Übersetzt von Birgit Mennel
„Es geht nicht nur darum zu wissen, welche Prinzipien wir wählen,
sondern auch welche Kräfte, welche Menschen sie anwenden.“
Merleau‑Ponty
1. Das Problem der Kritik ist traditionell ein Problem des Bewusstseins gewesen. Heute handelt es sich um ein Problem des Körpers: Wie läßt sich die Kritik verkörpern? Wie läßt sich eine Verkörperung des kritischen Denkens herbeiführen? Wenn die Kritik traditionell die Dunkelheit bekämpft hatte, muss sie heute das Unvermögen bekämpfen. Die globale Welt ist vollständig ausgeleuchtet. Unser Bewusstsein ist geblendet. Es gibt nichts, was wir nicht sehen: das Elend, die Lügen, die Ausbeutung, die Folter, der Ausschluss etc. zeigen sich in vollem Licht. Und dennoch, wie wenig vermögen wir – in Bezug auf uns, in Bezug auf die Welt. Wir können alles aussprechen, und dennoch haben wir nichts Relevantes hinzuzufügen. Die Kritik zu verkörpern heißt nicht, das richtige Wort zu finden, auch nicht, sich in den Gärten des guten Bewusstseins zu erfreuen, heißt aber auch nicht, den Institutionen die billigste Lösung zu verkaufen. Die Kritik zu verkörpern bedeutet heute, die Frage aufzuwerfen, wie das Leben selbst derart subvertiert werden kann, dass die Welt nicht mehr die gleiche ist.
2. Die Kritik, die die Dunkelheit bekämpfte, hatte eine HeldIn: die Intellektuelle‑KünstlerIn. Ihr Wort und ihre Schöpfungen brachten das Licht: Analyse, Metaerzählungen, Verrat, Provokation … Dies waren die Werkzeuge einer Intervention angesichts der Welt und in Bezug auf sie. Die Intellektuelle‑KünstlerIn arbeitete an ihrem Tisch, in ihrem Atelier. Das war der Balkon, von dem aus sie in die Welt blickte. Von dort aus konnten sich ihre Worte rein halten oder an die Macht verkaufen, sich für den Kampf aufopfern oder der Ordnung ihre Sicherheiten zurückerstatten. Ihre Worte konnten das richtige Ziel treffen oder sich irren, treu sein oder Verrat üben. Die Worte konnten aber auch den Balkon verlassen und sich zur Multitude gesellen. Die Kritik, die das Unvermögen bekämpft, hat keine HeldIn, oder sie hat viele. Ihr Ausdruck ist anonym, ohne Gesicht. Ihr Ort der Äußerung ist umherirrend, zeitweilig aussetzend, sichtbar und unsichtbar zugleich. Wer ist heute das Subjekt der Äußerung kritischen Denkens? Wo finden wir es? Wir können es nicht benennen, weil es ein anonymes und ambivalentes Subjekt ist. Es setzt sich aus Theorie und Praxis, aus Wort und Handlung zusammen, ist strahlend und schäbig, isoliert und kollektiv, stark und schwach zugleich. Seine Wahrheit leuchtet die Welt nicht aus, sondern widerlegt sie. Wenn die Welt sagt: „Das ist, wie es ist“, gibt es ein Wir, das erwidert: „Das kann nicht alles sein“.
