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04 2005
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MAYDAY, MAYDAY! Flex Workers, PreCogs und das europäische Prekariat

Übersetzt von Markus Griesser und Sylvia Riedmann

Alex Foti

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Markus Griesser (translation)

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Sylvia Riedmann (translation)

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Übersicht über Episoden des Konflikts

Seit 2001 hat ein Netzwerk, bestehend aus italienischen, französischen und katalanischen Medien-HacktivistInnen, BasisgewerkschaftlerInnen, selbstverwalteten und besetzten Jugendzentren, AktivistInnen aus dem Umfeld der "critical mass bikers", von radikalen Netzwerken, studentischen Gruppen, ArbeiterInnenkollektiven, migrantischen Organisationen sowie solche aus kommunistischen, grünen, anarchistischen, schwul/lesbischen und feministischen Zusammenhängen die MayDay-Paraden ins Leben gerufen, die am 1. Mai im Zentrum von Mailand stattfinden. Die Beteiligung am MayDay und seine Bedeutung ist ständig gewachsen, von 5.000 Leuten 2001 auf 50.000 im Jahr 2003. 2004 erreichte die MayDay-Mobilisierung in Mailand und Barcelona schließlich schon 100.000 DemonstrantInnen, die für ihre Organisierung und für soziale Rechte als Weg aus der verallgemeinerten Prekarität auf die Straße gingen.

Der MayDay hat sich als eine horizontale Methode der Vernetzung zwischen der Genua-Bewegung und radikalen Fraktionen der Gewerkschaften erwiesen - darüber hinaus eine Allianz zwischen zwei Generationen des Konflikts ermöglicht. Der MayDay hat auch als Auslöser von mannigfaltigen Aktionen im urbanen Raum und von Arbeitskämpfen im Stadtgebiet von Mailand und - kurze Zeit später - auch im Rest Italiens fungiert, damit zur Mobilisierung von jungen ZeitarbeiterInnen, Teilzeitbeschäftigten, von FreiberuflerInnen und WerkvertragsarbeiterInnen, Forschenden und Lehrenden, DienstleisterInnen und WissensarbeiterInnen geführt.

Viele der sich intensivierenden transeuropäischen Netzwerke haben - auf der Grundlage des Austausches auf den europäischen Sozialforen in Florenz und Paris - effektiv mit einer Einschätzung des existierenden politischen Szenarios und mit der Realisierung der Möglichkeiten für die radikale Organisation von Prekären auf europäischer Ebene begonnen. Das sind die Menschen, die nun in vielen europäischen Metropolen für ihre Rechte agitieren und streiken.

 

Prekarität: eine allgemeine Bedingung auf der Suche nach einem radikalen transeuropäischen Subjekt

Der Neoliberalismus ist seit zwei Jahrzehnten zuallererst ein System der Prekarisierung von Arbeit und der Auflösung von gewerkschaftlicher Organisierung des urbanen und suburbanen Lebens. Dieser Prozess hat für die Mehrheit vor allem der arbeitenden Frauen, Jugendlichen und MigrantInnen eine prekäre, von grundlegenden sozialen Rechten beraubte Existenzform nach sich gezogen. Im Herzen dieses Prozesses der neoliberalen Akkumulation liegt die flexible und auf befristeten Verträgen basierende Beschäftigung von GelegenheitsarbeiterInnen, die in entscheidenden reproduktiven und distributiven Bereichen des Dienstleistungssektors, sowie in den Wissens-, Kultur- und Medienindustrien angestellt sind. Diese aber liefern das Rohmaterial, auf dessen Basis das ganze System funktioniert: Information.

Wir, aktive ZeitarbeiterInnen aus Italien, nennen uns selbst PRECOG, weil wir das im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor arbeitende "Prekariat" verkörpern und das "Kognitariat" der Erziehungs- und Medienindustrien. Wir sind die ProduzentInnen des neoliberalen Wohlstands, wir schaffen jenes Wissen, jene Stile und jene Kultur, die von der monopolisierten Macht eingeschlossen und angeeignet wird.

