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06 2006
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Die Kritik verkörpern

Einige Thesen. Einige Beispiele

Übersetzt von Birgit Mennel

Marina Garcés

Marina Garcés

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Birgit Mennel (translation)

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transversal

kritik

„Es geht nicht nur darum zu wissen, welche Prinzipien wir wählen,
sondern auch welche Kräfte, welche Menschen sie anwenden.“
Merleau‑Ponty


1. Das Problem der Kritik war traditionell ein Problem des Bewusstseins. Heute ist die Kritik ein Problem des Körpers: Wie lässt sich die Kritik verkörpern? Wie kann eine Verkörperung kritischen Denkens zuwege gebracht werden? Hatte die Kritik traditionell die Finsternis bekämpft, so muss sie heute gegen die Ohnmacht bzw. das Unvermögen antreten. Die globale Welt ist zur Gänze aufgeklärt. Unser Bewusstsein ist geblendet. Es gibt nichts, was wir nicht sehen: Das Elend, die Lügen, die Ausbeutung, die Folter, der Ausschluss usw. zeigen sich in aller Klarheit. Und doch vermögen wir wenig – in Bezug auf uns und die Welt. Wir können alles aussprechen und haben dennoch nichts Relevantes hinzuzufügen. Die Kritik zu verkörpern bedeutet demnach nicht, das rechte Wort zu finden; auch nicht, sich im Gehege des des richtigen Bewusstseins zu gefallen oder den Institutionen die billigste Lösung zu verkaufen. Die Kritik zu verkörpern heißt, heute das Problem anzugehen, das eigene Leben so zu unterwandern, dass die Welt nicht dieselbe sein kann.

2. Die Kritik, die gegen die Finsternis ankämpfte, hatte eine HeldIn: die KünstlerIn-Intellektuelle. Ihr Wort und ihre Schöpfungen – Analysen, Metaerzählungen, Anklage, Provokation etc. – brachten das Licht. Sie waren die Werkzeuge einer Intervention gegenüber und hinsichtlich der Welt. Die KünstlerIn-Intellektuelle verrichtete ihre Arbeit in ihrem Atelier bzw. an ihrem Schreibtisch. Dies war ihr Balkon, vom dem aus ihre Worte rein bleiben oder sich an die Macht verkaufen, sich dem Kampf widmen oder der Ordnung ihre Sicherheiten zurückerstatten konnten. Sie konnten ins Schwarze treffen oder das Ziel verfehlen, treu sein oder Verrat üben. Sie konnten aber auch den Balkon verlassen und sich der Menge anschließen. Die Kritik, die gegen die Ohnmacht antritt, hat keine HeldIn oder sie hat viele. Ihre Äußerung ist anonym und hat kein Gesicht. Die Stätte ihrer Äußerung ist umherschweifend, zeitweilig aussetzend, sichtbar und unsichtbar zugleich. Wer ist heute das Subjekt der Äußerung kritischen Denkens? Wo finden wir es? Wir können es nicht benennen, weil es sich um ein anonymes und ambivalentes Subjekt handelt. Als Kompositum aus Theorie und Praxis, Wort und Handlung ist es schillernd und schäbig, isoliert und kollektiv, stark und schwach zugleich. Seine Wahrheit klärt die Welt nicht auf, sondern widerlegt sie. Wenn die Welt sagt: „Dies ist alles, was ist “, dann gibt es ein Wir, das erwidert: „Das kann nicht alles sein!“

