eipcp transversal knowledge production and its discontents
05 2007
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Anmerkungen zur edu-factory und zum kognitiven Kapitalismus

Übersetzt von Therese Kaufmann

George Caffentzis / Silvia Federici

George Caffentzis

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Silvia Federici

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transversal

knowledge production and its discontents

Im Rahmen der edu-factory-Diskussion wollen wir hier einige Überlegungen zu zwei zentralen Konzepten diskutieren: zu dem der edu-factory selbst und dem des kognitiven Kapitalismus. Erstens stimmen wir dem Hauptelement der Diskussion innerhalb der edu-factory zu: Was einst die Fabrik war, ist nun die Universität. War einst die Fabrik ein paradigmatischer Ort des Kampfes zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen, so ist heute die Universität ein wesentlicher Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion der Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung. Denn die Universität ist nicht einfach eine weitere Institution, die der staatlichen und gouvernementalen Kontrolle unterworfen ist, sondern ein entscheidender Ort, an dem breitere soziale Kämpfe gewonnen und verloren werden.

Die Unterstützung von CAFA (Committee for Academic Freedom in Africa) für die Kämpfe an afrikanischen Universitäten folgte derselben Analyse und Logik. Universitäten sind wichtige Orte des Klassenkampfs – nicht nur in Europa und Nordamerika. Wir bestanden auf diesem Punkt gegenüber den KritikerInnen der postkolonialen Universität, die jede Bemühung zu einer Verteidigung eines Bildungssystems, das ihrer Ansicht nach dem Modell kolonialer Bildung folgt, verachten. Wir argumentierten dagegen, dass die universitären Kämpfe in Afrika die Weigerung ausdrücken, das internationale Kapital Folgendes tun zu lassen:

- über die Arbeitsbedingungen zu entscheiden

- sich das in diese Institutionen investierte Vermögen, für die die Leute bezahlt haben, anzueignen

- Unterdrückung zuzulassen und

- die Demokratisierung und Politisierung von Bildung, die an afrikanischen Universitäten in den 1980er und 1990er Jahren entstanden ist, zu unterdrücken.

Allgemeiner ausgedrückt: Ebenso, wie wir uns gegen die Schließung von Fabriken richten würden, in denen die ArbeiterInnen für die Kontrolle über Arbeit und Bezahlung kämpfen – vor allem, wenn diese ArbeiterInnen entschlossen sind, gegen die Schließung zu kämpfen –, sind wir uns einig, dass wir gegen den Abbau öffentlicher Bildung Widerstand leisten sollten, selbst wenn Schulen auch Instrumente von Klassenherrschaft und Entfremdung sind. Dies ist ein Widerspruch, den wir nicht wegwünschen können und der in allen unseren Kämpfen präsent ist. Egal, ob wir um Bildung, Gesundheit, Wohnraum etc. kämpfen, ist es illusorisch zu glauben, wir könnten uns, wann immer wir es wollen, außerhalb der kapitalistischen Verhältnisse situieren und von dort aus eine neue Gesellschaft erschaffen. Wie StudentInnenbewegungen auf der ganzen Welt gezeigt haben, sind Universitäten nicht nur die Kinderstuben der FührerInnen einer neoliberalen Elite, sondern auch der Boden für Diskussion, für die Herausforderung institutioneller Politik und für die Wiederaneignung von Ressourcen. Durch diese Diskussionen, Kämpfe und Wiederaneignungen sowie durch die Verknüpfung der Kämpfe in den Universitäten mit anderen Kämpfen der gesellschaftlichen Fabrik schaffen wir alternative Bildungsformen und -praxen. In Italien gelang es beispielsweise den MetallarbeiterInnen mit dem Vertrag von 1974, 150 Stunden bezahlten Bildungsurlaubs pro Jahr zu erreichen, für den sie gemeinsam mit LehrerInnen meist aus der StudentInnenbewegung Studienpläne organisierten, die die kapitalistische Organisation von Arbeit – auch an ihren eigenen Arbeitsplätzen – untersuchten. In den USA gehörten die Universitäten seit den 1960er Jahren zu den Zentren der Anti-Kriegsbewegung und produzierten eine Vielzahl von Analysen des militärisch-industriellen Komplexes und der Rolle der Universitäten in dessen Funktion und Ausbreitung. In Afrika waren die Universitäten Zentren des Widerstands gegen die strukturelle Anpassung und der Analyse ihrer Implikationen. Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum die Weltbank so erpicht darauf war, sie aufzulösen.

