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12 2012
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n-1. Die Mannigfaltigkeit machen. Ein philosophisches Manifest

Gerald Raunig

Gerald Raunig

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#occupy and assemble∞

Subjektlose Besetzung, Bewegung ohne Subjekt, asubjektive Zusammensetzung. Die aktuellen Besetzungsbewegungen zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen das Subjekt fehlt. Keine Einheit, keine Ganzheit, keine identifizierbare Klasse. Klassische Revolutionstheorien würden dieses Fehlen als Problem einordnen. Das (revolutionäre) Subjekt als eine Bedingung der Möglichkeit von Aufstand, Insurrektion, Revolution, als fester Bestandteil einer Theorie der Etappen: Erst wenn das Subjekt am Horizont sich als einheitliches zeigt, als molarer Block, als Arbeiterklasse, als Einheitsfront, kann aus dieser Sicht die Revolution beginnen. 

Dass das Subjekt fehlt, muss aber nicht notwendig als Mangel interpretiert werden. Es kann ganz im Gegenteil auch eine neue Qualität der Revolution, von nunmehr molekularer Revolution und von deren Primat der Mannigfaltigkeit anzeigen. Wenn das Subjekt fehlt, steht es nicht einfach aus, als Lücke, die (noch) klafft, um geschlossen zu werden. Für die Komposition einer molekularen Revolution braucht es keine Vereinheitlichung, und auch keine Repräsentation des einheitlichen (Klassen-)Subjekts durch Führer, Partei und Avantgarde. Die Zurückweisung des Primats der Klasse oder einer spezifischen Klasse (sei es das Proletariat, sei es eine von Deklassierung bedrohte Mittelschicht) bedeutet allerdings keinesfalls eine Ausblendung der hierarchisierenden Differenzierung, wie sie in der aktuellen kapitalistischen Produktion radikaler denn je vor sich geht. Differenzkapitalismus rastert die Differenzen, hierarchisiert sie und setzt sie in Wert. Molekulare Mannigfaltigkeit weckt jedoch auch keine Hoffnung in all jene Vorstellungen von Widerständigkeit gegen diesen maschinisch-differenzierenden Kapitalismus, in denen die Homogenisierung und Totalisierung der Differenzen betrieben wird. Selbst in ihrer negativen Erscheinung gibt es keinen Weg hinter die Mannigfaltigkeit zurück, sondern nur ihre dis/kontinuierliche Entfaltung.

Aber auch das Subjekt, das Eine, das Ganze, wo es denn nicht mehr fehlt, ist nicht einem Sammlungs-, Formierungs-, Vereinheitlichungsprozess der vielen Einzelnen, Vereinzelten, Zerstreuten geschuldet, die sich zu einem molaren Block zusammensetzen. Es funktioniert nicht in der Logik der Addition, sondern in jener der Subtraktion. Es muss erst aus der unzählbaren Mannigfaltigkeit extrahiert werden, abgetrennt, ab-gezählt, um Eines zu sein. Das Eine entsteht erst dann, wenn die Logik des Zählens, Einteilens und Festlegens ihre Raster über die Mannigfaltigkeit gelegt hat, wenn das Unzählbare im Vorgang des Abzählens gezähmt wird.

Das Subjekt kann nur erscheinen in der Subtraktion aus der Mannigfaltigkeit. n-1.


Radikale Inklusion und molekulare Organisation

Die occupy-Bewegung, und vor ihr schon die spanische 15M-Bewegung, und in gewissen Aspekten auch die unter dem uniformen Namen des „Arabischen Frühlings“ gelabelten nordafrikanischen Revolutionen, sind zweifellos durchzogen von genealogischen Linien früherer Bewegungen und Aufstände. Die Praxis der Besetzung spielte dabei eine ebenso wiederkehrende Rolle wie die Kritik der Repräsentation und die Erfindung neuer Verwebungen von Zerstreuung und Versammlung. Die amphibischen Wege der revolutionären Maschinen brauchen allerdings heute keinen beständigen Maulwurfsbau mehr, um sich durch die Welt zu graben und hier oder dort, in unterschiedlichen geopolitischen Situationen, in alt-neuer Form ans Tageslicht zu treten. Sie brauchen nicht einmal die Gestalt der Schlange, die sich ihren Weg nach allen Seiten hin immer wieder aufs Neue bahnt, ohne ein festes System von Gängen zu bauen, ohne sich auf das eine Element der Erde zu beschränken und ohne Spuren zu hinterlassen. Die flottierenden Narrative, Aktionsformen und Affektbündel der neuen Besetzungsbewegungen sind sozial-maschinische Gefüge, und so verketten sich in ihnen ohne Übergang Kontinuität und Diskontinuität, Wiederholung und Differenz, Wiederaufnahme und Neuerfindung.

