eipcp transversal kritik
01 2001
print

Kritisches Denken: die Doxa auflösen

Interview mit Loïc Wacquant

Übersetzt von Pascal Jurt

Loïc Wacquant

Loïc Wacquant

biography


Pascal Jurt (translation)

biography


languages

Français
Deutsch
English
Español

transversal

kritik

Was bedeutet kritisches Denken für Sie?

Man kann dem Begriff der Kritik zwei Bedeutungen geben: eine erste Bedeutung, die man kantianisch nennen könnte und die, in der Tradition des Philosophen von Königsberg, eine abwägende Prüfung der Kategorien und der Erkenntnisformen bezeichnet, um deren kognitive Gültigkeit und ihren Erkenntniswert zu ermessen; und dann eine Marx’sche Bedeutung, die mit den Waffen der Vernunft auf die sozio-historische Wirklichkeit zielt und sich die Aufgabe stellt, die versteckten Formen von Herrschaft und Ausbeutung, die sie formen, ans Licht zu bringen, um so im Kontrast gleichzeitig die Alternativen aufzuweisen, die durch sie blockiert oder ausgeschlossen werden (man erinnere sich an Max Horkheimer’s Definition der „Kritischen Theorie“ als Theorie, die gleichzeitig erklärend, normativ, praktisch und reflexiv ist). Mir scheint, dass das fruchtbarste kritische Denken dasjenige ist, das sich an der Schnittstelle der beiden Traditionen ansiedelt, also die erkenntnistheoretische und die gesellschaftliche Kritik vereint, indem es in konstanter, aktiver und radikaler Weise sowohl die herrschenden Formen des Denkens und des kollektiven Lebens, den „gesunden Menschenverstand“ oder die Doxa, die orthodoxe Sichtweise (einschließlich der orthodoxen Sichtweise der kritischen Tradition), als auch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, die sich in einer gegebenen historischen Situation in einer bestimmten Gesellschaft durchsetzen, in Frage stellt.

Besser noch, es kann und muss eine Synergie zwischen diesen zwei Formen von Kritik geben, dergestalt, dass die Fragestellungen der intellektuellen Kritik – die Geschichte der Begriffe, die logische Überprüfung der Termini, Thesen und Problematiken, die soziale Genealogie der Diskurse, die Archäologie ihres kulturellen Unterbaus (alles das, was der frühe Foucault unter dem Begriff der Episteme verstanden hat) – die Kraft der Institutionskritik nicht nur nähren, sondern auch verstärken. Das Wissen um die gesellschaftlichen Bedingungen des Denkens ist unabdingbar, wenn es darum geht, es auch nur ein klein wenig von den Bedingungen zu befreien, die auf dem Denken (wie auf jeder gesellschaftlichen Praxis) lasten, und uns somit zu gedanklichen Entwürfen außerhalb der Welt, wie sie uns gegeben ist, zu befähigen, um derart konkret eine andere Zukunft zu erfinden als diejenige, die in die Ordnung der Dinge eingeschrieben ist. Kurz, kritisches Denken ist ein Denken, das uns die Mittel gibt, die Welt zu denken – so, wie sie ist, aber auch so, wie sie sein könnte.

 
Was ist der Einfluss des kritischen Denkens heute?

Auch auf die Gefahr hin, mir dem Anschein nach selber zu widersprechen, würde ich sagen, dass das kritische Denken gleichzeitig extrem stark und furchtbar schwach ist. Stark zunächst in dem Sinn, dass die theoretischen und empirischen Fähigkeiten, die soziale Welt zu verstehen, noch nie so groß waren, wie man es ja angesichts der außerordentlichen Wissensakkumulationen und Beobachtungstechniken in den unterschiedlichsten Gebieten feststellen kann, von der Geographie über die Anthropologie und die Kognitionswissenschaften bis hin zur Geschichte, ganz abgesehen vom Boom in den geisteswissenschaftlichen Studien, der Philosophie, der Literatur- und der Rechtswissenschaft etc.

In allen diesen Gebieten – bedauerlicherweise mit Ausnahme der Volkswirtschaftslehre und der Politologie, die in den meisten Fällen in der traurigen Rolle eingeschlossen bleiben, Techniken zur Legitimation der Macht bereitzustellen – ist zu beobachten, dass der Wille zur kritischen Befragung gegenwärtig und fruchtbar ist. Es ist kein Zufall, dass Foucault und Bourdieu heute die zwei am meisten zitierten und verwendeten Autoren in den Sozialwissenschaften sind: Beide sind kritische Denker und Denker der Macht. Und dass der Feminismus, eine von Grund auf kritische intellektuelle und politische Bewegung, die Forschung in den unterschiedlichsten Bereichen, von der Ästhetik über die Kriminologie bis zur Archäologie, erneuert hat, indem er sie mit einem konkreten Projekt sozialer und kultureller Veränderung verband.