 
Neue Hierarchien

Der Kampf in der edu-factory ist heute auf Grund der strategischen Rolle des Wissens innerhalb des Produktionssystems von besonderer Bedeutung, vor allem auf Grund des Kontextes, in dem die  „Abschottung“ von Wissen (seine Privatisierung, Kommodifizierung und Enteignung durch die vorherrschenden Systeme geistigen Eigentums) eine Säule der ökonomischen Neugestaltung darstellt. Wir sind allerdings darauf bedacht, diese Rolle nicht zu überschätzen und/oder das Konzept der edu-factory für die Schaffung neuer Hierarchien hinsichtlich der Arbeit und der Formen kapitalistischer Akkumulation einzusetzen. Diese Bedenken sind eine Folge unserer Deutung des Gebrauchs des Begriffs  „kognitiver Kapitalismus“.

Es ist sicherlich richtig, dass es notwendig ist, die maßgeblichen Formen kapitalistischer Akkumulation in all ihren verschiedenen Phasen zu bestimmen und ihre „Tendenz“ zur Hegemonialisierung (wenn auch nicht Homogenisierung) anderer Formen kapitalistischer Produktion zu erkennen. Doch sollten wir die Kritiken an den marxistischen Theorien nicht aufgeben, die von der antikolonialen Bewegung und vom Feminismus entwickelt wurden und die gezeigt haben, dass die kapitalistische Akkumulation genau durch ihre Fähigkeit gedieh, gleichzeitig Entwicklung und Unterentwicklung, bezahlte und unbezahlte Arbeit, Produktion auf der höchsten Ebene technischen Know-hows und Produktion auf den niedrigsten Ebenen zu organisieren. Mit anderen Worten: Wir sollten das Argument nicht aufgeben, dass die kapitalistische Akkumulation sich trotz so vieler Kämpfe exakt durch diese Disparitäten, durch die von diesen innerhalb der ArbeiterInnenklasse geschaffenen Spaltungen und durch die Fähigkeit, Reichtum/Mehrwert von einem Pol zum anderen zu verlagern, ausgedehnt hat.

 
Kognitive Arbeit und internationale Arbeitsteilung

Diesem Argument ist eine Menge von Problematiken inhärent, die wir in diesen Überlegungen nur berühren können. Im Weiteren wollen wir uns vor allem auf die politischen Implikationen der Verwendung des Begriffs „kognitiver Kapitalismus“ konzentrieren. Doch stehen hier einige Punkte zur Diskussion. Erstens sollte die Geschichte des Kapitalismus zeigen, dass die kapitalistische Subsumtion aller Produktionsformen nicht die Ausdehnung der an einem bestimmten Punkt erreichten Ebene von Wissenschaft und Technologie auf alle ArbeiterInnen notwendig macht, die zum Akkumulationsprozess beitragen. Es wird heute beispielsweise anerkannt, dass das Plantagensystem kapitalistisch organisiert war und eigentlich ein Modell für die Fabrik darstellte. Dennoch arbeiteten die auf den Plantagen als BaumwollpflückerInnen beschäftigten SklavInnen der 1850er Jahre im Süden der USA nicht mit demselben technologischen Know-how, das den ArbeiterInnen der Textilfabriken im Norden der USA zu dieser Zeit zur Verfügung stand, obwohl ihr Produkt eine Lebensader für ebendiese Fabriken darstellte. Bedeutet dies, dass die SklavInnen im Süden IndustriearbeiterInnen, oder umgekehrt, dass die LohnarbeiterInnen im Norden PlantagenarbeiterInnen waren? In ähnlicher Weise hat der Kapitalismus bis heute trotz der Tatsache, dass unbezahlte Hausarbeit von Frauen eine Schlüsselquelle für die Akkumulation des Kapitals darstellt, diese nicht mechanisiert. Anders gefragt: Warum erleben wir am Höhepunkt einer Ära des „kognitiven Kapitalismus“ eine Ausweitung von Arbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen, auf der untersten Ebene technologischen Know-hows, von Kinderarbeit, Arbeit in Sweatshops, in neuen landwirtschaftlichen Plantagen und auf den Grubenfeldern Lateinamerikas, Afrikas usw.? Heißt das, dass die ArbeiterInnen unter diesen Bedingungen „kognitive ArbeiterInnen“ sind? Sind sie und ihre Kämpfe unbedeutend für und/oder außerhalb des Kreislaufs kapitalistischer Akkumulation? Warum hat sich die Lohnarbeit – die einst als die bestimmende Form kapitalistischer Arbeit galt – noch nicht einmal auf die Mehrheit der ArbeiterInnen in kapitalistischen Gesellschaften ausgeweitet?

