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06 2008
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Postkoloniales Ausstellen. Über das Projekt eines „Museums der Gegenwart“ auf der Insel Réunion

Ein Interview mit Françoise Vergès von Charlotte Martinz-Turek

Übersetzt von Barbara Schröder

Charlotte Martinz-Turek / Françoise Vergès

Charlotte Martinz-Turek

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Françoise Vergès

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Die Idee für die vorliegende Publikation entstand aus einem Workshop, den Nora Sternfeld, Belinda Kazeem und ich im Rahmen von schnittpunkt. ausstellungstheorie & praxis organisierten.

Dieser beschäftigte sich als Teil der 2002 initiierten Reihe „Storylines“ mit ethnographischen Sammlungen in Wien. Seine museologische Ausrichtung sollte den Zusammenhang zwischen der Entstehung der Idee des Museums und der Bildung von Nationalstaaten in Europa reflektieren. Vor dem Hintergrund von Kolonialismus und Nationenbildung geht die Konstruktion europäischer Gesellschaften mit der Konstruktion von „Andersheit“ einher – Nationalmuseen und ethnographische Sammlungen entstehen zeitgleich. In diesem Kontext sind die Instrumente der Wissensproduktion zugleich Werkzeuge der Kolonialmacht und Unterwerfung: es wird Wissen über „Andere” produziert, die von den Prozessen ihrer eigenen Repräsentation ausgeschlossen werden.

Im Rahmen des Workshops wurden Ausstellungs- und Museumspraxen hinsichtlich ihrer Konstruktion von „Andersheit“ und der damit unhinterfragt einhergehenden Logik von „epistemologischer Gewalt“ analysiert. Hier einige Fragen, die diskutiert wurden: In welchem Ausmaß wird die binäre Logik von Norm/Abweichung, eigen/fremd, männlich/weiblich reproduziert? Was könnte es bedeuten, das Museum als „contact zones“1, als Zone der Begegnung, zu verstehen, in der das Zusammentreffen unterschiedlicher Menschen aus verschiedenen Nationalstaaten und Gruppen nicht von hegemonialen Strukturen bestimmt wird? Wird im Museum die Entstehung der Sammlung – eine Erzählung, die oft mit der Geschichte von Gewalt einhergeht – reflektiert oder mit welchen Mitteln wird sie verborgen? Was würde es für ein ethnographisches Museum in Europa bedeuten, Räume für solche Begegnungen einzurichten? Wie würde die Umformulierung ethnographischer Sammlungen die Institution selbst neu definieren? Wie also mit dem Selbstverständnis dieser Museen umgehen? Wir freuen uns, vor dem Hintergrund dieser Fragen für die vorliegende Publikation einen äußerst interessanten Einblick in ein Projekt zu erhalten, das in einem außereuropäischen Kontext verortet ist und sich zur Zeit noch in der Entstehung befindet.

 
C. M.-T.: Das von Ihnen geplante Museumsprojekt entstand vor einem sehr spezifischen Hintergrund. Wir hoffen einen Einblick in die Konzepte und Ideen zu erhalten, die den Entstehungsprozess des Maison des Civilisations et de l’Unité Réunionnaise (MCUR)2 bestimmen, das 2010 als Museum und Kulturzentrum auf der Insel Réunion eröffnet wird. Soweit mir bekannt ist, wird es das erste auf der Insel errichtete Museum sein, das ausschließlich vor dem Hintergrund kolonialer und postkolonialer Erfahrungen entsteht.

Könnten Sie den Prozess skizzieren, der zur Gründung des MCUR führte? Welche Gesellschaftsgruppen äußerten den Wunsch, ein Museum auf Réunion zu errichten? Wer sind die finanziellen TrägerInnen des Projektes? Außerdem wäre es interessant, genaueres über das Team zu erfahren, das an der Entwicklung der Ausstellungen und des Kulturprogrammes arbeitet.

 
F. V.: Um die Genese des Projektes zu beschreiben, muss ich mit einem Rückblick auf die Geschichte des antikolonialen Kampfes auf der Insel Réunion beginnen. Zunächst eine knappe Zusammenfassung: es gab keine indigene Bevölkerung, als die Insel im 17. Jahrhundert zu einer französischen Kolonie wurde – dies ist ein sehr wichtiger Punkt, der sich auf das Projekt auswirkt, denn es existieren keinerlei Anknüpfungspunkte für Nostalgie nach einer präkolonialen Vergangenheit. Auf der Suche nach einem Zwischenstopp auf dem Weg nach Indien hatte Frankreich die Ile de France (Mauritius) und Bourbon (Réunion) ausgewählt. In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden Hunderttausende Gefangene an der Küste von Mozambique und Madagaskar gekauft und als SklavInnen auf die Plantagen der Insel gebracht. Als die Sklaverei 1848 endgültig abgeschafft wurde, importierte Frankreich Tausende von ZwangsarbeiterInnen aus Südindien, Komoros, Madagaskar, Mozambique und Südchina, um die SklavInnen zu ersetzen. Zugleich brachten die durch das imperiale Zeitalter im indischen Ozean hervorgerufenen Migrationsbewegungen auch Menschen aus Gujerat und China nach Réunion; die letzten ZwangsarbeiterInnen kamen in den 1930er Jahren. In den drei Jahrhunderten ihrer kurzen Geschichte war die Insel ein Ort intensiven Kontakts für unterschiedliche Kulturen, Glaubensrichtungen, Sprachen und Rituale. Migrationsbewegungen jüngeren Datums umfassen etwa MuslimInnen aus Mayotte (Komoren-Inseln) und Menschen aus den Metropolen Frankreichs.

In den 1920er Jahren wurde der antikoloniale Kampf zu einer politischen Macht, was 1946 zum Ende des Kolonialstatus führte – Réunion erhielt den Status eines „Französischen Départements“. Der französische Staat und die konservativen Lobbies wehrten sich jedoch gegen das Programm sozialer und politischer Gleichheit von 1946 und in den 1960er Jahren entstanden neue Bewegungen, die mehr politische Autonomie sowie die Anerkennung kreolischer Sprache und Kultur und einer gesonderten Geschichtsschreibung forderten. Die kulturelle Unterdrückung war strikt und „Franzosentum“ wurde zwangsverordnet; „Weiß war schön“, die kreolische Sprache war geächtet und kreolische Musik wurde ignoriert, das Christentum wurde zur vorherrschenden Religion. Im Jahr 1963 verkündete der antikoloniale Führer Paul Vergès in einer politischen Rede, dass „wir nicht akzeptieren werden, dass wir zwischen unseren Vorfahren wählen müssen, alle unsere Wurzeln müssen gefeiert werden“. Damit war die Idee des MCUR geboren. Die 1970er Jahre waren eine Zeit intensiver kultureller Wiederentdeckung, Wiederaneignung und der Affirmation landesüblicher Praktiken und Äußerungen. Zugleich verringerte sich der Einfluss des französischen Staates, er war gezwungen, seine repressivsten Methoden aufzugeben. Es kam zu politischen Veränderungen.

