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Realitäten träumen Die einzige Form,
in der sich kulturelles Gedächtnis schaffen lässt, ist,
sich in den Träumen der anderen erinnert zu machen.
Träumende Wirklichkeit In revolutionären
Zeiten scheint die Wirklichkeit Welten zu träumen, überraschend
und unerwartet in ihrem Willen diese Träume zu verwirklichen.
Die große russische Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts
markiert, neben so vielen anderen großen Impulsen, auch
den Beginn eines Kollektivs von Träumern revolutionärer
Realität. Sie formt eine Handvoll Leute, die in ihren
Werken, die sie Kino-Arbeiten nennen, auf der Suche
sind nach einem wahrhaften Ausdruck revolutionärer Identität.
Sie sind begeistert von der Idee, im Reflex der Wirklichkeit,
der ihre Arbeiten erhellt, absolute Genauigkeit erreichen
zu können, und sie experimentieren und schöpfen eine
Vielfalt dokumentarischer Formen. Inspiriert vom Enthusiasmus,
die Kamera als mechanisches Auge zu sehen, das frei
ist von Vorlieben und Vorurteilen, benennen sie sich
in ihrem Manifest von 1924 folgendermaßen: Die ersten Kinoki
schlagen eine grundlegende Methodologie vor, die seit
fast einem Jahrhundert Kino-Arbeiten und eine fortgesetzte
Reflexion über mannigfaltige Fragen der Repräsentation
und Selbstbestimmung hervorbringt: Ihr Manifest gipfelt
in einer radikalen Demokratisierung der Kunst: Diese Verschrobenheit,
kulturelle Kreativität als populären Traum verstehen
zu wollen, sieht sich bald mit der Ernsthaftigkeit des
stalinistischen realen Sozialismus konfrontiert, der
ihre Ausübung und Entwicklung verhindert; die Kino-Arbeiten
der Kinoki beginnen zu versiegen: Nur wer die Wahrheit als alltägliche kulturelle Praxis träumt, gelangt zur Poesie der objektiven Realität. Die Verbindungen zu lösen, die das künstlerische Schaffen mit den populären Praktiken verknüpft, bedeutet die Nabelschnur durchzuschneiden, die die Träume mit den kulturellen Realitäten verbindet. Gezwungenermaßen von ihrem selbst bestimmten Ausdruck entfernt, gerät die Bewegung der Kinoki mehrere Jahrzehnte hindurch in Vergessenheit, bis der Fall des realen Sozialismus wiederum den Raum für eine erneuerte Praxis audiovisueller Selbstbestimmung eröffnet.
Vom Träumen und Wünschen Die Kinoki des ausgehenden 20. Jahrhunderts bilden sich anhand der Analyse und Debatte der Ablehnung des Sozialismus in einem sechsten Teil der Erde. Ausgerüstet mit Kinoprojektionsapparaten von 35 und 16 mm, die sie vom verschwundenen Regime erben, gehen sie aufs Land, schaffen Wanderkinos an den Rändern der ehemaligen sozialistischen Republiken und suchen die Auseinandersetzung und den Dialog darüber, was sie als Wunschmaschinen bezeichnen. "So viele Regimes scheiterten an der Unterschätzung der Kraft des Wunsches. Der Wunsch markiert den Ort des Kampfes um Selbstbestimmung im Nabel des Traums. Der Wunsch erstrebt nicht nur seine Fortsetzung und Vervielfältigung – der einzige Aspekt, auf den die kapitalistische Wunschproduktion reagiert –, sondern der Wunsch begehrt seine Verwirklichung im Herzen der kollektiven Träume."[5] Den politischen Charakter
des Wunsches zu verneinen, reduziert die Träume auf
isolierte individuelle Zufälligkeiten, deren Verantwortung
dann Irrenanstalten und psychiatrische Behandlungen
übernehmen. Von daher die Notwendigkeit, die Haltung
und die Praxis zu verändern, in der audiovisuelle Werke
vorgezeigt werden, um die Kino-Theater zu verändern,
die ein steriles Genießen feiern, das dem audiovisuellen
Ausdruck entgegengesetzt ist, der sich durch den Eindruck
und die Verzückung auszeichnet. Die Kinoki verändern
dies durch den Einsatz mobiler Equipments, die sie in
öffentlichen Räumen, Arbeitsplätzen, Kantinen und Dörfern
installieren, um einen Dialog mit den Leuten zu beginnen,
der allen Beteiligten gleichermaßen zugute kommt: ZuschauerInnen,
VorführerInnen und SchöpferInnen, weil sich ihre Beziehung
zueinander während des Prozesses der Interaktion verändert
und weil dadurch ein gegenseitiger Austausch von Information,
Reflexion und Traum ermöglicht wird. Diese erneuerte
Praxis bringt wiederum den Wunsch nach einer Demokratisierung
der Künste hervor: Das ausdrückliche Ziel der Kinoki ist es, die Konsumenten aus ihrer passiven Haltung zu locken und sie in Produzenten ihrer eigenen Bilder zu verwandeln, Schöpfer einer selbst bestimmten Identität, Darsteller der eigenen kollektiven Träume.
