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01 2007
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Die Missgeschicke der „Künstlerkritik“ und der kulturellen Beschäftigung

Übersetzt von Stefan Nowotny

Maurizio Lazzarato

Maurizio Lazzarato

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In soziologischen und ökonomischen Schriften, die sich mit den Transformationen des Kapitalismus und spezifischer mit den Transformationen des künstlerischen und kulturellen Arbeitsmarkts beschäftigen, gibt es eine Tendenz, die künstlerische Aktivität sowie die Modalitäten ihrer Ausübung als jenes Modell anzusetzen, von dem die neoliberale Ideologie ihre Inspiration bezogen hätte. Dieser Diskurs ist ambivalent und sollte näher befragt werden. Dem Buch Der neue Geist des Kapitalismus von Luc Boltanski und Eve Chiapello kommt dabei das Verdienst zu, die „Künstlerkritik“ als eine der ökonomischen, politischen und sozialen AkteurInnen des kürzlich zu Ende gegangenen Jahrhunderts sowie insbesondere der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs darzustellen. Die Definition dessen jedoch, was diese „Künstlerkritik“ ist, die Rolle, die die AutorInnen sie im gegenwärtigen Kapitalismus spielen lassen, lässt uns gleichzeitig in mehrerlei Hinsicht ratlos zurück.

Die These, die sich durch den Neuen Geist des Kapitalismus vom Anfang bis zum Ende hindurch zieht, ist die folgende: Die Künstlerkritik (die sich auf Freiheit, Autonomie und Authentizität gründet und diese einfordert) und die Sozialkritik (die sich auf Solidarität, Sicherheit und Gleichheit gründet und diese einfordert) „werden zumeist von unterschiedlichen Trägergruppen vorgebracht“ und sind miteinander „unvereinbar“.[1] Die Fackel der Künstlerkritik, die von den KünstlerInnen an die StudentInnen des Mai ’68 weitergegeben wurde, sei in der Folge von jenen „angesagten“ Leuten aufgenommen worden, die in Medien, Finanzwelt, Show-Business, Modeindustrie, Internetbusiness etc. arbeiten, das heißt von den „Kreativen“ des „oberen Endes der soziokulturellen Hierarchie“. Die Sozialkritik hingegen, deren TrägerInnen die ArbeiterInnen von ’68 waren, sei von den kleinen Leuten, den Untergeordneten und Ausgeschlossenen des Liberalismus wieder aufgenommen worden. Künstlerkritik und Sozialkritik sind also „weitgehend unvereinbar“.

Die „Künstlerkritik“ ruft bei den AutorInnen ein Unbehagen, ja eine gewisse Verachtung hervor, die sie nur schlecht verbergen können. Aus ihrer Sicht versteht sich das ohne Probleme, denn die „Künstlerkritik […] ist nicht von sich aus egalitär; sie läuft sogar ständig Gefahr, in einem aristokratischen Sinn interpretiert und umgedeutet zu werden“. Und sie kann, „wenn sie von den Gleichheits- und Solidaritätserwägungen der Sozialkritik nicht abgemildert wird, sehr schnell das Spiel eines besonders zerstörerischen Liberalismus bedienen, wie wir in den vergangenen Jahren aufgezeigt haben“. Im Übrigen ist die Künstlerkritik „nicht in sich notwendig, wenn es um die Infragestellung des Kapitalismus geht, wie sich an den früheren Erfolgen der Arbeiterbewegung, die ohne die Verstärkungen der Künstlerkritik auskamen, zeigt. Der Mai ’68 war unter diesem Gesichtspunkt eine Ausnahme.“ Bei der Lektüre spürt man auch, dass das Buch von einem Ressentiment gegen den Mai ’68 durchzogen ist, das seit einigen Jahren quer durch die intellektuellen Eliten Frankreichs seine Bahn zieht und das, hier wie auch im Falle des ehemaligen Bildungsministers[2], auf Kosten von Michel Foucault, Gilles Deleuze und Félix Guattari geht, die als Meister des Denkens von ’68 Keime des Liberalismus in den Köpfen der Leute hinterlassen hätten, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Nicht nur ist die Künstlerkritik also unnötig – es sei denn, um „das Zuviel an Gleichheit der Sozialkritik abzumildern“, welche Gefahr laufe, „die Freiheit zu verschmähen“ (sic!) –, sie stellt darüber hinaus auch das Trojanische Pferd des Liberalismus dar; sie ähnelt ihm aufgrund des aristokratischen Geschmacks an Freiheit, Autonomie und Authentizität, den die KünstlerInnen zunächst an die StudentInnen weitergaben und der in der Folge seinen Weg durch die Bobo-Milieus[3] nahm. Boltanski und Chiapello präsentieren uns hier eine Neuauflage der Opposition von Freiheit und Gleichheit, Autonomie und Sicherheit, die aus einer anderen Epoche stammt und an der sich im Übrigen auch der Sozialismus und der Kommunismus die Zähne ausgebissen haben.