Lesen Sie die Analysen der mörderischen Abwege der Vernunft in Zygmunt Baumans Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust; die literarischen Experimente (ich benutze dieses Oxymoron mit Absicht), mit denen José Saramago in seinem Roman Die Stadt der Blinden die soziale Ordnung dekonstruiert; die Theorien der Gerechtigkeit und der ökonomischen Entwicklung des neuen Nobelpreisträgers Amartya Sen in Development as Freedom, die wissenschaftliche Strenge und moralisches Engagement vereinen; lesen sie die Berichte, die Nancy Scheper-Hughes über die Widersprüche der mütterlichen Liebe in den Elendsvierteln von Brasilien in Death Without Weeping vorgelegt hat, oder das ergreifende Porträt des 20. Jahrhunderts, das Eric Hobsbawm in Das Zeitalter der Extreme gezeichnet hat; das Epos der im Schatten der Sklaverei hervortauchenden Freiheitsidee, wie sie Orlando Patterson in Slavery and Social Death oder in Freedom in the Making of Western Culture nachgezeichnet hat; oder Pierre Bourdieus Anatomie der Legitimationsmechanismen technokratischer Macht in Der Staatsadel – und sie werden schnell überzeugt sein, dass das kritische Denken sehr lebendig und produktiv ist, dass es ganz und gar an der Arbeit ist und Fortschritte macht. Und außerdem bleibt es nicht nur auf jene Intellektuellen begrenzt, die ausdrücklich den Banner des kritischen Denkens vor sich hertragen: Zahlreiche ForscherInnen, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen unterstützen es unabhängig und manchmal sogar ihren politischen und zivilen Engagements zum Trotz, indem sie parallele soziale Möglichkeitsräume sichtbar machen, die abgewiesen, verdrängt oder unterdrückt werden und dennoch umrisshaft oder ansatzweise in unserer Gegenwart präsent sind.

Fügen Sie all dem die Tatsache hinzu, dass es noch nie so viele SozialwissenschaftlerInnen und Intellektuelle im weiteren Sinn gegeben hat wie heute, dass sich das allgemeine Bildungsniveau der Bevölkerung kontinuierlich erhöht, dass SoziologInnen, um nur sie anzuführen, in der Öffentlichkeit noch nie so einflussreich waren (wenn man dies an der Anzahl ihrer verkauften Bücher, an ihrer Präsenz in den Medien, an ihrer direkten oder indirekten Teilnahme an politischen Debatten misst), und sie werden zur Schlussfolgerung verleitet sein, dass die Vernunft noch nie eine vergleichbare Chance hatte, über die historische Willkür in den menschlichen Angelegenheiten zu siegen. Der wachsende Erfolg der Reihe Raisons d’agir in Frankreich, die anspruchsvolle, aber kurze und in einer zugänglichen Sprache geschriebene Bücher zu Themen von vitalem öffentlichem Interesse herausgibt, zeigt, dass es eine breite Nachfrage nach kritischem Denken gibt und dass die Sozialwissenschaften durchaus in der Lage sind, darauf zu antworten.

Gleichzeitig jedoch ist dasselbe kritische Denken auch schrecklich schwach, zum einen, weil es sich zu häufig im universitären Mikrokosmos einsperren und ersticken lässt (dies ist vor allem in den USA der Fall, wo die Sozialkritik leere Kreise dreht und sich letztendlich in den Schwanz beißt, wie ein tollwütig gewordener Hund, den man ihn in einem Hausflur eingesperrt hat). Zum anderen befindet sich das kritische Denken am Fuß einer wahren symbolischen chinesischen Mauer, die durch den neoliberalen Diskurs und seine vielfältigen Ableger gebildet wird, welche in alle Bereiche des kulturellen und sozialen Lebens eingedrungen sind, und es muss sich überdies mit der Konkurrenz eines falschen kritischen Denkens auseinander setzen, das unter dem Deckmantel scheinbar progressiver Vokabeln, die das „Subjekt“, die „Identität“, den „Multikulturalismus“, die „Diversität“ und die „Globalisierung“ feiern, zur Unterordnung unter die Kräfte der Welt und insbesondere die Kräfte des Marktes einlädt. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Klassenstruktur verfestigt und polarisiert, an dem die Hypermobilität des Kapitals der transnationalen Bourgeoisie eine beispiellose Möglichkeit zur Herrschaftsausübung verleiht, an dem die herrschenden Eliten aller großen Länder in konzertierter Weise das soziale Netz abbauen, das im Verlauf eines Jahrhunderts von Arbeitskämpfen errungen wurde, und an dem an das 19. Jahrhundert erinnernde Formen der Armut wieder auftauchen – da schwafeln sie von „fragmentierter Gesellschaft“, von „Ethnizität“, von „Konvivialität“ und von „Differenz“. Wo man eine konzessionslose historische und materialistische Analyse bräuchte, schlagen sie uns einen soften Kulturalismus vor, der gänzlich durch die narzisstischen Vorlieben des Augenblicks bestimmt wird. Tatsächlich sind das falsche Denken und die falsche Wissenschaft noch nie so weitschweifig und so omnipräsent gewesen.

