Übersetzt von Therese Kaufmann
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Ein zentrales Element
für kritische KünstlerInnen ist heute die Frage der
Interaktion mit dem die Kunstproduktion umgebenden System,
mit den Parametern der Rezeption (Institution, Publiken,
Communities, WählerInnenschaften, etc.), mit den Potenzialen
und Grenzen der Kommunikation in den verschiedenen Bereichen
(Kunstwelt, Medien, öffentlicher Raum, politisches Feld,
etc.) und damit, wie Verbindungen hergestellt und auch
wieder unterbrochen werden. Dies kann auf verschiedene
Arten diskutiert werden, die von einem praktisch-methodologischen
Ansatz, das heißt, der Auseinandersetzungen mit dem
Gebrauch von Zeichen und Räumen, über die Konzeption
von Repräsentationsinstrumenten und -politiken bis zur
Rolle oder Funktion von KünstlerInnen/AutorInnen für
die Konstruktion alternativer Räume und Subjektivitäten
wie alternativer Netzwerke oder Gegenöffentlichkeiten
reichen. Der Fokus solcher Auseinandersetzungen muss
- sowohl politisch als auch künstlerisch - nicht nur
auf der Schnittstelle zwischen der Kunstinstitution
und einzelnen KünstlerInnen liegen, sondern auch auf
den physischen Beziehungen in politischen Räumen, den
neuen Technologien und schließlich der Schaffung von
Netzwerken und Kommunikationslinien ebenso wie den Versuchen,
daraus auszubrechen. Foucault zufolge
ist die Autor-Funktion eine Maßnahme, die den Text oder
die Arbeit differenziert und klassifiziert, sowohl mit
rechtlichen als auch mit kulturellen Konsequenzen. Das
bedeutet auch, dass jede mögliche Umgestaltung dieser
Funktion einer Umgestaltung der sie umgebenden diskursiven
Institutionen bedarf. Sowohl Benjamins Auffassung des
Autors als politisch involvierte Figur, die die Produktionsverhältnisse
moderner Industriegesellschaften alias Fordismus in
Frage stellt, wie auch Barthes' postindustrieller Kampfruf
nach dem Tod des Autors, der zur Geburt des Lesers führen
soll, und durch den ein radikal verändertes Verständnis
einer aktivierten Öffentlichkeit und möglicherweise
vertieften Demokratie bezeichnet wird, stellen eigentlich
Versuche einer Neuformulierung der Funktion des Autors
dar. Diese Neuformulierung der Autor/Künstler-Funktion
müsste erfolgen durch neue Formen der Adressierung,
welche wiederum neue Rezeptions- oder Betrachtungsmodi
insofern bedingen würde, als eine Adressierungsform
immer eine imaginäre Verhältnismäßigkeit zu Unbekannten
darstellt. Sie ist der Versuch, ein Publikum, eine WählerInnenschaft
oder Community herauszubilden. Wenn wir also KünstlerInnen
als öffentlichen Intellektuelle begreifen sollen, müssen
wir auch verstehen, wie diese potenzielle Öffentlichkeit
hergestellt und neuzusammengesetzt wird durch die historische
und kontingente Platzierung oder Funktion von KünstlerInnen,
durch ihre spezifischen Öffentlichkeiten - wie sich
das System, in das sie verwoben sind, bezeichnen ließe. So müssen wir auch
die Rolle der öffentlichen Intellektuellen als rational-kritische
und universale Subjekte neu definieren, und zwar nicht
als totale Einzelsubjekte, was meiner Meinung nach nur
das KonsumentInnenzielgruppen-Modell bestätigen würde,
sondern als involvierte, statt vereinzelter Figuren:
Gleichzeitig mit Benjamins These über die künstlerischen
Produktionsformen entwarf Antonio Gramsci ein anderes
Intellektuellen-Modell, den so genannten "organischen"
Intellektuellen, eine Figur, die nicht nur in politische
Kämpfe und Anliegen involviert ist, sondern auch in
die Produktion selbst.[4]
Gramsci zufolge waren alle Menschen, selbst wenn nicht
alle diese Rolle übernahmen, Intellektuelle (das Potenzial
der Massen-Intellektualität). Diese Rolle hatte mit
Involvierung und der Organisation von Bewegungen zu
tun. Die in Marketing und Werbung Tätigen würden ebenso
wie JournalistInnen die neuen Intellektuellen des Kapitalismus
repräsentieren, während LehrerInnen und Priester aufgrund
ihrer repetitiven Arbeit nicht als solche betrachtet
werden könnten. Heute wären natürlich die prekarisierte
ArbeiterInnen als diese Art von Intellektuellen zu sehen,
obwohl zu diskutieren bliebe, ob sie im Dienst des Kapitals
und der Kulturindustrien stehen oder den Gegenbewegungen
dazu angehören, dem Kampf für die Multitude... Wir müssen
deshalb beginnen, KünstlerInnen und Intellektuelle nicht
nur in ihrem Engagement in der Öffentlichkeit zu sehen,
sondern in der Herstellung von Öffentlichkeiten durch
Addressierungsformen und
die Schaffung von Plattformen oder Gegenöffentlichkeiten.