3. Das Unvermögen ist keine Konsequenz einer historischen Schwäche der sozialen Bewegungen oder irgendeines anderen politischen Subjekts, welches wir uns vorstellen können. Seine Schwäche ist die Konsequenz einer Reformulierung des sozialen Bandes, in der die Logik der Verbindung die Logik der Zugehörigkeit ersetzt hat. Das bedeutet, dass die Inklusion/Exklusion jeder Einzelnen von uns nicht auf Beziehungen der Zugehörigkeit zu einer größeren Gruppe (Volk, Gemeinschaft, Klasse) abstellt, sondern auf die Fähigkeit einer ständig gespeisten und erneuerten Verbindung, die jede durch ihre Tätigkeit als FunktionärIn des Ganzen aufrechtzuerhalten vermag. In der Netzwerkgesellschaft ist jede von uns nur durch ihre Verbindung mit der Welt. Jede führt ihre besondere Schlacht, um nicht die Verbindung mit der Welt zu verlieren, um nicht außen vor zu bleiben, um nicht aus ihrer Biographie eine weitere Exklusionserzählung zu machen. Das Leben damit zu verbringen, Arbeit zu suchen, das Leben dabei zu riskieren, Grenzen zu überschreiten: Dies sind die zwei paradigmatischen Bewegungen, die Biographien der Prekären und der MigrantInnen, die wir alle sind. Die Logik der Zugehörigkeit hatte ihre partikularen Formen von Herrschaft. Die Logik der Verbindung hingegen ist einfach und binär. Entweder du stellst eine Verbindung her, oder du bist tot. Mit dieser Reformulierung des sozialen Bandes, Resultat der historischen Niederlage der ArbeiterInnenbewegung, wird jedes Leben in Bezug auf die Welt in Bewegung versetzt. Niemand ist sicher, wo sie/er steht; die persönliche und nicht übertragbare Verbindung ist untrennbar mit der Bedrohung ihrer Auflösung verknüpft. Daher verwandelt uns dieser neue Gesellschaftsvertrag in ProduzentInnen und ReproduzentInnen der Wirklichkeit, in Knoten, die das Netz verstärken: einseitig begründet mit jedem von uns, verpflichtet dieser neue Gesellschaftsvertrag selbstverpflichtend, er kontrolliert selbstkontrollierend und unterdrückt selbstunterdrückend.
4. Das Unvermögen ist keine Konsequenz einer historischen Schwäche der sozialen Bewegungen oder eines anderen vorstellbaren Subjekts. „Ich mache nicht/kann nichts machen“: nichts für die Gesellschaft, nichts gegen die Zerstörung des Planeten, auch nichts, um den Krieg zu verhindern… Nichts. Das ist die in Selbstbeschau versunkene Erklärung eines Subjekts, das sich nur zwischen Schuld und Zynismus bewegen kann. Es ist die Stimme dieses isolierten Ich in seiner Verbindung mit dem Netzwerk. Einsam in einer einsamen Welt. Einsam mit den anderen. Aufgrund seiner entpolitisierten und prekären Verbindung ist dieses Ich gefangen in der Moral, der Meinung und der Psychologie. Es bewegt sich in der Sphäre einiger von der Welt abgehobener Werte, anhand deren es beurteilt und beurteilt wird; der Kauf‑Verkauf von Meinungen, die ihm eine Stellung in der Gesellschaft und im eingeschränkten Bereich seines Unwohlseins/Wohlbefindens anbieten.
5. Um das Unvermögen zu bekämpfen und die Kritik zu verkörpern, muss in erster Linie dieses Ich attackiert werden. Die Werte attackieren, mit denen wir von der Welt abheben, die Meinungen attackieren, mit denen wir uns vor der Welt schützen, unser besonderes und prekäres Wohlbefinden attackieren. Wenn die Kritik sich als jener theoretisch‑praktische Diskurs definieren lässt, der Emanzipationseffekte zeitigt, muss es heute das wesentliche Ziel der Kritik sein, uns vom Ich zu befreien. Das Ich ist nicht unsere Singularität. Das Ich ist das Dispositiv, das uns isoliert und gleichzeitig an die Netzwerkgesellschaft anbindet. Jede kann sich mit ihren Werten, Meinungen und Geisteszuständen der Welt gegenüber ruhig verhalten, kann im Angesicht der Welt ohnmächtig bleiben. Zynisch oder schuldig, das Ich weiß immer, wo es sich aufzuhalten hat.