 
„Keine Kultur ohne soziale Rechte“

Der Begriff der „Künstlerkritik“ ist nicht stichhaltig, und zwar aufgrund zumal theoretischer wie politischer Fragen:

a) Was den zweiten Aspekt betrifft, so haben die Thesen von Boltanski und Chiapello vier Jahre nach ihrer Veröffentlichung ein scharfes Dementi erfahren. Die Missgeschicke der „Künstlerkritik“ von Boltanski und Chiapello sind zahlreich, aber das größte Malheur ist dem Konzept mit der Entstehung der „Coordination des Intermittents et Précaires“ („Koordination der Intermittents und Prekären“) bzw. der Widerstandsbewegung der „KünstlerInnen“ und „TechnikerInnen“ des Kulturbetriebs widerfahren, deren gelungensten Ausdruck die „Koordination“ darstellt.[4] Die sechs Worte einer der Parolen der Intermittents-Bewegung: „Pas de culture sans droits sociaux“ („Keine Kultur ohne soziale Rechte“) sind mehr als ausreichend, um daraus eine Kritik des Buches von Boltanski und Chiapello abzuleiten und sämtliche Grenzen ihrer Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus herauszuarbeiten. Übersetzt man die Parole „Keine Kultur ohne soziale Rechte“ in die Sprache Boltanski/Chiapellos, so zeigt sich, dass das, was sie für potenziell aristo-liberal und mit sozialer Gerechtigkeit unvereinbar halten, zu einem Kampffeld wird, und zwar vielleicht dem einzigen, von dem aus sich die neoliberale Logik vereiteln lässt: „Keine Freiheit, Autonomie, Authentizität (Kultur) ohne Solidarität, Gleichheit, Sicherheit (soziale Rechte).“

Der neue Geist des Kapitalismus wurde in Paris 1999 veröffentlicht, aber die Studie hat mit der Nacht vom 25. zum 26. Juni 2004 theoretisch wie politisch zu funktionieren aufgehört, als im Théâtre Nationale de la Colline die „ Coordination des Intermittents et Précaires“ gegründet wurde. In jenem Augenblick, in dem sich die „Künstlerkritik“ – getragen von „KünstlerInnen und TechnikerInnen des Kulturbetriebs“ – organisiert und einen Namen gegeben hat, fügte sie zusammen, was die beiden AutorInnen für unvereinbar erachten: KünstlerInnen und ZeitarbeiterInnen, KünstlerInnen und Prekäre, KünstlerInnen und Arbeitslose, KünstlerInnen und SozialhilfeempfängerInnen.

Der stärkste und hartnäckigste Widerstand (der Konflikt dauert seit drei Jahren an) gegen das liberale Projekt des französischen Unternehmertums, die so genannte „soziale Umgestaltung“, geht von KünstlerInnen und TechnikerInnen des Kulturbetriebs aus. Es sind die „Coordinations des Intermittents et Précaires“, und nicht nur die KünstlerInnen und TechnikerInnen des Kulturbetriebs, die ein Entschädigungsmodell für „ArbeiterInnen mit diskontinuierlicher Beschäftigung“ ausgearbeitet und vorgeschlagen haben, das auf Solidarität, Sicherheit und Gerechtigkeit gegründet ist. Es sind ebenfalls die Koordinationen, die auf die Terrains des Kampfes für ein Arbeitslosenversicherungssystem hingewiesen haben, das auf Sicherheit wie Autonomie gleichermaßen gegründet ist und dessen Funktionsweise in der Lage ist, der Mobilität unmittelbar Rechnung zu tragen.

b) Unter einem theoretischen Gesichtspunkt führt der Begriff der „Künstlerkritik“ eine ganze Menge an Missverständnissen ein. Wir beschränken uns hier auf die Auseinandersetzung mit dreien von ihnen:

1. Die Gräben, welche die liberalen Politiken in die Gesellschaft schlugen, haben mit der Karikatur von sozialer Zusammensetzung und der Kartographie von Ungleichheiten, wie sie in diesem Buch beschrieben werden, nichts zu tun. Nehmen wir Boltanski/Chiapellos Beschreibung der sozialen Trägergruppen der „Künstlerkritik“ und versuchen wir zu verstehen, warum sie einer (an Populismus grenzenden) Karikatur gleicht:

„Im Übrigen gilt es zu verstehen, dass die Künstlerkritik heute vor allem von Personen getragen wird, die im oberen Bereich der soziokulturellen Hierarchie verortet sind, die höhere Studien absolviert haben und häufig in kreativen Sektoren (Marketing, Werbung, Medien, Mode, Internet etc.) oder auch auf den Finanzmärkten oder in Beratungsgesellschaften arbeiten, und dass ihre Sensibilisierung gegenüber dem am anderen Ende der sozialen Stufenleiter angesiedelten Leben einer ZeitarbeiterIn, die ihrerseits keinerlei Interesse an Mobilität hat, gegen Null geht.“[5]

Die Gräben, die von den neoliberalen Politiken gezogen werden, verlaufen nicht zwischen den neuen freien Berufen und den neuen Prolos, zwischen den Angesagten und den Arbeitslosen, zwischen einer neuen „kreativen Klasse“, die in den „Kreativindustrien“ arbeitet, und einer in den traditionellen Industrien arbeitenden alten ArbeiterInnenklasse, sondern die Ungleichheiten durchziehen die so genannten Kreativberufe, welche nach Boltanski/Chiapello die „Künstlerkritik“ tragen, in ihrem Inneren. Keiner der Berufe, die sie als Träger der Künstlerkritik anführen, bildet eine homogene Entität; vielmehr haben wir es mit einem Ensemble von Situationen zu tun, die in ihrem Inneren einer starken Ausdifferenzierung unterliegen, je nach Status, Gehältern, sozialer Absicherung, Arbeitslast und Beschäftigung. In ein und demselben Beruf arbeitend, kann man reich und abgesichert sein oder aber arm und einer Situation extremer Prekarität ausgesetzt. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine beinahe unendliche Abstufung und Abwandlung bezüglich Situation und Status.

Die Gräben verlaufen nicht zwischen in Medien, Werbung, Theater, Fotografie arbeitenden Individuen einerseits sowie den ArbeiterInnen, Beschäftigten, Prekären und Arbeitslosen andererseits. Die Gräben durchqueren die freien Berufe, denn ein Teil der Individuen, die in ihnen arbeiten, ist ganz einfach prekär, arm, nicht abgesichert. Man könnte dasselbe von fast allen Berufen sagen, die von den AutorInnen angeführt werden, insbesondere von den WissenschaftlerInnen und der Universität, die die AutorInnen am besten kennen sollten. Es herrscht hier eine Situation, zu deren Anprangerung die Bewegung der „prekären ForscherInnen“ einige Monate nach der Intermittents-Bewegung ihren Beitrag geleistet hat.

