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Im Umfeld der Proteste gegen die reaktionäre österreichische
Regierung [1] hat
sich um den Jahreswechsel 1999/2000 ein breites Gefüge
von künstlerischen Widerstandsplattformen [2]
herausgebildet, die im weiten Feld zwischen Kommunikationsguerilla
und Gegeninformation eine Vielzahl an Aktionen durchführten.
[3] Von dieser bunten
und hyperaktiven Multitude war schon nach ein paar Monaten
allerdings kaum etwas mehr übrig. Das muss nicht unbedingt
negativ bewertet werden. Das Zauberwort heißt hier Transformation.
Wie schon die Widerstände 2000 nicht aus dem Nichts
kamen, sondern ihre Bezugspunkte zur Szene der Interventionskunst
der 90er Jahre hatten [4],
wurden die Erfahrungen der Subjekte und Strukturen von
2000 in anderen Zusammenhängen weiterverwertet. Wenn
es keinen Sinn mehr macht, den radikalen Rechtspopulismus
auf nationalstaatlicher Ebene anzugreifen, besinnen
sich die künstlerischen Aktivismen mehr und mehr auf
einen neuen Fokus inmitten globaler Proteste, gegen
Grenzregimes oder für die Rechte von MigrantInnen [5]. Die neuen Praxen auf diesem neuen Terrain können mit alten Kategorien wie etwa Site Specificity, Institutionskritik, Interaktion/Partizipation oder gar ganz alten Kategorien wie Autorschaft, Aura und Werk nicht analysiert und kritisiert werden. Vielmehr müssen aus den betreffenden Praxen heraus neue Kategorien entwickelt werden, um ihnen adäquate Erkenntnis zu gewinnen. Im Folgenden soll das entlang eines Beispiels und dreier Begriffe versucht werden, Begriffe, die - der untersuchten Praxis entsprechend - eher aus der politischen Theorie als aus der Ästhetik entlehnt sind. Das eine Beispiel ist die VolxTheaterKarawane: im Frühjahr 2001 in langen virtuellen und realen Diskussionen vorbereitet, im Juni aus Wien aufgebrochen, mit Aktionen am Grenzübergang Nickelsdorf, inmitten der Proteste gegen den WEF-Gipfel in Salzburg, am Grenzcamp in Lendava (Kroatien/Ungarn), vor einem Schubhaftlager in Ljubljana und schließlich am Rande des G8-Gipfels in Genua, nach dessen Ende die Karawane dann von der italienischen Polizei für vier Wochen inhaftiert wurde. [6] Die drei Begriffe sind dem Arsenal von Gilles Deleuze und Félix Guattari entnommen: Nomadismus, Kriegsmaschine, Mikropolitik der Grenze. Die Figur des Nomaden hat heute einen beliebigen Geschmack.
In den 80ern missverstanden so verschiedene Gruppen
wie SurferInnen, Techno-MusikerInnen, NetzkünstlerInnen
das Nomadische bei Deleuze/Guattari als willkommene
blumige Metapher und identifizierten sich und ihre Betätigungen
damit. Gegen solche Hymnen auf Freiheit und Fließen
oder auf die ultimative Demokratisierung durch das Internet
muss der Begriff in seinem Deleuzeschen Zusammenhang
jedoch in Schutz genommen werden: Nomadismus ist erstens
prekär, zweitens offensiv, drittens an der Grenze. Gut beschreibbar ist das nomadische Prekarium am Ringen der VolxTheaterKarawane um die geeignete, oder besser: mit der einzig möglichen Organisationsform, dem Kollektiv. Die Erfahrungen mit kollektiver Planung in langwierigen Plena und mit der Durchführung kollektiver Aktionen haben immer wieder bewiesen, dass diese schon implizit die Sprengung des Kollektivs mit sich schleppen. Mit dem Ansatz, die TeilnehmerInnen der Karawane nicht nur auf das Wiener oder österreichische Umfeld zu beschränken, möglichst transnational zu realisieren, kam noch eine zweite Schwierigkeit hinzu: viele Sprachen. Der dritte und im Kontext des Prekaritätsthemas wichtigste Aspekt besteht jedoch in der Karawanenhaftigkeit selbst: Die nomadische Bewegung erzeugt Prekarität, weil das Kollektiv - übrigens im Gegensatz zur herkömmlichen Vorstellung des Nomadischen - unbekannte Pfade bereist, an Orte gelangt, die es überhaupt nicht kennt, dort zu Entscheidungen gezwungen wird, die Komplexität - ohne sie zu erkennen - extrem reduziert: Die VolxTheaterKarawane hatte als Kollektiv in Bewegung andauernd an der Verwaltung dieser Ebenen von Prekarität zu arbeiten. Seit dem Ausgang der 90er kam es zu einer neuen Renaissance
des Nomadischen, das etwa auch Michael Hardt und Antonio
Negri als ein Schlüsselbegriff in Empire diente.