Im Jahr 1999 rief die Regionalregierung das MCUR-Projekt ins Leben. 2000 und 2001 wurden Seminare mit WissenschaftlerInnen, Kulturschaffenden und Kulturvereinen sowie mit Gästen aus europäischen und afrikanischen Museen veranstaltet. 2003 wurde von BeraterInnen ein wissenschaftliches und kulturelles Programm ausgearbeitet, das ich dann 2004 gemeinsam mit Carpanin Marimoutou überarbeitet habe. 2006 wurde ein internationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben und im August 2007 der Preisträger, X-TU, von einer internationalen Jury bestimmt. Die geschätzten Projektkosten betragen 60 Millionen Euro, wobei 40 Millionen von der Regionalregierung getragen werden, der Rest vom französischen Staat und der Europäischen Gemeinschaft. Das Gebäude wird eine Fläche von 9000 Quadratmetern umfassen und es wird Ausstellungsräume, Bibliotheken, Geschäfte, Restaurants und Bars geben, Räume für Seminare, Veranstaltungen und Kongresse, Gärten im Innenraum (keine Trennung von Kultur und Natur), Räume für Kinder und Jugendliche, eine Galerie, eine Panorama-Terrasse …

Kurz zum Ausgangspunkt zurück: die Insel wurde vollkommen von „Fremden“ besiedelt, von Menschen, die nicht die gleiche Sprache sprechen und weder Religion, noch Küche, kulturelle Bräuche, Geschlechterkonstruktionen oder Vorstellungen von Macht, Freiheit und Abhängigkeiten teilen … So entstand eine neue Kultur und Sprache, die von allen BewohnerInnen von Réunion geteilt wird; dennoch haben Bevölkerungsgruppen je spezifische Praktiken und ihren je spezifischen Glauben beibehalten. Letzterer wird entweder privat oder öffentlich praktiziert. Die Gesellschaft von Réunion ist ein einzigartiges Konstrukt, das es verdient, sorgfältig untersucht zu werden. Das MCUR will diese einzigartige Charakteristik hervorheben.

In den vergangenen zwei Jahren leitete ich ein Team von zwanzig Personen, von Marimoutou und mir hauptsächlich aus jungen Leuten zusammengestellt. Wir wollten eine neue Generation von KulturarbeiterInnen ausbilden, die weniger im System „regionaler” Ansprüche gefangen und transkontinentalen Erscheinungen gegenüber offener sind, und die – so hoffen wir – nach der Eröffnung des MCUR dort bleiben werden. Es war ein Risiko, da diese jungen Leute keinerlei Arbeitserfahrung mit einem großen kulturellen Projekt mitbrachten, aber wir dachten, dass Enthusiasmus und Tatendrang diesen Mangel ausgleichen würden. Das Team arbeitet als Kollektiv, das um drei Gruppen organisiert ist: Verwaltung, Öffentlichkeit und Ausstellungen. Wir tauschen uns jede Woche aus und arbeiten eng zusammen. Eine solche Arbeitsweise durchzusetzen ist wichtig, da das Beamtentum in den vergangenen dreißig Jahren das vorherrschende Modell auf Réunion war, was hier ein höheres Einkommen und einen höheren Status bedeutet als in Frankreich selbst (ein Vermächtnis der Kolonialzeit) – und das führt zu einer merkwürdigen Vorstellung von „öffentlichem Dienst“. Junge Leute wollen BeamtInnen werden, um einen sicheren Job zu haben, der lebenslange Anstellung und eine gute Rente garantiert. Auch wenn es Beamte gibt, die mit „öffentlich“ und „Dienst“ verbundene Ideale verwirklichen, ist das System generell pervertiert und Kreativität marginalisiert worden. Man muss sich die Ideale von „öffentlichem Dienst“ wieder aneignen. Wir wollten ein Projekt ausarbeiten, das auf einer Ethik von Solidarität und Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit beruht.

In Frankreich entstehen Kulturprojekte größtenteils hierarchisch, von oben nach unten. Der Staat entscheidet, dass ein Kulturzentrum oder Museum gebaut werden soll, KuratorInnen und Fachleute aus dem Kultusministerium werden entsandt, das Projekt zu erforschen und zu formulieren – und das wars. In unserem Fall handelt es sich um ein Projekt „von unten“, ein Projekt das zur Gänze von dieser Insel stammt, das auf den Erfahrungen des lokalen Kampfes beruht sowie auf dem Wissen über Projekte in Europa, Afrika, Asien und Nord-, Mittel- und Südamerika, die ähnliche Ansätze verfolgen: „anonyme“ Geschichte und Bräuche, die Valorisierung immaterieller und landesüblicher Kulturen, die Prozesse und Methoden der Kreolisierung. In Frankreich bedeutet dies eine äußerst subversive Geste – erstens wegen der Hegemonie von oben nach unten, zweitens, weil sich es mit seiner kolonialen Vergangenheit und postkolonialen Gegenwart so schwer tut, und drittens, weil es Beiträge seiner „Übersee”-Territorien normalerweise ignoriert hat. Frankreich befindet sich an einem Wendepunkt. Ausschreitungen gegen „Rassen“- und soziale Diskriminierung im Jahr 2005, Anti-Einwanderungspolitik, Kontroversen um die Erinnerung an Sklaverei und Versuche des Parlaments, den Unterricht der „positiven Aspekte der Kolonialisierung“ in Schulen durchzusetzen, haben Frankreichs Schwierigkeiten mit seiner „Zivilisierungsmission“ zum Vorschein gebracht. Wir werden sehen, wie es sich weiter entwickelt. Aber wenn eine postkoloniale Gesellschaft ihr Recht einfordert, ein Museum und Kulturzentrum zu errichten ohne „die ExpertInnen“ zu konsultieren, wird das als äußerst radikale Geste wahrgenommen.

Auch die weitere Ausarbeitung des Projekts und sein tatsächliches Programm sind radikal. So werden etwa Studien zu Öffentlichkeiten üblicherweise nach der Eröffnung eines Kulturzentrums oder Museums durchgeführt und beschäftigen sich mit der Reaktion auf eine Ausstellung. Das Publikum wird noch immer als zu befriedigender Konsument behandelt, obwohl die gravierenden Vorzüge von Interaktivität mittlerweile bekannt sind. Im Sinne eines anderen Ansatzes wollten wir uns lange vor der Eröffnung mit den Erwartungen und Bedürfnissen der Réunion-Öffentlichkeiten beschäftigen: Arbeitslose (beinahe 37% der erwerbsfähigen Bevölkerung), körperlich Behinderte, Jugendliche, Kinder, SeniorInnen, AnalphabetInnen (120.000 bei einer Bevölkerung von 870.000), jenes Publikum, das es gewohnt ist, ins Museen zu gehen, und die, für die es einen „verbotenen” Ort darstellt. Zuerst erfassten wir die derzeitig beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der BewohnerInnen von Réunion. Dann erstellten wir einen Fragebogen, bei dem es in der ersten Hälfte um kulturelle Praxen und Freizeitbeschäftigungen und in der zweiten um ihre Wünsche und Erwartungen an das MCUR geht. Wir veranstalten Workshops mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen und gehen in jede Stadt und jedes Dorf der Insel, um das Projekt vorzustellen und zu diskutieren. Diese Interaktion ist äußerst produktiv. Die Leute gewinnen Interesse an dem Projekt. Normalerweise werden sie nicht nach ihren Wünschen für kulturelle Aktivitäten gefragt und sind der Meinung, dass Museen auf der Insel für die Elite sind und nicht für „sie“. Im Fall des MCUR sind ihre Beiträge gefragt und geschätzt. Vor kurzem wurden bei einem solchen Treffen 40 Personen jeglichen Alters, Geschlechts und aus allen Gesellschaftsschichten gebeten, einen Werbeslogan für das MCUR zu erfinden: daraus gingen verstärkt Vorstellungen von einer Aufwertung des Lokalen und eine Stärkung von Solidarität hervor. Im Jahr 2006 starteten wir eine Sammelaktion von Objektspenden, die vom Leben und den Welten der Bevölkerung von Réunion Zeugnis ablegen: es wurden 600 Objekte gestiftet. In einem Ausstellungsraum des MCUR werden diese als einzige Sammlung „authentischer“ Objekte gezeigt werden. Wir sammeln außerdem mündliche und filmische Zeugnisse und planen ein Programm von Pflanzenspenden für den Park (22 Hektar mit Blick aufs Wasser. Die Menschen von Réunion sind äußerst engagierte GärtnerInnen). Wir möchten, dass sie an der Entstehung der maison partizipieren. Bei diesen Treffen erklären wir unsere Zielvorstellungen: wir wollen keinen Ort der Nostalgie und Wiedererfindung von Tradition, wir wollen einen öffentlichen Raum für Austausch und Begegnung schaffen. An diese Treffen anknüpfend haben wir dem MCUR bereits weitere künftige Aktivitäten hinzugefügt wie Gartenbau, Dominospiele, Tanz, Treffen mit ZeitzeugInnen (Wie war es, ein/e ArbeiterIn auf einer Plantage, ein/e DockarbeiterIn, ein/e DienstbotIn zu sein? Wie ist es, heute ein/e WissenschaftlerIn zu sein, ein/e IngenieurIn, ein/e KünstlerIn?), Bälle auf der Terrasse, Theater im Freien …

Von Anfang an suchten wir die Unterstützung bedeutender KünstlerInnen und Intellektueller aus aller Welt – darunter Stuart Hall, Isaac Julien, Gilberto Gil, Mia Couto, Yousef Chahine, Abdel Khader Khatibi, Aimé Césaire, Maryse Condé, Jacques Derrida und Abdou Diouf – und diese waren großzügig und vertrauten uns. Wir haben außerdem einen wissenschaftlichen Beirat, dem Marc Augé vorsitzt und dem Germain Viatte, Simon Njami and Achille Mbembe angehören.