Es gibt kein lineares Verhältnis zwischen den einzelnen Besetzungsbewegungen seit Anfang 2011 und zwischen ihnen und früheren Bewegungen. Die US-amerikanische occupy-Bewegung nahm ihre Anleihen bei den gestischen Techniken des Social Forum wie bei alten anarchistischen Aktionsweisen und basisdemokratischen Versammlungsformen, bei den Wellen der Universitätsbesetzungen seit 2008 ebenso wie bei der Kairoer Praxis der Besetzung des Tahrir-Platzes. Umgekehrt übernahmen ägyptische AktivistInnen Ansätze des in der occupy-Bewegung entwickelten people’s mic. Kein lineares Verhältnis also, das einen Ursprung hier oder da vermuten lässt. Es gibt lediglich Ähnlichkeiten, singuläre Wiederkehr und implizite wie explizite Bezugnahmen, Übersetzungsvorgänge in alle Richtungen und produktive Fehlübersetzungen in allen Dimensionen.

Vor dem Hintergrund dieser Gleichzeitigkeit von Dis- und Konjunktion gelingt es den Besetzungsbewegungen, festlegende Identifikationen hinter sich zu lassen und sich alten, erstarrten Kategorien zu entziehen. Immer wieder durchqueren sie die dichotomen Trennungen in Gewalttätige und Gewaltlose, Revolutionäre und Reformisten, Intellektuelle und Massen, Jung und Alt, Mehrheiten und Minderheiten, Politische und Un- oder Antipolitische. Was zählt, ist die Affektion im Zwischenraum dieser ungleichen Paare, die gemeinsame Aktion in der Abwägung der Gefahren für die prekären Körper, die Praxis der radikalen Inklusion.

Radikale Inklusion ist keineswegs die differenzlose, farce-förmige Wiederholung eines Hippie-Traums, romantische Projektion der Aufhebung von Klassenschranken und nationalen Grenzen, die Phantasie von einer umstandslosen Verbrüderung. Der Begriff zeichnet aber auch nicht einfach nur das Bild einer offenen Türe (wie in „die Türe einen Spalt weit offen lassen“), des Einlassens in einen Raum und auf die oder den Eingelassene/n, der möglichen Integration in ein schon bestehendes Territorium. Radikale Inklusion meint vielmehr die Potenzialität der Offenheit des existenziellen Territoriums selbst, eines grundsätzlich inklusiven, torlosen, schwellenlosen, nicht von vornherein von Grenzen umgebenen und durchzogenen Territoriums, einer inklusiven Weise der Reterritorialisierung von Raum und Zeit. Das impliziert nicht nur die Abwesenheit einer sozialen Präformierung des Territoriums, es impliziert auch die Unmöglichkeit linear-strategischer Planung, die Unvorhersehbarkeit, die soziale und organisatorische Offenheit der molekularen Reterritorialisierung.

Es betrifft nicht nur den Raum, wenn hier von Reterritorialisierung die Rede ist. Es ist auch die Wiederaneignung der Zeit, die die Aktionsweisen der Protestierenden prägt. Die BesetzerInnen nehmen den Raum und die Zeit ernst, die sie einrichten, sie nehmen sich die Zeit für lange, geduldige Diskussionen, die Zeit, vor Ort zu bleiben, einen neuen Alltag zu entwickeln. In einem ansonsten uferlosen Alltag breiten sie kleine neue Dauern des Alltags aus. Das ist kein Ausstieg, kein Ausklinken aus dieser Welt, keine Aus-Zeit, sondern eine Bresche in die Zeitregime dienstbarer Deterritorialisierung. Kein Kampf mehr bloß um Verringerung der Arbeitszeit, sondern um eine gänzlich neue Streifung der ganzen Zeit. Im maschinischen Kapitalismus geht es ums Ganze, um die Totalität der Zeit, ihre gesamte Vereinnahmung. Inmitten der nervösen Poly-Rhythmik prekärer Leben wird in der Besetzung als Reterritorialisierung von Zeit ein Überschuss erfunden, in all der Dienstbarkeit ein Begehren, nicht so indienstgenommen zu werden. Inmitten der eiligen Zeitlosigkeit setzen die prekären BesetzerInnen andere Zeit-Verhältnisse, streifen die Zeit in der Geduld der Versammlungen, im Ausbreiten des Lebens, Wohnens, Schlafens auf die Plätze.

