform oder Revolution’ verhindert werden; eine Institution kann nur durch die von ihr hervorgebrachten Auswirkungen bestimmt werden und da diese Auswirkungen sich mit der Zeit verändern, sowohl als Effekt einer instituierenden/institutionalisierenden Praxis selbst, als auch der Ereignisreihen um sie herum, die sie hervorbringt und von denen sie hervorgebracht wird; darum müssen die Fragen zeitlich offen und veränderlich bleiben. Vielleicht wäre hier der Ort, an dem sich ein Pessimismus des Intellekts mit einem Optimismus des General Intellect verbindet.

 

Literatur

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Hardt, M. u.  A. Negri (2003) Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt am Main: Campus 2003

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Virno, P. (2005) Grammatik der Multitude. Wien: Turia+Kant.

 

  

 

 



[1] Vgl. insbesondere: § 2-4, IV; § 8, IV; § 18-21, IV; § 26, IV; § 59, IV.

[2] Man könnte aus dem Text folgern, dass er beim Sprechen großteils europäische Bewegungen im Kopf hat; ‚globale Bewegung’ wird in Italien vielfach als Abkürzung für die europäischen Bewegungen der letzten zehn Jahre gebraucht.

[3] Vgl. Nunes (2004).

[4] In einer kürzlich erfolgten Beschäftigung mit dem post-operaistischem Denken und im besonderen mit der These der immateriellen Arbeit (Nunes 2007) habe ich versucht, tiefer zu den Gründen vorzudringen, warum der Wert vom Sprechen in den Begriffen einer Hegemonietendenz der immateriellen Arbeit zu hinterfragen ist. In sehr schematischer Weise besteht das Argument darin zu zeigen, dass auf der einen Seite das (post-)operaistische Denken von Beginn an von einem strukturellen Schwanken zwischen Subjektivismus und Objektivismus besetzt ist und auf der anderen Seite einen Schwerpunkt auf den Kräften der Selbstorganisation von Arbeit hat, auf der Zufälligkeit der Momente einer Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Herrschaft und darüber hinaus einer verborgenen Teleologie, die auf die zunehmende Sozialisierung der Arbeit abzielt, die durch die Antworten des Kapitals auf die Krisenmomente zustande gebracht wird. Die Hegemonie der immateriellen Arbeit spielt in den zeitgenössischen Debatten demnach die Rolle eines Endpunktes in diesem teleologischen Prozess, in dem die Last der Tätigkeit von der Arbeit zur kapitalistischen Neustrukturierung verschoben wird, so dass es scheint, das Kapital arbeite notwendig auf seine eigene Auflösung hin. Die zweite Hälfte des Arguments besteht im Nachweis, dass nicht nur der allgegenwärtige emanzipatorische Charakter der ‚immateriellen Arbeit’ aus äußerst begrenzten Fällen, die unter diese weitläufige Kategorie fallen, hochgerechnet wird, um danach zu fragen, was das Sprechen über ‚Hegemonie’ in diesem Fall bedeuten kann. Ich weise darauf hin, dass es unmöglich ist, sich diese Hegemonie als eine positive Angleichung aller Arbeitsformen vorzustellen, was in der Folge die Möglichkeit offen lässt, von einem organisatorischen oder politischen Vorrang solcher Arbeitsformen sprechen zu können – beides Zugänge, die wichtige Erkenntnisse ermöglichen, aber ebenso voller ernsthafter Probleme sind, insbesondere, wenn man die Verschiedenheiten und die gegenseitige Abhängigkeit im globalen Klassengefüge in Erwägung zieht.

Der vorliegende Artikel besteht aus dem zweiten Teil der Untersuchung, die mit ‚„Vorwärts – wie? Vorwärts – wohin?“: (post-)Operaismus jenseits der These von immaterieller Arbeit’ angefangen hat.

[5] Vgl. dazu: Hamilton und Holdren (2007); Fumagalli (2005) und Ingrassia (2006); Conti u.a. (2007).

[7] Ausführlicheres über die von Justice for Janitors angewandte Methodologie findet sich in: Alzaga und Nunes (2007).

[8] Eine ausgezeichnete Einführung in die Frage nach der politischen Praxis von Kartographie findet sich in: Sguiglia u. Toret (2006), Casas-Cortes u. Cobarrubias (2006).