 
C. M.-T.: Könnten Sie kurz etwas über die Umsetzung der geplanten Ausstellungen sagen? Wie in dem oben erwähnten Konzept skizziert3, werden die Ausstellungsräume um eine Dauerausstellung herum organisiert, die die Haupterzählung bildet. Diese wird sich, soweit ich verstanden habe, vor allem auf Objekte konzentrieren? Was sind die Ziele der Ausstellung? Was scheint die beste Erzählstrategie?

 
F. V.: Die Hauptanliegen waren, zuerst zu sagen: „Sehen Sie, unsere Vorfahren stammen aus sehr unterschiedlichen Zivilisationen und im Gegensatz dazu, was wir normalerweise lernen und hören, waren diese Zivilisationen bei Ankunft der Europäer im Indischen Ozean hochkomplex.“ Dann ging es darum, die Prozesse und Praxen der Kreolisierung zu zeigen: wie hat auf dieser kleinen Insel, einem Begegnungsort so vieler Kulturen, Kreolisierung stattgefunden? Die Kulturen gelangten in Resten und Fragmenten hierher und standen in geheimem Einverständnis miteinander in einer Kolonialgesellschaft, in einem Regime des Ausschlusses und der „Rassenhierarchie“. Durch Widerstand und Verhandlungen schufen SklavInnen, koloniale SiedlerInnen, MigrantInnen und ZwangsarbeiterInnen jedoch eine neue Kultur, eine neue Sprache. Und schließlich war es unser Ziel, der Gegenwart einen wichtigen Platz einzuräumen. Wir gebrauchen den Ausdruck „ein Museum der Gegenwart”, um unser Bedürfnis auszudrücken, den Ort in gegenwärtigen Themen zu verankern – ökonomische Veränderungen, Globalisierung, neue kulturelle Erscheinungen, neue Konflikte und neuer Widerstand … Wir betrachten die Vergangenheit von der Gegenwart aus, um die Besonderheiten ihrer kulturellen Äußerungen zu erkunden und um eine deterministische Vorgehensweise zu vermeiden: die Gegenwart diktiert unsere Fragen an die Vergangenheit, aber die Vergangenheit bewahrt ihre Eigenheit.

Das Objekt des MCUR ist, so möchte ich vorschlagen, die Begegnung mit dem Anderen – was jeden betrifft; und zwar jegliche Art von Begegnung: konfliktreich, freundlich, neugierig, gleichgültig, amourös, interessiert, kommerziell ... Auf Réunion erzeugte die Begegnung unterschiedlicher Gruppen, die sich auf ungleicher Basis trafen, eine soziale und kulturelle Welt. Statt uns auf die Objekte zu konzentrieren, die diese produzierten, wollten wir den Fokus auf den immateriellen Aspekt richten, der von Austausch zeugt: die Begegnung mit Alterität. Das „Objekt“ steht nicht im Zentrum der Ausstellung. Es existieren nur sehr wenige Objekte, die vom Leben der Armen und Ausgebeuteten berichten; es ist die Welt der reichen „Weißen“, die erhalten wurde. Frankreich besitzt keine Bestimmungen für eine Archäologie der Sklaverei und viele Orte sind aus Gleichgültigkeit und aufgrund der Geringschätzung solcher Erfahrungen zerstört worden. ZwangsarbeiterInnen und arme KolonistInnen wurden nicht besser behandelt. Wir mussten mit einer „Absenz“ umgehen. Statt diese Absenz zu füllen entschieden wir uns, sie zum Ausgangspunkt zu nehmen, sie in eine Präsenz zu transformieren. Wir werden anhand von Fragmenten, Spuren und kleinen Überresten die Leben der „Namenlosen“ nachzeichnen.

Die Dauerausstellung trägt den Titel „Six Worlds, La Réunion“. Die verwendete Chronologie folgt nicht den Lehrbüchern: sie konzentriert sich auf die Transformationen, die von der Vermischung lokaler, französischer und internationaler Ereignisse hervorgerufen wurden, und folgt den dynamischen Prozessen lokaler Konflikte und Praxen. Six worlds: das sind die Welten, die an der Entstehung der Réunionesischen Gesellschaft und Kultur beteiligt waren – die chinesische, französische und europäische, madagassische, hinduistische und muslimische. La Réunion: die singuläre Gesellschaft, die auf der Insel entstand, aber auch die Insel selbst. Es ist eine sehr junge Insel (kaum drei Millionen Jahre alt, was sie in der geologischen Zeitrechnung zu einem „Baby“ macht), sie ist fragil und verändert sich. Die Landschaft – mit Bergen, Orkanen, dem Meer … – prägt das Imaginäre und die Kultur und macht die Insel selbst zu einer kulturellen und historischen Akteurin. So gut wie alles wurde auf die Insel gebracht: Frauen, Männer, GöttInnen, Früchte, Gemüse, Tiere, Ideen, Sprachen, Bräuche … Sklaverei und dann Kolonisierung haben sich nachhaltig auf die Ökologie dieser ursprünglich unbewohnten Insel ausgewirkt.

Die Ausstellung ist um drei Gruppen herum organisiert, die unabhängig voneinander ausgearbeitet sind, um Flexibilität und Erneuerung zu ermöglichen. Sie beginnt mit dem „Goldenen Zeitalter” des Indischen Ozeans, vom 5. bis 15. Jahrhundert. Dann folgt die lange Kolonialzeit (von der Ankunft der Europäer im Indischen Ozean 1498 bis zum Ende des Kolonialstatus von Réunion und der Unabhängigkeit der kolonisierten Länder 1946): Réunions Entwicklung zu einer Gesellschaft im Rahmen europäischer Kolonialgeschichte, die mit Sklavenhandel und Sklaverei begann und sich mit Imperialismen und den dadurch hervorgerufenen Migrationsbewegungen fortsetzte (40 Millionen InderInnen verließen Indien zwischen 1830 und 1930, wenn auch etwa 20 Millionen zurückkehrten. Die massivsten Bewegungen fanden im Indischen Ozean statt. Das Jahr 1848 stellt einen Bruch in diesem Zeit-Raum dar, da es das Ende der Sklaverei auf Réunion markiert: von 100.000 EinwohnerInnen waren 60.000 SklavInnen, die nun befreit wurden). Das Jahr 1946 ist ein weiterer Bruch: es signalisiert das Ende des Kolonialismus als Teil einer größeren Befreiung vom Joch der Kolonialherrschaft. Die Ausstellung endet mit Réunion in der „Jetztzeit“, das heißt mit den seit 1946 anhaltenden Veränderungen: in diesem Teil werden die Transformationen in dem Moment integriert, in dem sie stattfinden.