Radikale Inklusion bedeutet die Verschiedenheit auszuhalten, zu affirmieren, und darin immer weiter zu differenzieren, zu multiplizieren, als kontinuierliche Erweiterung der Mannigfaltigkeit: Verschiedenheit zwischen den differenziert hierarchisierten Prekären, Verschiedenheit zwischen verschiedenen Gruppen von Obdachlosen, von Obdachlosigkeit Bedrohten und um ihr Recht auf Wohnung Kämpfenden, Verschiedenheit der militanten Ausdrucksweisen von jüngeren und älteren Generationen, Verschiedenheit jener, die bei Versammlungen körperlich anwesend sein können und jener, die das nicht können, deren Präsenz dennoch ermöglicht wird durch eine postmediale Ökologie der Livestreams, Tweets und sozialen Netzwerke.

Radikale Inklusion impliziert keineswegs, Reterritorialisierung als Rassismen oder Sexismen zuzulassen. Im Gegenteil, die Mannigfaltigkeit soll eine Form zur Verfügung stellen, die jeder diskriminierenden Identifizierung den Boden entzieht. Es heißt allerdings auch nicht, dass es sich um eine absolute Deterritorialisierung handelt, in der jede Reterritorialisierung, auch jeder Versuch der Organisierung ausgeschlossen bleibt. Vielmehr geht es um molekulare Organisationsformen, um die Instituierung von immer neuen existenziellen Territorien, die den Schließungen etwas entgegen setzen. Statt allerdings die molaren Organisationsnarrative der Revolutionsgeschichte (und ihrer strukturalisierenden Geschichtsschreibung) als einzig mögliche anzuerkennen und unendlich zu reproduzieren, braucht es Invention, Erfindungskraft und Vervielfältigung der revolutionären Praxen und Narrative. Dann wird aus dem einen großen Ereignis eine nicht abreißende Kette instituierender Praxen, aus der Übernahme des Staatsapparats eine Verstetigung konstituierender Macht, aus der Institutionalisierung der Revolution die Erfindung immer neuer Monster-Institutionen, Institutionen des Gemeinsamen.

Molare Organisation entsteht als rasternde Reterritorialisierung, sie spitzt die Kämpfe auf eine Hauptsache zu, einen Hauptwiderspruch, ein Haupt. In einer molekularen Welt der Mannigfaltigkeit, Zerstreuung und Vielheit braucht es eine andere Form der Reterritorialisierung, eine molekulare und inklusive Reterritorialisierung, jenseits von individuellen oder kollektiven Vorrechten. Sie verfolgt keine partikularen Ziele, baut keine Vorrechte auf, um sie abzusichern. Quer zu allen individuellen oder kollektiven Vorrechten stehen die Sonderrechte jeder einzelnen Singularität. Doch diese Sonderrechte gibt es nur da, wo jede Singularität ihre eigene Sonderbarkeit ihren Möglichkeiten gemäß ausleben, ihre eigene Form der Verkettung erproben kann. Keine privilegierte Position für die Intellektuellen, die Parteifunktionäre, die KünstlerInnen, den schwarzen Block oder die Berufsrevolutionäre. Exklusivität für alle. Molekulare Kämpfe sind Kämpfe, die in den Nebensachen entstehen und sich weiter verbreiten über die Nebensachen der Nebensachen. Kein Haupt krönt die molekulare Organisation.

Vielheit, Zerstreutheit, Mannigfaltigkeit existieren schon völlig offensichtlich in den zeitgenössischen Produktionsweisen des postfordistischen Kapitalismus, in aktuellen Lebensweisen, kaum aber in den politischen Organisationsformen. Die Multitude ist zur technischen Zusammensetzung der postfordistischen Produktion geworden, zugleich aber in viel zu geringem Ausmaß zur politischen Zusammensetzung. Im Gegenteil, die existenten Formen politischer Zusammensetzung scheinen eine nicht-identitäre Komposition der zerstreuten Vielheit eher zu verhindern als zu fördern. Gewerkschaften, Parteien und andere traditionelle Institutionen sind in ihrer starren, strukturalisierten Gestalt oft Hemmnisse für die Imagination und Invention einer molekularen politischen Organisation.

Dezentrale, polyzentrische, molekulare Organisationsweisen blieben andererseits in den 1990er und 2000er Jahren auf kleine Teile von sozialen Bewegungen beschränkt. Vom Zapatismus bis zu Reclaim the Streets, von der Globalisierungskritik bis zu den argentinischen Piqueteros, vom noborder-Netzwerk bis zur Euromayday-Bewegung  mehrten sich die repräsentationskritischen Praxen, doch eine massive, monströse, virale Ausbreitung der Molekularität blieb aus. Während sich auf der Ebene der Produktionsweisen Zerstreuung, Vielheit und Kooperation in der Form eines Kommunismus des Kapitals durchgesetzt haben, blieb die Mannigfaltigkeit der politischen Organisation marginal.

