eipcp transversal real public spaces
09 2003
print

Was heißt Autonomie heute? Rekombinantes Kapital und das Kognitariat

Übersetzt aus dem Englischen von Hito Steyerl

Franco Berardi Bifo

Franco Berardi aka Bifo

biography


Hito Steyerl (translation)

biography


languages

Italiano
Deutsch
English
Español
Français

transversal

real public spaces

Nicht Subjekt, sondern Subjektivierung

Ich habe nicht vor, einen historischen Aufriss der Bewegung, die man Autonomia nennt, zu geben, son­dern möchte ihre historische Spezifik durch einen Blick auf einige Begriffe wie "Arbeitsverweigerung" und "Klassenkomposition" verständlich machen. JournalistInnen verwenden oft das Wort "operaismo", um eine politische und philosophische Bewegung zu beschreiben, die in Italien in den 60ern auftauchte. Ich kann diesen Begriff überhaupt nicht leiden, weil er die Komplexität der sozialen Realität auf das bloße Faktum der zentralen Stellung der IndustriearbeiterInnen in der sozialen Dynamik der Spätmoderne re­duziert.

Der Ursprung dieser philosophischen und politischen Bewegung kann in den Werken von Mario Tronti, Romano Alquati, Raniero Panzieri und Toni Negri verortet werden, und als ihr zentraler Fokus kann die Emanzipation von Hegels Subjektkonzeption verstanden werden. Statt des historischen Subjekts, das mit Hegels Vermächtnis ererbt wurde, sollten wir vom Prozess der Subjektivierung sprechen. Die Subjekti­vierung übernimmt den begrifflichen Ort des Subjekts. Diese Veränderung des Begriffs ist nah verwandt mit der zeitgenössischen Transformation der philosophischen Landschaft, die durch den französischen Poststrukturalismus gefördert wurde. Die Subjektivierung anstelle des Subjekts. Das bedeutet, dass wir uns nicht auf die Identität konzentrieren, sondern auf den Prozess des Werdens. Das bedeutet auch, dass das Konzept der sozialen Klasse kein ontologisches Konzept ist, sondern als vektoriales Konzept verstan­den werden muss.

Im Rahmen des autonomen Denkens wird der Begriff der sozialen Klasse neu definiert als Investition sozialer Begehren, und das bedeutet Kultur, Sexualität, Arbeitsverweigerung. In den 60ern und 70ern sprachen die Philosophen, die in Magazinen wie Classe operaia und Potere operaio schrieben, nicht über soziale Investitionen von Begehren: Sie sprachen bei weitem mehr in leninistischer Diktion. Aber ihre philosophische Geste produzierte eine wichtige Veränderung in der philosophischen Landschaft, von der Zentralität der Arbeiteridentität zur Dezentralisierung des Prozesses der Subjektivierung. Félix Guattari, der dem "operaismo" nach 1977 begegnete und dem die autonomen Denker nach 1977 begegneten, hat immer darauf insistiert, dass wir nicht vom Subjekt sprechen sollten, sondern von einem "Prozess der Subjektivierung".

Auf dieser Basis können wir auch besser verstehen, was der Begriff der Arbeitsverweigerung bedeutet. Arbeitsverweigerung meint nicht so sehr die offensichtliche Tatsache, dass ArbeiterInnen nicht gern aus­gebeutet werden, sondern mehr. Es bedeutet, dass die kapitalistische Restrukturierung, die technologi­schen Veränderungen und die allgemeine Transformation der sozialen Institutionen gerade durch die tägliche Aktivität des Sich-der-Ausbeutung-Entziehens produziert werden, sowie durch die Ablehnung des Zwangs, Mehrwert zu produzieren, den Wert des Kapitals zu erhöhen und somit den Wert des Lebens zu vermindern.