Dies hat sowohl im Westen als auch im Osten, wenn auch
klandestin oder im Untergrund, aber jedenfalls in Oppostition
zur herrschenden kulturellen und politischen Hegemonie
der jeweiligen Gesellschaft bereits existiert. Von besonderem Interesse
ist in diesem Kontext nicht nur die Transformation "bürgerlichen"
Kunstinstitutionen durch bestimmte Personen, sondern
auch die aktuelle Bewegung gewollter Selbstinstitutionalisierung
in einzelnen Plattformen innerhalb des Kunstkontexts
wie 16 Beaver Group in New York, b_books in Berlin,
das Center for Land Use Interpretation in Los Angeles,
das Center for Urban Pedagogy in New York, die Copenhagen
Free University, die Community Art School in Zagreb,
das Institute of Applied Autonomy in Boston, The Invisible
Academy in Bangkok, die School of Missing Studies in
NY, Belgrade und Amsterdam, die University of Openess
in London oder die Université Tangente in Paris, die
alle in gewisser Weise Bildungseinrichtungen widerspiegeln
und umkehren. Hier werden Diskurse nicht durch eine
Negierung des Öffentlichen produziert und verbreitet,
sondern durch bewusste und taktische Selbstinstitutionalisierung.
Aus gesellschaftlichen werden subjektive Maschinen der
Wissensproduktion, die eher durch Identität produziert
werden, als sie selbst Identität produzieren, wie von
einer dieser Selbst-Institutionen dargelegt: Es
geht hier um ein Verständnis des Alltäglichen mit dem
Versuch, mit den Lebensbedingungen in der postfordistischen
Wissensökonomie umzugehen, was eine Taktik der Doppelbewegung,
die Kampf und Rückzug in einem ist, darstellt. Wir können
diese Bewegung auch als eine Politik
des Alltags statt der Repräsentationen, der Beratungen
und/oder allgemeine Zustände bezeichnen. Dies schließt
eine andere Bedeutung des "Politischen" ein,
bei dem es nicht nur um die Bewegung geht, sondern auch
um den Moment, das Hier und Jetzt, wie es ein weiterer
Autor-Produzent, Stephan Geene, ausgedrückt: Dem Ansatz der Gegenöffentlichkeiten folgend möchte ich deshalb eine andere Definition vorschlagen: Worum es hier geht, ist die Artikulation von Erfahrung. Diese ist eher Assemblage als Performance. Während die Institutionen der Kulturindustrien nur "neue Erfahrungen" ohne Ende anbieten, wirkt die Organisation von Erfahrung in der Produktion selbstinstitutionalisierter Einrichtungen langweilig und unspektakulär. In Zeiten des expansiven
globalen Kapitalismus, der Vermarktung von Kultur durch
internationale Konzerne und der Kriminalisierung einer
kritischen Linken, ist es nicht nur angemessen, sondern
wirklich wichtig, Formen der Kritik, Partizipation und
des Widerstands in der belasteten Zone zwischen kulturellem
Feld und politischer Sphäre zu diskutieren und zu bewerten.
In anderen Worten, die belastete Zone zwischen politischer
Repräsentation und repräsentativer Politik, zwischen
Präsentation und Partizipation. Wir sind fest davon
überzeugt, dass das kulturelle Feld ein wirksameres
Instrument für die Schaffung politischer Plattformen
und neuer politischer Anordnungen ist, als in sich selbst
primäre Platform. Dass Kunst bewirkt etwas oder sollte
dies zumindest tun und nicht nur als Spielplatz für
Selbstausdruck und/oder Beobachtung dienen. Doch verlangt
ein solches Projekt nach Reflexion, Analyse und nicht
zuletzt nach einer Auseinandersetzung damit, was die
Begriffe Politik und Kultur in der aktuellen Situation
implizieren. Erstens ist klar, dass beide Bereiche eine
Pluralisierung und Fragmentierung erfahren haben, wenn
sie nicht während der postmodernen Ära aufgelöst und
versprengt wurden. Wir können nicht länger von homogenen
Kategorien im Singular sprechen, sondern müssen von
verschiedenen politischen und kulturellen Feldern sprechen,
die manchmal verbunden sind und/oder sich überschneiden
und manchmal nach Autonomie und/oder Isolation streben.
Beide Felder schließen vielfältige Aufteilungen in verschiedene
Netzwerke, AkteurInnen und Institutionen ein. [1] Michel Foucault, Was ist ein Autor, Vortrag 1969, in: Schriften, Bd. 1, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001, S. 1003-1041 [2] Walter Benjamin, Der Autor als Produzent, in: Gesammelte Schriften, Bd. II.2, Suhrkamp Frankfurt/Main 1980, S. 683-701; Roland Barthes: Der Tod des Autors, in: Jannidis, Fotis (Hg.): Texte zur Theorie der Autorenschaft, Reclam: Stuttgart, 2000, S. 185-193 [3] Michel Foucault, Was ist ein Autor, Vortrag 1969, in: Schriften, Bd. 1, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2001, S. 1029 [4] Antonio Gramsci, Die Herausbildugn der Intellektuellen, Aufzeichnungen aus den Jahren 1930-1932, Aus den Gefängnisheften, in: A.G.: Zu Politik, Geschichte und Kultur, Ausgewählte Schriften, Reclam: Leipzig 1986, S. 222-230 [5] Michael Warner, Publics and Counterpublics, New York: Zone Books, 2002, pp. 121-22. [6] Copenhagen Free University, 'All Power to the Copenhagen Free University', in: Katya Sander and Simon Sheikh (Eds.), We are All Normal (and we want our freedom), Black Dog Publishing: London, 2001, pp. 394-395. |