[7] Wenn in diesem
explizit politischen Zusammenhang die Figur des Nomaden
wieder auftaucht, dann hat das zweifellos eine andere
Qualität als im Kontext der Missverständnisse der 80er
Jahre. Wie in Empire allerdings unter dem Begriff
des Nomadismus die Bewegungen von reisenden Intellektuellen
und politischen Flüchtlingen vermischt werden, so kommt
es überhaupt zu einer konzeptuellen Ineinssetzung von
selbstgewählter und erzwungener Migration. Das muss
zwangsläufig in eine maßlose Überschätzung der Subjekte
der Migration münden, die damit gleichzeitig zum wichtigsten
Gegenüber des allmächtigen "Empire" hochstilisiert
werden. Kennzeichen dieser nomadischen Linie, dieser Fluchtlinie
ist die Offensive. Was kann aber Offensive heißen in
einer Welt, die nach Deleuze/Guattari wie nach Hardt/Negri
in einem einzigen allumfassenden globalisierungskritischen
Gemeinplatz zu versinken droht: die Macht ist überall
und gleichzeitig nirgendwo. Ihre Mechanismen funktionieren
ohne Zentrum und ohne jede Steuerung. So einleuchtend und anziehend diese These sein mag, so x-beliebig und vage bleibt sie allerdings, solange unklar ist, wer oder was da eigentlich angegriffen werden soll. Wenn das "Dagegensein an jedem Ort" auch doppelt stimmig ist, als Möglichkeit, an jedem Ort dagegen sein zu können, wie als Notwendigkeit, an jedem Ort dagegen sein zu müssen, so gibt es doch Orte, die solch ein Dagegensein mehr verdienen als andere. Und diese Orte müssen auch gesucht, aufgesucht, heimgesucht werden, ganz gegen die Deleuzesche Formel, dass der Nomade der sei, der sich gerade nicht bewege. [10] Die intensive Reise an Ort und Stelle, dieser prägnante Schnittpunkt auch zwischen Kant und Deleuze, hat ausgesorgt. Das legendäre Stubenhockersyndrom Kants, nur nicht Königsberg verlassen zu müssen, Deleuze' Insistieren auf der Nichtbewegung des Nomaden, das ist heute der durchschnittliche durchnormalisierte Alltag. Angesichts dieser Normalität gilt es, den informations- und kontrollgesellschaftlichen Mechanismen Praxen entgegenzustellen, die genauso wie die deterritorialisierten Kapitalströme sich nicht auf einen Ort fixieren lassen, nicht sesshaft machen lassen, die anders als diese aber kontinuierlich unkontrollierte wie selbstbestimmte Bruchlinien erschaffen. Und hier bewegen wir uns in die Nachbarschaftszonen künstlerisch-politischer Interventionen im Rahmen der globalen Proteste, mit ihrer Zuspitzung der spontanen Aktion, der taktischen Attacke und der schnellen Anpassung an die jeweils neue Situation, mit ihren Fluchtlinien in und durch den nomadischen Raum. Auch die VolxTheaterKarawane agiert auf einer Fluchtlinie, sie attackiert, ist offensiv, kurz: eine Kriegsmaschine im Deleuzeschen Sinn. Das heißt keineswegs, ihr eine besondere Form der Gewalttätigkeit zuzuschreiben. Im Gegenteil, die Kriegsmaschine weist über den Diskurs von Gewalt und Terror hinaus, sie ist genau jene Maschine, die gegen die Gewalttätigkeit des Staatsapparats antritt, gegen die Ordnung der Repräsentation. Umgekehrt versucht der Staatsapparat das Nicht-Repräsentierbare unter die Macht der Repräsentation zu zwingen, etwa aus der Karawane einen Black Block zu machen: Genau diesen Mechanismen der Repräsentation steht die Kriegsmaschine gegenüber oder, in Hardt/Negris Worten, der Militante, der die nicht repräsentative, sondern konstituierende Tätigkeit wiedererfindet. [11] Wenn es sich nun darum dreht, die aus den Zonen der