Die Ausstellung beginnt mit der Welt des Indischen Ozeans vor der Kolonisierung. Ziel ist es, tausend Jahre zurückreichende Süd-Süd-Verbindungen zu zeigen – Handels- und Tauschrouten, Konflikte und Begegnungen –, um eine andere Kartographie anstelle der Nord-Süd-Darstellung der Welt vorzuschlagen, eine Welt, in der Europa eine Region unter anderen ist. Vorfahren der Réunionesen kamen aus diesen Welten, sie bewohnten Städte und Länder, die äußerst komplexe Vermischungen erfahren hatten. BesucherInnen werden Reiseberichte, Fabeln und Mythen aus dieser Welt hören, werden Handelskarten, Kunst und Technologien sehen, die in diesen Welten entwickelt wurden, die Zonen von Austausch und Konflikten waren.

Der erste „Schritt“, der diesen ersten Zeit-Raum vom zweiten unterscheidet, erklärt, wer die 1498 ankommenden Europäer waren und zeigt ihre Waffen und Technologien der Gewalt. Die lange Zeit des europäischen Kolonialismus schreibt Réunion in unterschiedliche Globalisierungen ein, zunächst die durch Sklaverei und dann die vom Imperialismus hervorgerufene. Die AusstellungsbesucherInnen vollziehen diese Globalisierungen, den Widerstand sowie die vom Westen unabhängige Entwicklung der sechs Welten nach. Das imperiale Zeitalter mit einem Jahrhundert der Migrationen im Indischen Ozean: Die die Insel tiefgreifend verändernden Überquerungen des Ozeans durch Hindus, ChinesInnen, AfrikanerInnen und MuslimInnen. Dann werden die BesucherInnen zu Zeugen des Niedergangs der Kolonialreiche, des „kurzen Jahrhunderts“ der Entkolonialisierung, des „Stils der Unabhängigkeiten“ und des Endes des Kolonialstatus von Réunion. Die „Jetztzeit“ auf Réunion wird in ihrer Komplexität vorgestellt. Die Ausstellung endet mit aktuellen Fragen – ökonomischen, kulturellen sowie geopolitischen: was bedeutet es, auf einer kleinen Insel in einem maritimen Raum zu leben, der grundlegend von aufstrebenden regionalen Mächten – Südafrika, China, Indien – transformiert wird, die alte Routen und Verbindungen nutzen oder neue finden; umgeben von einem Ozean, an dem heute die Mehrheit der MuslimInnen lebt und der die wichtigste Transportroute für Öl und für die Kriege um dessen Kontrolle darstellt ...?

Zwei Prinzipien strukturieren unsere Arbeit: die orale Kultur und die Öffentlichkeiten. Wir wollen die Rolle und Funktion von oraler Kultur auf Réunion – und Kommunikation als ein wichtiges Werkzeug menschlicher Begegnungen – anerkennen. Die Gesellschaft ging hier direkt/übergangslos vom Analphabetentum zu Radio und Fernsehen über – Bücher wurden übersprungen, da sie teuer sind und das geschriebene Wort mit Kolonialmacht und Elitismus gleichgesetzt wird. Da wir jedoch Wissen vermitteln wollen, mussten wir uns verstärkt Möglichkeiten oraler Vermittlung überlegen. Wir werden im MCUR verschiedene Elemente oraler Kultur einsetzen: es wird Räume geben, wo man Geschichten und Reisetagebücher sowie Berichte von MigrantInnen und SklavInnen hören kann, aber auch Räume, wo BesucherInnen miteinander als „lebendige Zeugnisse“ des gegenwärtigen Réunion ins Gespräch kommen können. In „Réunion in der Jetztzeit“ schlagen wir vor, einen Raum um einen bereits vertrauten Ort des Austausches, den Marktplatz, zu schaffen. Für die Wechselausstellungen planen wir als work in progress ein Skript, das sich nach und nach durch Beiträge der BesucherInnen entwickelt.

 
C. M.-T.: Darf ich nochmals auf das „Objekt” zurückkommen: im europäischen Kontext befindet sich der Status von Objekten in Ausstellungen noch in Diskussion und zudem wollen einige Organisationen den Begriff des Museums strikt auf Institutionen mit (Objekt-)Sammlungen beschränken. Wie Sie in Ihrem Vortrag im Frühjahr 2007 in Wien erwähnten, wird in Ihrem Fall keine Sammlung im traditionellen Sinne den Ausgangspunkt bilden4 und Sie haben hier deutlich gemacht, dass Sie sich statt mit einer ausufernden Sammlung eher mit dem Mangel an Objekten auseinandersetzen müssen, da diese (wenn sie den ZwangsarbeiterInnen, SklavInnen oder armen Leuten gehörten) bewusst nicht gesammelt oder in der kolonialen und postkolonialen Zeit zerstört worden sind. Könnten Sie uns ein Beispiel dafür geben, wie Sie mit diesem Objektmangel umgehen werden?

 
F. V.: Wir sind keine PartisanInnen der Sakralisierung des Objekts als authentischem Marker menschlicher Handlungen. Wir meinen, dass Gewalt und Widerstand auch mit Ton, Bildern, Theaterstücken und Erzählungen gezeigt werden kann. Das Objekt ist nur ein Werkzeug unter anderen. Eine Installation zeitgenössischer Bilder und Töne kann von vergangenen Gewalttaten und Widerständen zeugen.

Lassen Sie mich einige konkrete Beispiele geben: als die Portugiesen 1498 den Indischen Ozean erreichten, brachten sie die Erfahrung jahrelanger erbitterter und brutaler Religionskriege in Europa mit sich. Verhandlung war keine Option. Völker, die als Feinde eingestuft worden waren, mussten vernichtet, massakriert, zerstört werden. Sie führten ihr Handelsmonopol in einem Ozean ein, auf dem, wie HistorikerInnen gezeigt haben, freier Handelskapitalismus üblich gewesen war. Wie können wir diesen Moment darstellen? Zuerst hatten wir an eine Installation mit rekonstruierten Waffen und Leichen gedacht, aber das war zu morbide. Vielleicht werden schlicht Bilder von Waffen und Massakern funktionieren. Ein weiteres Beispiel: der Widerstand von SklavInnen wird auch durch ihre kulturellen Erzeugnisse wie Musik, Gedichte, kurze Theaterstücke, die Treffen von Maroons und RebellInnen nachspielen, in denen es um Verfahren gegen SklavInnen oder BesitzerInnen geht, Vorführungen von Tänzen (Capoeira, Moringue …) gezeigt werden. Wir haben junge GraffitikünstlerInnen aus Réunion gebeten, Widerstand graphisch darzustellen. Ich könnte weitere Beispiele nennen, aber hauptsächlich geht es darum, dass das Objekt nicht die einzige Referenz ist; wir arbeiten mit Installation aus Ton, Bildern, Objekten und Performance, um einen Moment zu evozieren. Und das Objekt muss nicht authentisch sein. Der einzige Raum, der sich ganz Objekten widmen wird, ist die Galerie der gesammelten Objekte aus Réunion: eine Aufwertung dieser alltäglichen Objekte von geringem finanziellem Wert, die aber präsentiert werden wie die von reichen Leuten einem Kunstmuseum gestifteten Werke.

Der Direktor des Britischen Museums, Malcolm McLeod, berichtet über die Renovierungsgeschichte des Königspalastes in Accra, dass die Asante die Idee einer Rekonstruktion des ursprünglichen Palastes und den Aufbau einer Sammlung ablehnten: sie fanden, dass der  Vergangenheit anders erinnert werden konnte.5 Ich teile diese Einstellung. Literatur, Poesie und Erzählungen sind hervorragende Mittel, um die Vergangenheit und die Gegenwart zu evozieren. Außerdem denke ich, dass oftmals etwas Einfaches funktionieren kann. Wir wollen kreativ sein: wir haben keine „Meisterwerke“, wie etwa griechische Skulpturen, afrikanische Masken, chinesisches Porzellan … aber, wie ich nicht oft genug wiederholen kann, wir haben eine unglaubliche immaterielle Kultur.