3. Die Ohnmacht ist nicht Konsequenz einer historischen Schwäche der sozialen Bewegungen oder irgendeines anderen politischen Subjekts, das wir uns vorstellen könnten. Die Schwäche selbst folgt aus einer Reformulierung des sozialen Bandes, in der die Logik der Verbindung jene der Zugehörigkeit ersetzt hat. Das bedeutet, dass sich Fragen der Inklusion und Exklusion eines/r jeden Einzelnen von uns nicht entlang von Zugehörigkeitsverhältnissen zu einer erweiterten Gruppe („Volk“, Gemeinschaft, Klasse) entscheiden; ausschlaggebend ist vielmehr die Fähigkeit zu ständig gespeister und erneuerter Verbindung, die jede/r Einzelne durch ihre Aktivität als Mitwirkende am Ganzen aufrechtzuerhalten vermag. In der Netzwerkgesellschaft ist jede/r allein in ihrer/seiner Bindung an die Welt. Alle liefern sich ihre je eigene Schlacht, um die Verbindung mit der Welt nicht zu verlieren, um nicht außen vor zu bleiben und aus ihrer Biographie keine weitere Exklusionserzählung zu machen. Das Leben damit zuzubringen, nach Arbeit zu suchen, sowie es im Versuch, Grenzen zu überqueren, aufs Spiel zu setzen: das sind die beiden paradigmatischen Bewegungen, die Biographien der Prekären und MigrantInnen, unsere Biographien. Die Logik der Zugehörigkeit kannte ihre besonderen Herrschaftsformen. Die Logik der Bindung ist einfach und binär: Entweder du stellst eine Verbindung her oder du bist tot. Mit dieser Reformulierung des sozialen Bandes – Ergebnis der historischen Niederlage der ArbeiterInnenbewegung – wird jedes Leben in Bezug auf die Welt in Bewegung versetzt. Niemand ist sicher, wo sie/er steht; die persönliche und nicht übertragbare Bindung lässt sich nicht von der Bedrohung ihrer Auflösung entkoppeln. Folglich verwandelt uns dieser neue Gesellschaftsvertrag in ProduzentInnen und ReproduzentInnen der Wirklichkeit, in Knotenpunkte, die das Netzwerk stärken: Einseitig mit jeder/m von uns begründet, verpflichtet dieser neue Gesellschaftsvertrag selbstverpflichtend, kontrolliert selbstkontrollierend und unterdrückt selbstunterdrückend.

4. Wenn die Ohnmacht nicht das Resultat einer historischen Schwäche der sozialen Bewegungen ist, dann folgt sie auch nicht aus der persönlichen Unfähigkeit des Ich. „Ich mache nichts / Ich kann nichts tun“: nichts für die Gesellschaft, nichts gegen die Zerstörung des Planeten, nichts, um den Krieg zu verhindern … Nichts. Dies ist die Erklärung eines in Selbstbeschau versunkenen Subjekts, dem nur Schuld und Zynismus offenstehen. Es ist die Stimme eines in seiner Verbindung mit dem Netzwerk isolierten Ich. Einsam in einer einsamen Welt. Einsam mit allen anderen. In seiner prekären und entpolitisierten Verbindung ist dieses Ich die Beute von Moral, Meinung und Psychologie. Es bewegt sich in der Sphäre von Werten, welche die Welt überfliegen und anhand deren es urteilt und beurteilt wird; in der Sphäre des Kaufs/Verkaufs von Meinungen, die ihm eine Stellung in der Gesellschaft sowie den eingeschränkten Bereich sichern, in dem sich sein Wohl und Unwohl zutragen.

5. Der Kampf gegen Ohnmacht und die Verkörperung der Kritik vollzieht sich in erster Linie im Angriff auf jenes Ich: ein Angriff auf die Werte, mit denen wir die Welt überfliegen, auf die Meinungen, mit denen wir uns vor der Welt schützen, und auf unser besonderes und prekäres Wohlbefinden. Wenn die Kritik als jener theoretisch-praktische Diskurs definiert werden kann, der emanzipatorische Effekte zeitigt, dann muss unsere Befreiung vom Ich heute das Hauptziel der Kritik sein. Das Ich ist nicht unsere Singularität. Das Ich ist jenes Dispositiv, das uns in der Netzwerkgesellschaft sowohl isoliert wie verbindet. Alle können sich mit ihren Werten, Meinungen und Befindlichkeiten gegenüber der Welt ruhig verhalten oder angesichts der Welt in ihrer Ohnmacht verharren. Ob zynisch oder schuldig, das Ich weiß immer, wo es sich verorten muss.

