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Transkription eines Videos von O. Ressler,
Ich bin in der Schweiz geboren und lebe jetzt in Zürich.
Mein Hauptberuf ist Lehrer an einem Gymnasium und so
nebenbei habe ich mich immer schon politisch betätigt.
Ich bin ein alter 68er, ich war noch dabei bei diesen
Anti-Vietnam-Demos und solchen Geschichten. Später
war ich auch bei Hausbesetzungen und bei der Anti-Kernkraftbewegung
dabei. Ich habe alles ein bisschen mitgemacht, was es
so gibt. Und dann ging diese Bewegung irgendwie zu Ende,
es gab dann noch eine Hausbesetzerbewegung in Zürich,
in Genf weiß ich auch, dass da sehr viele Häuser
besetzt waren, die wurde von der Polizei dann langsam
zerschlagen. Da war nichts mehr da. Dann ist eine depressive
Stimmung ausgebrochen, wie oft nach solchen Bewegungszyklen.
In dem Moment habe ich dann gesagt: Ich schreibe jetzt
alles nochmals auf, was man dann doch noch wichtig finden
müsste. Ich habe eine Wunschliste aufgestellt,
wie zu Weihnachten, eine lange Liste von Sachen, zu
denen wir sagen, das finden wir gut - eine Bestandsliste. Ich möchte betonen, es gibt keine einzige neue Idee in diesem Buch. Das sind alles gefundene Sachen. Auf das bolo kommt man aus verschiedenen Richtungen, auf die Grundeinheit, wie Menschen einigermaßen vernünftig miteinander leben können, ohne den Planeten, ihre Nerven und ihre Nachkommen zu ruinieren. Ein Approach ist die Kommunikation: Wenn Menschen nicht vernünftig miteinander reden können, dann werden sie abhängig von höheren Einheiten, oder dann müssen Supervisoren eingesetzt werden, um die Kommunikation zu benützen. Man kann jetzt z. B. die Kommunikationstheorie durchschauen, die besagt, dass die Kommunikation bei bis zu 150 Personen informell funktioniert, d. h. da braucht man keine Strukturen. Es ist aber dann sehr gemütlich und es gibt sehr viel mehr Streit als nötig, weil eben die Kommunikation so leicht ist. Darum habe ich gesagt, eine Grundeinheit, in der man sich da versammelt, die muss bedeutend größer sein als 150. Ich habe gesagt, 500 wäre nicht schlecht, 400, 600, 700 oder 800. Es gibt dann eine andere Schwelle, die irgendwo bei 1000 liegt, bei der man, wenn man sich organisieren will, dann delegieren muss. Es braucht dann einen Ausschuss und eine Professionalisierung dieser Verwaltung. Dann kommt man in den Bereich der strukturell notwendigen Bürokratie. Das finde ich auch wieder nicht so gut, der Aufwand wird dann sprunghaft größer, weil man die Bürokratie ja kontrollieren muss, dass sie wirklich das macht, was man will. Und diese Kontrollorgane sind wieder anfällig, die muss man auch wieder kontrollieren, es wird sehr aufwendig. Irgendwo ist für mich das Fenster für eine vernünftige soziale Organisation zwischen der 150 köpfigen Gemütlichkeit und der 1000 köpfigen beginnenden Ungemütlichkeit. Da zwischendrin müsste es wahrscheinlich irgendwo sein. Das ist der eine Zugang. Ein anderer Zugang könnte etwa ein ökologischer sein. Die ökologischen Probleme auf diesem Planeten sind ja alle im Norden, wo wir heizen müssen und ein urbanistisches Layout geschaffen haben, das z. B. den Automobilverkehr bedingt. Wenn man das zurücknehmen will, wenn man den Energieverbrauch auf eine global vertretbare Größe zurückschrauben will, dann wäre das etwa ein Fünftel des heutigen bei uns. Ich rede jetzt nicht vom Süden, weil die verbrauchen ohnehin 100 Mal weniger Energie als wir. Die haben in dem Sinn kein Problem, die haben vielleicht das umgekehrte Problem. Da müsste man also auf ein Fünftel des Energieverbrauchs kommen. Wenn man das machen will, kann man keine Autos mehr haben. Wenn man keine Autos mehr hat, kann man keine Einzelhäuschen haben, dann muss man zusammenziehen. Dann kann man sich überlegen, welche Größenordnung