Nehmen wir ein Beispiel, zu dem uns Daten vorliegen: jenes der (zeitweilig beschäftigten) KünstlerInnen und TechnikerInnen im audiovisuellen Bereich sowie im Bereich des spectacle vivant[6]. Gemeinsam mit Antonella Corsani, Jean Baptiste Olivo und den Coordinations des Intermittents et Précaires haben wir hier eine Untersuchung über eine repräsentative Stichprobe von mehr als 1.000 Intermittents durchgeführt. Betrachten wir die inneren Verteilungen von Beschäftigung (Arbeitsstunden) und Bezügen (ohne Arbeitslosengelder):

 
Tabelle 1: Verteilung des Bruttojahreseinkommens der Intermittents in %, nach Arbeitsstunden und Lohneinheiten


Es wird sehr deutlich, dass der größte Teil der Intermittents (56,4 %) über ein Bruttojahreseinkommen verfügt, das sich zwischen der Hälfte eines Mindestlohns (der Mindestlohn entspricht ca. 1.200-Euro brutto) und einem Betrag hält, der etwas über dem Mindestlohnwert liegt. An den beiden Extremen jedoch verdienen 9,1 % ein Einkommen, das mehr als dem doppelten Betrag eines Mindestlohns gleichkommt, während 13,5 % über ein Einkommen verfügen, das nicht einmal 0,3 % eines Mindestlohns erreicht.

Tabelle 2: Durchschnittseinkommen der Intermittents (in EURO) und Einkommensstreuung, nach Berufsfeldern


Die Mehrheit der Intermittents lebt daher von einem Einkommen, das kaum über der Entschädigungsschwelle (507 Stunden) liegt, aber es gibt auch noch eine unbestimmte Anzahl von nicht entschädigten „KünstlerInnen“, deren Lebenssituation von noch größerer Prekarität geprägt ist und die zwischen prekären Beschäftigungen, Sozialhilfe und Existenzminima jonglieren. Ich rufe in Erinnerung, dass in Paris 20 % der SozialhilfeempfängerInnen als Tätigkeit „KünstlerIn“ angeben. Fügt man dem die bildenden KünstlerInnen hinzu, so erweisen sich die „KünstlerInnen“ als sehr ausdifferenzierte Kategorie, die sich mit den „molaren“ und verallgemeinernden Kategorien von KünstlerInnen, im Medienbereich arbeitenden Individuen etc. nicht erfassen lassen.

2. Boltanski/Chiapello haben aus der KünstlerIn und ihrer Aktivität das Modell der liberalen Ökonomie gemacht; dieses Modell wurde jedoch vielmehr auf dem „Humankapital“ im Sinne des Selbstunternehmertums aufgebaut. Wir werden Foucaults Arbeit über die Geburt der Biopolitik verwenden, um uns über das Missverständnis aufzuklären, dem zufolge das Modell der gegenwärtigen ökonomischen Aktivität unter den KünstlerInnen zu suchen sei:

Wie Foucault in Erinnerung ruft, hat der Neoliberalismus Bedarf daran, ein neues Modell des homo oeconomicus zu entwerfen, doch dieses hat, wie wir gleich sehen werden, weder mit der KünstlerIn noch mit der künstlerischen „Kreativität“ besonders viel zu tun. Der Neoliberalismus sucht sich sein Subjektivierungsmodell nicht in der Künstlerkritik, denn er hat sein eigenes: nämlich die UnternehmerIn, die er im Übrigen verallgemeinernd auf alle Welt beziehen möchte, KünstlerInnen eingeschlossen, wie etwa im Falle der französischen Intermittents. In der „Reform“ der Intermittenz wird der neue Entschädigungszeitraum für Intermittents als „ein Kapital“ aufgefasst, das sich aus der Anzahl der entschädigten Tage ergibt und von dem/r Einzelnen als „Kapital“ verwaltet werden muss.

Was bewirkt dieses kleine Wort „Kapital“ bei den LohnempfängerInnen? Wie funktioniert es? Es besagt, dass die Arbeitslosenbezüge Teil einer Vielfalt von „Investitionen“ (Ausbildung, Mobilität, Affektivität etc.) sind, die das Individuum (das „Humankapital“) zu leisten hat, um seine Leistungen zu optimieren. Foucaults Analyse kann uns verstehen helfen, worauf die neoliberale Logik „positiv“ abzielt, welche Art von Anreiz sie durch ihr Modell des Humankapitals erzeugt. Die Kapitalisierung stellt eine der Techniken dar, die einen Beitrag zur Transformation der ArbeiterIn in „Humankapital“ leisten sollen, welches Ausbildung, Wachstum, Akkumulation, Verbesserung und die Selbstaufwertung als „Kapital“ nun selbst sicherzustellen hat, und zwar über die Gestaltung all seiner Beziehungen, Entscheidungen, Verhaltensweisen gemäß der Logik des Verhältnisses von Kosten und Investition sowie gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Die Kapitalisierung soll dazu beitragen, aus der ArbeiterIn „eine Art permanentes und multiples Unternehmen“ zu machen. Der Arbeiter ist ein Unternehmer, und zwar „ein Unternehmer seiner selbst, der für sich selbst sein eigenes Kapital ist, sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle“[7]. Was von den Individuen verlangt wird, ist nicht, die Produktivität der Arbeit sicherzustellen, sondern die Rentabilität eines Kapitals (ihres eigenen Kapitals, eines Kapitals, das von ihrer eigenen Person nicht getrennt werden kann). Der oder die Einzelne muss sich selbst als Kapitalfragment betrachten, als molekulares Bruchstück des Kapitals. Die ArbeiterIn ist kein einfacher Faktor der Produktion mehr, das Individuum ist genau genommen keine „Arbeitskraft“ mehr, sondern ein „Kompetenzkapital“, eine „Kompetenzmaschine“.