[9] Wenn ich die ‚globale Bewegung’ als Ereignis bezeichne, so will ich die Tatsache hervorheben, dass sie weniger aus einer aktuellen Bewegung in einem traditionellen Sinn besteht, als dass sie vielmehr eine historische Koinzidenz von drei getrennten Faktoren darstellt: eine rasche Verschärfung der Kämpfe im globalen Norden (meist im Umfeld der Protestbewegungen gegen die Gipfeltreffen), eine schnelle Folge von Ereignissen (der zapatistische Aufstand 1994, die ‚Schlacht von Seattle’ 1999, die bolivianischen ‚Wasserkriege’ 2000, die argentinische Krise 2001) und die gesteigerte Fähigkeit der Bewegungen über den Globus hinweg zu kommunizieren und zu koordinieren (die es in der Folge für viele Kämpfe, die im globalen Süden seit langer Zeit stattgefunden haben, einfacher gemacht hat, wahrgenommen zu werden); diese drei Faktoren brachten verstärkt die Idee von einer globalen Zirkulation der Kämpfe hervor, sowohl in dem Sinn, dass sie ‚mehr’ Kämpfe hervorbrachten (mehr Leute daran beteiligten, eine Konjunktur schufen, in der mehr Mobilisierung möglich und in gewisser Weise ‚notwendig’ war, um in dieser Konjunktur zu handeln) als dass sie auch durch die Forderung nach Kommunikation, Netzwerk und Koordination mit einer zusätzlichen Dimension ausgestattet worden ist.

[10] Für Virno (2005:125-134) sind die ambivalenten Notwendigkeiten von Gerede und Neugier Eigenschaften der Multitude.

[11] Ich verwende ‚älter’ hier mit einer kräftigen Prise Ironie; auch wenn es eine Form der ‚Klassenorganisation’ ist, so findet sich z.B. nichts altes in der Vorgangsweise der Coordination des Intermittents du Spectacle. Vgl. Lazzarato (2004).

[12] Vgl. Mance (2007)

[13] Ich verstehe unter kreativen immateriellen ArbeiterInnen jene, die sowohl den Inhalt als auch die Form des immateriellen Erzeugnisses produzieren, d.h. diejenigen, die (zumindest der Möglichkeit nach) frei über den Inhalt und die Form eines Produkts entscheiden können, das mit den Mitteln der zur Verfügung stehenden Technologie frei ausgetauscht werden kann. Ich habe argumentiert, dass das die einzige Form von immaterieller Arbeit ist, auf die die radikalsten Forderungen im Hinblick auf die allgemeine Kategorie der immateriellen Arbeit zutreffen. (Vgl. Nunes, 2007).

[14] Das ist selbstverständlich nur die ProduzentInnenseite im Kampf um das geistige Eigentum, in dem der Umstand, dass die gesamte ‚Initiative’ völlig auf der ProduzentInnenseite liegt, diese in eine privilegierte Position bringt; das gilt nicht in Fragen bezüglich der Biopiraterie und der genetisch veränderten Organismen.

[15] An diesem Punkt ist es erhellend die Studie von Arvidsson (2007) über die Beziehungen zwischen dem kulturellem underground und der Werbung zu betrachten.

[16] Während die ‚politische Ökonomie der „Gegen-Zuhälterei“’ ein offensichtlicher Bezug zu Suely Rolniks (2006) ‚Geopolitik der Zuhälterei’ ist, stammt der Begriff der ‚Gegen-Zuhälterei’ aus einem Gespräch mit Janna Graham und Valeria Graziano.

[17] Vgl. z.B.: Bousquet, Paranscondola u. Scott (2003).

[18] Zur kollektiven Verhandlungsfähigkeit vgl. Sanchez Cedillo (2007); ich übernehme die Phrase ‚das eigene Produkt und nicht die eigene Arbeit verkaufen’ von den aus Berlin kommenden ‚Unternehmerkommunisten’, den Telekommunisten. [www.telekommunisten.net]

[19] Hier kann ich wiederum auf Movimento Passe Livre in Brasilien verweisen, deren Annahme einer hoch strukturierten föderativen Form im Jahr 2005 bis jetzt deren Entwicklung scheinbar gefördert und nicht behindert hat.