Ein Heer von Träumern Die Winde der Veränderung
im Südosten Mexikos erinnern die Träumer der Welt an
die Blume des Wortes, die den Wunsch auffordert, in
den Träumen des indigenen Gedächtnisses zu erblühen.
Gleichberechtigte Welten träumend, schafft das Wort
Übereinkünfte und beginnt die Wirklichkeit zu verändern.
Durch die Interaktion im interkulturellen, multiethnischen
und polyphonen Dialog verändert sich Kinoki mit seiner
Ankunft in Kinoki.Lumal. Gewachsen um Lumal, das Volk
und die Erde der Maya-Tzeltal, beginnen die Kino-Arbeiten
mit Dörfern und Gesellschaften der Tzeltales; nächtens
unter dem bestirnten Himmel, oder unter einem Dach verwirklicht
sich, was Lumal Kino-Mekapal nennt: Video-Kino, das
mit dem Mekapal getragen wird, der unvergleichlichen
indigenen Trage-Erfindung. Kinoki.Lumal bewegt
sich in Richtung der audiovisuellen Selbstbestimmung,
indem es einige der Übereinkünfte, die das Wort erlangt,
in die Praxis übersetzt: Auf dem Weg haben
wir viele Dinge von den Leuten gelernt, und wir möchten
ihnen diesen Gefallen zurückgeben, indem wir ihnen
Kino zur Verfügung stellen, weil dieses Kino existiert
und bereits Hoffnungen entwickelt hat durch den kreativen
Beitrag der indigenen Bauern, die mit uns ihre Erfahrungen,
ihre Wärme und Emotion geteilt haben und uns ihren Rat
und ihre Ideen geben. Mit ihnen eine erneuerte kulturelle
Praxis träumend, versucht Kinoki.Lumal:
Elemente einer traumwandlerischen Theorie Formen indigenen Kinos Frühe kinematografische
Theorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts analysiert, daß
der Eindruck des neuen Ausdrucksmediums sich dem Schock
schuldet, dem unerwarteten Schlag, mit dem der Schnitt
den Blick überrascht, dem Wechsel der Perspektive, der
den gemeinen Sinn für Kontinuität stört, der Abruptheit
der visuellen Montage.[9] Wenn diese Sequenzen zur kollektiven Teilnahme einladen, dann weil sich in ihnen einige Züge des indigenen symbolischen Universums widerspiegeln. Ununterbrochene Aufnahmen, die eine zeitliche und räumliche Kontinuität schaffen, laden zu einer kontemplativen und harmonischen Lektüre ein. Wir träumen davon, dass eine solche kulturelle Praxis von einer Weltsicht vorgezeichnet ist, die die verschiedensten Elemente in eine Art von integralem Mosaik zu verschmelzen vermag. In der Sprache der Maya-Tzeltal finden wir ein Verb, das in seiner Bedeutung das weite Feld von Reflexion und Beobachtung absteckt: "snopel", das sowohl "denken" als auch "beobachten, um zu erkennen" ausdrückt. Gleichermaßen scheint
es, dass in der Ablehnung der abrupten visuellen Montage
und im Gebrauch von Panoramasequenzen, die mit bestimmten
Abstand aufgenommen sind, um den Bildausschnitt der
Interaktion verschiedener Darsteller zu öffnen, sich
ausdrückt, was die indigenen Bauern so oft als die Charakteristik
des Lebens ihrer Vorfahren beschreiben: Respekt.