Diese Konzeption des selbstunternehmerischen Individuums führt den Prozess des Kapitals als Subjektivierungsmaschine zu Ende. Für Gilles Deleuze und Félix Guattari wirkt das Kapital als hervorragender „Subjektivierungspunkt, der die Menschen als Subjekte konstituiert, aber die einen, die ‚Kapitalisten‘, sind Subjekte der Äußerung […], während die anderen, die ‚Proletarier‘, Subjekte der Aussage sind, den technischen Maschinen unterworfen […]“[8]. Wir können von einer Vollendung des Subjektivierungs- und Ausbeutungsprozesses sprechen, denn es ist hier ein und dasselbe Individuum, das sich aufspaltet, das zugleich Subjekt der Äußerung und Subjekt der Aussage ist. Einerseits treibt es die Subjektivierung auf die Spitze, da es alle „immateriellen“ und „kognitiven“ Ressourcen seines „Selbst“ in die Aktivität mit einbezieht, andererseits arbeitet es einer identifizierenden Subjektivierung und Ausbeutung zu, denn es ist gleichzeitig Chef seiner selbst und Sklave seiner selbst, Kapitalist und Proletarier, Subjekt der Äußerung und Subjekt der Aussage.

Ebenfalls im Ausgang von Foucault lässt sich die These heftig kritisieren, dass es ’68 und die StudentInnen waren, die die Freiheit in den Kapitalismus eingeführt haben. Foucault zufolge ist der Liberalismus ein Regierungsmodus, der Freiheit konsumiert und verbraucht, und um sie verbrauchen zu können, bedarf es zuerst ihrer Produktion und Förderung. Freiheit ist kein universeller Wert, dessen Ausübung durch die Regierung garantiert werden müsste, sondern entspricht der Freiheit (oder den Freiheiten), deren der Liberalismus bedarf, um zu funktionieren. Freiheit ist schlicht und einfach „das Korrelativ der Sicherheitsdispositive“, die Foucault in der Geburt der Biopolitik beschreibt. Der große Unterschied zum keynesianischen Liberalismus besteht darin, dass die Freiheit, die fabriziert und organisiert werden muss, zuerst jene des Unternehmens und der UnternehmerInnen ist, während die Freiheit der „Arbeit“, der „KonsumentInnen“, der Politik, die im Zentrum der keynesianischen Intervention stand, dieser Freiheit radikal untergeordnet werden muss. Es dreht sich immer um die Freiheit der UnternehmerInnen.

3. Das Konzept der „Künstlerkritik“ verweist uns, drittes Problem, auf eine veraltete Konzeption der künstlerischen Tätigkeit, die vielleicht – in den Begriffen, in denen sie von Boltanski/Chiapello beschrieben wird – niemals existiert hat:

„Aber es ist wohlbekannt, dass die Künstlerkritik, die seit dem 18. Jahrhundert und vor allem im 19. Jahrhundert mit Konzeptionen der Kunst als ‚erhaben‘ sowie des Künstlers als ‚Genie‘ verbündet war, häufig von einer Verachtung für das ‚Gemeine‘, die ‚Kleinbürger‘, die ‚Spießer‘ etc. begleitet war. Gewiss konnten das ‚Volk‘ oder das ‚Proletariat‘ unter dem Schutz dieser Verachtung in Erscheinung treten, aber nur deshalb, weil die Kritik sich ein idealisiertes und rein abstraktes Bild von ihnen machte. Das ‚Volk‘ wurde im Sinne einer Entität als ‚bewundernswert‘ konzipiert, aber seine wirklichen Repräsentanten konnten, wenn sie zufällig den Weg der Träger der Künstlerkritik kreuzten, nur als enttäuschend erscheinen, als Menschen mit ‚prosaischen‘, ‚rückschrittlichen‘ etc. Anliegen.“[9]

Dieses Bild der KünstlerIn entspricht perfekt demjenigen, das den Intermittents über die kulturellen Beschäftigungspolitiken des Kulturministers aufgezwungen wird. Es sind die im Kulturministerium tagenden Liberalen, die heute dieses Künstlerbild haben.

4. „Außerhalb dieser beiden Figuren ist die Mobilität der Kleinen, da sie zumeist eine erlittene Mobilität darstellt, nicht wirklich zur Netzwerkbildung geeignet. Sie werden nach Maßgabe ihres jeweiligen Vertragsendes hin und her gerissen und laufen von einem Arbeitgeber zum nächsten, um nicht vollends aus dem Netzwerk zu verschwinden. Sie zirkulieren wie Waren in einem Netz, dessen Maschen sie niemals selbst stricken, und werden durch andere ausgetauscht, die sich seiner (Maschen) im Gegenzug bedienen, um ihre eigenen Verbindungen zu unterhalten. Wie wir an den Stellen, wo wir auf die Natur der Ausbeutung im Netzwerk zu sprechen kommen, darlegen, ist die Mobilität der Großen, als Quelle der Entfaltung und des Profits, das genaue Gegenteil zur Mobilität der Kleinen, die nur Verarmung und Prekarität bedeutet. Oder um eine unserer Formeln aufzugreifen: Die Mobilität des Ausbeuters hat ihren Widerpart in der Flexibilität des Ausgebeuteten.“[10]

Es sind die Ärmsten, die „Kleinsten“, von denen die Intermittents-Bewegung getragen wurde. Es sind die „Kleinen“, die sich als sehr viel „kreativer“, „mobiler“, „dynamischer“ erwiesen haben als die Lohnarbeitergewerkschaften als Trägerinnen der Sozialkritik. In den Koordinationen verkehren nicht nur Intermittents, sondern auch Prekäre, Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen, und eben diese Ansammlung von „Kleinen“ hat einen der innovativsten Konflikte der letzten Jahre ins Leben gerufen und gestaltet.

