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Warum kann das Paradigma der Repräsentation weder in der Politik funktionieren noch in den künstlerischen Ausdrucksweisen, und hier insbesondere in der Produktion von Werken, die bewegte Bilder einsetzen? Ich werde versuchen, auf diese Frage zu antworten, indem ich jenes Paradigma zur Anwendung bringe, das die Konstitution der Welt vom Verhältnis zwischen Ereignis und Mannigfaltigkeit her denkt. Die Repräsentation ist im Gegenteil auf das Paradigma Subjekt – Arbeit gegründet. In diesem Paradigma haben die Bilder, die Zeichen und die Aussagen die Funktion, das Objekt, die Welt zu repräsentieren, während im Paradigma des Ereignisses die Bilder, Zeichen und Aussagen dazu beitragen, die Welt sich ereignen zu lassen. Bilder, Zeichen und Aussagen repräsentieren nicht irgendetwas, sondern schaffen mögliche Welten. Ich möchte dieses Paradigma des Ereignisses ausgehend von zwei konkreten Beispielen erklären: der Dynamik des Auftauchens und der Konstituierung von post-sozialistischen politischen Bewegungen und der Funktionsweise des Fernsehens, also der Zeichen, Bilder und Aussagen in der zeitgenössischen Ökonomie.
Ereignis: Seattle 1999 Die Tage von Seattle waren ein veritables politisches Ereignis, das – wie jedes Ereignis – zuerst einen Wandel der Subjektivität und der ihr eigenen Art zu empfinden hervorgebracht hat. Die Losung "Eine andere Welt ist möglich" ist symptomatisch für diese Metamorphose der Subjektivität und ihres Empfindungsvermögens. Der Unterschied zu anderen politischen Ereignissen des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts ist radikal. Das Ereignis von Seattle verweist beispielsweise nicht mehr auf den Klassenkampf und die notwendige Machtübernahme. Es erwähnt nicht das Subjekt der Geschichte, die Arbeiterklasse, ihren Feind, das Kapital, oder den tödlichen Kampf, den jene sich liefern müssen. Es beschränkt sich darauf anzukündigen, dass "Mögliches geschaffen wurde", dass neue Lebensmöglichkeiten aktuell sind und dass es darum geht, sie zu realisieren; dass sich eine mögliche Welt ausgedrückt hat und dass man sie zur Vollendung führen muss. Wir sind in eine andere intellektuelle Atmosphäre eingetreten, in eine andere konzeptuelle Konstellation. Vor Seattle war eine
andere Welt bloß virtuell. Jetzt ist sie aktuell bzw.
möglich, aber ein Aktuelles, ein Mögliches, das man
verwirklichen muss. Der Wandel der Subjektivität muss
raumzeitliche Gefüge erfinden, die über diese Umwertung
der Werte wachen, die eine nach dem Fall der Mauer,
in der großen amerikanischen Expansion und der New
Economy aufgewachsene Generation hervorzubringen vermochte.
Doppelte Schöpfung, doppelte Individuation, doppeltes
Werden. In den Tagen von
Seattle haben wir es mit einem körperlichen Gefüge zu
tun, einer Mischung von Körpern (mit ihren Aktionen
und Passionen), welche aus individuellen und kollektiven
Singularitäten zusammengesetzt ist (Vielfältigkeit
der Individuen und der Organisationen – MarxistInnen,
ÖkologInnen, GewerkschafterInnen, TrotzkistInnen –,
MedienaktivistInnen, "Hexen", Black Block
etc., die spezifische körperliche Verhältnisse des
Ko-Funktionierens praktizieren); und es gibt ein Gefüge
sprachlicher Aussagen, eine Ordnung des Ausdrucks, die
aus einer Vielfalt von sprachlichen Anordnungen gebildet
wird (die Aussagen von MarxistInnen sind nicht dieselben
wie jene der MedienaktivistInnen, der ÖkologInnen oder
der "Hexen" etc.). Die kollektiven Aussagegefüge
drücken sich nicht allein durch die Sprache aus, sondern
auch durch die technologischen Ausdrucksmaschinen (Internet,
Telefon, Fernsehen etc.). Beide Gefüge sind in Hinblick
auf die aktuellen Verhältnisse der Macht und des Begehrens
konstruiert. Nach Seattle waren
alle mit ihrer körperlichen Maschine und ihrer Ausdrucksmaschine
gekommen und kehrten mit der Notwendigkeit wieder heim,
diese in Bezug auf das, was getan und gesagt worden
war, neu zu definieren. Die Formen politischer Organisation
(des Ko-Funktionierens der Körper) und die Aussageformen
(die Theorien und Aussagen über den Kapitalismus, die
Subjekte, die Ausbeutungsformen etc.) sind abzuwägen
und auf das Ereignis zu beziehen. Sogar die TrotzkistInnen
sind gezwungen, sich die Frage zu stellen: Was ist geschehen?