Diese Fragen legen nahe, dass Arbeit für die kapitalistische Akkumulation und nach kapitalistischem Modell organisiert sein kann, ohne dass die/der ArbeiterIn auf dem durchschnittlichen, am Höhepunkt kapitalistischer Produktion angewendeten Niveau technologischen oder wissenschaftlichen Wissens arbeitet. Sie sind weiters ein Verweis darauf, dass die Logik des Kapitalismus nur durch die Betrachtung der Gesamtheit seiner Verhältnisse und nicht nur der Spitzen seiner wissenschaftlichen oder technologischen Errungenschaften erfasst werden kann. Der Kapitalismus hat durch die internationale geschlechtliche/rassifizierte Arbeitsteilung und durch die „Unterentwicklung“ bestimmter Sektoren seiner Produktion systematisch und strategisch Ungleichheiten produziert, und diese wurden nicht ausgelöscht, sondern vielmehr verstärkt durch die zunehmende Integration von Wissenschaft und Technologie in den Produktionsprozess. Zum Beispiel hat in der Ära kognitiver Arbeit die Mehrheit der AfrikanerInnen keinen Zugang zum Internet oder auch nicht einmal zum Telefon; selbst die winzige Minderheit, die darüber verfügt, hat auf Grund der unregelmäßigen Verfügbarkeit von Elektrizität nur für beschränkte Zeitabschnitte Zugang. In ähnlicher Weise ist der Analphabetismus besonders unter Frauen seit den 1970er Jahren bis heute exponentiell angestiegen. Mit anderen Worten wurde ein Sprung nach vorne für viele ArbeiterInnen begleitet von einem Sprung nach hinten für viele andere, die nun sogar noch mehr vom „globalen Diskurs“ ausgeschlossen und gewiss nicht in der Lage sind, in globalen, internetbasierten Kooperationsnetzwerken zu partizipieren.

 
Reproduktive Arbeit im kognitiven Kapitalismus

Am wichtigsten sind, zweitens, die politischen Implikationen des Gebrauchs der Begriffe „kognitiver Kapitalismus“ und „kognitive Arbeit“, der die fortdauernde Bedeutung anderer Formen von Arbeit als Beitrag zum Akkumulationsprozess ausblendet. Es besteht die Gefahr, dass wir durch die Hervorhebung einer Art von Kapital (und damit einer Art von ArbeiterIn) als produktivste, avancierteste und exemplarischste für das zeitgenössische Paradigma etc. eine neue Hierarchie des Kampfes herstellen und eine Form des Aktivismus betreiben, der eine Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenklasse unmöglich macht. Eine andere Gefahr liegt darin, dass wir verabsäumen, die strategischen Züge vorwegzunehmen, durch die der Kapitalismus den Akkumulationsprozess neu strukturieren kann, indem er die Ungleichheiten innerhalb der globalen ArbeiterInnenschaft ausnützt. Hierfür exemplarisch ist, wie der Schwung der letzten Welle der Globalisierung erreicht wurde.