Sicher, die Anrufung der Multitude währt auch schon mehr als ein Jahrzehnt. „Es genügt aber nicht zu rufen Es lebe die Mannigfaltigkeit!, so schwer dieser Ausruf auch fallen mag. […] Das Mannigfaltige muss gemacht werden“. Diese Aufforderung von Gilles Deleuze und Félix Guattari scheint nun, mehr als dreißig Jahre nach ihrer Veröffentlichung, wie die Mannigfaltigkeit selbst über die Wahrnehmbarkeitsschwellen von mikropolitischen Unternehmungen hinaus zu strömen – „in allen Dimensionen, über die man verfügt, immer n-1“. n-1, die Formel für die Mannigfaltigkeit aus Tausend Plateaus, sie scheint in einer nie zuvor dagewesenen Breite verwirklicht zu werden, in den Besetzungen der letzten Jahre, verstärkt seit Beginn 2011, in ihren inventiven Techniken, die in der Tat „Mannigfaltigkeiten machen“.


Human microphone: Weder menschlich noch Mikrophon

Das human microphone (oder people’s mic) ist neben den Versammlungs- und Besetzungsformen wahrscheinlich die meist thematisierte Praxis der occupy-Bewegung. Seine Verwendung war im September 2011 fast zufällig und gleichsam aus der Not der gesetzlichen Situation am Zuccotti Park entstanden, hat sich aber schnell weit über die erste Besetzung in Manhattan hinaus entwickelt und weiter ausdifferenziert.

Der spezifische erste Platz der Besetzung der Wall Street, mit seinem alten Namen Liberty Plaza, verkörpert das aktuelle Paradox des Verschwimmens von öffentlich und privat als ein öffentlicher Platz in Privatbesitz. Hier wurde nun das leere Versprechen des „öffentlichen Raums“ beim Wort genommen: Öffentlicher Raum existiert nicht, und schon gar nicht in den glatten Räumen der urbanen Zentren, sei es der touristische Nicht-Ort der Puerta del Sol, sei es die privatisierte Sphäre des Zuccotti Parks, sei es das Verkehrsgewimmel des Tahrir-Platzes. Und dennoch – oder gerade deswegen – besetzen die neuen Aktivismen die zentralen Plätze, machen aus ihnen Gemein-Plätze, als paradoxe Provokation von Normativität und Normalisierung.

Zuccotti Park ist insofern speziell, als er ein öffentlicher Platz in Privatbesitz ist. Vor diesem Hintergrund war es den BesetzerInnen polizeilich verboten, Mikrophone, Megaphone oder technische Anlagen zu benutzen. Deswegen begannen sie, bei größeren general assemblies jeden einzelnen Satz der SprecherInnen im Chor zu wiederholen. Die Funktionalität dieser Wiederholung bestand zunächst einfach darin, in einem Open-Air-Setting auch für Hunderte von Leuten Verständlichkeit der Rede herzustellen.

Dieses Procedere der „Verstärkung“ sieht aus der Distanz (zum Beispiel der Repräsentation in YouTube-Videos) sehr nach einer priesterlichen Technik aus. Hier die heisere Stimme der VorbeterIn, dort die begeisterte Affirmation der Gemeinde. Zwischen Hirten und Herde besteht das pastorale Verhältnis der Regierung des Ganzen und der Individuen – omnes et singulatim. Die Singularitäten drohen in diesem zugleich homogenisierenden und individualisierenden Prozess unterzugehen. Je mehr Sätze die Menge wiederholt, desto mehr scheint der Inhalt, die Bedeutung und die Aneignung der Aussagen in den Hintergrund zu verschwinden. Während manche gerade durch das pastorale (Selbst-)Verhältnis in Trance zu fallen scheinen, bringt für andere die Erschöpfung eine gewisse Automatisierung: Die mechanische Reproduktion des fein säuberlich in Portionen geteilten Sprachmaterials kann aus dieser Sicht auch als Einübung in (Selbst-)Unterwerfung gesehen werden.

Sieht man das human microphone nur aus dieser Perspektive, müsste man es als Technik der Zentralisierung, Homogenisierung und Vereinheitlichung der Vielheit verstehen. Doch vielleicht ist es vielmehr so, „dass eine solche maschinische Mannigfaltigkeit, ein maschinisches Gefüge oder eine maschinische Gesellschaft jeden zentralisierenden und vereinheitlichenden Automaten als ‚asozialen Eindringling‘ zurückweist. Also ist n immer n-1.“ In dieser zweiten Bedeutung des Minus in n-1 geht es nicht mehr nur darum, dass das Eine nicht dem Mannigfaltigen vorgängig ist, dass es nicht schon immer Teil der Mannigfaltigkeit war, dass es erst in und aus der Subtraktion entsteht. Das Eine, die Einheit, die Vereinheitlichung ist nicht nur Abfallprodukt der Einführung eines Rasters der Zählbarkeit – es wird durch die maschinische Mannigfaltigkeit aktiv zurückgewiesen. Die molekulare Menge, das Mannigfaltige weist den „asozialen Eindringling“ des Einen zurück, es attackiert das Eine, es lässt die Transformation des Unzählbaren in die Matrix des Zählens nicht zu. 