Ich mag den Begriff "operaismo" wegen der impliziten Beschränkung auf eine enge soziale Referenz (die ArbeiterInnen, italienisch "operai") nicht, und würde es vorziehen, den Begriff des "Kompositionismus" zu verwenden. Der Begriff der sozialen Zusammensetzung/Komposition (im italienischen Original "composi­zione") oder der Klassenkomposition/Klassenzusammensetzung, der von "operaistischen" Den­kern gern verwendet wurde, hat mehr mit Chemie zu tun als mit der Geschichte der Gesellschaft.

Ich mag die Idee, dass der Ort, an dem sich das Soziale ereignet, nicht der feste, steinige, historische Boden Hegel'schen Ursprungs ist, sondern eine chemische Umgebung, in der Kultur, Sexualität, Krankheit und Begehren kämpfen und sich treffen und das Panorama kontinuierlich verändern. Wenn wir den Be­griff der Zusammensetzung benützen, können wir besser verstehen, was in Italien in den 70er Jahren passiert ist, und wir können besser verstehen, was Autonomie bedeutet: nicht die Konstitution eines Subjekts, nicht die starke Identifikation menschlicher Wesen mit einem sozialen Schicksal, sondern die kontinuierliche Veränderung sozialer Beziehungen, sexueller Identifikationen und Entidentifikationen, und die Verweigerung der Arbeit.

Die Verweigerung der Arbeit wird gerade durch die Komplexität der sozialen Investitionen des Begehrens generiert. Demnach bedeutet Autonomie, dass das soziale Leben nicht nur von den disziplinären Regu­lierungen abhängt, die von der ökonomischen Macht verhängt werden, sondern auch von den internen Entortungen, Verschiebungen, Verortungen und Auflösungen abhängig ist, die den Prozess der Selbst-Komposition einer lebendigen Gesellschaft bilden. Kampf, Entzug, Entfremdung, Sabotage, Fluchtlinien aus dem kapitalistischen System der Herrschaft.

Autonomie ist die Unabhängigkeit der sozialen Zeit von der Zeitlichkeit des Kapitalismus. Arbeitsverwei­gerung heißt ganz einfach: Ich will nicht zur Arbeit gehen, weil ich es vorziehe, zu schlafen. Aber solche Faulheit ist auch die Quelle von Intelligenz, von Technologie und Fortschritt. Autonomie ist die Selbstre­gulierung des sozialen Körpers, in ihrer Unabhängigkeit und in ihren Interaktionen mit der disziplinären Norm.

Autonomie und Deregulierung

Es gibt eine andere Seite der Autonomie, die bislang wenig ergründet wurde. Der Prozess der Autonomi­sierung der ArbeiterInnen von ihrer Rolle in der Disziplinierung hat ein soziales Erdbeben hervorgebracht, das seinerseits die kapitalistische Deregulierung hervorrief. Die Deregulierung, die in der Thatcher/ Reagan-Ära auf der Weltbühne erschien, kann also als die kapitalistische Antwort auf die Autonomisie­rung der ArbeiterInnen von der disziplinären Ordnung der Arbeit angesehen werden. Die ArbeiterInnen forderten Freiheit von der kapitalistischen Regulierung, dann tat das Kapital dasselbe, nur umgekehrt. Die Freiheit von der staatlichen Regulierung wurde zum ökonomischen Despotismus über das gesamte soziale Feld. Die ArbeiterInnen verlangten Freiheit von der lebenslangen Inhaftierung im Gefängnis der indus­triellen Fabrik. Die Deregulierung antwortete darauf mit der Flexibilisierung und der Fraktalisierung der Arbeit.