 
C. M.-T.: An dieser Stelle würde ich gerne noch einmal den Aspekt der Tradition und des „Erbes“ ansprechen, da ich dies für einen wichtigen Punkt der Diskussion halte. Die objektbezogenen Sammlungen basieren nicht nur auf dem, was von der Kolonialgesellschaft geblieben ist – die noch existenten Texte und Dokumente sprechen zudem deutlich von der gleichen Position aus. Wie werden Sie mit der Dominanz der europäischen Wissenschaft und ihrer Systeme umgehen, die sich in erster Linie auf die Hierarchisierung von schriftlichem Material konzentrieren? Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie sich auf mündliche Traditionen gründende soziale Praxen in der Ausstellung unterstützt und präsentiert werden?

 
F. V.: Zunächst einmal ist es wichtig zu zeigen, dass Geschriebenes, Technologie und Wissenschaft nicht nur Europa gehören. Wenn wir zum Beispiel die Künste und Techniken der Welt des Indischen Ozeans zeigen, wollen wir sagen, dass die Moderne, Technologie und Wissenschaft eine Geschichte und ein Territorium haben und dass ein Austausch von Wissen und Technologie vor Ankunft der EuropäerInnen stattfand. Wir werden dies anhand von Architektur- und Technikbildern vorführen; anhand einer Ansammlung von (rekonstruierten) Abbildungen der Güter, die im Indischen Ozean getauscht wurden, der Fülle und Vielfalt dieser Güter; indem wir einen Ort anbieten, wo man Mythen, Reiseberichte, philosophische Texte und Debatten anhören kann, die Komplexität der Imagination; mit einer Ausstellung über Navigationstechniken die Entstehung einer tausendjährigen maritimen Kulturwelt … Was die Sklaverei betrifft, ist unser Prinzip, die Geschichte ihres globalen Apparats mit Bildern (Reproduktionen von Lithographien und Gemälden von Sklavenhandel, Sklaverei und Widerstand) zu zeigen, durch Objekte und Texte (Reproduktionen von Gesetzbüchern, Verkaufsanzeigen, Fesseln, Musikinstrumenten …) und durch Performances (durch Vorführungen von Tanz, Musik und medizinischem Wissen, durch Auszüge aus Debatten und Gerichtsverfahren …). Ziel des MCUR ist es, nicht einfach die historische Vergangenheit zu erzählen, sondern uns der Schwierigkeiten und Bedürfnisse bewusst zu werden, während wir gegen Unrecht und Ungleichheit kämpfen.

Was die Sprache betrifft, so habe ich bereits ein paar Antworten gegeben. Ich möchte nur noch ergänzen, dass wir uns wünschen, dass die BesucherInnen die Sprachen hören, die zu jeder Zeit auf der Insel gesprochen worden sind. Die Menschen haben ihre Sprache nicht bei ihrer Ankunft verloren, die Sprachen haben überlebt, sie haben das Unbewusste durchdrungen. Noch heute kommen mit den Menschen von Mayotte und den Komoros neue Sprachen hinzu.

 
C. M.-T.: In die Entwicklung des MCUR sind nicht nur, wie Sie bereits erwähnten, eine Vielzahl von internationalen TheoretikerInnen einbezogen worden, es ist außerdem in sehr verschiedenen Kontexten und zu unterschiedlichen Anlässen präsentiert und international diskutiert worden. Es gab zudem verschiedene, von Ihnen bereits genannte Museen, die für Sie und Ihr Team von Bedeutung waren – etwa das Museum von Quebec, das Apartheid-Museum in Johannesburg, das Museum von Grenoble sowie Installationen auf den Biennalen in Johannesburg und Dakar. Welche Ideen und Theorien waren für Ihre Arbeit hinsichtlich der Reflexion und Umformulierung des Museumskonzepts von besonderem Interesse?

 
F. V.: Sämtliche Arbeiten zum Museum als einem transformativen „öffentlichen Ort“ waren nützlich. Der Band „Museums Frictions“6 hat uns zum Beispiel sehr interessante kritische Ansätze geliefert … Wir haben außerdem Leute und Gruppen wie die Ihre getroffen, deren Fragen und eigenen Erfahrungen weitere Reflexionen genährt haben.

All diese Erfahrungen und diese Arbeit haben uns ermutigt, uns auf die „Ökonomie” unseres Projektes zu konzentrieren. Wir haben kein Öl, besitzen weder Diamanten noch Uranium … Wir haben keine Paläste, Statuen, großen Kunstwerke. Wir müssen eine spezifische Situation berücksichtigen: Réunions Ökonomie ist instabil und es bestehen entscheidende Ungleichheiten. Wir wollen nicht über unsere Verhältnisse leben. Wir teilten die Kritik an einer Ökonomie der Verschwendung und Vergeudung, die auf die Zerstörung lokaler Ökonomien und landesüblicher Kultur als „ethnischer Chic“ ausgerichtet ist. Es wäre absurd, einen Raum zu errichten, der sich als zu teuer erweisen würde; in der gegenwärtigen Krise wäre das purer Wahnsinn. Da wir oft über Prozesse und Praxen der Kreolisierung als kreativer Überlebensstrategie gegen hegemoniale Monokulturen sprechen, überlegten wir uns, diesen Ansatz auf die Ökonomie des MCUR zu übertragen. Auf welcher Ökonomie wird das Projekt in fünfzehn, zwanzig Jahren beruhen? Nehmen wir zum Beispiel die Multimedia-Technologien: ist es notwendig, BesucherInnen mit Hochtechnologie zu blenden oder ist es besser, hochtechnologische Teile mit Bricolage zu mischen, um eine Ökonomie des Recyclens, der Wiedergewinnung zu etablieren? Das Nachdenken über Ökonomie erwies sich als untrennbar vom Nachdenken über Inhalte.

Die Ökonomie von Museen im „Süden“ wird selten diskutiert, aber dessen Ressourcen unterscheiden sich von jenen des „Nordens“. Ich spreche vom ökonomischen, nicht vom geographischen Süden. Museen, die in Dubai, Abu Dhabi, China … gebaut werden, sind riesige, teure Gebäude; ihre ArchitektInnen zählen zu den teuersten und berühmtesten. Welche Gegenstrategien müssen in einer solchen Ökonomie entwickelt werden? Das District Six Museum in Kapstadt hat zum Beispiel eine komplett andere Ökonomie als das Museum der Apartheid in Johannesburg. Ersteres wurde mit den profanen Zeugnissen von Menschen geplant, die in dieser gemischten, vom Apartheid-Regime zerstörten Nachbarschaft leben, letzteres reagiert auf das Bedürfnis des Staates, eine nationale Erzählung zu präsentieren. Ersteres verwendet „einfache“ Technologien, letzteres eher Multimedia.

Die Ökonomie des MCUR muss also auf einer Reflexion der Ökonomie der Insel beruhen und im Verhältnis zu seiner Umgebung betrachtet werden sowie im Zusammenhang damit, wie Ungleichheiten in der Welt und dieser Region zunehmen. Das Bedürfnis der Menschen nach einem Ort, wo ihre Kultur und Geschichte anerkannt und ihre Gegenwart diskutiert wird, ist eine wichtige Ressource. Das Konzept nachhaltiger Ökonomie, die wir selbstreflexiv angehen wollen (welche Art von Ökonomie wollen wir?), bestimmt die Ausstellung und das Programm des MCUR.

Was ich außerdem gelernt habe ist, dass die Menschen gerne Orte für Begegnungen und Austausch vorfinden. Museen der Kontemplation bieten eine ästhetische Erfahrung, Museen für Geschichte und Kultur bieten die Erfahrung der Auseinandersetzung mit Erinnerungen, Meinungen und Interpretationen. Daher sehen wir eine Notwendigkeit, auch einen Platz für Debatten, Diskussionen und das Anhören von Meinungen oder anderen mündlichen Beiträgen in den Ausstellungsräumen anzubieten. In dem Teil „Réunion in der Jetztzeit“ schlagen wir sogar vor, dass die Ausstellung um eine Agora herum organisiert ist, wo BesucherInnen zu VermittlerInnen werden und darüber nachdenken, was gewesen ist, welche Entscheidungen getroffen wurden und warum andere Möglichkeiten abgelehnt wurden, was für Entscheidungen in der Zukunft getroffen werden können, welche landesüblichen Praxen und welches Wissen zu einer nachhaltigen Ökonomie der Kultur beitragen könnten.