Aus diesem Blickwinkel kann die Potenzialität des human microphone als offensive Form für die Vielheit und Vielstimmigkeit betont werden, in der der Chor als Verstärkung sich weder auf die euphorische noch auf die automatische Affirmation der SprecherInnen beschränkt. In dieser Hinsicht ist das human microphone allerdings weder „menschlich“ noch „Mikrophon“. Es ist kein Mikrophon, weil es nicht auf elektrischen Spannungsänderungen und der möglichst genauen Wiedergabe einer Quelle beruht, auf der Unterdrückung von Nebengeräuschen. Es befördert vielmehr die Vielfalt, die Vervielfältigung der Stimmen, und zugleich produziert es „Nebengeräusche“, anstatt sie zu unterdrücken. Es geht also nicht (nur) um die möglichst genaue Wiedergabe des Sprachmaterials, um die reine Reproduktion linguistischen Inhalts, sondern um eine fortgesetzte Auffaltung der Äußerung.

Das human microphone entbehrt aber nicht nur der zentralen Merkmale eines Mikrofons, es ist auch nicht „menschlich“. Die Betonung der Menschlichkeit verliert das sozial-maschinische Verhältnis aus dem Auge, aus dem heraus die Äußerungen der Vielheit entstehen. Die Vervielfältigung der Stimmen moduliert auch den gesprochenen Inhalt in ein vielstimmiges Gemurmel. Zunächst sind es gewiss die vielen Stimmen, die sich da bemühen, die eine Stimme zu verstärken. Aber es geht nicht einfach nur um die Stimmen unterschiedlicher Individuen, die sich zu einem möglichst klar verständlichen, linguistisch möglichst eindeutigen Chor zusammensetzen. Es geht auch um ein Verschwimmenlassen von AutorIn und Publikum, und das vor dem Hintergrund einer neuen Schizo-Kompetenz, einer inventiven, maschinischen Subjektivität, die Multi-Tasking zwischen Rezeption, Wiederholung und Entwicklung/Äußerung der eigenen Haltung erst ermöglicht. Wie im Alltag der postfordistischen Produktion, durchquert von allen möglichen polyphonen, polyvokalen und polyaffektiven Linien, geht einiges durcheinander, und das zur gleichen Zeit. Wir können gleichzeitig hören, wiederholen und uns dazu verhalten.

Das Eine steht niemals als Einheit, als Identität in Beziehung, in Austausch mit dem Mannigfaltigen: Das Eine als Ganzes wird immer nur abgezählt. Es gibt nur dann eine Beziehung zwischen dem Mannigfaltigen und dem Einen, wenn das Eine als Singuläres auftaucht, das nun nicht mehr vom Unendlich-Mannigfaltigen abgezogen wird. Singularitäten stehen im Austausch mit der Mannigfaltigkeit, als Kom-ponenten einer monströsen Kom-position, wie die einzelnen Stimmen Vielstimmigkeit erzeugen, indem sie nicht übereinstimmen, sondern in je verschiedener Weise zusammenstimmen. Das gilt auch für die Praxis der Mikro-Verstärkung des human microphone.

Es kann vorkommen, dass der Chor, dessen Stimmen dasselbe sprechen, sich als radikal vielstimmig und differenziert erweist: Die eine Stimme unterstützt die SprecherIn mit Handzeichen, die nächste erklärt, während sie den letzten Satz der SprecherIn wiederholt, mit anderen Handzeichen ihren Dissens, und die dritte hat sich von der SprecherIn abgewendet, um so besser die Verstärkerfunktion für die Umstehenden zu gewährleisten.


Mehrere-Werden: Ausbreitung in allen Dimensionen, unzählbar

Im Laufe der Ausweitung der occupy-Bewegung wurde das Verfahren des human microphone auf immer größere Versammlungen ausgedehnt, in mehreren Wellen der Wiederholung auf bis zu fünf Wiederholungen, eine wahrhaft massive Verstärkung, und sogar in der bewegten Großdemonstration fand die neue Praxis des Mic Check in Manhattan ihre spontane Anwendung. Doch es wäre falsch, die Entstehung und Ausbreitung des Mannigfaltigen in der Logik des Zählens durch Addition und quantitative Vermehrung zu erklären. Das Mannigfaltige wird nicht dadurch gemacht, „dass man immer wieder eine höhere Dimension hinzufügt, sondern vielmehr schlicht und einfach in allen Dimensionen, über die man verfügt, immer n-1.“ Die Überwindung der additiven Logik des (Hinzu-)Zählens ist ebenso Grundlage der Produktion von Mannigfaltigkeit wie die Zurückweisung des Einen, das erst im (Ab-)Zählen (von) der Mannigfaltigkeit entsteht.