Die Autonomiebewegung der 70er setzte einen gefährlichen, aber unumgänglichen Prozess in Gang: ei­nen Prozess, der sich von der sozialen Verweigerung gegenüber der kapitalistischen disziplinären Herr­schaft zur kapitalistischen Vergeltung entwickelte, die die Form der Deregulierung, der Freiheit der Un­ternehmen vom Staat, der Zerstörung der sozialen Absicherungen, der Entlassungen und der Auslage­rung der Produktion, der Senkung der Sozialausgaben, der Steuerfreiheit sowie schließlich der Flexibili­sierung annahm. Diese Bewegung der Autonomisierung löste die Destabilisierung des sozialen Rahmen­werks aus, das durch den ein Jahrhundert lang währenden Druck der Gewerkschaften und der staatlichen Regulierung zustande gekommen war. Sollen wir also die Aktionen der Sabotage und des Ungehorsams, der Autonomie, der Arbeitsverweigerung bereuen, da diese die kapitalistische Deregulierung provoziert zu haben scheinen? Absolut nicht. Die Bewegung der Autonomie kam nämlich der kapitalistischen Bewegung zuvor, aber der Prozess der Deregulierung war in die Entwicklungslinien des postindustriellen Kapitalis­mus eingeschrieben und natürliche Implikation der technologischen Restrukturierung und der Globalisie­rung der Produktion.

Es gibt eine enge Verbindung zwischen der Arbeitsverweigerung, der Informatisierung der Fabriken, den Entlassungen, der Auslagerung von Arbeitsplätzen und der Flexibilisierung der Arbeit. Aber dieses Ver­hältnis ist sehr viel komplexer als eine Kausalkette von Ursache und Wirkung. Der Prozess der Deregu­lierung war in die Entwicklung neuer Technologien eingeschrieben, die es den kapitalistischen Unterneh­men ermöglichte, einen Prozess der Globalisierung zu entfesseln.

Ein ähnlicher Vorgang ereignete sich während derselben Zeitspanne im Feld der Medien. Denken Sie nur an die freien Radiostationen der 70er. Im Italien dieser Jahre gab es ein Staatsmonopol, und freie Radio­sendungen waren verboten. 1975/76 begann eine Gruppe von MedienaktivistInnen kleine freie Radiosta­tionen wie Radio Alice in Bologna zu schaffen. Die traditionelle Linke (die italienische Kommunistische Partei usw.) denunzierte diese MedienaktivistInnen und warnten vor der Gefahr, das öffentliche Medien­system zu schwächen und den Weg für die privaten Medien zu ebnen.

Sollen wir heute denken, dass die Leute von der traditionellen Staatslinken Recht hatten? Ich glaube nicht, ich glaube, dass sie damals Unrecht hatten, da das Ende der staatlichen Monopole unvermeidlich war und die Freiheit der Rede besser ist als zentralisierte Medien. Die traditionelle Staatslinke war eine konservative Kraft, die dem Untergang geweiht war und verzweifelt versuchte, ein altes Rahmenwerk zu konservieren, das in der neuen technologischen und kulturellen Situation der postindustriellen Transition keinen Bestand mehr haben konnte.

Dieselben Dinge könnten wir über das Ende des sowjetischen Reiches sagen und über den so genannten "Realsozialismus". Jeder weiß, dass die Menschen in Russland vermutlich vor 20 Jahren besser lebten als heute und dass die angebliche Demokratisierung der russischen Gesellschaft bislang hauptsächlich in der Zerstörung sozialer Sicherung bestand, sowie in der Entfesselung eines sozialen Albtraums aggressiver Konkurrenz, der Gewalt und der ökonomischen Korruption. Aber die Auflösung der sozialistischen Re­gimes war unvermeidbar, weil diese Ordnung die Dynamik der sozialen Investition der Begehren blo­ckierte und weil das totalitäre Regime die kulturelle Innovation aufhielt. Die Auflösung der kommunisti­schen Regimes war in die soziale Zusammensetzung der kollektiven Intelligenz eingeschrieben, in die Vorstellungskraft, die durch die neuen globalen Medien geschaffen wurde und in die kollektive Investition von Begehren. Das ist der Grund, warum die demokratische Intelligenz und dissidentische kulturelle Kräfte am Kampf gegen die sozialistischen Regimes teilnahmen, obwohl sie wussten, dass der Kapitalis­mus nicht das Paradies ist. Jetzt verwildert die frühere sowjetische Gesellschaft durch die Deregulierung, und die Menschen erfahren Ausbeutung, Elend und Demütigung auf einem Niveau, das es früher nie ge­geben hat; aber diese Transition war unvermeidlich, und in diesem Sinn muss sie als fortschrittliche Ver­änderung angesehen werden.