 
C. M.-T.: Als ich von Ihrem Projekt hörte, war ich zuerst erstaunt darüber, dass Sie den Begriff „Museum“ dafür verwenden. In der westlichen Museumsdebatte ist, wie Sie gesagt haben, die Verknüpfung von Museen mit der Geschichte der Nationalstaaten einerseits und mit Machtstrategien und Kolonialismus andererseits sehr deutlich. Nach Benedict Andersons Angabe waren der Zensus, die Landkarte und das Museum integrale Instrumente des Kolonisationsprozesses. Die Definition von „Museum“ hat also im museologischen Diskurs eine lange Geschichte mit sämtlichen Implikationen von Macht, Hegemonie, Kategorisierung usw. Warum haben Sie auf dem Begriff des Museums bestanden?

 
F. V.: Normalerweise sind Kulturzentren für den „Süden“, Museen für den „Norden“. Wir wollten diese Dichotomie durchbrechen und behaupten, dass eine neue Form von Museum möglich ist und dass eine kleine Insel in der Lage ist, dies umzusetzen. Historisch gesehen war das Museum ein Ort für die BürgerInnen. Französische Revolutionäre wollten die Vorstellungen von Schönheit und Kunst „entprivatisieren“. Der Louvre wurde mit diesem Ziel eröffnet: diese Schätze gehören dem Volk. In den vergangenen Jahren ging dieses Ziel jedoch verloren – alle großen Institutionen haben ihren Ansatz revidiert, neue Wege der Kunstbetrachtung integriert und die Sammlungen wurden von den BesucherInnen angeeignet. Auf Réunion wurden in der Kolonialzeit zwei Museen gebaut und die Leute empfanden sie als elitär. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eröffneten drei Museen, eines über die Zuckerrohrindustrie, eines über den Vulkan, eines über eine Plantage. Keines hat bisher eine Reflexion darüber einbezogen, was sich die Öffentlichkeit erwartet und wünscht. Das neue Kelonia Museum (2006) hat diese Ansätze integriert und ist ziemlich erfolgreich.

Die Wiederaneignung des Begriffes stellt für uns eine politische Geste dar. Nichts gehört ausschließlich „einer“ Kultur. Kolonisierte und Unterdrückte haben immer Erfindungen des Westens aufgegriffen, um sie zu transformieren und zu adaptieren. Wenn es sich um blinde Imitation handelt, hat das tragische Konsequenzen, aber wenn es innerhalb eines Prozesses der Kreolisierung von Form stattfindet und sich kritisch mit den Werkzeugen auseinandersetzt, kann es originell und kreativ sein. Ich erinnere mich, wie mir Aimé Césaire sagte, dass es wichtig ist, alle zur Verfügung stehenden Werkzeuge zu verwenden, wenn man die Welt verändern will.

Der Bevölkerung von Réunion zu erklären, dass sie ein Museum mit all den dazugehörigen elitären Repräsentationen verdienen, ist ebenfalls eine extrem wichtige Geste. Ja, eure „armen“ Leben verdienen ein Museum, eure Erzeugnisse verdienen ein Museum. Einige Gegner des Projekts verstanden dies intuitiv, wenn sie behaupteten, es gäbe nichts auf Réunion, was ein Museum rechtfertigen würde, keine Kultur die einen solchen Ort wert wäre. Es ist eine pädagogische Geste und wenn die Idee einmal verstanden worden ist, planen wir nicht daran festzuhalten. Die Herausforderung ist eigentlich, einen Ort zu schaffen, der von einer Mehrheit der Bevölkerung angenommen wird sowie von Fremden, die etwas darüber erfahren können, wie aus Sklaverei, Kolonisation, Widerstand und Kreolisierung eine Gesellschaft entstand.

 
C. M.-T.: Sie definieren das MCUR als „Museum der Gegenwart“, worunter ich mir eine Institution vorstelle, die lebhaften Debatten und Prozessen gegenüber offen ist und diese in die Ausstellung integriert und visualisiert. Auch die Theorien der „Neuen Museologie“ und des „New Institutionalism“ beschäftigen sich mit der Frage der Partizipation, mit der Öffnung von Institutionen für unterschiedliche AkteurInnen, um Erzählungen der Vergangenheit – wenn sich diese einmal manifestiert haben – umzuformulieren. Sie öffnen Ihre Räume für Diskussionen und unterschiedliche Stimmen. Im obigen haben Sie bereits einige Strategien beschrieben, durch die Ihr Team unterschiedliche AkteurInnen in die Ausstellungsplanung einbindet. Können Sie uns einige Beispiele für diese Prozesse geben?

 
F. V.: Das ist der Grund, warum wir uns entschieden haben, von Anfang an mit der Bevölkerung zu arbeiten, die die Mehrheit unserer zukünftigen BenutzerInnen darstellt. Im Jahr 2004 wählten wir (für ein solches Projekt) den Titel Zarboutan nout Kiltir (ZNK; kreolisch für „living treasure“), um Frauen und Männer für ihre Rolle zu würdigen, die sie bei der Bewahrung und Übermittlung landesüblicher Kenntnisse und Bräuche spielen. Wir führten eine Zeremonie ein, in der sie gefeiert und geehrt wurden. Dafür suchten wir Leute aus, die man bisher nicht als „nennenswert“ genug befunden hatte, zur Geschichte und dem offiziellen Diskurs beizutragen. Einige davon waren AnalphabetInnen und alle stammten aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Es war ein riesiger Erfolg und wir planen einen Ausstellungsraum der ZNK im MCUR. Wir bauen außerdem ein Netzwerk aus Leuten auf, die entweder als „StifterInnen“ oder als „Mittelsleute“ zwischen dem MCUR-Team und Vereinigungen fungieren.

Zusätzlich trafen wir uns mit KünstlerInnen und AkteurInnen aus dem Kulturbereich. Wir stellen das Projekt unter anderem Fachleuten, Gewerkschaften und LehrerInnen vor. 2006 baten wir SchülerInnen – von der Kindertagesstätte bis zur Mittelschule –, ihr Traumgebäude für das MCUR zu zeichnen, was interessante Ideen darüber lieferte, wie Gesellschaften und Einheit gesehen werden. Viele zeichneten Réunion als eine Verkettung von Begegnungen und Vermischung. Seither organisieren wir jedes Jahr das Programm shemin la vi (Reiseplan des Lebens). SchülerInnen erarbeiten den Reiseplan einer Person, eines Objektes, eines Liedes oder eines Wortes, indem sie ein Netz an Straßen und Bedeutungen zurückverfolgen, die Réunion darstellen. Am Ende jeden Schuljahres präsentieren die SchülerInnen ihre Arbeit in Gemeinschaftstreffen mit Eltern, LehrerInnen und anderen. Es ist sehr nett und macht oft viel Spaß. Wir arbeiten eng mit den LehrerInnen zusammen und planen, diese Zusammenarbeit auszubauen. Dieses Jahr bot das MCUR interessierten Schulen an, am 10. Mai – dem nationalen Gedenktag des Sklavenhandels, der Sklaverei und deren Abschaffung – gemeinsam mit PartnerInnen wie dem Pflanzenkonservatorium und der Akademie von Réunion in ihrem Schulhof einen „Freiheitsbaum“ zu pflanzen und eine Tafel mit dem Namen einer Person anzubringen, die gegen Sklaverei gekämpft hatte, sowie Angaben dazu, wo diese Person lebte und was sie getan hat. Die SchülerInnen wählten aus 100 Namen von Individuen aus Jamaica, USA, Frankreich, Mauritius, England, Cuba, Réunion und anderen aus. Es war ein großer Erfolg. Wir wollten viele Dinge miteinander verbinden: den Baum, der den Maroon Schatten und Zuflucht geboten hat, den Baum, der zum Kampf gegen Klimawandel beiträgt, den Baum als Symbol der Freiheit … Die SchülerInnen verstanden dies sehr gut.

