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*"Je mehr Raum und Zeit beherrscht werden, desto weniger stehen die Beherrscher fest."* Siegfried Kracauer Radio ist heutzutage
ein in vielerlei Hinsicht aus Gewohnheit unterschätztes
Medium. Es wird nur mehr nebenbei gehört. Während über
das Fernsehen immer wieder Debatten geführt werden,
wird der Medialität des Radios nur noch selten eine
größere Aufmerksamkeit zuteil. Eine interessante Situation,
sich wie nebenher dieses Medium anzueignen, um neue,
unvorhersehbare Situationen zu ermöglichen.
1. Szene. Konstellation. Am Abend eines Wahltages. "Da sämtliche
aus dem Ausland entsandten Sonderberichterstatter ihren
Blättern das hohe Wahlfieber gemeldet hatten, das hier
in Berlin herrsche, beschloss ich am Abend des Wahltages,
die Temperatur selber zu messen", beginnt Siegfried
Kracauer seinen kleinen Bericht für die *Frankfurter
Zeitung*. Der Reporter geht auf die Straße, um als
Augenzeuge von Vorgängen dort zu berichten. März 1932:
Die Situation auf der Straße war angespannt, Straßenschlachten
waren nicht ungewöhnlich, so dass auch am entscheidenden
Datum des Wahltags etwas zu erwarten war - und seien
es nur erhitzte Gemüter. Doch zu Kracauers Überraschung
verlief schon der Wahltag ausgesprochen ruhig, "nur
auf den Litfasssäulen tobte der Kampf weiter. Dort klebten
rote nationalsozialistische Zettelchen über den Mündern
von Thälmann und Düsterberg, um diese gewaltsam am
Sprechen zu hindern." So streunt der Feuilletonist
weiter, um nach Schließung der Wahllokale auf den großen
Plätzen Berlins die Entwicklung abzuwarten. Wird sich
der papierne Kampf in der Öffentlichkeit wiederholen?
2. Szene: Zerstreuung. Spuk und Radio auf der Straße. Auch der Intellektuelle
Günther Stern verließ Ende der Zwanziger sein Haus und
ging auf die Straße. Diese war aber nicht gespenstisch
leer, sondern von spukhaften Stimmen erfüllt: "Radikal
wird die der Musik zukommende Raumneutralität zerstört
erst im Radio. Man tritt aus dem Hause, die Musik des
Lautsprechers tönt noch im Ohre, man ist in ihr - sie
ist nirgends. Man macht zehn Schritte und die gleiche
Musik tönt aus dem Nachbarhause. Nun, da auch hier Musik
ist, ist Musik hier und dort, lokalisiert und in den
Raum gepflanzt wie zwei Pfähle. Aber es ist ja die gleiche
Musik: hier singt X, was er dort begonnen. Man geht
weiter - am dritten Hause setzt X fort, vom zweiten
X begleitet, vom vorsichtigen X des ersten Hauses leise
untermalt. Was chockiert hier?"
3. Perspektive. Assoziation. Die Hörer organisieren. Damit sind zwei Urszenen
der Unheimlichkeit des Radios skizziert: die HörerInnen
in ihrer zerstreuten Konstellation und die auf viele
Geräte identisch zerstreute Stimme, welche darob als
Verwaisung des öffentlichen Raumes und als Heimsuchung
der so entstandenen Leere durch Doppelgänger und Gespenster
erscheinen. Einer linken Medienkritik scheint die Zerstreuung
ähnlich unheimlich gewesen zu sein - und sie hat in
ihr vorrangig ebenfalls nur ein Problem gesehen. Entsprechend
blieben die Möglichkeiten der Distribution in den zahlreichen
Versuchen der Aneignung des Mediums - angefangen mit
den Vorschlägen Brechts und deren Rezeption durch Enzensberger
über die Praxis von Radio Alice bis hin zu Gert Lovinks
Modell der souveränen Medien - weitgehend unbeachtet.
Oder aber die Distribution wurde - ausgehend von Brecht
- als ein Mangel begriffen, den es zu beseitigen gilt:
"Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat
in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln."
So wird das Potenzial der gespenstigen Distribution
verdrängt: die Herstellung einer zerstreuten Öffentlichkeit
und eine mehr als nur akustische Veränderung von Räumen
und Situationen. Ein Potenzial, wie es unter den Medien
allein dem Radio eignet. [aus: Open House. Kunst und Öffentlichkeit / Art and the Public Sphere, o.k books 3/04, Wien, Bozen: Folio 2004] |