Deregulierung bedeutet nicht nur die Emanzipation des privaten Unternehmens von der staatlichen Regu­lierung und die Kürzung öffentlicher Ausgaben und der sozialen Sicherung. Sie bedeutet auch die wach­sende Flexibilisierung der Arbeit. Die Realität der Flexibilisierung der Arbeit ist die andere Seite dieser Art der Emanzipation von der kapitalistischen Regulierung. Wir sollten die Verbindung zwischen der Arbeits­verweigerung und der Flexibilisierung, die darauf folgte, nicht unterschätzen. Ich erinnere mich daran, dass eine der starken Ideen autonomer ProletarierInnen während der 70er darin bestand, dass "Prekari­sierung gut ist". Die Prekarisierung der Arbeit ist eine Form der Autonomie von der kontinuierlichen re­gulären Arbeit, die das ganze Leben dauert. In den 70ern arbeiteten die Leute für einige Monate, gingen dann für einen Tag weg und dann wieder für eine Weile zurück zur Arbeit. Das war möglich in den Zeiten einer fast vollständigen Vollbeschäftigung und in den Zeiten einer egalitären Kultur jenseits von Wettbe­werb und Konsumismus. Diese Situation ermöglichte es den Menschen, in ihrem eigenen Interesse zu arbeiten und nicht im kapitalistischen Interesse, aber dies konnte offensichtlich nicht ewig andauern. Die neoliberale Offensive der 80er zielte darauf ab, die Kräfteverhältnisse umzukehren.

Die Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeit waren der Effekt und die Umkehrung der Autonomie der ArbeiterInnen. Wir müssen das nicht nur aus historischen Gründen erkennen. Wenn wir verstehen wollen, was heutzutage, im Zeitalter der vollständig flexibilisierten Arbeit, getan werden muss, müssen wir ver­stehen, wie die kapitalistische Übernahme der sozialen Begehren vor sich gehen konnte.


Aufstieg und Fall der Allianz der kognitiven Arbeit und des rekombinanten Kapitals

Während der letzten Dekaden hat die Informatisierung der Maschinen eine wichtige Rolle in der Flexibili­sierung der Arbeit gespielt, zusammen mit der Intellektualisierung und der Immaterialisierung in den wichtigsten Zyklen der Produktion. Die Einführung neuer elektronischer Technologien und die Informati­sierung der Produktionszyklen öffnete den Weg für die Erschaffung eines globalen Netzwerks der Info-Produktion, das deterritorialisiert war, delokalisiert und depersonalisiert. Das Subjekt der Arbeit konnte mehr und mehr mit dem globalen Netzwerk der Info-Produktion identifiziert werden. Die Industriearbei­terInnen verweigerten ihre Rolle in der Fabrik und erlangten die Freiheit von der kapitalistischen Herr­schaft. Aber diese Situation brachte die KapitalistInnen dazu, in arbeitssparende Technologien zu inves­tieren und die technische Zusammensetzung des Arbeitsprozesses zu verändern, um die gut organisier­ten IndustriearbeiterInnen hinauszuwerfen und um eine neue Organisation der Arbeit zu schaffen, die flexibler sein konnte.

Intellektualisierung und Immaterialisierung der Arbeit sind die eine Seite der sozialen Veränderungen der Produktionsweisen. Die planetare Globalisierung ist die andere Seite. Immaterialisierung und Globalisie­rung sind subsidiär und komplementär. Die Globalisierung hat in der Tat eine sehr materielle Seite, weil die industrielle Arbeit im postindustriellen Zeitalter nicht einfach verschwindet, sondern in die geographi­schen Zonen migriert, wo es möglich ist, niedrige Löhne zu zahlen, und wo die Regulierungen ungenü­gend umgesetzt werden.