 
Welches sind die wichtigsten Formen dieses falschen Denkens?

In den Vereinigten Staaten ist es die „policy research“, die einen Schutzwall gegen das kritische Denken aufrichtet und als Schild fungiert, der das politische Feld gegenüber jeder konzeptionell unabhängigen und radikalen Forschung abschirmt, die für die öffentlichen Politiken folgenreich wäre. Jede ForscherIn, die sich an die Verantwortlichen des Staates richten möchte, muss durch diesen Zwitterbereich, diesen „Entgiftungsraum“ durch und damit einverstanden sein, sich einer strengen Zensur zu unterwerfen, indem sie ihre Arbeit gemäß technokratischen Kategorien reformuliert, die sicherstellen, dass diese Arbeit ohne Einfluss und Wirkung auf die Wirklichkeit bleibt. Tatsächlich greifen US-amerikanische PolitikerInnen nur dann auf die Sozialforschung zurück, wenn sie die Richtung stützt, die sie so oder so einschlagen werden; in allen anderen Fällen treten sie sie mit Füßen, wie Präsident Clinton, als er seine „Reform“ der Sozialhilfe 1996 durchsetzte (das heißt das Recht auf Sozialhilfe via workfare durch prekäre Lohnarbeit ersetzte), trotz der Unmenge an Studien, die zeigten, dass es sich dabei um einen Sozialabbau handelte, der den am meisten Benachteiligten nur schaden konnte.

In Europa ist der soziologische Journalismus eine Form dieses falschen Denkens, ein hybrides Genre, das von denen ausgeübt wird, die formal gesehen AkademikerInnen sind, aber in Wirklichkeit ihre Zeit mit dem Schreiben von Kolumnen, Leitartikeln und schnell dahingeschriebenen Reportagen für das Radio und das Fernsehen verbringen, die allgegenwärtig sind, um über alle aktuellen Themen zu sprechen, sogar und besonders über solche Themen, bezüglich deren sie über keinerlei spezifische Kompetenz verfügen. Sie springen, je nach medialer und politischer Nachfrage, von einem „sozialen Problem“ zum anderen, ohne jemals die Frage zu stellen, wie ein solches Phänomen als „dringliches“ Problem und Gegenstand der Auseinandersetzung konstruiert wird, durch wen und für wen. Sie besetzen fast ausschließlich den beschränkten Raum, der den ForscherInnen von JournalistInnen zugestanden wird, weil sie deren Eitelkeit schmeicheln, indem sie die Unterscheidung zwischen medialer und wissenschaftlicher Sichtweise verwischen: Ihre Analysen, die sich im besten Fall auf oberflächliche Studien beziehen (und wie sollten sie auch Zeit finden, etwas seriös zu machen, wenn man an die Stunden denkt, die sie in den Medien, in amtlichen Kommissionen und in Vorzimmern der Macht verbringen), stehen journalistischen Berichten so nahe, dass man versteht, dass die JournalistInnen sie schätzen und feiern!