Eines der wichtigsten Sprachrohre der occupy-Bewegung ist das New Yorker Magazin mit den Namen n+1. Entstanden aus der alten Notwendigkeit des politischen Engagements von Intellektuellen, versucht n+1 seit 2004, Kultur- und Literaturkritik mit aktuellen Fragen zur „intellectual situation“ zu verbinden. Die HerausgeberInnen des Magazins veröffentlichten in den letzten Monaten auch mehrere semi-reguläre Ausgaben der Zeitung occupy. Mit dieser Involvierung der Kulturkritik in aktivistische Praxen hat n+1 zweifellos zur Vielfalt der New Yorker Besetzungsbewegung beigetragen. Doch aus der Sicht des Machens der Mannigfaltigkeit sind Praxis und Titel der Zeitschrift, n+1, problematisch. Wie die Zeitschrift nicht absehen kann von der klassischen Zentralität des Intellektuellen im Raster der Repräsentation, bleibt sie auch gefangen in den gängigen Vorstellungen der Verbreitung und Verkettung von Erfahrung, Wissen, Intellekt. Gegen alle Erfahrung der Instrumentalisierung von Medien-Intellektuellen als Funktion der Massenmedien wird hier noch immer eine Vorstellung befördert, die den Intellektuellen als Quelle des Wissens und die Medien als Transportmittel dieses Wissens hin zu den Massen begreift.

Mit der Chiffre n+1 wird eine falsche Mannigfaltigkeit konstruiert, eine „Mannigfaltigkeit“ in der Logik der Zählbarkeit, deren Ausbreitung als Addition von Einheiten funktioniert. Eine derartige Logik, die sich n+1 entwickelt, leitet sich aus der Eins her, und man kann ihr die Eins hinzuaddieren. Die Mannigfaltigkeit besteht aber gerade nicht aus Einheiten, sondern in singulären Dimensionen, die sich in beweglichen Richtungen ausbreiten. Singularitäten und Mannigfaltigkeit, Komponenten und Komposition sind dabei ko-emergent, gleichursprünglich oder ohne jeden Ursprung, während Einheiten erst durch Subtraktion als abgezählte aus der Mannigfaltigkeit entstehen. Wie die Mannigfaltigkeit also kein Subjekt „hat“, hat sie auch kein Objekt.

Die Besetzungsbewegungen greifen die Erfahrungen der Repräsentationskritik und der nicht-repräsentationistischen Praxen der letzten Jahrzehnte auf. Sie haben den Slogan „Besetzt alles, fordert nichts!“ erfunden, sie stellen keine Forderungen, auch wenn das die RepräsentantInnen der Repräsentation in Politik und Medien immer massiver einfordern. Sie wenden sich gegen alle Formen der Repräsentation, auch gegen das Primat des Gesichts und des Namens. Sie haben sich dafür entschieden, gesichtslos zu bleiben, zugleich eine Mannigfaltigkeit von Gesichtern, keine Intellektuellen als Stimmen der Bewegung zu etablieren, zugleich einen transversalen Intellekt, keine Sichtbarkeit in den Mainstream-Medien zu erzeugen, zugleich eine mannigfaltige Sichtbarkeit in den vielen Formen postmedialer Ökologie.

Damit bleibt allerdings das Problem der Ausbreitung bestehen, und mit ihm die alte Frage: Wie können wir mehr werden? Doch die Frage ist schon falsch gestellt. Vom Wir ausgehend, landen wir immer bei der Frage nach der Mehrheit. Mehr-Sein als Mehrheit ist Wunschvorstellung und Zielpunkt einer linearen Vorstellung von Ausbreitung über Sender und Empfänger, Wissensproduktion und –rezeption, RepräsentantInnen und Repräsentierte. Erst in der Wendung der Frage der Mehrheit und des Mehr-Seins eines Wir in eine Frage des Mehrere-Werdens lässt sich die dominante Logik des n+1 in eine Zurückweisung von Identifizierung und Repräsentation, in n-1 wandeln.