In der letzten Nummer des Magazins Classe operaia 1967 schrieb Mario Tronti, das wichtigste Phänomen der nächsten Dekaden werde die Entwicklung der Arbeiterklasse auf globaler und planetarischer Ebene sein. Diese Intuition war nicht auf einer Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses begründet, sondern basierte auf dem Verständnis der Transformation der sozialen Zusammensetzung der Arbeit. Die Globalisierung und die Informatisierung konnten als ein Effekt der Arbeitsverweigerung in den westlichen kapitalistischen Ländern vorhergesagt werden. Während der letzten zwei Dekaden des zwanzigsten Jahr­hunderts wurden wir Zeugen einer Art von Allianz zwischen dem rekombinanten Kapital und der kogniti­ven Arbeit. Ich nenne jene Sektoren des Kapitalismus rekombinant, die nicht eng mit einer bestimmten industriellen Anwendung verbunden sind, sondern schnell von einem Ort zum anderen transferiert wer­den können, von einer industriellen Anwendung zur anderen, von einem Sektor der ökonomischen Akti­vität zum anderen, usw. Das Finanzkapital etwa, das die zentrale Rolle in der Politik und in der Kultur der 90er einnimmt, kann rekombinant genannt werden.

Die Allianz der kognitiven Arbeit und des Finanzkapitals hat wichtige kulturelle Effekte hervorgebracht, wie die ideologische Identifikation von Arbeit und Unternehmen. Die ArbeiterInnen wurden dazu an­gehalten, sich als UnternehmerInnen zu sehen, und das war nicht ganz falsch, in der Dotcom-Periode, als der kognitive Arbeiter sein eigenes Unternehmen gründen konnte, indem er bloß seine intellektuelle Ar­beitskraft als Einsatz zu investieren brauchte (eine Idee, ein Projekt, eine Formel). In dieser Periode defi­nierte Geert Lovink in seinem bemerkenswerten Buch Dark Fiber die Dotcom-Mania. Was war die Dot­com-Mania? Wegen der Massenbeteiligung am Zyklus der Finanz-Investitionen in den 90ern kam ein breiter Prozess der Selbstorganisierung von kognitiven ArbeiterInnen in Gang. Kognitive ArbeiterInnen investierten ihre Expertise, ihre Wissen und ihre Kreativität und fanden am Aktienmarkt Mittel, um Unter­nehmen zu gründen. Für einige Jahre wurde die Unternehmensform der Punkt, an dem sich Finanzkapital und hochproduktive kreative Arbeit trafen. Die libertäre und liberale Ideologie, die die (amerikanische) Cyberkultur der 90er dominierte, idealisierte den Markt, indem sie ihn als bloße Umwelt darstellte. In dieser Umwelt, die so natürlich war wie der Kampf um das Überleben der Stärksten, der die Evolution möglich macht, würde die Arbeit die nötigen Mittel dazu finden, um an Wert zu gewinnen und ein Unter­nehmen zu werden. Einmal seiner eigenen Dynamik überlassen, war das netzförmige ökonomische Sys­tem dazu bestimmt, die ökonomischen Gewinne für jedermann zu optimieren, sowohl für die BesitzerIn­nen als auch für die ArbeiterInnen; auch deswegen, weil die Unterscheidung zwischen BesitzerInnen und ArbeiterInnen zunehmend schwer wahrzunehmen ist, wenn jemand in den virtuellen Produktionskreislauf eintritt. Dieses Modell, das von Autoren wie Kevin Kelly theoretisiert wurde und vom Magazin Wired in eine Art digital-liberalistischer, arroganter und triumphalistischer Weltanschauung verwandelt wurde, ging in den ersten paar Jahren des neuen Millenniums bankrott, gemeinsam mit der New Economy und einem großen Teil der Armee der selbstständigen kognitiven UnternehmerInnen, die die Dotcom-Welt bevölkerten. Es ging bankrott, weil das Modell eines perfekten freien Marktes eine praktische und theore­tische Lüge ist. Was der Neoliberalismus auf Dauer beförderte, war nicht der freie Markt, sondern das Monopol. Während der Markt als ein Freiraum idealisiert wurde, in dem sich Wissen, Expertise und Krea­tivität treffen, zeigte die Realität, dass die großen herrschenden Gruppen auf eine Weise arbeiten, die weit davon entfernt ist, libertär zu sein, technologische Automatismen einführt, sich selbst mit der Macht von Geld oder Medien durchsetzt und schließlich die Masse der AnteilseignerInnen und kognitiven Arbei­terInnen schamlos enteignet.