Der Beweis dafür, dass die Theorie von Boltanski und Chiapello sehr begrenzt ist, ergibt sich aus dem Umstand, dass der Liberalismus die Arbeitsmodalitäten der Intermittents, der einzigen KünstlerInnen, die den Status von LohnempfängerInnen haben, nicht generalisiert hat, sondern diesen die ökonomischen Zwänge des Selbstunternehmertums, des Humankapitalmodells auferlegt hat. Es sind gerade die KünstlerInnen und TechnikerInnen des Kulturbetriebs, welche die Verhaltensweisen und Lebensstile des „Humankapitals“ annehmen müssen.

 
Menger und die Missgeschicke der permanenten kulturellen Beschäftigung

Durch seine Befürwortung einer Politik der permanenten kulturellen Beschäftigung legt Pierre-Michel Menger die Grenzen eines möglichen und vernünftigen Handelns innerhalb des kulturellen Arbeitsmarkts fest: Es geht um die „Regulierung“ des „Übermaßes“ an KünstlerInnen und TechnikerInnen, die sich in der Situation von Intermittents befinden. Die Arbeit von Menger zeigt gut die Komplizität, das Ineinandergreifen, den komplementären Charakter und die Konvergenz der „Rechten“ und der „Linken“, wenn es um die Schlacht um Beschäftigung geht. Sein letztes Buch baut gänzlich auf der „disziplinären“ Gegenüberstellung von „normal“ und „anormal“ auf, wie einer seiner Buchtitel deutlich anzeigt: Les intermittents du spectacle: sociologie d’une exception[11] („Die Intermittents du spectacle: Soziologie einer Ausnahme“). Aus Mengers Perspektive geht es nicht um eine gewöhnliche Arbeitslosigkeit, ebenso wenig wie es um eine gewöhnliche Beschäftigung geht. Die Arbeitslosenregelung der Intermittents erscheint ihm als eine atypische Abdeckung eines atypischen Risikos, die Flexibilität außerhalb der Normen habe gefährliche Konsequenzen.[12]

Außergewöhnliche Arbeitslosigkeit und Beschäftigung, atypisches Risiko und Risikoabdeckung, Flexibilität „außerhalb der Normen“ – wir befinden uns inmitten einer disziplinären „Ausnahme“. Menger hüllt seine Argumentationen bezüglich des kulturellen Sektors und der Intermittents-Regelung in eine gelehrte Formalisierung, die darauf abzielt, die von der Intermittents-Bewegung aufgeworfenen Fragen in den beruhigenden Rahmen des Anormalen, der Ausnahme, des Atypischen einzuschließen.[13] Die zu bewerkstelligenden Beschäftigungspolitiken müssen die Ausnahmen ausmerzen und die Standardfunktionsweise des Arbeitsmarktes wiederherstellen, welche die Rekonstruktion der Funktion der UnternehmerInnen (ihrer Autonomie) und zugleich die erneute Durchsetzung der Funktion der Lohnabhängigen (ihrer Unterordnung) vorsieht, und zwar so, dass die jeweils zugeschriebenen Rechte und Pflichten bestimmt werden können.

Um es in den gelehrten Begriffen Durkheims zu sagen: Es geht darum, eine „direkte und organisierte Hierarchie“ bezüglich eines Arbeitsmarktes wiederherzustellen, der aufgrund von Verhaltensweisen, die nicht an die Normalität der Beziehung Kapital/Arbeit angepasst sind, dereguliert ist. Wir wissen, dass diese Funktionen keine natürliche Existenz haben, sondern durch eine ständige Intervention seitens der Beschäftigungspolitiken produziert und reproduziert werden müssen. Was die Reform in Angriff genommen hat.

Wenn sich Mengers Analyse der Intermittenz auch jener der Neoliberalen entgegenzusetzen scheint, so decken seine Schlussfolgerungen jene der Letzteren doch perfekt ab. Angesichts der Tatsache, dass Menger zufolge die Zahl von Individuen, die in das Beschäftigungssystem der Intermittents eintreten, sehr viel schneller ansteigt als das Arbeitsvolumen, das sie sich teilen, ist der kulturelle Arbeitsmarkt durch eine Hyperflexibilität charakterisiert, die eine gesteigerte Konkurrenz zwischen den Intermittents herbeiführt. Der Anstieg der Konkurrenz zwischen den ArbeiterInnen habe verhängnisvolle Konsequenzen hinsichtlich ihrer Beschäftigungsbedingungen (immer kürzere und stärker fragmentierte Verträge), ihrer Bezahlung (sinkende Löhne) sowie ihrer Verhandlungsmacht gegenüber den Unternehmen.

