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Transkription eines Videos von O. Ressler in Zusammenarbeit
Wir befinden uns nun vor der Mur des Fédérés, wo viele Kommunarden begraben sind. Die Frage nach den Ursprüngen der Commune gibt immer Anlass zu Debatten. Manche meinen, dass verschiedene Umstände dabei zusammenwirkten: zum einen der Krieg von 1870 zwischen dem französischen Kaisertum und Preußen; für andere wieder liegt die Antwort in der revolutionären Bewegung, die auch von Bedeutung war, da die Erste Internationale bereits 1864 in London von Karl Marx und anderen gegründet worden war. Außerdem entsteht in Paris während der letzten Jahre des Kaisertums eine sehr starke revolutionäre Bewegung, da dieses liberale Kaisertum öffentliche Versammlungen erlaubt hatte. Verschiedenen revolutionären Gruppen gelang es dann, diese freie öffentliche Rede unter ihre Kontrolle zu bringen, und zwar lange vor der Commune, denn diese tausenden von öffentlichen Versammlungen fanden bereits zwischen 1868 und 1870 statt. Dann brach der Krieg aus, und diese Bewegung der demokratischen und freien Rede ging während der Belagerung von Paris weiter: es entstanden die so genannten "Roten Clubs" als direkte Nachfolger der öffentlichen Versammlungen, die man schließlich verboten hatte. Während der Belagerung kam es zu einem ungeheuren demokratischen Aufbruch, der verschiedene individuelle Freiheiten betraf. Das Besondere an der Belagerung von Paris war, dass neben den regulären Truppen auch die Bevölkerung von Paris in der Nationalgarde bewaffnet war: Etwa 300 000 Mann wurden dafür rekrutiert und mit Feuerwaffen, Chassepot-Gewehren und Kanonen bewaffnet. Das führte bald zu Volksaufständen, da man die so genannte "Regierung der Nationalen Verteidigung" der Kapitulation und des Verrats beschuldigte. Hierin liegen also noch weitere Ursachen. Manche der Ursachen sind militärisch, andere sozial... oder revolutionär. Die Situation verschlechterte sich rapide unter den harten Bedingungen der Belagerung, die für weite Bevölkerungsschichten Hunger und Elend brachte und vor allem zur Schmach der Kapitulation Ende Januar 1871 führte. In diese Zeit fällt auch die Schaffung einer neuen Organisation, der Föderation der Nationalgarden, und das führt zu einem neuerlichen Aufstand am 18. März 1871. Die Commune beginnt am 18. März 1871, dem Tag als die Fédérés (die Nationalgarde) und Anhänger Blanquis die Macht ergreifen, und endet am 28. Mai 1871 - 72 Tage, eine doch sehr kurze Zeit für eine Revolution. Die Commune traf einige sozialpolitische Maßnahmen, die alle dasselbe hohe Ziel verfolgten: Maßnahmen für die Kinder, für Lohnerhöhungen etc., alles ging in dieselbe Richtung. Die interessanteste sozialpolitische Maßnahme und diejenige, die der Bourgeoisie am meisten Angst machte, war das Dekret vom 16. April betreffend die Betriebe und Werkstätten, deren Inhaber geflohen waren. Diese Werkstätten sollten an die Komitees der Arbeitergewerkschaften übergeben werden. Das jagte den Menschen wirklich Angst ein, das ist eine echte sozialistische Maßnahme, die hier von der Commune getroffen wird. Es erklärt das Ausmaß der Repression, die folgen wird, aber wir werden später noch auf das ungeheure Ausmaß der Repression zu sprechen kommen. - Andererseits muss man auch bedenken, dass man sich in einem Bürgerkrieg befindet. Manche Gewerkschafter, die in den Reihen der Fédérés kämpfen, sind gegen die Errichtung eines sozialistischen Systems; sie glauben, die Zeit sei noch nicht reif dafür. Was für sie zählt, ist der Kampf gegen Versailles. Man darf nicht vergessen, dass im Westen von Paris, außerhalb der Stadtmauern, gekämpft wird - gegen eine Versailler Armee, die rasch ihre Truppen verstärkt, bald auch mit der Unterstützung Preußens. Die Commune ist verbunden mit der Idee einer direkten
Demokratie. Man muss sehr vorsichtig sein: Manche sind zwar mit Karl Marx der Meinung, dass die Commune den Staat abgeschafft habe, ich glaube aber nicht, dass dies wirklich der Fall war. Die Commune hatte eine Regierung, eine schwache Regierung, die auf der Basis von Kommissionen funktionierte, die so genannte Commission Exécutive. Später, nach den militärischen Rückschlägen, griff man auf alte Modelle wie das Komitee für Öffentliche Sicherheit zurück, von denen zwei tatsächlich realisiert wurden, die aber nie funktionierten. Man muss also sehr vorsichtig sein: die Commune ist nicht das völlige Fehlen einer Regierung, es ist eine schwache Regierung. Schwach aufgrund der Diskussionen, Konflikte und Debatten, und niemand weiß genau, in welche Richtung die Commune geht. Vor allem sind da die einfachen Leute, die eben nicht von oben regiert werden wollen. Wenn auch das Wort Anarchist noch nicht existiert oder zu dieser Zeit eine andere Bedeutung hat, so hat doch die Commune einen sehr starken libertären Aspekt. Marx zeichnet in seiner Schrift "Der Bürgerkrieg in Frankreich" in der Tat ein beinahe anarchistisches Bild - was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Im Hôtel de Ville gab es mehr an Traditionellem als die meisten glauben. Außerdem war da auch ein starkes jakobinisches Element, das