6. Im Gegensatz zur modernen Tradition bedeutet die Entwicklung eines kritischen Denkens also nicht, dem Subjekt zu einem höheren Grad an Reife und Unabhängigkeit zu verhelfen; es bedeutet, das Ich von jenem Ort loszureißen, der es immer in seiner Verortung der Welt gegenüber verharren lässt. Das moderne Emanzipationsideal war mit der Vorstellung verbunden, dass Befreiung im Grunde heißt, sich von der Welt der Notwendigkeit zu „distanzieren“ und die Bindung bis zum Punkt einer gottgleichen, individuellen oder kollektiven Selbstgenügsamkeit zu lösen. Dies wäre der Weg vom Reich der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit in seinen vielfältigen Formen. In unserer Netzwerkgesellschaft muss sich ein kritisches und emanzipatorisches Denken vielleicht eine andere Frage stellen, nämlich ob wir fähig sind, die Freiheit in der Verflechtung zu erobern. Befreiung hat heute mit der Fähigkeit zur Erforschung und Stärkung der Bindung zu tun: die Bindungen an einem Welt-Planeten, der auf ein Konsumobjekt, eine Oberfläche von Verlagerungen und ein Depot von Rückständen reduziert wurde, sowie die Bindungen an diese anderen, die, immer dazu verdammt, anders zu sein, der Möglichkeit beraubt wurden, „Wir“ zu sagen. Die Ohnmacht zu bekämpfen und die Kritik zu verkörpern bedeutet alsdann, das Wir und die Welt, die zwischen uns besteht, zu erfahren. Das Problem der Kritik ist heute folglich kein Problem des Bewusstseins, sondern ein Problem des Körpers: Die Kritik richtet sich nicht an ein Bewusstsein der Welt gegenüber, sondern an einen Körper, der in und mit der Welt ist. Dies macht nicht nur Schluss mit der Rolle der Intellektuellen und ihrem Balkon, wovon wir bereits sprachen, sondern auch mit den Mechanismen der Legitimation ihrer Worte und ihrer Äußerungskanäle.

7. Die größte Herausforderung der Kritik besteht heute im Kampf gegen die Privatisierung der Existenz. In der globalen Welt wurden nicht nur die Güter und die Erde, sondern auch die Existenz selbst privatisiert. Die Erfahrung, die wir heute mit der Welt machen, verweist auf ein privates Referenzfeld: ob individuell oder in der Gruppe, sie ist immer selbstbezüglich. Diese Privatisierung der Existenz hat zwei Konsequenzen: Die erste besteht in der Entpolitisierung der sozialen Frage. Das bedeutet, dass wir FeindInnen haben, aber nicht wissen, wo unsere FreundInnen sich verorten. Wir können zwar die Aggressionsherde in unserem eigenen Leben aufspüren, nicht aber die Demarkationslinie Freund/Feind. Wir können über Spekulation, Prekarität, Mobbing, Grenzen usw. sprechen. Wie aber jenes Wir benennen, das diese Wirklichkeiten erleidet und bekämpft? Auf diese Weise wird auch der Feind privatisiert. Jede/r hat in Bezug auf ihr/sein besonderes Problem einen eigenen Feind. Die Kampffronten lassen sich kaum mit anderen teilen. Sie dringen in jede Zelle unseres täglichen Elends ein, das genau darum elend ist, weil jede/r mit dem eigenen Elend als Individuum oder mit dem eigenen kleinen Ghetto allein ist. Aber aus der Privatisierung der Existenz folgt auch die Radikalisierung der sozialen Frage, die unmittelbar in unserer eigenen und nicht in einer anderen Welterfahrung wurzelt. Die Frage nach dem Wir zu stellen verlangt, vom einzigen auszugehen, was wir haben – von unserer eigenen Erfahrung. Die Fragmentierung des Sinns hat diese paradoxe Tugend: Sie verpflichtet uns dazu, von uns selbst auszugehen. Deswegen ist es so wichtig, die dritte Person aufzugeben, welche das traditionelle kritische Denken dermaßen dominiert hat, und unser eigenes Feld von möglichen Erfahrungen zu erforschen. Die Frage nach dem Gemeinschaftlichen verlangt heute den Mut, in die eigene Welterfahrung einzutauchen, auch wenn diese kahl und ohne Versprechen ist. Darauf beruht die Verkörperung der Kritik.

8. 2002 entstand in Barcelona ein Projekt, das der Notwendigkeit entsprang, ein kritisches, kollektives und praktisches Denken in Gang zu setzen. Kollektiv verweist nicht auf Eigennamen, sondern darauf, dass in jedem dieser Namen ein Wir widerhallt; und praktisch, nicht um die theoretische Dimension auszuschließen,  sondern weil die Welt kein Objekt der Untersuchung oder der Betrachtung ist. Sie ist das Tätigkeitsfeld ihres kollektiven Körpers. Wir nannten dieses Projekt Espai en Blanc, was auf Katalan leerer Raum heißt (www.espaienblanc.net). In Verbindung mit den antagonistischen Praxen der Stadt öffnete dieses Projekt in den letzten Jahren einen Zwischenraum, in dem das kritische Denken heute außerhalb spezialisierter Räume in den Händen der ProtagonistInnen der realen Bewegungen, in all seiner Zerbrechlichkeit, Intermittenz und Anonymität zirkulieren kann. Von den Arbeiten, an denen Espai en Blanc beteiligt war, werde ich drei Beispiele kommentieren, die einen Hinweis sind dafür, was die Verkörperung der Kritik heute bedeuten kann: der Bericht „Barcelona 2004: der postmoderne Faschismus“ [Barcelona 2004: el fascismo postmoderno, 2004], der Film El taxista ful sowie die Zusammentreffen „Niemandes Erde im Netz der Namen“ [La terra de nadie en la red de los nombres, 2006].