Viele von denen, die in syndikalistischen Gruppen Streikposten organisieren, den MayDay bewerben und die Website ChainWorkers.org editieren, haben dieses seltsame Profil von Menschen mit einer Gewerkschaftsvergangenheit, die nun in Mailands Medienindustrie arbeiten. In einem Land lebend, wo das kommerzielle Fernsehen einem doofen Magnaten zu beinahe totaler Macht verhalf, verstehen wir die Überzeugungskraft von Popkultur und Werbetechniken. Unsere Absicht ist es gewesen, durch den subvertierenden Gebrauch von Sprache und Grafik eine neue Marke des Aktivismus und der Revolte von ArbeiterInnen zu entwickeln, die auf Menschen ausgerichtet ist, die bisher keine politischen Erfahrungen haben außer dem Gebrauch und der Plackerei ihres Körpers und ihres Geistes in den großen Verkaufsstellen und Bürokomplexen. Wir zielen auf die Umsetzung dieser Absicht durch die konstante Berichterstattung über Arbeitskämpfe und unternehmerische Untaten in Malls, Franchises, Megastores und Call Centers auf der ganzen Welt. Wir kommentieren auch Entwicklungen im Bereich des Arbeitsrechts und schauen auf Aspekte von Medienaktivismus und populärer Kultur, die mit kommerziellen und Dienstleistungs-Räumen verbunden sind. Wir in den syndikalistischen Gruppen waren überrascht, dafür ein riesiges und empfängliches Publikum zu finden.

Und kein Wunder: Es gibt 30 Millionen TeilzeitarbeiterInnen in der neuen EU. Diese Menschen - und die zahllosen ZeitarbeiterInnen, die nur periodisch, auf Werkvertragsbasis oder in der Schattenwirtschaft Beschäftigten und die migrantischen ArbeiterInnen, die überhaupt aus diesen Mustern herausfallen - sind die Menge der in der riesigen postindustriellen Ökonomie schuftenden ArbeiterInnen. Diese Menschen werden aus den meisten Formen der öffentlichen Wohlfahrt und der sozialen Sicherheit ausgeschlossen, unfähig, Pläne für die Zukunft zu machen, der rohen existenziellen Instabilität unterworfen, die vom Fall durch das soziale Netz aufgrund von Unfall, Krankheit oder Alter Zeugnis ablegt. Die Gefahr des sozialen Ausschlusses hängt über unseren Köpfen wie ein Damokles-Schwert.

Wir sind diese prekären Menschen. Wir sind die Frauen Europas, das trotz der "Feminisierung" von Arbeitskraft und Ökonomie für XX-Menschen diskriminierendere Löhne und Rollen vorbehält, als sie die dominierenden XY-Menschen erwarten dürfen. Wir sind die "konsumerisierte" jüngere Generation, die man aus dem politischen und sozialen Design eines gerontokratischen und technokratischen Europas ausgespart hat. Wir sind in erster Generation EuropäerInnen, kommend von den fünf Kontinenten und - am bedeutsamsten - von den sieben Meeren. Wir sind Menschen mittleren Alters, die aus ihren einst sicheren Jobs in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe entlassen wurden. Wir sind Menschen, die keine Langzeitjobs haben (und diese auch meist nicht wollen) und deshalb grundlegender sozialer Rechte beraubt werden, wie beispielsweise des Mutterschutzes, des Krankenstands oder des Luxus des bezahlten Urlaubs. Wir sind anzuheuern auf Anfrage, auf Abruf verfügbar, nach Belieben auszubeuten und kündigbar nach Lust und Laune. Wir sind das Prekariat.

Das Prekariat ist die Summe aller Menschen mit nicht standardisierten Beschäftigungsformen, die jenen sozialen Standard erfahren müssen, um den sich das kollektive Leben zunehmend dreht. Es ist eine Bedingung der verallgemeinerten sozialen Prekarität und der singularisierten Prekarisierung der Jobs. Es ist der Ausschluss einer ganzen Generation  - und bald schon einer gesamten Gesellschaft - von sozialen Rechten, die Garantien für kollektive Selbstverteidigung in sich tragen. Diese Rechte müssen entweder einen kontinentalen oder einen europaweiten Schutz haben - oder sie werden überhaupt nicht existieren.