Was geschieht? Was wird geschehen? Und zu berichten,
was sie beim Ereignis machen (die Organisation) und
was sie sagen (der Diskurs, den sie führen).
Unternehmen Gehen wir nun über zu der Frage, wie die Zeichen, Bilder und Aussagen von den Unternehmen im zeitgenössischen Kapitalismus verwendet werden. Das Unternehmen erzeugt nicht das Objekt (die Ware), sondern die Welt, in der das Objekt existiert. Ebenso wenig erzeugt es das Subjekt (ArbeiterIn und KonsumentIn), sondern die Welt, in der das Subjekt existiert. Im zeitgenössischen Kapitalismus müssen wir zuerst das Unternehmen von der Fabrik unterscheiden. Vor zwei Jahren kündigte ein großer, französischer multinationaler Konzern an, dass er sich von seinen elf Produktionsstätten trennen würde. Diese Trennung von Unternehmen und Fabrik ist ein Grenzfall, der aber im zeitgenössischen Kapitalismus immer häufiger wird. In der großen Mehrheit der Fälle werden diese beiden Funktionen ineinander integriert; wir nehmen jedoch an, dass ihre Trennung sinnbildlich für eine tiefgehende Transformation der kapitalistischen Produktion ist. Was wird dieser multinationale Konzern beibehalten? Was versteht er unter "Unternehmen"? Alle Funktionen, alle Dienstleistungen und alle Angestellten, die es ihm erlauben, eine Welt zu schaffen: Marketing, Service, Gestaltung, Kommunikation etc. Das Unternehmen erzeugt eine Dienstleistung oder ein Produkt. In seiner Logik existiert die Dienstleistung oder das Produkt, ebenso wie KonsumentIn und ProduzentIn, für seine Welt, die des Unternehmens; diese letztere muss in den Seelen und Körpern der ArbeiterInnen und KonsumentInnen verinnerlicht werden. Im zeitgenössischen Kapitalismus existiert das Unternehmen nicht außerhalb der ProduzentInnen und KonsumentInnen, die ihm Ausdruck verleihen. Seine Welt, seine Objektivität und seine Wirklichkeit vermischen sich mit den Beziehungen, die das Unternehmen, die ArbeiterInnen und die KonsumentInnen zueinander unterhalten.