9. Das erste Beispiel, der Bericht „Barcelona 2004: der postmoderne Faschismus“ (2004) ist ein Beleg für die Verkörperung einer theoretischen Intervention in der Stadt. Im Rahmen der Kampagne gegen das von den Institutionen der Stadt organisierte internationale Großevent „Forum der Kulturen“ 2004 führte Espai en Blanc eine Analyse durch, die unterstrich, dass es sich bei dem von der Stadt Barcelona vorgeschlagenen Projekt der multikulturellen Stadt in Wirklichkeit um das Ingangsetzen eines neuen Dispositivs handelte, das den Konflikt, den wir „postmodernen Faschismus“ nennen, entpolitisieren und neutralisieren sollte, weil es auf der Mobilisierung aller Differenzen in Richtung eines Stadt‑Projekts, einer einzigen Realität gründete. Was war zu tun, damit diese Analyse Barcelona nicht überfliegen, sondern in die Bewegungen in der Stadt intervenieren und sich in diese einmischen würde? Die gemeinsam mit dem Verlag Bellaterra und anderen kritischen Kollektiven der Stadt entwickelte Idee war, die Analyse zusammen mit anderen Materialien als gratis erhältliches Buch herauszugeben (Download unter: http://www.ed-bellaterra.com/uploads/pdfs/FOTUT%202004X.pdf). Das Erscheinen des Buches wurde breit angekündet, und zwei Vertriebsstellen wurden bekannt gegeben. Wer Interesse am Buch hatte, musste an diese Orte kommen und konnte ein Buch mitnehmen. In zwei Wochen waren die 3000 gedruckten Exemplare vergriffen. Der interessantere Aspekt dabei ist jedoch, dass das Erscheinen des Buches eine Mobilisierung auslöste. Jede musste selbst entscheiden, ob ihr Interesse so weit reichte, um sich in der Stadt an einen bestimmten Ort zu bewegen und mit dem Herausgeber und den Kollektiven, die das Buch entwickelt hatten, in Kontakt zu treten. Es kamen alle möglichen Personen: LehrerInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen (!) und vor allem viele anonyme Menschen, die ihre KomplizInnenschaft mit jenen Worten spürten. Die Theorie hatte aufgehört, ein Bewusstsein zu suchen, das aufgeklärt werden muss. Viele Körper setzten sich in Bewegung, um ihre Ablehnung, ihren Zorn, ihre Kritikpunkte an diesem heuchlerisch aggressiven Modell der Stadt zu teilen.

10. Das zweite Beispiel, der Film „El taxista ful“ (2005) ist ein Beleg dafür, wie Kritik durch und mit dem eigenen Körper, durch und über das eigene Leben geübt wird, wenn sie als gemeinsames Problem erscheint. Das Projekt entstand ausgehend von einer lang andauernden kollektiven Kritik an Arbeit in Zeiten der Prekarität. Die Gruppe Dinero Gratis stellte sich über viele Jahre hinweg die Frage, wie Arbeit abgelehnt werden kann, wenn weder die Fabrik noch stabile Beschäftigungsverhältnisse existieren. Auf dieser Basis wurden viele Kampagnen und Aktivitäten durchgeführt sowie Broschüren erstellt, die auf einer ersten Ebene jene Probleme behandelten, mit denen wir durch unsere individuelle und kollektive Beziehung zum Geld heute konfrontiert sind. Der Kinodirektor Jordi Solé (Jo Sol) schlug vor, im Ausgang dieser Probleme eine Filmarbeit zu realisieren. Das Interessante an diesem Vorschlag war, dass es nicht darum ging, einen Dokumentarfilm über eine politische Bewegung oder über ein soziales Problem zu verwirklichen. Vielmehr sollten wir das Kino zur Befragung unserer eigenen Praxen verwenden und dadurch die BetrachterInnen auf derselben Ebene ansprechen. Wir arbeiteten daher ohne SchauspielerInnen und Filmmanuskript und waren selbst Subjekt und Objekt des Arbeitsprozesses. Aus der Hand von Jo Sol und dem Nicht‑Schauspieler Pepe Rovira trat eine sehr reale Fiktion in unsere Leben ein: die Geschichte eines Mannes, der Taxis stahl, um arbeiten zu können. Was würde er über uns denken, wie würde er sich mit uns in Beziehung setzen, ein Mann, der ein normales Leben führen wollte, der immer noch ein normales Leben führen will und der sich, weil er diesen Traum verfolgt, in einen Dieb, einen in den Augen der Justiz und der Gesellschaft Verrückten verwandelt hat? Zwei Fluchtlinien, zwei Widerstandsformen gegen die Gewalt der Arbeit und des Geldes treffen sich in einer Geschichte über Freundschaft, unserer wahren Geschichte über Freundschaft. Wir haben weder eine Lösung für das Problem mit dem Geld noch eine Ideologie, die uns unsere Beziehung zur Prekarität erklärt und sie klärt. Wir haben die Fähigkeit, uns gemeinsam einem Risiko auszusetzen, zu lernen und von unserem eigenen möglichen Erfahrungsfeld aus zu kämpfen. Der Film spricht von dort. Der Film befragt ausgehend von diesem Ort.