 

Prekarität in Europa

Zahlen, Daten und Fakten beweisen, dass sowohl in Italien, als auch in Spanien und Frankreich eine große Zahl der jungen Angestellten in Jobs ohne Zukunft mit prekären Verträgen feststeckt. Alleine in Italien gibt es sieben Millionen Flex Workers und das, ohne die vermutlich drei Millionen mitzurechnen, die schwarz bezahlt in der Schattenwirtschaft beschäftigt werden. In Mailands Umland, der Lombardei, arbeiten - einem Trend der am meisten entwickelten europäischen Regionen folgend - 1,5 Millionen der gesamten Anzahl dieser Prekären.

Prekäre Jobs sind der Hauptgrund für Substandard- oder Armutslöhne. Die Zahl der so genannten "working poor" ist in Europa ebenso gewachsen wie in den USA. Im Jahr 2000 wurde in der vor der Erweiterung stehenden EU rund ein Viertel der ArbeiterInnen mit Löhnen unter dem Durchschnittseinkommen bezahlt. Am meisten davon finden sich im Vorreiterland des freien Marktes, England, sowie im zum freien Markt konvertierten Irland. Vor allem Frauen und im Ausland geborene BewohnerInnen tragen in einem überproportionalen Ausmaß die Hauptlast der armutsgefährdeten Jobs. Ein Drittel der europäischen Frauen wird mit Löhnen unter der Armutsgrenze abgespeist. Diese Zahl steigert sich zu erschreckenden 50% bei den im Ausland geborenen ArbeiterInnen in Frankreich und Belgien - Länder, in denen starke xenophobische Bewegungen den Wirtschafts-MigrantInnen zusätzlich eine Menge Kummer bereiten.

Während flexible Arbeit aktuell ein Kernelement der zeitgenössischen Wirtschaft bildet, werden Flex Workers selbst von der öffentlichen Meinung immer noch als Randphänomen angesehen. Deshalb fehlen ihnen bis heute Rechte oder Ansprüche. Flex Workers sind vorwiegend in den Wissens- und Dienstleistungsindustrien konzentriert. Das Wachstum dieser Branchen wurde lange Zeit einerseits mit dem Übergang zum Post-Industrialimus als genereller Produktionsform und andererseits mit dem Wechsel vom Fordismus zum Postfordismus verbunden. Was ehedem taylorisiert war, ist nun walmartisiert. Die stabile Klassenstruktur des keynsianischen Wohlfahrtsstaates - mit seinen sicheren Arbeiterklassen und seinen loyalen Mittelschichten - wird nun durch eine darwinistische Hackordnung ersetzt. Diese Hackordnung wird von einem neoliberalen Informationalismus diktiert, in dem Massen von prekarisierten und in kognitiven Sektoren angestellten ArbeiterInnen Mehrwert produzieren, der in den weltweiten Finanzmärkten versickert. Das Prekariat ist für den Postindustrialismus das, was das Proletariat für den Industrialismus war: das nicht befriedete soziale Subjekt.

 

Vom Subjekt zur Organisierung: In Richtung eines transeuropäischen Biosyndikates des Prekariats?

Wir sind alle entweder Prekäre oder Kognitäre, und wir müssen alle arbeiten, um das Rad am Laufen zu halten. Wir sind dazu gezwungen, vor der Heuchelei, dem Missbrauch und der Schikaniererei in unseren Jobs zu knien und zu buckeln, weil wir alle in hohem Maße erpressbar und entbehrlich sind. In unseren Hinterköpfen wissen wir alle, dass ein Ausbleiben der nächsten Honorarzahlung eine ganze Reihe von lästigen und allzu bekannten Folgen haben kann: Unbezahlte Rechnungen, unterbrochene Grundversorgung, kein Geld für die Miete, sozialer Rückzug, emotionale Spannungen, das Gefühl von Panik gegenüber der Welt, die ein schwarzes Loch rund um dich zu schaffen scheint, die Möglichkeit einer Delogierung, die Wahrscheinlichkeit einer Depression, das Risiko sich abzeichnender Isolation und das dunkle Gespenst der eigenen Obdachlosigkeit deutlich und schmerzlich in Sicht.