6. Ein kritisches Denken gegen die moderne Tradition zu entwickeln bedeutet also nicht, das Subjekt einem höheren Bewusstseinsgrad und einer Unabhängigkeit entgegenzuführen, sondern das Ich jenem Ort zu entreißen, den es an seinem Ort angesichts der Welt immer beibehält. Das moderne Emanzipationsideal war an die Idee gebunden, dass Befreiung im Grunde bedeutet, sich von der Welt der Notwendigkeit „abzuwenden“, den Fallstrick zu lösen, der uns bis zu einem gottgleichen Zustand der Selbstgenügsamkeit führt, individuell oder kollektiv. Dies wäre der Weg vom Reich der Notwendigkeit zum Reich der Freiheit in seinen vielfältigen Formen. In unserer Netzwerkgesellschaft muss sich ein kritisches und emanzipatorisches Denken vielleicht eine andere Frage stellen; die Frage nach unserer Fähigkeit, die Freiheit in der Verflechtung zu erobern. Die Befreiung hat heute mit jener Fähigkeit zu tun, die Bindung zu erforschen und zu stärken: Diese Bindungen mit einem auf ein Konsumobjekt beschränkten Welt‑Planeten, Oberfläche von Verlagerungen und Ablagerungen von Residuen sowie von Verbindungen mit diesen anderen, die immer dazu verdammt sind, das Andere zu sein, die von der Möglichkeit verlassen sind, „Wir“ zu sagen. Das Unvermögen bekämpfen und die Kritik verkörpern bedeutet dann eine Erfahrung des Wir und der uns umgebenden Welt zu machen. Daher ist das Problem der Kritik heute nicht ein Problem des Bewusstseins, sondern ein Problem des Körpers: Es betrifft nicht ein Bewusstsein von der Welt, sondern einen Körper, der in und mit der Welt ist. Dies macht nicht nur Schluss mit den geschriebenen Worten der Intellektuellen und ihrem Balkon, sondern auch mit den Legitimationsmechanismen ihres Wortes und mit ihren Ausdrucksmitteln.
7. Das Hauptanliegen der Kritik muss heute der Kampf gegen die Privatisierung der Existenz sein. In der globalen Welt sind nicht nur die Güter und das Land, sondern auch die Existenz selbst privatisiert worden. Die Welterfahrung, die wir heute machen, verweist auf ein privates Referenzfeld: ob individuell oder in der Gruppe, sie ist immer selbstbezüglich. Diese Privatisierung der Existenz hat zwei Konsequenzen: Die erste ist die Entpolitisierung der sozialen Frage. Das bedeutet, dass wir FeindInnen haben, aber nicht wissen, wo die FreundInnen sind. Wohl sind die Aggressionsherde in unserem eigenen Leben wahrnehmbar, nicht jedoch die Demarkationslinie Freund/Feind. Wir können von Spekulation, Prekarität, Mobbing, Grenzen etc. sprechen. Aber wie sollen wir das Wir benennen, das diese Wirklichkeiten erleidet und bekämpft? Derart erweist sich auch der Feind als ein privatisierter. Jede hat ihren eigenen Feind in Bezug auf ein besonderes Problem. Die Fronten können kaum vergemeinschaftet werden. Sie sickern in jede Zelle unseres täglichen Elends ein, das genau darum elend ist, weil jede mit ihrem Elend als Individuum oder in ihrem kleinen Ghetto einsam ist. Die Privatisierung der Existenz hat noch eine zweite Konsequenz: die Radikalisierung der sozialen Frage, die direkt in unserer eigenen und nicht einer anderen Welterfahrung wurzelt. Nach dem Wir fragen verlangt danach, vom einzigen auszugehen, was wir haben, unserer eigenen Erfahrung. Die Fragmentierung des Sinns hat diese paradoxe Tugend. Daher rührt die Wichtigkeit, die dritte Person, die das traditionelle kritische Denken so sehr dominiert hat, aufzugeben und unser eigenes mögliches Erfahrungsfeld zu erforschen. Die Frage nach dem Gemeinschaftlichen verlangt heute den Mut, in der eigenen Welterfahrung einzutauchen, obwohl sie kahl und ohne Versprechen ist. Darauf beruht die Verkörperung der Kritik.
8. 2002 entstand in Barcelona ein Projekt, das von der Notwenigkeit ausging, ein kritisches, kollektives und praktisches Denken in Gang zu setzen. Kollektiv, nicht weil es sich um Eigennamen handelt, sondern weil bei jedem dieser Namen ein Wir widerhallt. Ein praktisches Denken, nicht weil die theoretische Dimension ausgeschlossen wurde, sondern weil die Welt weder das Objekt der Untersuchung noch der Betrachtung war. Die Welt ist vielmehr das Operationsfeld für einen kollektiven Körper. Wir nannten das Projekt Espai en Blanc, was auf Katalan soviel heißt wie Weißer Raum (www.espaienblanc.net). In enger Verbindung mit den antagonistischen Praxen der Stadt öffnete dieses Projekt in den letzten Jahren einen Zwischenraum, in dem das kritische Denken heute fern der spezialisierten Räume und in den Händen der ProtagonistInnen der realen Bewegungen in seiner Zerbrechlichkeit, seiner Intermittenz und seiner Anonymität zirkulieren kann. Von den Unternehmungen, an denen Espai en Blanc teilnahm, werde ich drei Beispiele kommentieren, die darauf hinweisen, was es heute bedeuten kann, die Kritik zu verkörpern: Der Report „Barcelona 2004: der postmoderne Faschismus“ (2004), der Film „El taxista ful“ (Der volle Taxifahrer) und die Zusammenkünfte „Niemandes Erde im Netz der Namen“ (2006).