Hinsichtlich der Gefahr, in unserem Aktivismus die durch die Ausdehnung kapitalistischer Verhältnisse geschaffenen Hierarchien der Arbeit zu bestätigen, können wir eine Menge aus der Vergangenheit lernen. Wie die Geschichte des Klassenkampfes zeigt, ist die Privilegierung eines Sektors der ArbeiterInnenklasse über die anderen der sicherste Weg zur Niederlage. Zweifellos haben bestimmte ArbeiterInnen eine wesentliche Rolle in einzelnen historischen Phasen der Entwicklung des Kapitalismus gespielt. Doch bezahlte die ArbeiterInnenklasse einen sehr hohen Preis für eine revolutionäre Logik, die nach dem Muster der Hierarchien in der kapitalistischen Arbeitsorganisation Hierarchien zwischen revolutionären Subjekten erzeugte. Die marxistischen/sozialistischen AktivistInnen in Europa verloren die revolutionäre Kraft der „Bauernbevölkerung“ der Welt aus den Augen. Mehr noch, die Bauernbewegungen wurden von den KommunistInnen zerstört (vgl. den Fall der ELAS in Griechenland), die ausschließlich die/den FabrikarbeiterIn als organisierbar und „wirklich revolutionär“ betrachteten. Die SozialistInnen/MarxistInnen übersahen auch die gewaltige (Haus)arbeit, die getan wurde, um die/den IndustriearbeiterIn zu produzieren und reproduzieren. Der riesige „Eisberg“ von Arbeit im Kapitalismus (um eine Metapher Maria Mies' zu verwenden) wurde durch die Tendenz, nur die Spitze des Eisbergs, nämlich die Industriearbeit, zu betrachten, unsichtbar gemacht, während die an der Reproduktion der Arbeitskraft beteiligte Arbeit aus dem Blick verschwand. Dies hatte zur Folge, dass der Feminismus oft bekämpft und als etwas außerhalb des Klassenkampfs betrachtet wurde.

Ironischerweise waren es die Bauernbewegungen Mexikos, Chinas, Kubas, Vietnams und auch in großem Maße Russlands, die unter dem Regime des industriellen Kapitalismus die Revolutionen des 20. Jahrhunderts durchführten. Auch in den 1960er Jahren kam der Impuls für eine Veränderung auf globaler Ebene aus dem Kampf des Antikolonialismus, einschließlich des Kampfs gegen die Apartheid und für Black Power in den USA. Heute sind es die indigenen Bevölkerungen, die Campesinos, die Arbeitslosen Mexikos (in Chiapas, Oaxaca), Boliviens, Ecuadors, Brasiliens und Venezuelas, die BäuerInnen Indiens, die  Maquila-ArbeiterInnen an den Grenzen zu den USA, die migrantischen ArbeiterInnen in den USA etc., die den avanciertesten Kampf gegen die globale Ausdehnung kapitalistischer Verhältnisse führen.

Wir wollen eines klarstellen: Wir bringen diese Argumente nicht vor, um die Bedeutung der Kämpfe in der edu-factory zu schmälern oder zu vernachlässigen, dass das Internet zur Schaffung neuer, für unseren Kampf wesentlicher Formen von Commons geführt hat. Vielmehr befürchten wir, Fehler zu wiederholen, die letztlich jene isolieren, die innerhalb dieser Netzwerke arbeiten und kämpfen. So gesehen glauben wir, dass die „Anti-Globalisierungs“-Bewegung (mit all ihren Problematiken) ein großer Fortschritt war in ihrer Fähigkeit, Forderungen und Formen des Aktivismus zu formulieren, die den Kampf auf einer globalen Ebene entwerfen und die neue Formen des Internationalismus hervorbringen, der ProgrammiererInnen, KünstlerInnen und andere edu-ArbeiterInnen in einer Bewegung zusammenbringt, zu der alle ihren besonderen Beitrag leisten.