Mehrere-Werden spielt sich immer in den Dimensionen der Mannigfaltigkeit ab. Die Mehrheit spielt in diesen Dimensionen keine Rolle. Und auch 99 % bedeuten hier keine Mehrheit, nicht einmal jene 146 %, von denen der Moskauer Philosoph Alexei Penzin ironisch im Zusammenhang der russischen Wahlfälschungen im Dezember 2011 schrieb, die aus dem zarten Pflänzchen occupy moscow eine veritable soziale Bewegung entstehen ließen. In einer postmedialen Ökologie versteht sich Vermehrung und Verbreitung nicht als Addition von einem zum anderen, sondern vor allem im Modus der maschinisch-monströsen Ansteckung. Hier verlieren Medien ihre Qualität als Mitte in einem linearen Prozess der Repräsentation von der Produktion zur Rezeption. Die Mitte ist die Mannigfaltigkeit selbst, aus ihr wächst die Mannigfaltigkeit und breitet sich aus. Es geht nicht mehr um Zielgruppen-Objekte, die durch möglichst reichweitenstarke Massenmedien und ihre AutorInnen-Subjekte „erreicht“ werden, sondern um die Produktion einer ganz anderen Mitte im Hier und Jetzt, einer reißenden Mitte der Mannigfaltigkeit. Medien sind hier nicht Mittel, sie sind Teil der Produktion von Sozialität, sie werden in einem neuen Sinn soziale Medien. Diese Formen von social media verweigern sich einer simplen Instrumentalisierung als Kupplungen zwischen Aktiven und Passiven, Produktion und Rezeption. Denken wir etwa an die Kairoer Praxis, in der eine Vielheit von Video-AktivistInnen ihre Bilder auf YouTube und andere Web-Kanäle stellten, und daran, dass diese Clips dann in Screenings wieder auf den Tahrir-Platz, und später an viele dezentrale Orte in Kairo zurückgebracht wurden. Vielfältige Video-Produktion und -präsentation übersteigt dabei die rein defensive Technik der Dokumentation von Polizei-Übergriffen und staatlicher Repression, sie wird zur viel-perspektivischen Produktion von Bildern und Tönen, zu einem Prozess der Produktion des Sozialen. Oder denken wir an die Livestreams von den Versammlungen seit den Universitätsbesetzungen, in den asambleas und general assemblies. Sie werden zum revolutionären Reality TV und schaffen bei aller Trivialität, nicht selten sogar Lächerlichkeit der Abbildung banaler Diskussionsprozesse eine neue Idee von Transparenz des Politischen.

Postmediale Sozialität entsteht in den verschiedenen Formen der Produktion von Ausdruck, nicht in der Trennung von virtuell/medial und real/körperlich. Die prekären Körper auf den besetzten Plätzen, das human microphone, die Livestreams und sozialen Netzwerke sind Komponenten desselben Gefüges, ebenso medial, im-medial, postmedial wie real. Körper-Maschinen, soziale Maschinen und Technologie-Maschinen verketten sich, in ganz anderer Weise als im sozio-narzisstischen Treiben von Facebook und Co.


Postmediale Sozialität: n-1 vs. Facebook-Revolution

Es stellt eine neue Qualität im Geschäft des Produkt-Marketings dar, dass Produkte nicht mehr von PR-Firmen als Revolution verkauft werden müssen, sondern von der Revolution selbst, aus ihr heraus. Facebook hat diese Erfahrung machen dürfen, indem die arabischen Revolutionen als Facebook-Revolution vermarktet wurden.

Neben einem medialen Tool für Revolutionen, neben einem Mittel zur Selbstpräsentation, Kommunikation und manischen Zurschaustellung des Lebens ist Facebook vor allem unlöschbarer Speicher von Millionen privater Datensätze, Geschäftsmodell zur Ausbeutung unbezahlter Arbeit, Medium der Veräußerung von Daten vor allem für die ökonomischen Zwecke anderer, Medium des Bekenntniszwangs, des Zwangs zur „Ent-privatisierung“. Dieser Zwang beruht in der Hauptsache auf dem Drang ans Licht der virtuellen Sozialität, auf einer Dringlichkeit der Sichtbarkeit, die zusammenhängt mit einer neuen Vorstellung von Privatheit als Defizienz. Der Begriff des Privaten trägt freilich die Defizienz schon immer in sich, den Mangel, das Beraubt-Sein; in der Antike war es ein Mangel an Amt, ein Mangel an Öffentlichkeit, ein Mangel an Möglichkeit, politisch zu handeln. In der Sozialität von zeitgenössischen Social Media wird Privatheit dagegen zum Problem, weil sie Unsichtbarkeit, ökonomische Nicht-Wahrnehmbarkeit und Entkoppelung vom Lebensnerv der sozialen Netze impliziert.

Man könnte dieses Problem ernst nehmen, und in dieser Hinsicht auch als widerständige Praxis eine radikal-affirmative Strategie der De-Privatisierung, der Veröffentlichung, des Öffentlich-Werdens auf allen Ebenen forcieren. Man könnte aber auch gegenläufig sagen, dass offensives Unsichtbar-Werden, Unwahrnehmbar-Werden, Entkoppelung eine notwendige Subjektivierungsweise, eine Form der Desertion aus den sozio-narzisstischen Gefügen der Gegenwart darstellt. Wahrscheinlich bräuchte es die Erfindung von Formen des Changierens zwischen diesen beiden Modellen, der Verkettung, der transversalen Querung.