Inhalte des indigenen Kinos Indigene Leute ziehen
es aufgrund von kulturellen Traditionen vor, sich selbst
zuerst als Mitglieder einer Gruppe zu verstehen und
danach erst als isolierte Individuen; ihre Lebensweise
ist nicht individualistisch.
Der Traum des Schutzgottes[13] Es war eine große
Ehre und Anerkennung der Kino-Arbeiten von Kinoki.Lumal,
als wir die Einladung des großen Komitees Ajaw Tepepul[14]
erhielten, gemeinsam mit ihnen einen Dokumentarfilm
über ihren wichtigsten Schutzgott, den alten Großvater,
den Rilaj mam zu erarbeiten. In vielen Aspekten war
die Arbeit über die Gottheit der Leute von Santiago
Atitlan wie eine Probe für so viele Reflexionen und
Träume über ein selbst bestimmtes indigenes Kino. Indem wir den Schutzgott
und seine Brüderschaft auf dem Weg von einem Haus ins
andere begleiteten, traten wir ein in eine komplexe
Dynamik zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Wie das
Sichtbare auf das Unsichtbare verweist, so deutet die
Maske des Rilaj mam, als einzig Fassbares seines Gesichtes,
durch seinen Inhalt auf eine konkrete Lesbarkeit dessen,
was sie verbirgt: Durch die Teilnahme am kollektiven Traum vermag die Kino-Arbeit einige Aspekte zu erhellen, die Tradition und Brauch im Herzen der Dunkelheit situieren: Stück für Stück werden der Gottheit ihre Kleider und Tücher angezogen, Stück für Stück wird modelliert und artikuliert, was Gewand und Aufputz verbergen: den Tinej mam, den Stamm des heiligen Tz´atel, den Baum der roten Bohnen, der das Bild der Tzutuhil in ihrem symbolischen Universum trägt.
Geteilte Träume Anhand der Reflexion des Bildes des Rilaj mam laden uns die Mayas der anderen Seite der Grenze ein, noch weiter zu träumen: Kann es sein, dass der große Ausgelassene in seinen nächtlichen Flügen in anderen Gegenden der weiten Maya Gebiete auftaucht, bekleidet mit seinen Gewändern und Hüten, und mit den Schwestervölkern scherzt? Ist der Bankil, der schelmische Bruder der Tzeltales, die Erscheinung des Bildes der Tzutuhil, der es nicht mag, wenn im Umgang mit ihm, uns der Respekt, oder der Schnaps, oder die Zigarren fehlen? Hoffentlich wird diese kleine Reflexion über Kino und Traum nicht allzu literarisch genommen. Dass Kino träumen macht, erweist sich nächtens: nahe an der Leinwand, niedergelegt, um die panoramische Sicht zu genießen, schlafen die Kinder, ihre audiovisuelle Selbstbestimmung träumend. [1] Kinoki Manifest, Moskau 1924; die historischen Kinoki sind: Jelisaveta Svilova, Dziga Vertov, Michail Kaufman, Boris Kudinov, Ilja Kopalin, Pjotr Sotov und Buschkin. [2] Kinoki Manifest, Moskau 1924 [3] ibid. [4] Dziga Vertov, Tagebücher, Moskau 1937 [5] Kinoki, Wunschmaschinenmanifest, Wien 1990 [6] Kinoki, Bilder träumen, Wien 1992 [7] Übereinkünfte von San Andres, Chiapas, 1996 [8] Kinoki.Lumal, Tragbare Bildwelten, Chiapas, 2000 [9] Walter Benjamin, Kleine Geschichte der Fotografie, Berlin, 1927 [10] Ukamao Gruppe, Jorge Sanjines Aramayo, Theorie und Praxis eines Kinos mit den Leuten, Mexiko, 1979 [11] ibid. [12] So verwirklichen auch die Tzeltal Gesellschaften die Interviews in den Dokumentationen: "Kino-Mekapal" und "Kapel, Kaffee", Kinoki.Lumal, Chiapas, 2000 [13] In Ermangelung eines adäquateren Terminus übersetzen wir das Konzept des "Nawal" vorerst mit Schutzgott. [14] Komitee für soziale Entwicklung, Santiago Atitlan, Guatemala [15] Alberto Vallejo Reyna, Auf den Wegen der alten Schutzgötter, Guatemala, 2001 [16] Diego Chavez Petzey in: Der alte Großvater, Rilajmam, Kinoki.Lumal, 2002 |