In der zweiten Hälfte der 90er fand ein veritabler Klassenkampf innerhalb des Produktionskreislaufs der Hochtechnologie statt. Die Entstehung des Internet wurde durch diesen Kampf geprägt. Der Ausgang des Kampfes ist im Moment noch unklar. Sicherlich erwies sich die Ideologie eines freien und natürlichen Marktes als grober Fehler. Die Idee, dass der Markt als bloße Umwelt für eine auf gleicher Ebene stattfin­dende Konfrontation der Ideen, Projekte, die produktive Qualität und die Nützlichkeit von Dienstleistun­gen funktioniert, wurde von der bitteren Wahrheit des Kriegs weggefegt, den die Monopole führten gegen die Menge der selbstständigen kognitiven ArbeiterInnen und gegen die etwas lächerliche Masse der "micro-traders". Der Kampf ums Überleben wurde nicht von den Besten und Erfolgreichsten gewonnen, sondern von denjenigen, die ihre Waffen zogen; die Waffe der Gewalt, des Raubs, des systematischen Diebstahls und der Verletzung jeder legalen und ethischen Norm. Die Bush-Gates-Allianz sanktionierte die Liquidierung des Marktes, und an diesem Punkt endete die Phase des internen Kampfes der virtuellen Klasse. Ein Teil der virtuellen Klasse trat in den techno-militärischen Komplex ein, ein anderer Teil (die große Mehrheit) wurde aus den Unternehmen hinausgeworfen und an den Rand der offenen Proletarisie­rung gedrängt. Auf der kulturellen Ebene tauchen die Bedingungen für die Entstehung eines sozialen Be­wusstseins des Kognitariats auf, und das könnte das wichtigste Phänomen der nächsten Jahre sein, der einzige Schlüssel für die Lösung des Desasters.

Die Dotcoms waren das Trainingslaboratorium für ein Modell der Produktion und für einen Markt. Am Schluss wurde jedoch der Markt besiegt und von den Großunternehmen erstickt, und die Armee der selbstständigen UnternehmerInnen und MikrokapitalistInnen wurde ausgeraubt und aufgelöst. So begann eine neue Phase: Die Gruppen, die im Zyklus der Netzökonomie die Vorherrschaft erlangten, schmieden eine Allianz mit den herrschenden Gruppen der Old Economy (dem Bush-Klan, einem Repräsentanten der Öl- und Rüstungsindustrie), und diese Phase signalisiert eine Blockade des Projekts der Globalisierung. Der Neoliberalismus brachte seine eigene Negation hervor, und die, die seine am meisten begeisterten UnterstützerInnen waren, wurden seine marginalisierten Opfer.

Mit dem Dotcom-Crash hat sich die kognitive Arbeit vom Kapital entfernt. Die digitalen HandwerkerInnen, die sich in den 90ern wie UnternehmerInnen ihrer eigenen Arbeit fühlten, erkennen nun langsam, dass sie enttäuscht und enteignet worden sind, und dies wird die Bedingungen für ein neues Bewusstsein der kognitiven ArbeiterInnen bilden. Die Letzteren werden erkennen, dass sie, obwohl sie über die gesamte Produktivkraft verfügen, um deren Früchte betrogen wurden von einer Minderheit von ignoranten Speku­lantInnen, die nur gut darin sind, die legalen und finanziellen Aspekte des Produktivprozesses zu betreuen. Der unproduktive Sektor der virtuellen Klasse, die RechtsanwältInnen und BuchhalterInnen eignen sich den kognitiven Mehrwert der PhysikerInnen und IngenieurInnen, der ChemikerInnen, Schrei­berInnen und MedienoperatorInnen an. Diese können sich aber aus dem juristischen und finanziellen Rahmen des Semiokapitalismus loslösen und ein direktes Verhältnis mit der Gesellschaft aufbauen, mit den UserInnen: Dann wird vielleicht der Prozess der autonomen Selbstorganisierung der kognitiven Arbeit beginnen. Dieser Prozess ist übrigens bereits im Gange, wie die Erfahrungen des Medienaktivismus und die Erschaffung von Netzwerken der Solidarität für die migrantische Arbeit zeigen.