9. Das erste Beispiel, der Report „Barcelona 2004: der postmoderne Faschismus“ (2004) ist ein Beleg für die Verkörperung einer theoretischen Intervention in der Stadt. Im Rahmen der Kampagne gegen das von den Institutionen der Stadt organisierte internationale Großevent „Forum der Kulturen“ 2004 führte Espai en Blanc eine Analyse durch, die herausstrich, dass es sich bei dem von der Stadt Barcelona vorgeschlagenen Projekt der multikulturellen Stadt in Wirklichkeit um das Ingangsetzen eines neuen Dispositivs handelte, das den Konflikt, den wir „postmodernen Faschismus“ nennen, entpolitisieren und neutralisieren sollte, weil es auf der Mobilisierung aller Differenzen in Richtung eines Stadt‑Projekts, einer einzigen Realität gründete. Was war zu tun, damit diese Analyse nicht von Barcelona abheben würde, sondern in die Bewegungen der Stadt intervenieren und sich in diese einmischen würde? Die gemeinsam mit dem Verlag Bellaterra und anderen kritischen Kollektiven der Stadt entwickelte Idee bestand darin, die Analyse zusammen mit anderen Materialien als Gratisbuch herauszugeben (Download ist derzeit möglich unter: http://www.ed-bellaterra.com/uploads/pdfs/FOTUT%202004X.pdf). Das Erscheinen des Buches wurde breit angekündet, und es wurden zwei Distributionsstellen bekannt gegeben. Wer sich für das Buch interessierte, musste zu diesen Stellen kommen und konnte sich nur ein Buch mitnehmen. In zwei Wochen waren die 3000 gedruckten Exemplare vergriffen. Der interessantere Aspekt dabei ist jedoch, dass das Auftauchen des Buches eine Mobilisierung auslöste. Jede musste selbst entscheiden, bis wohin sie in ihrem Interesse gehen wollte, sich in der Stadt an eine gewisse Stelle bewegen, mit dem Herausgeber und den Kollektiven, die das betrieben hatten, in Kontakt treten. Es kamen alle möglichen Personen: LehrerInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen (!) und vor allem viele anonyme Menschen, die ihre KomplizInnenschaft mit diesen Worten erahnten. Die Theorie hatte aufgehört, ein zu erleuchtendes Bewusstsein zu suchen. Viele Körper setzten sich in Bewegung, um ihre Ablehnung, ihren Zorn, ihre Kritiken an diesem heuchlerisch aggressiven Modell von Stadt zu teilen.
10. Das zweite Beispiel, der Film „El taxista ful“ (Der volle Taxifahrer, 2005) ist ein Beleg dafür, wie jede Kritik durch und über den eigenen Körper, durch und über das eigene Leben geübt wird, wenn sie als gemeinsames Problem angegangen wird. Das Projekt entstand ausgehend von einer lang andauernden kollektiven Kritik an der Arbeit in Zeiten der Prekarität. Die Gruppe Dinero Gratis stellte sich über viele Jahre hinweg die Frage, wie Arbeit abgelehnt werden kann, wenn weder die Fabrik noch fixe Beschäftigungsverhältnisse existieren. Auf dieser Basis wurden viele Kampagnen durchgeführt und Broschüren erstellt, die auf einer ersten Ebene jene Probleme behandelten, vor die wir uns durch unsere individuelle oder kollektive Beziehung zum Geld heute gestellt sehen. Der Kinodirektor Jordi Solé (Jo Sol) schlug vor, ausgehend von diesen Problemen eine Filmarbeit zu realisieren. Das Interessante dabei war, dass es sich nicht um einen Dokumentarfilm über eine politische Bewegung oder über ein soziales Problem handelte. Es ging vielmehr darum, das Kino dafür zu verwenden, unsere eigenen Praxen zu befragen und dasselbe auch in den ZuschauerInnen auszulösen. Wir arbeiteten ohne SchauspielerInnen und Filmmanuskript und waren selbst Subjekt und Objekt des Arbeitsprozesses. Aus der Hand von Jo Sol und dem Nicht‑Schauspieler Pepe Rovira trat eine sehr reale Fiktion in unsere Leben ein: die Geschichte eines Mannes, der Taxis stahl, um arbeiten zu können. Was würde er über uns denken, wie würde er sich mit uns in Beziehung setzen, ein Mann, der ein normales Leben führen wollte, der immer noch ein normales Leben führen will und der sich, indem er diesen Traum verfolgt, in einen Dieb, einen in den Augen der Justiz und der Gesellschaft Verrückten verwandelt hat? Zwei Fluchtlinien, zwei Widerstandsformen gegen die Gewalt der Arbeit und des Geldes treffen sich in einer Geschichte über Freundschaft, unserer wahren Geschichte über Freundschaft. Wir haben weder eine Lösung für das Problem mit dem Geld noch eine Ideologie, die uns unsere Beziehung mit der Prekarität erklärt und sie klärt. Wir haben die Fähigkeit, uns gemeinsam einem Risiko auszusetzen, zu lernen und von unserem eigenen möglichen Erfahrungsfeld aus zu kämpfen. Der Film spricht von dort. Der Film befragt von dort.