Damit diese politische „Neuzusammensetzung“ allerdings möglich wird, müssen wir den Fortbestand unseres Kampfes auch im Hinblick auf die Verschiedenheit unserer Verortung innerhalb der internationalen Arbeitsteilung betrachten und unsere Forderungen und Strategien entsprechend dieser Differenzen und der Notwendigkeit ihrer Überwindung formulieren. Die Annahme, dass eine Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenschaft bereits stattfindet, weil Arbeit – durch einen Prozess, den einige als das „Gemeinsam-Werden von Arbeit“ bezeichnet haben – homogenisiert wird, reicht nicht aus. Wir können das „kognitive“ Netz nicht so weit auswerfen, dass beinahe jede Form der Arbeit zu „kognitiver“ Arbeit wird, ohne beliebige soziale Gleichsetzungen zu erzeugen und unser Verständnis dessen, was an der „kognitiven Arbeit“ in der aktuellen Phase des Kapitalismus neu ist, zu verwischen.

Es ist ein willkürlicher Akt, unter dem Label des Kognitiven (zum Beispiel) die Arbeit von HausarbeiterInnen – ob migrantisch oder nicht, ob Frau/Mutter/Schwester oder bezahlte Arbeitskraft – mit der einer/s ProgrammiererIn oder ComputerkünstlerIn gleichzusetzen und obendrein noch zu behaupten, der kognitive Aspekt von Hausarbeit sei etwas Neues, das der Dominanz eines neuen Typs von Kapitalismus geschuldet ist.

Sicherlich hat Hausarbeit wie jede andere reproduktive Arbeit eine starke kognitive Komponente. Zu wissen, wie die Pölster unter dem Körper einer kranken Person angeordnet werden müssen, ohne dass die Haut Blasen bekommt und die Knochen schmerzen, ist eine Wissenschaft und eine Kunst, die viel Aufmerksamkeit, Wissen und Experimentieren verlangt. Dasselbe gilt für die Versorgung eines Kindes und die meisten anderen Aspekte von  „Hausarbeit“, wer auch immer sie ausführen mag. Doch gerade bei der Betrachtung des gewaltigen Universums von Praxen, die die reproduktive Arbeit ausmachen, vor allem wenn diese zu Hause stattfindet, erkennen wir die Grenzen der Anwendbarkeit des Typs computer-basierten, technologischen Know-hows, auf das sich der „kognitive Kapitalismus“ stützt. Wir sehen, dass das für die reproduktive Arbeit notwendige Wissen sicherlich von der Benützung des Internets profitiert (vorausgesetzt, es gibt Zeit und Geld dafür), doch es ist eine Form des Wissens, das Menschen, meist Frauen, über lange Zeit hinweg entwickelt haben – in Übereinstimmung mit, aber auch entgegen den Anforderungen der kapitalistischen Arbeitsorganisation. Dem sollten wir hinzufügen, dass nichts dadurch gewonnen wird, Hausarbeit dem neuen Bereich kognitiver Arbeit zuzuordnen, indem wir sie als „affektive“, als „immaterielle“ oder als „Sorgearbeit“ (care work) definieren, wie das vielfach getan wurde.

Zunächst sollten wir Formeln vermeiden, die eine Trennung von Körper/Geist, Vernunft/Gefühl in jedweder Form von Arbeit und deren Produkten implizieren und uns fragen, ob das Ersetzen des Begriffs „reproduktive Arbeit“, wie er in der Frauenbewegung verwendet wird, durch jenen der „affektiven Arbeit“ wirklich dazu dient, die Arbeit einer/s HausarbeiterIn (ob MigrantIn oder nicht, ob Ehefrau/Schwester/Mutter oder bezahlte Arbeitskraft) oder einer/s SexarbeiterIn der einer/s ProgrammiererIn oder NetzkünstlerIn unter dem Label des Kognitiven vergleichbar zu machen? Was ist ihrer Arbeit wirklich „gemeinsam“, wenn man die komplexen sozialen Beziehungen, die ihre verschiedenen Arbeitsweisen ausmachen, in Betracht zieht? Wo liegen beispielsweise die Gemeinsamkeiten zwischen einem männlichen Programmierer, Künstler oder Lehrer und einer weiblichen Hausarbeiterin, die zusätzlich zu ihrer bezahlten Arbeit auch viele Stunden unbezahlter Arbeit für die Versorgung ihrer Familie leisten muss?