Wir mussten durch das Dotcom-Fegefeuer gehen, durch die Illusion einer Fusion zwischen Arbeit und kapitalistischem Unternehmen, und dann durch die Hölle der Rezession und des endlosen Krieges, um das Problem klar zu sehen: Auf der einen Seite das nutzlose und obsessive System der finanziellen Ak­kumulation und der Privatisierung des öffentlichen Wissens – die Erbschaft der alten industriellen Gesell­schaft. Auf der anderen Seite die produktive Arbeit, die sich zunehmend in die kognitiven Funktionen der Gesellschaft einschreibt: Die kognitive Arbeit beginnt damit, sich als Kognitariat zu sehen, und Institutio­nen des Wissens, der Kreativität, der Aufmerksamkeit, der Erfindung und der Erziehung zu errichten, die unabhängig vom Kapital sind.

 
Fraktalisierung, Verzweiflung und Selbstmord

In der Netz-Ökonomie hat sich die Flexibilisierung in eine Form der Fraktalisierung der Arbeit verwandelt. Fraktalisierung bedeutet die Fragmentierung der zeitlichen Aktivitäten. Der Arbeiter existiert nicht mehr als Person. Er ist nur der austauschbare Produzent von Mikrofragmenten rekombinanter Zeichen, der in den kontinuierlichen Fluss des Netzwerks eingespeist wird. Das Kapital bezahlt nicht mehr für die Verfüg­barkeit des Arbeiters, um ihn über einen Zeitraum hinweg auszubeuten, es bezahlt kein Gehalt mehr, das die gesamte Bandbreite ökonomischer Bedürfnisse einer arbeitenden Person abdeckt. Der Arbeiter (bloß Maschine, die ein Gehirn besitzt, das für ein Zeitfragment benutzt werden kann) wird für seine pünktli­che, gelegentliche, zeitlich begrenzte Leistung bezahlt. Die Arbeitszeit wird fraktalisiert und in Zellen auf­geteilt, zellularisiert. Zeitzellen sind im Internet zu kaufen und das Großunternehmen kann erwerben, wie viele es will. Das Handy (cell phone, cellulario) ist das Werkzeug, das die Beziehung zwischen dem frak­talen Arbeiter und dem rekombinanten Kapital am besten charakterisiert. Die kognitive Arbeit ist ein Ozean von mikroskopischen Zeitfragmenten, und die Aufteilung in Zellen ist die Fähigkeit, Zeitfragmente im Rahmenwerk eines einzigen Semio-Produkts zu rekombinieren. Das Handy kann als Fließband der kognitiven Arbeit angesehen werden.