11. Das dritte Beispiel schließlich sind die Zusammenkünfte im Rahmen von „Niemandes Erde im Netz der Namen“ (2006). Diese Initiative ist ein Beleg dafür, wie das kritische Denken sich zwischen uns herstellt, das heißt, dass die Produktion eines kritischen Denkens darüber geschieht, mit der Hierarchie DenkerInnen‑ZuhörerInnen zu brechen, um ein denkendes Wir herzustellen, eine kollektive Rede, die fähig ist, in der Behandlung der Probleme, die tatsächlich Probleme sind, voranzukommen. Im Laufe von fünf Monaten rief Espai en Blanc immer am letzten Donnerstag des Monats zu einem Treffen in einem Barlokal auf. Jedes Treffen ging eine Problematik an (das soziale Unbehagen; die Zivilgesellschaft gegen die (staatliche) Politik; der Grenzraum; die Erfahrung des Wir; das Wort ergreifen) und ging von einer Reihe von Fragen und Materialien aus, die zuvor auf einem Blog aufgeworfen wurden. Es fand sich ein, wer wollte: ohne angekündigte RednerInnen, ohne für die Diskussion Verantwortliche, ohne RednerInnenliste und Abfolgen von Erwiderungen. Im Laufe dieser fünf Monate fanden sich mehr als hundert Personen, die sich zum größten Teil nicht kannten, ein, um gemeinsam Überlegungen anzustellen. Dieser anonyme Selbstaufruf öffnete einen Raum der Politisierung der Wortes und des eigenen Lebens. Gegen die Privatisierung der Existenz erschien eine Welt zwischen uns. In den gegenwärtigen Metropolen gibt es viele kollektive Ereignisse, wir könnten sogar sagen, dass es sich mehrheitlich um solche handelt. Zweifellos hat die Stadt jede Macht zum Selbstaufruf verloren. Ihre Ereignisse sind vom Wir geleert. Wir bewegen uns nur, wenn uns jemand ruft, wenn es eine programmierte Aktivität gibt und man uns sagt, was wir tun sollen. Dort wussten wir nicht, was passieren, wer kommen würde, welchen Verlauf die Diskussion nehmen und wann uns die Stille verschlingen würde. Wir kamen mit einem Knoten im Bauch. Und jedes Mal, eines ums andere, funktionierte es im Laufe des Treffens. Mit mehr oder weniger Spannung im Lauf der Diskussion tauchte jedes Mal ein Wir auf, das dem Ereignis einen Sinn verlieh und dank dem wir anders zu denken vermochten. Die Leben sind in diesen Prozessen erschüttert worden. Schon gehen wir nicht mehr gleich, wenn wir nach Hause zurückkehren. Vielleicht wissen wir nicht genau, was wir denken. Vielleicht hat sich einfach eine Leere aufgetan, ein Raum in Weiß, in dem wir mit anderen andere Lebensformen ausprobieren können. Ein anderes Bewusstsein? Nein, ein Körper, der besser vorbereitet ist darauf, die Angst zu bekämpfen, mehr dem Risiko ausgesetzt und weniger isoliert. Ein Körper, der weiß, dass sein Leben nicht nur seines ist und dass in dem, was darüber hinausgeht, alles auf dem Spiel steht.