Der „Befund“, es gebe zu viele Intermittents, um gute Beschäftigungs- und Entschädigungsbedingungen für alle sicherstellen zu können, veranschlagt die gleiche Lösung wie die Reform: Man muss die Zahl reduzieren, indem der Zugang zum Arbeitslosenversicherungssystem erschwert wird, aber auch indem die KandidatInnen für die Berufe des Kulturbetriebs durch die Errichtung von Eintrittsbarrieren (Diplome, staatlich kontrollierte Ausbildung) einer Selektion unterstellt werden. Der Kampf gegen Hyperflexibilität, Unterbeschäftigung und die niedrigen Löhne der Intermittents sowie der Kampf um die Gewährleistung stabiler und kontinuierlicher Beschäftigung, „guter“ Bezahlung und „guter“ Entschädigungsleistungen für eine reduzierte Zahl von Intermittents bringen es als erste Konsequenz mit sich, dass das „Übermaß“ an Intermittents an Arbeitslosenhilfe, soziale Minima, Praktika, Prekarität, Überlebenskampf und Armut zurückverwiesen wird.

Die ersten Daten bezüglich der durch die Reform gezeitigten Effekte zeigen den Triumph der neoliberalen Politik und die vollständig untergeordnete Stellung der kulturellen Beschäftigungspolitiken.[14] Es spielt sich hier erneut ab, was in den anderen Wirtschaftsbereichen seit 30 Jahren geschieht: Indem sie die gegenwärtigen Produktionsbedingungen missachtet, unterteilt und fragmentiert die kulturelle Beschäftigungspolitik („richtige“ Beschäftigungen schaffen, das heißt stabile und Vollzeitbeschäftigungen) den Arbeitsmarkt und erzeugt eine wachsende Disparität von Situationen. Alles, was sie tut, besteht darin, die Ausdifferenzierung zu speisen, Ungleichheiten zu vervielfachen und somit den idealen Nährboden dafür zu bereiten, dass sich die neoliberale Gestaltung des Arbeitsmarktes verankern und entfalten kann. Die (kulturellen) Beschäftigungspolitiken werden der liberalen Logik untergeordnet, denn indem sie die Konkurrenz innerhalb der „Zunft“ reduzieren wollen, bewirken sie nichts anderes als Segmentierung, weitere Ausdifferenzierung, Steigerung der Konkurrenz zwischen „Abgesicherten“ und „Unabgesicherten“, stabilen Beschäftigungen und prekären Beschäftigungen, und ermöglichen auf diese Weise eine Politik der „Optimierung von Differenzen“, die differenzielle Verwaltung der Ungleichheiten in der Regierung der Verhaltensweisen auf dem Arbeitsmarkt.

 
Arbeitslosigkeit und unsichtbare Arbeit

Die Analyse der Arbeitslosigkeit führt zur gleichen disziplinären Unterscheidung zwischen normal (die Arbeitslosenversicherung, wie sie in der Nachkriegszeit eingerichtet wurde) und anormal (die Arbeitslosenversicherung, wie sie von den Intermittents verwendet, umgewendet und angeeignet wurde). Wie alle ExpertInnen der kulturellen Beschäftigungspolitik möchte Menger die Arbeitslosenversicherung, die durch die Intermittenz pervertiert wurde (weil sie auch die Aktivität, die kulturellen und künstlerischen Projekte sowie die Lebensprojekte der Intermittents finanziert), auf ihre so genannte „natürliche“ Funktion einer einfachen Risikoabdeckung für den Fall des Beschäftigungsverlusts zurückführen. Wie die anderen ExpertInnen auch scheint Menger jedoch zu verkennen, dass sich in einem System flexibler Akkumulation Sinn und Funktion der Arbeitslosigkeit verändern. Die klar abgegrenzte Trennung zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit (die Arbeitslosigkeit als Umkehrung der Beschäftigung), die in einem ganz anderen Akkumulationsregime instituiert wurde (Standardisierung und Kontinuität der Produktion, mithin Stabilität und Kontinuität der Beschäftigung), hat sich in eine immer engere Verflechtung zwischen Beschäftigungsperioden, Perioden der Arbeitslosigkeit und Ausbildungsperioden umgewandelt.

Die erste Sache, die buchstäblich ins Auge springt, wenn man den kulturellen Sektor analysiert, ist die Trennung von Arbeit und Beschäftigung. Die Dauer der Letzteren beschreibt nur zum Teil die – darüber hinausreichende – wirkliche Arbeit. Die Arbeitspraktiken der Intermittents (Ausbildung, Lernen, Zirkulation von Wissen und Kompetenzen, Kooperationsmodalitäten etc.) ziehen sich durch Beschäftigung und Arbeitslosigkeit hindurch, ohne sich darauf zu reduzieren.[15] Von Beginn der 1970er Jahre an deckt sich die Beschäftigung nur zum Teil mit den Arbeits-, Ausbildungs- und Kooperationspraktiken der Intermittents, die Arbeitslosigkeit reduziert sich also nicht auf eine Zeit der Untätigkeit. Die Arbeitslosenversicherung beschränkt sich nicht darauf, das Risiko eines Beschäftigungsverlusts abzudecken, sondern stellt die Einkommenskontinuität sicher, welche die Verflechtung all dieser Praktiken und Zeitlichkeiten zu produzieren und reproduzieren erlaubt und die hier nicht wie in anderen Sektoren vollständig den LohnempfängerInnen aufgebürdet ist.

 
BeschäftigungsgeberInnen / LohnempfängerInnen

Die besagten Beschäftigungslosungen hindern Menger daran, die Bedeutung einer anderen Veränderung zu erfassen, die nicht nur die klar abgegrenzte Trennung zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit erschüttert, sondern auch die Funktionen, die durch den „Code du Travail“ (das französische Arbeitsrecht) jeweils den LohnempfängerInnen (Unterordnung) und den UnternehmerInnen (Autonomie) zugeschrieben werden. Menger vermag den Unterschied zwischen der „juristischen Definition der Lohnarbeit“ und den reellen Mutationen der von LohnempfängerInnen ausgeübten Tätigkeiten nicht zu begreifen. Der Umstand, dass „etwa 86 % der existierenden Beschäftigungen heute unbefristete Arbeitsverträge sind“, kann ihn daher davon entbinden, über die Frage nachzudenken, was diese LohnempfängerInnen tun und wie sie es tun.