Kommunikation/Konsumtion Gehen wir vom Konsum
aus, da doch das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage
umgekehrt wurde: Die KundInnen sind der Angelpunkt der
Unternehmensstrategien. In Wirklichkeit berührt diese
Definition aus der politischen Ökonomie nicht einmal
das Problem: der Aufsehen erregende Aufstieg, die strategische
Rolle, die die Ausdrucksmaschine im zeitgenössischen
Kapitalismus spielt (Meinung, Kommunikation, Marketing,
also Zeichen, Bilder und Aussagen). Konsumieren reduziert
sich nicht auf den Akt des Kaufens und Vernichtens einer
Dienstleistung oder eines Produkts, wie die politische
Ökonomie und ihre Kritik lehren, sondern bedeutet zuerst
die Zugehörigkeit zu einer Welt bzw. einem Universum. Das Unternehmen beutet zu seinem eigenen Vorteil die Dynamik des Ereignisses und den Prozess der Konstituierung von Differenz und Wiederholung aus, indem es sie entstellt und von der Logik der Wertsteigerung abhängig macht. Das "Ereignis" heißt für das Unternehmen Werbung (oder Kommunikation oder Marketing). Wir werden nur diesen besonderen Aspekt der Unternehmensstrategie im Bezug auf die Konstituierung der KonsumentInnen, seiner Kundschaft, analysieren. Die Unternehmen investieren mittlerweile bis zu 40% ihres Umsatzes in Marketing, Werbung, Styling, Design etc. Diese Investitionen in die Ausdrucksmaschine können bei weitem die Investitionen in "Arbeit" übertreffen. Die Werbung verteilt
– wie jedes "Ereignis" – zuerst Wahrnehmungsweisen,
um so zu Lebensweisen aufzufordern; sie aktualisiert
Weisen des Affizierens und Affiziertwerdens in den Seelen,
um sie in den Körpern zu verwirklichen. Das Unternehmen
bewirkt mit Werbung und Marketing unkörperliche Transformationen
(die Losungen der Werbung), welche über die Körper und
nur über sie ausgesagt werden. Die unkörperlichen Transformationen
produzieren zuerst eine Veränderung des Empfindungsvermögens
(oder würden sie gerne produzieren), eine Veränderung
unserer Art zu bewerten. Die Fernsehnetzwerke kennen keinen nationalen Grenzen, keine Klassen-, Status- und Einkommensunterschiede. Ihre Bilder werden in nicht-westlichen Ländern oder in den ärmsten Schichten der westlichen Bevölkerung empfangen, die eine schwache oder gar keine Kaufkraft haben. Die unkörperlichen Transformationen wirken gut auf die Seele der FernsehzuschauerInnen, indem sie ein neues Empfindungsvermögen schaffen, denn ein Mögliches existiert wohl, wenn auch nicht außerhalb seines Ausdrucksmediums (den Fernsehbildern). Diesem Möglichen genügt es, um eine gewisse Wirklichkeit zu haben, dass es durch ein Zeichen ausgedrückt wird, wie Deleuze es uns vorgeführt hat. Aber die Verwirklichung in den Körpern, die Möglichkeit zu kaufen und mit seinem Körper unter den Dienstleistungen und Waren zu leben, die von den Zeichen als mögliche Welten ausgedrückt werden, folgt dem nicht immer (und für eine Mehrheit der Weltbevölkerung überhaupt nicht), wodurch Erwartungen, Frustrationen und Ablehnung Anlass gegeben wird. Suely Rolnik spricht in Zusammenhang mit der Beobachtung dieser Phänomene in Brasilien von zwei subjektiven Figuren, die zwei Extreme darstellen, in denen sich die Variationen der Seele und des Körpers artikulieren, die von der gerade beschriebenen Logik produziert werden: dem Glanz der "Luxus-Subjektivität" und dem Elend der "Abfallsubjektivität". Der Westen ist entsetzt von den neuen "islamischen" Subjektivitäten. Aber das "Monster" hat er selbst erschaffen, und zwar mithilfe seiner "friedlichsten", verführerischsten Techniken. Wir stehen hier nicht Resten von traditionellen und zu modernisierenden Gesellschaften gegenüber, sondern tatsächlichen Cyborgs, die das "Älteste" mit dem "Modernsten" verbinden. Die unkörperlichen Transformationen geschehen zuerst und schneller als die körperlichen Transformationen. Drei Viertel der Menschheit sind von diesen letzteren ausgeschlossen, sie haben leichter Zugang zu den ersteren (zuerst und vor allem durch