Unser Hauptziel ist es, Verbindungen zwischen dem MCUR und der Bevölkerung zu knüpfen, um dieser die Aneignung des MCUR zu ermöglichen.

Für die Menschen außerhalb Réunions werden wir Ende des Jahres eine Internetseite einrichten (bisher haben wir eine MCUR-Seite unter www.regionreunion.fr). Einige Informationen werden in die „National“-Sprachen der Welt des Indischen Ozeans übersetzt: chinesisch, hindi, malagassisch, urdu, portugiesisch und französisch, kreolisch und englisch. Wir denken auch an TouristInnen aus Europa und der Region des Indischen Ozeans: das MCUR möchte Austausch und Begegnungen anregen, um Neugier für Interkulturalität und den Wunsch nach Alternativen zu verschiedensten Formen von Hegemonie zu wecken.

 
C. M.-T.: All die unterschiedlichen Formen von Interaktion, die zur Ausstellung beitragen, klingen hochinteressant, aber auch anspruchsvoll. Wurden Strategien formuliert, um diese Prozesse auch nach der Eröffnung des MCUR weiterzuführen? Und könnten Sie den Begriff der Kreolisierung präzisieren, den sie immer wieder erwähnen und der als Überlebensstrategie beschrieben worden ist? Dieser Begriff erfuhr meines Erachtens im Rahmen der Documenta 11 weite Verbreitung im Sinne eines Prozesses der Aneignung, Formulierung, Veränderung und Umsetzung. Auch widmete die Documenta 11 der „Kreolisierung“ eine Plattform. Hatte das Einfluss auf das Museumskonzept?

 
F. V.: Es wird Aufgabe des MCUR-Teams sein, den Prozess am Leben zu halten. Ich glaube jedoch, dass die Ziele, wenn sie bis zur Eröffnung durchgesetzt und in Räume und Funktionen übersetzt worden sind, nicht so leicht verraten werden können. Es ist wirklich eine Sache der Fundamentlegung, es geht darum, die Orientierung des MCUR zu festigen und sicherzustellen, dass sie nicht zukünftigen Launen ausgesetzt ist. Es kann keine Garantie für die Ewigkeit geben. Es wird darum gehen, in der Lage zu sein, die Prinzipien zu verteidigen.

Was den Begriff der Kreolisierung betrifft: die Documenta 11 hatte keinerlei Einfluss auf die Konzeption des MCUR. Ich hatte bereits vorher zu diesem Begriff gearbeitet und über ihn geschrieben und nehme an, dass mich Okwui Enwezor deshalb als Beraterin für die Documenta-Plattform zur Kreolisierung einlud. Kreolisierung ist der Gründungsprozess der Gesellschaft von Réunion. Lassen Sie mich paraphrasieren, wie ich das im Documentabuch beschrieb: Kreolisierung bedeutet einen Prozess des Verlustes, der Übernahme und der Neubildung; unterschiedliche Sprachfragmente werden vereint, um eine gemeinsame Sprache, eine Welt geteilter Rituale und sozialen Austausches zu kreieren. Kreolisierung ist eine Überlebensstrategie: in einer lebensbedrohenden Situation muss man lernen zu übersetzen. Die Bedeutung einer Geste oder eines Befehles nicht zu verstehen, kann Bestrafung oder gar Tod bedeuten. Ich muss den Dingen Bedeutung geben in einer Welt, in der meine eigene Welt zutiefst erschüttert wurde. Ich habe alles Vertraute verloren, meinen Namen, meine Familie, mein soziales Umfeld; ich bin auf die andere Seite des Ozeans gebracht und in eine Grube der Gewalt geworfen worden. Wohin kann ich mich wenden? Wo Sinn finden? Hier bedeutet Kreolisierung nicht einfach Hybridität; es handelt sich um eine Situation extremer Ungleichheiten, erzwungener Lebensbedingungen und Überlebensstrategien. Kreolisierung ereignet sich in einer Zone der Begegnung, in der Menschen in ungleiche Lebenslagen geworfen werden. Es bedeutet Widerstand gegen einen kompletten Verlust von Sprache und Kultur, gegen ein ökonomisches System, in dem man zu einem Objekt oder zu einer frei verfügbaren Person wurde.7

Es ist extrem schwierig, Kreolisierung zu veranschaulichen: wie visualisiert man Interkulturalität? Lassen Sie mich ein Beispiel geben: es gab Momente, wo auf dieser kleinen Insel fast 20 verschiedene Sprachen gesprochen wurden. Wie zeigt man deren Wechselwirkung mit dem Kreolischen und ihren Einfluss auf die kreolische Sprache? Bei ihrer Ankunft brachten die Menschen ihre Bräuche, ihren Glauben und ihre Rituale mit: Wie wurden diese kreolisiert? Es ist möglich, zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Resultat zu erkennen (das sich fünf Jahre später jedoch bereits verändert haben kann), nicht aber einen Prozess. Dieser ist immateriell. Und manches wird nicht kreolisiert: Zonen der Begegnung haben nicht immer zu Kreolisierung geführt. Wir sehen das gegenwärtig mit der Globalisierung: Menschen akzeptieren es entweder sich zu vermischen oder sie widersetzen sich der Vermischung und kämpfen für Trennung. Die Erfindung von Traditionen und das Bedürfnis, eine idealisierte Sicht der (ethnischen, religiösen) Identität zu erzwingen, kann sehr groß sein und jeglichen Versuch ersticken, zu übernehmen, zu imitieren oder auszutauschen, oder dazu führen, dass eine Übernahme ohne jegliche Form von Anerkennung stattfindet, dass man diese „Sache“ (Wort, Rezept, Musik …) anderen „zu verdanken hat“ oder schlimmer, man folklorisiert den Beitrag: wie exotisch, wie niedlich!

Kreolisierung ist ein empfindlicher Prozess. Auf Réunion erleben wir als Gegenreaktion auf die jahrelange französische Hegemonie eine Wiedererfindung der Tradition unter Hindus, MuslimInnen, ChinesInnen oder Afro-MadagassInnen, die sich selbst langsam im Rahmen des liberalen Multikulturalismus zu „Minderheiten“ ernennen. Réunion ist nicht vor der enormen Bewegung ökonomischer Liberalisierung geschützt, die Konsumismus vertritt, sei es im Sinne eines unstillbaren Appetits nach Gütern oder als unstillbares Verlangen nach Unterschied. Die Rolle von öffentlichen Intellektuellen in einer Gesellschaft wie Réunion – postkolonial, ökonomisch abhängig, kulturell reich – liegt darin zu sagen, dass dieses Modell fragil ist und dass es es verdient erhalten zu werden, weil es eine Ethik des Zusammenlebens, ein Teilen der Welt repräsentiert. Ich betrachte es als die Rolle des MCUR, die „Resultate“ der Kreolisierungsprozesse zu zeigen, sie zu fördern, Veränderungen und Transformationen zu akzeptieren, bei gleichzeitiger Erhaltung des Ferments der Kreolisierung: fürchte niemals den Prozess des Verlustes und der Neubildung, der den Prozess des Zusammenlebens ausmacht.

 
C. M.-T.: Zuletzt würde ich gerne noch die Frage aufbringen, wie das MCUR mit dem Umgang und der Visualisierung von Gewalt und Ungleichheit in Gegenwart und Vergangenheit umgehen wird? Im Konzept des MCUR schreiben Sie: „Indem wir auch nach der Eröffnung des Museums offen für Beiträge von BesucherInnen bleiben, versuchen wir einen öffentlichen Raum für öffentliche Geschichtsschreibung und demokratische Debatten zu schaffen, in dem auch Widerspruch Platz hat: Begegnungszonen, in denen Menschen, die sich in den Räumen des Museums treffen, daran arbeiten, Ungleichheiten zu beseitigen.“8 Könnten Sie dies präzisieren?