Sichtbarkeit schwindenden Orte der Macht orten zu können,
kommt der Grenze eine wichtige Funktion zu. Das meint
nun keineswegs die Grenze als Metapher, sondern konkrete
Grenzlinien wie - je nach Standpunkt - die nationalstaatlichen
oder die Binnengrenzen des "Empire"; oder
auch andere Grenzlinien des Staatsapparats wie die Polizeilinien,
die in den Aktionen von Tute Bianche, Pink-Silver Blocks,
in Österreich von Performing Resistance [12]
aufgebrochen wurden und werden. Mit derartigen Formen der "Mikropolitik der Grenze"
(Guattari) verlassen die diversen Praxen am Rand der
globalen Proteste die vage Formel vom "vertikalen
Angriff auf die virtuellen Zentren der Macht",
die überall und nirgendwo vermutet wird. Hier geht es
viel mehr um das Sichtbarmachen, das konkrete Angreifen
der Virtualität, das Aufbrechen der schroffen Grenzlinien,
zugleich um das Ausprobieren experimenteller kollektiver
Organisationsformen. Das ist es, was die Kriegsmaschine
ausmacht: der Angriff auf den Staatsapparat ist verbunden
mit dem ständigen Suchen nach Alternativen oder, nochmal
frei nach Negri und Hardt: Widerstand, Aufstand und
konstituierende Macht fließen in einem untrennbaren
Prozess. [1] Vgl. http://www.eipcp.net/diskurs/d04/index.html [2] Vgl. www.gettoattack.net, www.volkstanz.net, performing resistance, etc. [3] Vgl. Gerald Raunig, Wien Feber Null. Eine Ästhetik des Widerstands, Wien 2000 [4]Vgl. Gerald Raunig, Charon. Eine Ästhetik der Grenzüberschreitung, Wien 1999; Holger Kube Ventura, Politische Kunst Begriffe in den 1990er Jahren im deutschsprachigen Raum, Wien 2002 [5] vgl. http://www.wwp.at/, http://www.noborder.org, http://www.dsec.info [6] vgl. http://www.no-racism.net/nobordertour [7] vgl. Michael Hardt, Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/New York 2002, besonders S. 222-226 [8] vgl. Gilles Deleuze / Clarie Parnet, Dialoge, Frankfurt/Main 1980, S. 147f. [9] vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 583; Michael Hardt, Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/New York 2002, S. 223: "Wenn es also keinen Ort mehr gibt, der als Außen gelten kann, so müssen wir an jedem Ort dagegen sein." [10] vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 524 [11] vgl. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin 1992, S. 578; Michael Hardt, Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/New York 2002, S. 419 [12] vgl. Gerald Raunig, Wien Feber Null. Eine Ästhetik des Widerstands, Wien 2000, S. 40-45 [13] vgl. mein Konzept "Spacing the Line", z.B. Gerald Raunig, Spacing the Lines. Konflikt statt Harmonie. Differenz statt Identität. Struktur statt Hilfe, in: Eva Sturm/Stella Rollig (Hg.), Dürfen die das? Kunst als sozialer Raum, Wien 2002, S.118-127 |