von Häusern am leichtesten zu isolieren und am günstigsten zu heizen sind. Das sind immer kompakte Gebäude, weil dann das Verhältnis von Außenhaut zum Volumen am günstigsten ist. Das heißt, es müssten im Norden, z. B. in den USA, Leute aus den Suburb-Häuschen in Volks- oder Ökopaläste zusammenziehen, wo man gut heizen kann. Ich sage immer, da kann man eine Typologie machen, die jetzt überkonkret ist, das muss man natürlich ironisch sehen: Wir müssen alle in Gebäuden wohnen, die etwa acht Stockwerke hoch sind, etwa hundert Meter lang und 20 Meter tief. Dieser Klotz ist eigentlich das ökologische Muss. Ich gehe jetzt immer von diesem urbanen, westlichen
bolo aus bei uns. Ich schreibe nicht anderen Menschen
vor, wie sie sich zu organisieren hätten. Ich nehme
einfach die Schweiz als Beispiel, aber es funktioniert
in ganz Westeuropa so. Wie organisiert man jetzt die
Landwirtschaft im Verhältnis zu diesen urbanen
Gebilden? Mein Vorschlag und auch der von vielen Leuten,
die das studiert haben, Ökologen und Agronomen,
wäre ja der, dass man sagt: In Westeuropa braucht
man zur Nahrungsversorgung von so einem bolo etwa 90
ha Land von der Art, wie wir es hier haben. Wenn man
jetzt so eine mittelgroße Stadt wie Zürich
nimmt, dann befinden sich diese 90 ha Land in einem
Umkreis von vielleicht 30 km um die Stadt, die hätten
da Platz. Die gibt es auch jetzt noch, wenn man nicht
weiter alles verbaut und zupflastert. Und dann könnte
man, rein schematisch gesehen, jedem bolo einen Bauernhof
von 90 ha zuordnen. Das ist relativ großzügig
gerechnet, weil in der Schweiz sind die Bauernhöfe
im Schnitt nur 15 ha groß, in Österreich
vielleicht ein bisschen mehr. Relativ große Einheiten
heißt ja nicht, dass man dann relativ große
Flächen bebauen muss. Das wären ja in sich
sehr vielfältige Gebilde, wo man von Kartoffeln
bis zur Milchproduktion alles herstellen könnte.
Dann hätte man eine ziemlich gute ökologische
Effizienz, weil es müsste nur einmal pro Woche
ein kleiner Lastwagen - oder vielleicht sogar ein Bahnwagen
- zwischen diesem Landteil und dem Stadtteil hin- und
herfahren. Im Rücktransport könnten die Kompost
und alle Gebinde wieder mitnehmen. Da könnte man
ein System entwickeln, dass die Leute, die im bolo wohnen,
auch auf ihrem Landteil arbeiten können. Das wäre
viel effizienter als die heutige Versorgung mit Supermarktketten,
weil dort haben wir eine ganze Reihe von Zwischentransporten,
in Verteilzentren, und dann wieder in die Supermärkte,
und dann muss ich erst noch zum Supermarkt. Hier wäre
jedes bolo in sich ein Supermarkt mit einem diversifizierten
Landteil, der groß genug ist, um ihn ökonomisch
zu bewirtschaften. Man kann nicht mehr unsere heutige
Landwirtschaft betreiben, weil die funktioniert ja nur
mit einem riesigen Input von Öl und Chemie und
anderen Sachen. Man müsste eine biologische Mischwirtschaft
betreiben, bei der man verschiedene Pflanzen auf der
gleichen Fläche kombiniert, sodass sie sich gegenseitig
düngen. Nicht diese großen, monotonen Felder,
das würde nicht mehr funktionieren. Aber diese
Mischwirtschaft bedingt - aber das ist eigentlich schön
- einen viel höheren Einsatz an menschlicher Arbeit
als heute, vielleicht den dreifachen. Das ist aber nicht
viel, weil heute in der Schweiz die Landwirtschaft etwa
drei Prozent der Arbeitskräfte beansprucht, dann
wären es vielleicht halt zehn. Aber inzwischen
wären ja alle Banken gestorben und es gäbe
genug Menschen, die sich da einsetzen könnten.
Die einfachste Austauschform ist ja das Geschenk. Das
ist auch die gefährlichste, vor allem für
den Beschenkten. Das ist möglich, weil man relativ
unabhängig ist. Ein bolo hat eine Grundsouveränität,
in der Schweiz haben wir diesen Ausdruck, eine Selbständigkeit,
die ihm auch erlaubt, großzügig zu sein.