Jedenfalls entspricht es der postmedialen Lage nicht, auf jene gängige und lineare Konzeptualisierung des Verhältnisses von Sozialität und Medialität zurückfallen, welche das eine durch das andere induziert sieht. Sicherlich war der „Arabische Frühling“ nicht einfach medieninduziert, wie die Platz-Besetzungen und Versammlungen des Jahres 2011 auch nicht allein verantwortlich waren für den Boom der Social Media in diesem Jahr. Insofern bleibt von Begriffen wie dem der Facebook-Revolution nicht viel mehr als der oben erwähnte Marketing-Aspekt einerseits, und der krude-pragmatische Aspekt der Instrumentalisierung von Facebook und Twitter für Zwecke der Mobilisierung andererseits, als taktische Entwendung von kapitalistisch markierten Medien. Beide Interpretationen gehen an der Qualität der sozial-maschinischen Gefüge vorbei, die eine postmediale Sozialität heute auszeichnet.

Diese sozial-maschinische Qualität hat kein Subjekt, kein Objekt, sie entwickelt sich in der Verschränkung von Medialität und Sozialität, in der reißenden Mitte der Mannigfaltigkeit. Sie benötigt selbstorganisierte Netzwerke und deren soziale, freie Software, die sowohl technisch als auch organisatorisch andere Wege einschlagen. Ein solches Netzwerk existiert für die spanisch-sprachigen Räume seit ca. vier Jahren, und zwar, kaum zu glauben, unter dem Namen n-1 und der Adresse n-1.cc. Ein technopolitisches Dispositiv, das die Möglichkeiten von Medialität und Sozialität radikal erweitern will, und zwar in selbstorganisierter Weise, horizontal, für und von den Basen. Gegeninformation, aktivistische Forschung und dissidente Wissensproduktion brauchen aus der Perspektive von n-1 eine andere Qualität von Datenschutz, aber auch andere technische Grundlagen sozialen Verkehrs. Das bedeutet zugleich mehr Privacy und Tools zum sozialen Austausch, mehr Selbstkontrolle über die eigenen Daten und mehr technische Zuverlässigkeit, als die kommerziellen DienstleisterInnen des Web 2.0 bieten können.

Als neues soziales Netzwerk von Hackern und politischen AktivistInnen gegründet, will n-1 zunächst einen Exodus aus den narzisstischen Kreisen von Facebook ermöglichen. Das geschlossene System von Facebook mit seinen Techniken der Dividualisierung des Begehrens soll evakuiert werden. Zugegeben, Exodus heißt hier keine totale Abkehr: Viele der AktivistInnen verwenden n-1 für den politischen Austausch und besitzen zugleich nach wie vor einen Facebook-Account für persönliche Kommunikation. Die breite virale Mobilisierung für 15M zwischen Februar und Mai 2011 wurde auch im Wesentlichen über Facebook, Twitter und YouTube durchgeführt. n-1 war als neues soziales Netzwerk über Jahre nur ein Geheimtipp unter AktivistInnen geblieben. Mit 15M und der Bewegung „democracia real ya!“ änderte sich das allerdings schlagartig. Zwar kommt n-1 nach wie vor nicht an die Mitglieder-Niveaus von Facebook heran, aber im Laufe des Jahres 2011 stieg die Anzahl der Beteiligten auf über 40.000. Es spricht sich herum: In einer Zwischenlage zwischen selbstbestimmter Veröffentlichung und ebenso selbstbestimmten Praxen des Unsichtbar-Werdens lässt sich eine andere Sozialität entwickeln als in den sozio-narzisstischen Netzen, die von ökonomischen Interessen strukturiert sind.

Postmediale Sozialität entsteht gerade in der non-linearen, vermischten Praxis zwischen Plätzen, Straßen, Versammlungen und medialen Räumen. An verschiedenen Maschinen anzuhängen, muss hier nicht bedeuten, von ihnen abhängig zu sein. Sozialität entwickelt sich gerade in den Zwischenräumen der sozialen, medialen und Körper-Maschinen. Die Mannigfaltigkeit machen, das heißt, diese Maschinen zu verketten, anstatt sie in die Apparate des Einen einzuspannen. Zurückweisung des molaren Blocks, Zurückweisung der Einheitsfront, Zurückweisung der (Ab-)Zählung und des einheitlichen Subjekts. n-1.


Ich danke Raúl Sánchez Cedillo, Marcelo Expósito, Montserrat Galcerán und Isabell Lorey für lebhafte Diskussionen, Anna Frei, Sandra Lang und Rastko Močnik für wichtige Hinweise sowie Christoph Brunner und Roberto Nigro für die geteilte Entwicklung einiger Vorarbeiten zu diesem Text.