 
F. V.: Wir sind uns der Schwierigkeit bewusst, die Diskussion am Laufen zu halten. Das ist eine Herausforderung, die wir bedenken. Unsere Arbeit ist bereits von unserer andauernden Interaktion mit der Bevölkerung von Réunion geprägt (bisher hatten wir noch nicht viele Begegnungen mit TouristInnen: das ist schwieriger ohne ein Gebäude). Ich glaube, dass ich Ihre letzte Frage zumindest teilweise schon beantwortet habe.

In den vergangenen Jahren haben wir viel über Wiedergutmachung gehört. Was bedeutet Wiedergutmachung? Die Truth and Reconciliation Commission in Südafrika ist der bekannteste Fall. In der Philosophie wird die Frage der Schuld an Anderen diskutiert. Bestärken solche Praktiken der Wiedergutmachung und Schuld die Demokratisierung oder verhindern sie diese, indem sie Viktimisierung fortschreiben? Ich denke durchaus, dass es eine Form von Wiedergutmachung nach einer Katastrophe geben muss, und jedes Volk muss herausfinden, was für es das Beste ist. Wiedergutmachung ist die Fähigkeit, Opfern und TäterInnen zuzuhören um vorwärts zu kommen, ohne die politische und soziale Verantwortung zu vergessen (Opfer und TäterInnen befinden sich nicht auf der gleichen Seite!). In unserem ersten Konzept formulierten Carpanin Marimoutou und ich, dass das MCUR in Richtung Wiedergutmachung, Entschädigung und Neuinterpretation arbeiten wird: Restitution einer Vergangenheit, die in offiziellen Darstellungen vergessen wurde, historische und kulturelle Reparation – die Aufwertung landesüblicher Erfahrungen, Kämpfe und Beiträge –, Reinterpretation der Vergangenheit, um die Gegenwart zu öffnen. Ich bin der Meinung, dass das MCUR diese drei „R“s am Leben halten muss.

Réunion existiert nicht außerhalb dieser Welt: die Bevölkerung Réunions ist mit den politischen Verhältnissen unserer Zeit konfrontiert, mit den Nachwirkungen der Entkolonialisierung, dem Ende der Sowjetunion und dem „globalen Krieg gegen den Terror“. Sie lebt in einem kulturellen und geopolitischen Raum, der untrennbar mit gegenwärtigen Problemen verknüpft ist: der Konflikt um die Öllieferungsrouten, US-Militärstützpunkte, neue Süd-Süd-Handelsrouten, die Rollen von China und Indien, die Präsenz des Islam (die Mehrheit der MuslimInnen lebt in Ländern des Indischen Ozeans), den Auswirkungen des Klimawandels (Tsunamis, stärkere Orkane …) und so weiter. Das MCUR will Réunion in einem Netzwerk von Solidarität, Austausch und Imagination platzieren, das kulturelle und künstlerische Bewegungen, die sich mit diesen Themen befassen, miteinander verbindet.

Ich würde gerne mit einer persönlichen Bemerkung schließen. In meiner Arbeit für das MCUR ging es darum, Ideen in konkrete Sachverhalte zu übersetzen. Ich habe hierbei außerdem stark von früheren Erfahrungen profitiert. Sie stammen aus meiner Arbeit als Aktivistin in feministischen Bewegungen, in Menschenrechtsbewegungen, in antirassistischen und antiimperialistischen Bewegungen (nicht in chronologischer Reihung). Ich bin auf Réunion aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Ich habe in Algerien, Mexiko, den USA (hauptsächlich Kalifornien), England und Frankreich gelebt. Ich habe als Journalistin und Redakteurin für feministische Publikationen gearbeitet und viele einfache Jobs gemacht. Ich habe über unterschiedliche Themen geschrieben. Als junges Mädchen erlebte ich die Gewalt des Staates, in einer Situation, wo jemand als Gefahr für die soziale Ordnung befunden wurde – mein Vater wurde inhaftiert, meine Mutter bedroht, ich sah wie Leute geschlagen und verletzt wurden, nur weil sie ihre Grundrechte einforderten. Ich lernte, dass Feindseligkeit und Bitterkeit auch zwischen Menschen innerhalb der gleichen Bewegung existieren können. Ich lernte, dass Frauen genauso grausam sein können wie Männer. Ich lernte, dass Glück und Solidarität koexistieren können, als ich zusammen mit feministischen Freundinnen während des Bürgerkrieges in El Salvador inhaftiert wurde. Glück, weil sich das Interesse der Soldaten in dem Moment, als sie offensichtlich überlegten uns zu töten, anderen Dingen zuwandte und sie uns stattdessen auf einer Landstrasse abwarfen. Solidarität, weil Frauengruppen aus Salvador an allen Fronten kämpften, um uns zu befreien. Ich lernte, dass akademisches Wissen nicht das einzige Wissen ist. Mit sechzehn Jahren las ich Aimé Césaires „Return to My Native Land“9, aus dem mir ein Satz im Gedächtnis hängen blieb: „diejenigen, ohne die die Welt nicht die Welt sein wird“. Er sprach hier von den SklavInnen, aber für mich galt dies für alle, deren Leben in offiziellen Darstellungen nicht „zählen“, die die Welt mit ihrer Arbeit und ihren Kreationen erschaffen, deren Beiträge aber nicht anerkannt werden. So habe ich das verstanden. Es fasste meine Interessen zusammen: zu helfen die Erfahrungen von Menschen sichtbar und lesbar machen, die normalerweise in Polizei- und Gerichtsarchiven vergraben sind oder vollkommen ignoriert werden. Ich idealisiere die Armen und Elenden nicht, sie können genauso grausam und gemein sein wie jede/r andere. Darum geht es mir nicht, mein Ziel ist es, zu einem besseren Verständnis der Welt beizutragen, einem Verständnis dessen, was Menschen mobilisiert und was getan werden kann, um die schlimmsten Fälle von Gewalt und Brutalität in Grenzen zu halten. An dem und für das MCUR zu arbeiten war sehr, sehr spannend und eine sehr große Herausforderung. Für mich war dies eine unglaubliche Chance. Es bedeutet Risiken einzugehen, nachzuahmen, Anleihen zu machen und Neues zu erfinden.



Der vorliegende Text erscheint parallel in: schnittpunkt ausstellungstheorie & praxis (Hg.), Das Unbehagen im Museum. Postkoloniale Museologien, Wien: Turia + Kant 2008.



1 James Clifford, Museums as Contact Zones, in: James Clifford, Routes. Travel and Translation in the late Twentieth Century, Cambridge/London 1997, 188–219.

2 www.regionreunion.fr

4 Displaying Postcoloniality. On the Project for a Museum of the Present on the Island of Réunion. Ein Vortrag von Françoise Vergès (London/Paris/Réunion); Moderation: Luisa Ziaja (schnittpunkt) und Araba Evelyn Johnston-Arthur (Wien); Der Vortrag wurde von schnittpunkt exhibition theory & practice gemeinsam mit eipcp translate (http://translate.eipcp.net) organisiert; 3. Mai 2007, im Depot, Breite Gasse, Wien.

5 Malcom McLeod, Museums Without Collections: Museum Philosophy, in: Bettina Messias Carbonell (Hg.), Museum Studies. An Anthology of Contexts. London 2004, S. 460.

6 Ivan Karp, Corinne A. Kratz, Lynn Szwaja, Thomás Ybarra-Frausto (Hg.), Museum Frictions. Public Cultures/Global Transformations, Durham/London 2007.

7 Françoise Vergès, A Museum without a Collection. Maison des Civilisations et de l’Unité Réunionnaise, in:  translate.eipcp.net/Actions/ discursive/lines/verges/verges_en.pdf (09.06.2008).

9 Aimé Césaire, Cahier d'un retour au pays natal, o.A. 1939.