Aber das Haupthindernis für das kritische Denken liegt heute anderswo: Es ist die Bildung einer wirklichen neoliberalen Internationalen, die durch ein Netz von think tanks an der Ostküste der Vereinigten Staaten gebildet wird und die durch die großen internationalen Organisationen, die Weltbank, die Europäische Kommission, die OECD, das WTO etc. unterstützt wird, die die Produkte der falschen Wissenschaft mit einer exponentiellen Geschwindigkeit verbreiten, um die sozial reaktionäre Politik, die in der Ära des triumphierenden Marktes überall eingeführt wird, besser zu legitimieren. Ich habe das in meinem Buch Elend hinter Gittern für die zero tolerance-Politik zu zeigen versucht, die sich in weniger als einem Jahrzehnt „globalisiert“ hat, angetrieben durch das Manhattan Institute in New York sowie seinen Epigonen und aktiven oder passiven Kollaborateuren im Ausland. Und in meinem Buch Los parias urbanos habe ich gezeigt, dass das Pseudokonzept der „underclass“ in allen Ländern, in denen man es verwendet, dazu benutzt wird, die „Opfer zu tadeln“, indem man die neuen Formen städtischer Armut der angeblichen Entstehung einer neuen Gruppe von verstreuten und desorganisierten Armen zuschreibt. Pierre Bourdieu und ich haben versucht, in Las argucias de la razón imperialista (Buenos Aires 2001) die Entwicklung sowie die realen und symbolischen Wirkungen dieser neuen weltweiten Vulgata einer kritischen Analyse zu unterziehen, die uns die von multinationalen Konzernen gestaltete Welt als die höchste Stufe der Geschichte und die Vermarktung von allem als höchste Errungenschaft der Menschheit darstellt. Diese Vulgata findet man in aller Munde, selbst bei den Regierungen und Intellektuellen, die behaupten, „links“ zu sein, und sich (mitunter aufrichtig) für progressiv halten.

 
Welche Rolle kann das kritische Denken angesichts der Obszönität der unerhörten Ungleichheiten, die durch den neuen globalen Kapitalismus produziert werden, spielen?

Die wesentliche Rolle des kritischen Denkens ist es, Widerstand gegen die umfassende Vernichtung durch den Moloch des Marktes zu leisten. Widerstand gegen die Vernichtung des Denkens und jeglicher Form des kulturellen Ausdrucks, die heute durch das Profitstreben und das hemmungslose Streben nach dem Marketing-Erfolg zutiefst bedroht sind: Man braucht bloß daran zu denken, dass Hillary Clinton sieben Millionen Dollar und der CEO von General Electric, Jack Welsh, neun Millionen Dollar im Voraus bekamen – und zwar für zwei abscheuliche Bücher, die von Ghostwritern geschrieben wurden und die das Leben als First Lady oder die Erfahrungen eines oberen CEO nacherzählen – und dass Amazon.com massenweise Exemplare vor dem Druck verkauft hat, während begabte SchriftstellerInnen, DichterInnen und junge ForscherInnen keine Verlage finden, aus dem einzigen Grund, dass alle VerlegerInnen ihre jährlichen Profitraten denen der Fernseh- und Filmindustrien anpassen, in die sie durch die großen Kulturkartelle eingegliedert wurden.

Das kritische Denken muss eifrig und intensiv die falschen Evidenzen entlarven, Ausflüchte aufdecken, Lügen demaskieren und die logischen und praktischen Widersprüche des Marktdiskurses und des triumphierenden Kapitalismus aufzeigen, der sich seit dem dramatischen Zusammenbruch der bipolaren Welt nach 1989 und dem Erlahmen des sozialistischen Projekts (bzw. dessen Umwendung durch angeblich linke Regierungen, die de facto zur neoliberalen Ideologie bekehrt sind) in aller Selbstverständlichkeit überall verbreitet hat. Das kritische Denken muss ohne Unterlass Fragen nach den sozialen Kosten und Profiten der ökonomischen Deregulierung und des Sozialabbaus stellen, die uns heute als sicherer Weg zum ewigen Wohlstand und zum höchsten Glück präsentiert werden – unter dem Stichwort der „individuellen Verantwortung“, das bloß eine andere Bezeichnung für die kollektive Verantwortungslosigkeit und den Händler-Egoismus ist. Karl Marx sprach sich in seinem berühmten „Brief an Arnold Ruge“, der 1844 in der Rheinischen Zeitung veröffentlicht wurde, für eine „rücksichtslose Kritik alles Bestehenden“ aus. Mir scheint, dass dieses Programm heute mehr denn je zuvor von großer Aktualität ist. Wir kommen so zur ersten historischen Aufgabe des kritischen Denkens zurück, die darin bestand, der Auflösung der Doxa zu dienen, die Selbstverständlichkeiten und Rahmensetzungen der öffentlichen Debatten immer aufs Neue in Frage zu stellen, um uns auf diese Weise eine Chance zu verschaffen, die Welt zu denken, anstatt von ihr gedacht zu werden, um das Räderwerk zu zerlegen und seine Einheiten zu verstehen und um uns auf diese Weise die Welt intellektuell und materiell wieder anzueignen.