Man muss nicht so genau darauf achten, ob man jetzt,
wenn man marxistisch reden will, zu viel Wert verschenkt
hat oder nicht. Es gibt eine breite Möglichkeit
von Geschenken. Und weil, wenn ich davon ausgehe, dass
es überall bolos gibt, das Schenken dann eine Form
von Ehre für dieses bolo ausmacht, bekommt es dann
ja entsprechend wieder etwas zurück. Das wäre
eine wichtige Austauschform, die nicht spezifisch auf
irgendwelche Güter bezogen ist. Man kann irgend
etwas schenken, auch Zeit, Gedichte oder was auch immer. Wenn wir jetzt diese ökologischen Rahmenbedingungen haben, also 20 Prozent des Energieverbrauchs, dann gibt es schon noch ein paar Autos. In einem bolo vielleicht noch 20 Autos, die kann man dann mieten. Das reicht, wenn man mal Autofahren muss. Man muss aber fast nicht mehr Auto fahren, weil man ja fast keinen Grund hat, irgendwo hinzufahren. D. h. es gibt dann 10 mal weniger Autos, die Automobilindustrie ist ja schon zusammengebrochen, und alle Banken, die sie finanziert haben. Zugleich ist die ganze Erdölindustrie zusammengebrochen, die gibt es auch nicht mehr. Zugleich schrumpft die ganze Haushaltsgeräteindustrie im gleichen Ausmaß, weil man z. B. alle Kleider in einer Waschmaschine im bolo waschen kann, und die sind ja acht Mal effizienter als eine Normalwaschmaschine. Die ganze Unterhaltungselektronik, die noch herumliegt, die kann ich noch gebrauchen, aber man braucht auch viel weniger von dem. Eigentlich kann man die Hi-Techindustrie nur vom Konsum her reduzieren. Man braucht von allem 10 Mal weniger. Und dann ist die Frage nur mehr die, wo und wie produziert man denn den Rest am effizientesten? Und hier ist die Antwort eindeutig: subkontinental. Z. B. würden Lastwagen an einem Ort, sagen wir mal südlich von Warschau, für alle bolos oder Städte zwischen dem Ural und dem Atlantik produziert. Und dann würde man mal wahrscheinlich nur noch Module produzieren, man würde ein mittleres, ein großes und ein kleines Modul produzieren, also einen Motor, und die könnte man dann in bolos oder Städten zusammenbauen zu dem, was man braucht. Das sieht man heute schon in der "Dritten Welt". Alle diese öffentlichen Busse werden ja dort gebaut. Das Chassis wird dort gebaut und geliefert werden nur mehr Motoren und Getriebe. Das ist jetzt schon eine effiziente Technologie. Wie man das jetzt macht? Das würde ich einfach schlicht mit Geld machen, die bezahlt man dann. Natürlich kann man jetzt sagen, wie kommt man jetzt zum Geld? Das kann natürlich nur so passieren: entweder bezahlt man sie oder man hat eine Quote. Wir brauchen so und so viele Lastwagen, und dann müssen die Arbeiter, die dort Lastwagen produzieren, indirekt über Geld von uns bezahlt werden - aber es ist eigentlich sehr wenig. Und zu diesem Geld könnte man allenfalls kommen, wenn man einen Teil von den Gütern, von der Arbeitskraft oder den landwirtschaftlichen Produkten dann eben für Geld verkauft. Man kreiert automatisch einen subkontinentalen Markt, wenn man das macht. Wenn Leute eng zusammen wohnen, gibt es eine intrinsische
soziale Kontrolle, die keine Durchsetzungsorgane braucht.
Also einfach im Stil von: Was machst du da schon wieder?
Die Beobachtung ist einfach viel größer.
Das ist schön in dem Sinne, dass es sehr viele
Formen von schädlichen sozialen Verhaltens verhindert
und man sich Polizei sparen kann. Ich nehme an, die
Polizei kann auch auf ein Zehntel des heutigen Bestandes
schrumpfen. Das Problem ist eher umgekehrt, wenn ich
mich als "ibu", also als Person darstelle:
wieviel von dieser sozialen Kontrolle ertrage ich überhaupt?
Das kann auch ein Problem sein, das ist eine Frage des
Mischungsverhältnisses. Wenn es keine soziale Kontrolle
gibt, hat man Ghettoverhältnisse, Chaos und Anarchie
- im schlechten Sinne -, und muss auf jedem Stockwerk
einen Polizisten haben. Das ist schlecht. Es muss aber
auch einen Spielraum geben, dass man sich gegenüber
dieser internen Kontrolle auch wieder verteidigen kann.
Der eine Spielraum ist die Größe. Wenn es
500 sind, ist eine Grundanonymität gesichert. Dann
kann man Sachen machen, dass bolos z. B. mehrere Aus-
und Eingänge haben, damit man sich nicht sieht.
Kleine bolos würden diese Kontrolle wahrscheinlich
zu einem Albtraum werden lassen, größere
sind besser. Die bolos haben einen globalen bolo-Vertrag,
ich kann jederzeit ausziehen mit einer Kündigungsfrist,
und jedes andere bolo hat ja 10 Prozent Raum zur Verfügung
für Leute, die einfach mal so als Gast kommen,
aber vielleicht dann bleiben. Ich kann überall
ausziehen, überall einziehen. Das hält Leute
dann davon ab, ihre soziale Kontrolle allzu stark auszunützen,
weil sie dann Angst haben müssen, dass ich gehe.
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