Aber wie können wir uns am besten organisieren und zusammenschließen? 1905 schafften es die amerikanischen Wobblies, eine neue industrielle Gewerkschaft zu gründen, die beides zugleich war - anarchistisch und sozialistisch ausgerichtet. In ihr organisierten sich ungelernte ArbeiterInnen mit den unterschiedlichsten ethnischen Hintergründen. Was wäre heute, ein Jahrhundert später, das Äquivalent zum industriellen Gewerkschaftswesen? Heute, wo der Sozialismus eine sterbende Ideologie und der Anarchismus nicht viel mehr als eine existenzielle Rebellion ist? Es gibt dafür keine einfachen Antworten. Aber es ist klar, dass jene sozialen Netzwerke, die für EuroMayDay geschaffen wurden, jetzt von einem Ereignis zu einem Prozess transformiert werden müssen. Die Zeiten sind reif für die Schaffung eines wahrhaftigen Biosyndikats aller ZeitarbeiterInnen und temporär Beschäftigten in Europa: von Helsinki bis Rom und von Lissabon bis Athen. Mit Biosyndikat meinen wir eine netzartige und auf direkter Aktion basierende Gewerkschaft, die rund um die kommunikativen Praxen und konfliktiven Verhaltensweisen der Multitudes von Flex Workers aufgebaut ist, welche sie inspiriert und von denen sie inspiriert ist.

Das italienische Phänomen des San Precario ist in dieser Hinsicht ein interessanter Fall. Wir haben am 29. Februar 2004 die Geburt eines Schutzheiligen aller Flex Workers verkündet, als wir einen neueröffneten Supermarkt mit Hilfe einer Pseudo-Prozession und surrealistischen Gläubigen besetzten, um gegen die Ausweitung der Sonntagsarbeit zu protestieren. Innerhalb weniger Wochen wurden überall in Italiens Städten Erscheinungen des Heiligen gemeldet, das Phänomen begann zu wuchern. Beim letztjährigen MayDay bildete eine sehr schöne Statute des uniformierten Heiligen - gebaut und bemalt von mailändischen Flex Workern aus der Theaterbranche - die Spitze der gigantischen Parade in Mailand. Die Statue stellte einen auf den Knien betenden Chainworker vor einem herrlichen Altar dar, sein Kopf umgeben von einem geschmackvollen Neon-Heiligenschein. Zwei Tage später begann die größte italienische Tageszeitung den Namen "San Precario" zu benutzen, wenn sie über die radikalen Gewerkschaften und aufrührerischen Flex Workers in Italien schrieb.

Die Botschaft war klar: San Precario war erfolgreich zum Symbol für einen landesweiten Konflikt geworden. Seit der Heilige allgemeinen Kultstatus erreicht hat, ist seine Wundertätigkeit allerortens festzustellen: in Bologna, Rom, Turin, Ancona, Genua, Neapel, Bari, Trient und einer ganzen Reihe kleinerer Städte. Aufbauend auf diesem Erfolg des San Precario ist der italienische Flügel des MayDay-Netzwerkes derzeit damit befasst, ein Gegen-Franchise-System aufzubauen - die San-Precario-Kette. Sie dient dazu, streikende Flex Workers mit aktiver und temporärer Solidarität zu unterstützen und Italiens Prekären mit legaler Unterstützung zur Seite zu stehen, wenn sie diese benötigen. Die Idee dahinter ist es, eine soziale Selbstrepräsentation durch urbanen Aktivismus aufzubauen, indem autonomistische Kollektive und lokale Gewerkschaften zur sozialen Organisation des Prekariats gebündelt werden. Während Berlusconis Stern endlich verblasst und sinkt, zwingen wir die offizielle Linke dadurch zu einem abrupten Wandel ihrer sozialen Politik dahingehend, Existenzsicherheit für die sieben Millionen Prekären zu gewährleisten. Denn es ist weit besser, auf der Seite San Precarios zu stehen, als seinem Zorn begegnen zu müssen.


Der Text wurde auch publiziert in: Kulturrisse 02/05.