Die klar und deutlich abgegrenzte Trennung zwischen LohnempfängerInnen und UnternehmerInnen verliert an Bedeutung, insbesondere im Intermittence-System, in dem sich seit Jahren eine den Statistiken und soziologischen Analysen unbekannte Figur entwickelt, die wir in unserer Forschungsarbeit „BeschäftigungsgeberIn/BeschäftigungsnehmerIn“ [employeur/employé] genannt haben. Es handelt sich um eine hybride Figur, welche die Intermittents hervorbringen und gestalten, um sich an die neuen Herausforderungen der kulturellen Produktion anzupassen und um zugleich ihre eigenen Projekte zum Erfolg zu führen. Die BeschäftigungsgeberInnen/BeschäftigungsnehmerInnen entziehen sich den traditionellen Kodifizierungen des Arbeitsmarkts. Sie kumulieren ihre verschiedenen Funktionen, ohne sich dabei auf irgendeine der Kategorien zu reduzieren.

Diese Hybridisierung von Situationen, die mit einem je unterschiedlichen Status verknüpft sind, stellt die Regierung des Arbeitsmarktes vor eine große Zahl von Problemen. Der Latarjet-Bericht[16] über das spectacle vivant spricht ihr die Hauptverantwortung für das schlechte Funktionieren des Arbeitsmarkts zu und tritt dafür ein, zu einer „normalen“ Funktionsweise von Berufsverhältnissen zurückzukehren, die dieser „Ausnahme“ über die Wiederherstellung der untergeordneten Stellung der Lohnarbeit (mit ihren Rechten) sowie der Autonomie der UnternehmerInnen (mit ihren Pflichten und Verantwortlichkeiten) ein Ende bereitet. Doch diese Obsession einer Rückkehr zur Normalität ist schlicht und einfach eine disziplinäre Funktion, welche die neuen Tätigkeitsformen unterdrücken und verkennen will.

Im Gegenzug können wir, ausgehend von unserer eigenen Forschungsarbeit über die Intermittents, ganz und gar jene Bemerkung im Bericht des CERC über „Beschäftigungssicherheit“ unterschreiben, die aus all diesen durch die Intermittenz zutage geförderten Hybridisierungen keineswegs eine Ausnahme oder Anormalität macht – weit davon entfernt: „An die Stelle des geradlinigen Schnitts zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit sowie zwischen Lohnarbeit und selbständiger Arbeit hat sich eine Art ‚Hof‘ der Beschäftigung, ein Status der Unschärfe gesetzt – etwa zugleich Arbeitslose/r und LohnempfängerIn zu sein, oder zugleich Selbständige/r und LohnempfängerIn –, während sich die Typen von befristeten Arbeitsverträgen (periodisch befristete Verträge, Intermittenz-Verträge, Zeitverträge) vervielfacht haben.“

Die angebliche „Ausnahme“ der Intermittenz ist im Begriff, zur „Norm“ des Lohnarbeitssystems zu werden, ganz wie es die Koordinationen der Intermittents seit 1992 behaupten. Die „gewöhnlichen“ oder „klassischen“ Kategorien, die Menger im Intermittenz-System gerne wiederherstellen würde, funktionieren selbst in den „normalen“ Sektoren der Ökonomie kaum noch. Im Gegensatz zu dem, was er behauptet, ist der Unterschied zwischen der Arbeitslosigkeit der Intermittents und der Arbeitslosigkeit in den anderen Sektoren ein gradueller und nicht ein wesenhafter Unterschied.



[1] Die Zitate sind einem Gespräch entnommen, das Yann Moulier Boutang im Jahre 2000 mit Luc Boltanski und Eve Chiapello geführt hat: http://eipcp.net/dlfiles/boltanskichiapello-de

[2] Gemeint ist Luc Ferry, der in Frankreich den „neuen Philosophen“ zugerechnet wird und von 2002 bis 2004 unter der Regierung Raffarin das Amt des nationalen Bildungsministers bekleidete [Anm. d. Übers.].

[3] „Bobo“: Kurzform zu „Bourgeois-Bohémiens“ [Anm. d. Übers.].

[4] Der Ausdruck „Intermittents“ oder genauer „Intermittents du spectacle“ bezieht sich in Frankreich auf einen verwaltungsmäßig festgelegten Status von Personen, die in verschiedenen Sektoren des Kulturbereichs („spectacle“) unter der Bedingung der „Intermittenz“ („intermittence“), das heißt alternierender Perioden der Beschäftigung sowie der Arbeitslosigkeit, arbeiten. Es handelt sich also grundsätzlich um einen Status der Beschäftigung bzw. der Lohnarbeit, der von jenem klassischer „freier Berufe“ zu unterscheiden ist. [Anm. d. Übers.]

[5] Luc Boltanski / Eve Chiapello, http://eipcp.net/dlfiles/boltanskichiapello-de.

[6] Der in Frankreich als spectacle vivant bezeichnete Sektor des Kulturbereichs entspricht grundsätzlich dem Bereich der „darstellenden Künste“ in weiter Definition: Er reicht von Theater-, Musik- und Tanzdarbietungen bis hin zu Zirkuskünsten, Clownerie und Akrobatik; laut einem Gesetz von 1999 setzt die Zuordnung zum spectacle vivant die „physische Anwesenheit von zumindest einer KünstlerIn“ voraus, die für die „öffentliche Aufführung eines geistigen Werkes“ vergütet wird. [Anm. d. Übers.]

[7] Michel Foucault, Gouvernementalität II. Geburt der Biopolitik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004, S. 314.

[8] Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin: Merve 1997, S. 634.