Das ist der Effekt der Flexibilisierung und der Fraktalisierung der Arbeit: Was früher die Autonomie und die politische Macht der Arbeiterschaft war, wurde zur totalen Abhängigkeit der kognitiven Arbeit von der kapitalistischen Organisation des globalen Netzwerks. Das ist der zentrale Kern der Erschaffung des Se­miokapitalismus. Was früher die Arbeitsverweigerung war, ist jetzt eine vollständige Abhängigkeit der Emotionen und des Denkens vom Informationsfluss. Und der Effekt ist eine Art Nervenzusammenbruch, die den globalen "Geist" (mente globale) befällt und auch das hervorrief, was wir gewöhnlich den Dot­com-Crash nennen. Der Dotcom-Crash und die Krise des Finanzkapitalismus der Massen kann als Effekt des Zusammenbruchs der ökonomischen Investition sozialer Begehren verstanden werden. Ich verwende das Wort Zusammenbruch in einem nicht-metaphorischen Sinn, als klinische Beschreibung dessen, was im "Geist" der westlichen Gesellschaften vor sich geht. Ich verwende das Wort Zusammenbruch, um ei­nen realen pathologischen Zusammenbruch des psychosozialen Organismus auszudrücken. Was wir in der Periode gesehen haben, die den ersten Anzeichen des ökonomischen Crashs in den ersten Monaten des neuen Jahrhunderts folgte, ist ein psychopathologisches Phänomen, der Zusammenbruch des globa­len "Geistes". Die intensive und verlängerte Investition des Begehrens und der mentalen und libidinösen Energien in Arbeit haben das ideale psychische Umfeld für den Zusammenbruch geschaffen, der sich nun auf dem Feld der Ökonomie in der Rezession, auf dem Feld der Politik in der militärischen Aggression und auf dem Feld der Kultur in Form einer Tendenz zum Massenselbstmord manifestiert.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit wurde während der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu einem wichtigen Thema. Virtuelle ArbeiterInnen haben immer weniger Aufmerksamkeitszeit zur Verfügung, sie sind in eine zunehmende Anzahl intellektueller Aufgaben eingebunden, und sie haben keine Zeit mehr, die sie ihrem eigenen Leben, der Liebe, der Zärtlichkeit und der Zuneigung widmen können. Sie nehmen Viagra, weil sie keine Zeit für das sexuelle Vorspiel haben. Die Zellularisierung hat eine Art der Besetzung der Lebenszeit bewirkt. Deren Symptome sind ziemlich evident: Millionen von Schachteln Prozac, die jeden Monat verkauft werden, die Epidemie von Aufmerksamkeitsstörungen unter Jugendlichen, die Verbreitung von Drogen wie Ritalin unter Schulkindern und eine sich verbreitende Epidemie der Panik.

Das Szenario der ersten Jahre des neuen Milleniums scheint von einer wahren Welle der psychopathi­schen Erscheinungen geprägt zu sein. Das Phänomen des Selbstmords ist weit über die Grenzen des fa­natischen islamischen Märtyrertums verbreitet. Seit dem 11. September wurde der Selbstmord zu einem wichtigen politischen Akt auf der globalen politischen Bühne. Der aggressive Selbstmord darf nicht als bloßes Phänomen der Verzweiflung und der Aggression verstanden werden, sondern muss als Deklaration des Endes gesehen werden. Die Welle des Selbstmords scheint nahe zu legen, dass die Menschheit keine Zeit mehr hat und dass Verzweiflung die verbreitetste Art ist, über die Zukunft nachzudenken.

Und nun? Ich habe keine Antworten. Was wir tun können, ist nur das, was wir schon tun: Die Selbstorga­nisierung der kognitiven Arbeit ist der einzige Weg, die psychopathische Gegenwart zu überschreiten. Ich glaube nicht, dass die Welt durch Vernunft beherrscht werden kann. Die Utopie der Aufklärung hat ver­sagt. Aber ich denke, dass die Verbreitung selbstorganisierten Wissens ein soziales Rahmenwerk schaffen kann, das eine unendliche Anzahl von autonomen Welten enthält. Der Prozess der Erschaffung des Netz­werks ist so komplex, dass er nicht durch menschliche Vernunft gelenkt werden kann. Der globale "Geist" ist zu komplex, um durch untergeordnete und auf einen Ort beschränkte "Geister" erkannt und be­herrscht zu werden. Wir können die gesamte Kraft des globalen "Geists" weder erkennen, noch kontrol­lieren, noch beherrschen. Aber wir können den singulären Prozess der Produktion einer singulären Welt des Sozialen lenken. Das ist heute Autonomie.