das Fernsehen). Der zeitgenössische Kapitalismus kommt nicht zuerst mit den Fabriken an; diese folgen nach, wenn sie überhaupt kommen. Er kommt zuerst mit Worten, Zeichen und Bildern an. Und ebendiese Technologien gehen heute nicht nur den Fabriken, sondern auch der Kriegsmaschine voraus. Das Ereignis ist eine Begegnung und sogar eine doppelte: Das eine Mal trifft es die Seele, das andere Mal den Körper. Diese doppelte Begegnung kann einer doppelten Verschiebung Raum geben, denn sie ist ja nur eine Eröffnung von Möglichkeiten in der Modalität des "Problematischen". Die Werbung ist nur eine mögliche Welt, eine Falte, die Virtualitäten birgt. Die Ausfaltung dessen, was in ihr eingehüllt ist, die Entfaltung der Falte, kann vollkommen heterogene Effekte hervorbringen, denn zum einen begegnen sie Monaden, die alle autonome, unabhängige und virtuelle Singularitäten sind. Zum anderen – wie wir in der neo-monadologischen Ontologie gesehen haben – ist eine andere mögliche Welt immer virtuell vorhanden. Die Gabelung divergierender Serien sucht den zeitgenössischen Kapitalismus heim. Unvereinbare Welten entfalten sich in derselben Welt. Deshalb ist der kapitalistische Prozess der Aneignung niemals in sich selbst geschlossen, sondern immer ungewiss, unvorhersehbar, offen. "Existieren heißt differieren", und diese Differenzierung ist jedes Mal aufs Neue ungewiss, unvorhersehbar und riskant. Der Kapitalismus versucht diese Gabelung, die virtuell immer durch die Variation und die kontinuierliche Modulation möglich ist, zu kontrollieren: weder Produktion eines Subjekts noch Produktion eines Objekts, sondern Subjekte und Objekte in kontinuierlicher Variation, geleitet durch die Technologien der Modulation, die sich ihrerseits in kontinuierlicher Variation befinden. Die Kontrolle drückt sich in den westlichen Ländern nicht nur durch die Modulation der Gehirne aus, sondern auch durch die Formung der Körper (in Gefängnissen, Schulen und Krankenhäusern) und das Lebensmanagement ("workfare"). Wir würden unseren kapitalistischen Gesellschaften ein Geschenk machen, wenn wir denken, dass alles durch die kontinuierliche Variation der Subjekte und Objekte geschieht, durch die Modulation der Gehirne und mittels der Vereinnahmung des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit durch die Zeichen, Bilder und Aussagen. Die Kontrollgesellschaft integriert die "alten" disziplinären Dispositive. In den nicht-westlichen Gesellschaften, wo die disziplinären Institutionen und das "workfare" schwächer und weniger entwickelt sind, bedeutet Kontrolle sofort Kriegslogik, selbst in Zeiten des "Friedens" (vgl. nach wie vor Brasilien). Der paradigmatische
Körper der westlichen Kontrollgesellschaften wird nicht
mehr durch den eingesperrten Körper des Arbeiters, des
Wahnsinnigen, des Kranken repräsentiert, sondern durch
den fettsüchtigen (voll mit den Welten der Unternehmen)
oder den anorektischen Körper (Ablehnung dieser Welt),
welche im Fernsehen die von Hunger, Gewalt und Durst
geschundenen Körper der Mehrheit der Weltbevölkerung
sehen. Der paradigmatische Körper unserer Gesellschaften
ist nicht mehr der stumme, von den Disziplinen geschmiedete
Körper, sondern es sind die Körper und Seelen, die von
den Zeichen, Wörtern und Bildern (den Unternehmenslogos)
markiert sind, die sich uns einschreiben – ähnlich dem
Verfahren, durch welches die Maschine in Kafkas "Strafkolonie"
ihre Befehle selbst noch in die Haut der Verurteilten
einritzt. Bilder, Zeichen und sprachliche Aussagen sind also das Mögliche, mögliche Welten, die die Seelen (die Gehirne) affizieren und sich in den Körpern verwirklichen müssen. Bilder, Zeichen und Aussagen intervenieren sowohl bei den unkörperlichen als auch bei den körperlichen Transformationen. Ihre Wirkungsweise ist die der Erschaffung und Realisierung von Möglichem, und nicht die der Repräsentation. Sie tragen zu den Metamorphosen der Subjektivität bei, und nicht zu ihrer Repräsentation. |