Am allerwichtigsten ist: Wenn die mit der Reproduktion des Menschen befasste Arbeit – noch immer ein immenser Teil der Arbeit, die in der kapitalistischen Gesellschaft aufgewendet wird – „kognitiv“ ist in dem Sinne, als sie nicht Dinge, sondern „Seinszustände“ produziert, was ist dann neu an „kognitiver Arbeit“? Und ebenso wesentlich ist: Was wird gewonnen durch die Gleichsetzung aller Formen von Arbeit – selbst nur als Tendenz – unter einem Label, außer dass einige Arten von Arbeit und die durch sie verursachten politischen Problematiken verschwinden? Verabsäumen wir es in der Aussage, dass Hausarbeit „kognitive Arbeit“ ist, nicht wieder, die Frage der Entwertung von Hausarbeit, ihren weitgehenden Status der Unbezahltheit, die auf ihr aufbauenden Geschlechterhierarchien und damit das Lohnverhältnis anzugehen?

 
Für eine politische Neuzusammensetzung der ArbeiterInnenschaft

Sollten wir nicht vielmehr fragen, durch welche Organisationsform HausarbeiterInnen und ProgrammiererInnen zusammenkommen können, statt davon auszugehen, dass wir alle im mare magnum der „kognitiven Arbeit“ vereint sind? Die reproduktive Arbeit als Grundlage zu nehmen dient auch dazu, die vorherrschende Annahme in Frage zu stellen, dass die Kognitivierung der Arbeit – im Sinne ihrer Computerisierung und Reorganisation durch das Internet – einen emanzipatorischen Effekt habe. Umfangreiche feministische Literatur hat die Vorstellung widerlegt, die Industrialisierung vieler Aspekte der Hausarbeit hätte die von Frauen dafür aufgewendete Zeit reduziert. Vielmehr haben zahlreiche Studien gezeigt, dass die Industrialisierung die Bandbreite dessen, was als sozial notwendige  Hausarbeit betrachtet wird, erweitert hat. Dasselbe gilt für das Vordringen von Wissenschaft und Technologie in die Hausarbeit, Kinderbetreuung und Sexarbeit. Zum Beispiel kann die Verbreitung von PCs für jene HausarbeiterInnen, die sich einen Computer leisten können und über die Zeit verfügen ihn zu benützen, helfen, durch Chat-Rooms und soziale Netzwerke die Isolation und Monotonie der Hausarbeit zu mildern. Doch vermindert die Herstellung virtueller Communities weder das zunehmende Problem von Einsamkeit, noch hilft sie im Kampf gegen die Zerstörung gesellschaftlicher Beziehungen und die Ausbreitung abgeschlossener Welten.

Abschließend möchten wir sagen, dass Begriffe wie „kognitive Arbeit“ und „kognitiver Kapitalismus“ mit dem Verständnis verwendet werden sollten, dass sie nur einen, wenn auch einen maßgeblichen Teil der kapitalistischen Entwicklung darstellen und dass es verschiedene Formen von Wissen und kognitiver Arbeit gibt, die nicht unter einem Etikett nivelliert werden können. Solange das nicht der Fall ist, geht der eigentliche Nutzen solcher Konzepte für die Diagnose dessen verloren, was neu an der kapitalistischen Akkumulation und den Kämpfen dagegen ist. Was ebenso untergeht, ist die Tatsache, dass – weit entfernt von einer Vergemeinschaftung von Arbeit – jede neue Wendung in der Entwicklung des Kapitalismus dazu tendiert, die Spaltungen innerhalb des Weltproletariats zu vertiefen und dass, solange diese Spaltungen existieren, sie dazu benützt werden können, das Kapital auf einer anderen Basis zu reorganisieren und den Boden, auf dem Bewegungen gewachsen sind, zu zerstören.

 
Der Text wurde im Rahmen der ersten Diskussionsrunde der edu-factory-mailinglist im Mai 2007 zum ersten Mal auf Englisch veröffentlicht. Eine gekürzte Version wurde auch veröffentlicht in kulturrisse 2/2009.