[9] Luc Boltanski / Eve Chiapello, http://eipcp.net/dlfiles/boltanskichiapello-de.

[10] ebd.

[11] Vgl. Pierre-Michel Menger, Les intermittents du spectacle: sociologie d’une exception, Paris: EHESS 2005a, sowie „Talent und Misere. Die Produktion und Inszenierung von sozialer Ungleichheit in der Kulturindustrie. Email-Interview mit Pierre-Michel Menger. Von Peter Scheiffele.“: http://eipcp.net/dlfiles/menger-de.

[12] Vgl. Pierre-Michel Menger, Profession artiste: Extension du domaine de la création, Paris: Textuel 2005b.

[13] Pierre-Michel Menger stellt der Hyperflexibilität der Intermittenz (Anormalität) eine relative Stabilität der anderen ökonomischen Sektoren (Normalität) entgegen. Dieser Befund ist ganz und gar diskussionswürdig, denn er beruht auf einer Gegenüberstellung von Daten, die die Intermittenz betreffen und in Begriffen von Strömen evaluiert werden, mit Daten, die den Rest der Ökonomie zum Gegenstand haben und in Begriffen von Beständen bemessen werden. Wenn wir auch die Letzteren in Begriffen von Strömen lesen, wie dies in einer Studie des INSEE (Institut National de la Statistique et des Études Économiques [Nationales Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien]; vgl. Insee Première, Nr. 1014, Mai 2005) sowie in dem Bericht des CERC (Conseil de l’emploi, des revenus et de la cohésion sociale [Rat für Beschäftigung, Einkommen und sozialen Zusammenhalt]) über Beschäftigungssicherheit („Sécurité de l’emploi“, CERC 2005) getan wird, so lässt sich leicht überprüfen, dass die (Beschäftigungs-)Flexibilität weit davon entfernt ist, eine spezifisch das Intermittents-System betreffende Ausnahme darzustellen: „Jedes Jahr steigt die Anzahl der Lohnempfänger in zahlreichen Unternehmen und sinkt in anderen, ohne dass der Saldo der Beschäftigung insgesamt steigt oder sinkt. Diese Bruttobewegungen in der Beschäftigung der Unternehmen haben kein gemeinsames Maß mit den Nettoentwicklungen der Beschäftigung insgesamt. Auf diese Weise können innerhalb von 7 Jahren, über die Periode von 1995 bis 2001, 17,6 Millionen an jährlichen Bewegungen für einen Nettosaldo von 1,6 Millionen Beschäftigungen gezählt werden.“ Jedes Jahr verlieren Millionen Menschen ihre Beschäftigung und Millionen andere Menschen finden eine neue (an jedem Tag gibt es 33.753 Eintritts- und Austrittsbewegungen). – Der CERC gelangt in seinem Bericht über „Beschäftigungssicherheit“, in dem er allein vom privaten Sektor ausgeht, zu denselben Schlussfolgerungen: „2002 beläuft sich die Gesamtbeschäftigung (Mutterland und Überseegebiete) auf ungefähr 25 Millionen Menschen, die lohnabhängige Beschäftigung auf 23 Millionen. Von 2001 bis 2002 ist die Beschäftigung um 170.000 Menschen gestiegen. Aber dieser Anstieg ist das Ergebnis einer außergewöhnlich hohen Zahl von Einstellungen und Auflösungen des Arbeitsverhältnisses. Auf diese Weise haben, in einem Feld von ca. 13 Millionen Lohnempfängern des privaten Sektors, die Unternehmen im Lauf des Jahres 2002 5,2 Millionen Einstellungen vorgenommen (abseits von Zeitverträgen sowie nicht verlängerbaren Verträgen mit einer Dauer von weniger als einem Monat zur Ersetzung von LohnempfängerInnen, die ihren Jahresurlaub in Anspruch nehmen). Die Rekrutierungsquote grenzt also an die 40 %. Auf dieselbe Weise sind 40 % der LohnempfängerInnen aus ihrer Beschäftigung ausgeschieden.“

[14] Keines der Ziele der von Menger vorgeschlagenen „Regulierung“ wurde erreicht. Seit 2003 sind die Gehälter der im System verbliebenen Intermittents, die das „Humankapital“ der Kulturindustrie darstellen, gesunken, während die Arbeitslosengelder gestiegen sind, und zwar insbesondere für jene Kategorien von Menschen, die direkt für die Kulturindustrie arbeiten (Kino und Fernsehen). Der Anstieg der Einkünfte (Lohn plus Entschädigungsleistungen) von Intermittents, die nicht aus dem System ausgetreten sind und das „Humankapital“ der Kulturindustrie bilden, wird mit der Solidarität zwischen den Berufsgruppen bezahlt, ohne dass die CFDT (Confédération française démocratique du travail [Demokratische Französische Arbeitskonföderation; eine französische Gewerkschaft]), der MEDEF (Mouvement des entreprises de France [Bewegung der Unternehmen Frankreichs]) und die hinzugezogenen Gelehrten irgendetwas daran auszusetzen hätten.

[15] Menger, der sich damit brüstet, diesen Bereich seit dreißig Jahren zu studieren, vermischt dennoch munter und systematisch diese beiden Zeitlichkeiten. Das, wovon im Verlauf seiner Analysen und Vorschläge die Rede ist, beschränkt sich ausschließlich auf die „Beschäftigung“, ohne dass die „Arbeit“ jemals in den Blick genommen würde.

[16] Bernard Latarjet ist Präsident des Parks und der großen Veranstaltungshalle von La Villette in Paris; er wurde im September 2003 mit der Erstellung eines Berichts über die Zukunft des spectacle vivant beauftragt, der im April 2004 veröffentlicht wurde. [Anm. d. Übers.]