11. Das dritte Beispiel schließlich sind die Zusammenkünfte im Rahmen von „Niemandes Erde im Netz der Namen“ (2006). Diese Initiative ist ein Beleg dafür, wie das kritische Denken sich zwischen uns herstellt, das heißt, die Produktion eines kritischen Denkens vollzieht sich darüber, dass die Hierarchie von Denkenden-Zuhörenden aufgebrochen wird, um ein denkendes Wir herzustellen, eine kollektive Rede, die fähig ist, in der Behandlung der Probleme, die tatsächlich Probleme sind, voranzukommen. Im Laufe von fünf Monaten rief Espai en Blanc immer am letzten Donnerstag des Monats zu einem Treffen in einem Barlokal auf. Jedes Treffen ging eine Problematik an (das soziale Unbehagen; die Zivilgesellschaft gegen die (staatliche) Politik; der Grenzraum; die Erfahrung des Wir; das Wort ergreifen) und ging von einer Reihe von Fragen und Materialien aus, die zuvor auf einem Blog aufgeworfen wurden. Es fand sich ein, wer wollte: ohne angekündigte RednerInnen, ohne für die Diskussion Verantwortliche, ohne RednerInnenliste und Abfolgen von Erwiderungen. Im Laufe dieser fünf Monate fanden sich mehr als hundert Personen, die sich zum größten Teil nicht kannten, ein, um gemeinsam Überlegungen anzustellen. Dieser anonyme Selbstaufruf öffnete einen Raum der Politisierung der Wortes und des eigenen Lebens. Gegen die Privatisierung der Existenz erschien eine Welt zwischen uns. In den gegenwärtigen Metropolen gibt es viele kollektive Ereignisse, wir könnten sogar sagen, dass es sich mehrheitlich um solche handelt. Zweifellos hat die Stadt jede Macht zum Selbstaufruf verloren. Ihre Ereignisse sind vom Wir geleert. Wir bewegen uns nur, wenn uns jemand ruft, wenn es eine programmierte Aktivität gibt und man uns sagt, was wir tun sollen. Dort wussten wir nicht, was passieren, wer kommen würde, welchen Verlauf die Diskussion nehmen und wann uns die Stille verschlingen würde. Wir kamen mit einem Knoten im Bauch. Und jedes Mal, eines ums andere, funktionierte es im Laufe des Treffens. Mit mehr oder weniger Spannung im Lauf der Diskussion tauchte jedes Mal ein Wir auf, das dem Ereignis einen Sinn verlieh und dank dem wir anders zu denken vermochten. Die Leben sind in diesen Prozessen erschüttert worden. Schon gehen wir nicht mehr gleich, wenn wir nach Hause zurückkehren. Vielleicht wissen wir nicht genau, was wir denken. Vielleicht hat sich einfach eine Leere aufgetan, ein Raum in Weiß, in dem wir mit anderen andere Lebensformen ausprobieren können. Ein anderes Bewusstsein? Nein, ein Körper, der besser vorbereitet ist darauf, die Angst zu bekämpfen, mehr dem Risiko ausgesetzt und weniger isoliert. Ein Körper, der weiß, dass sein Leben nicht nur seines ist und dass in dem, was darüber hinausgeht, alles auf dem Spiel steht.