immer für die Notwendigkeit einer Regierung, ja sogar einer Diktatur eintritt. Und die Debatte zwischen der Mehrheit und der Minderheit zeigte, dass manche Leute anstelle der anderen entscheiden wollten. Der einzige Unterschied ist, dass das während der Commune nicht mehr funktioniert. Das ist etwas ganz Neues auf politischer Ebene. Ein Großteil der Staatsbeamten war nach Versailles geflohen. Damit stand zum Beispiel der Postdienst vor einem großen Problem: Alles musste neu organisiert werden, man musste Leute finden, die die Organisation wieder aufbauen und führen konnten. Der Commune gelang es, all das zu tun und die Leute, die weggegangen waren, zu ersetzen. Auch die Polizeikräfte hatten Paris verlassen. Gegen Ende des Kaisertums und während der Belagerung war die Polizei sehr unbeliebt. Es war also völlig undenkbar, dass auch nur ein einziger Polizist in der Stadt geblieben wäre. Um bei diesem Beispiel zu bleiben - die Kommunarden schafften die Polizei ab. Ja, das Gebäude der Polizeiverwaltung wurde in "Ex-Polizeipräsidium" umbenannt. Polizeibeamte wurden durch Nationalgardisten ersetzt. Es gelang, das nötige Personal für die Verwaltung der Stadt zu finden und Dienste wie Kanalisation etc. zu gewährleisten. Das ist freilich kein spezifisch revolutionäres Charakteristikum. Man kann nur sagen, dass die Pariser Arbeiterklasse bewies, dass sie fähig war, das öffentliche Leben selbst zu organisieren. Aber noch einmal: der revolutionärste Aspekt der Commune liegt nicht in ihren administrativen Fähigkeiten. Sie kamen damit gut zu Rande, das stimmt. Aber die Dinge mussten doch darüber hinausgehen. Jedenfalls wurden von der Commune alle Anstrengungen unternommen, die Arbeiterklasse in die Verwaltung der Stadt mit einzubeziehen. Für manche - Marx war zum Beispiel dieser Ansicht - war die Commune eine Regierung der Arbeiterklasse; Engels sprach von der Diktatur des Proletariats. Und die Arbeiter spielten ohne Zweifel eine zentrale Rolle in dieser revolutionären Episode. Aber zu glauben, dass die Commune zu einer allgemeinen ökonomischen Selbstverwaltung führte, ist doch etwas weit hergeholt. Schon während des Kaisertums und der Belagerung gab es Versuche, Kooperativen zu entwickeln; diese wurden während der Commune in größerem Maßstab und in einer optimistischeren Umgebung weitergeführt. Das Problem blieb jedoch dasselbe - die Finanzierung, was bedeutete, dass man sich mit den Banken verständigen musste. Außerdem wurde während der Commune nicht die gesamte Wirtschaft auf eine sozialistische Basis gestellt, davon war man weit entfernt. Von den Arbeitgebern und Unternehmern blieben viele in Paris. Die großen Bosse sowie die wichtigsten Financial Players flohen nach Versailles. Trotzdem, von der Banque de France blieben viele Leute vor Ort - und sie kamen mit manchen gewählten Mitgliedern der Commune, wie zum Beispiel Charles Beslay, ganz gut aus. Die Banque de France wurde zwar von einigen revolutionären Bataillonen bedroht, die Kommunarden übernahmen aber nie die Kontrolle über die Bank. Hätte die Commune etwas länger bestanden, wäre das wahrscheinlich geschehen. Jedenfalls wurde für die Sicherheit der Bank gesorgt. Was die Wirtschaft betrifft, brauchte man eine Kriegswirtschaft, wir befanden uns ja mitten in einem Bürgerkrieg. Daher wurden mit den Arbeitgebern und Unternehmern, die in Paris geblieben waren, viele Verträge erneuert. Es gibt aber doch einige wichtige Beispiele, wo es tatsächlich zur Selbstverwaltung kam, wie im Louvre oder in manchen Vierteln, wo man Werkstätten und Betriebe übernahm, deren Inhaber geflohen waren. Gewerkschafter und Internationalisten waren bemüht, diese selbstverwalteten Betriebe in einer radikal demokratischen Umgebung zu führen, was nicht immer sehr produktiv war. Aus einem Bericht von Avrial, einem gewählten Mitglied für den elften Bezirk, an Rossel, einen Militär, der die Truppen der Commune führte, wissen wir, dass sich die Verwirklichung dieser neuen sozialistischen Ökonomie als sehr schwierig erwies. Ein Grund, warum sie nicht so gut funktionierte, war auch, dass diese Frage sehr umstritten war. Ich schrieb einmal einen Artikel für ein populäres Magazin, mit dem Titel "Le piège coopératif" ("Die kooperative Falle"). Diese Frage war tatsächlich der Kernpunkt heftiger Debatten zwischen den Revolutionären, die sofort die politische Macht übernehmen, die politische Arena besetzen und dann eine sozialistische Revolution herbeiführen wollten, und jenen, die dachten, man könne allmählich Boden gewinnen, durch eine wirtschaftliche Revolution und die Entwicklung dieser Kooperativen. Das finanzielle Problem bleibt aber, ebenso wie die Frage der Organisation. Dazu erhoben einige Revolutionäre gegenüber den Kooperativen den Vorwurf, es würden dort von neuem ausbeuterische Beziehungen geschaffen, zwischen den eigentlichen Arbeitern der Kooperative und - zumeist jüngeren und schlechter bezahlten - Hilfskräften. Darum ging es im Grunde bei dieser Debatte, die ja während des ganzen 20. Jahrhunderts geführt wurde und auch heute noch andauert. Man könnte ein Seminar organisieren, mit dem Titel "Die Schwierigkeiten der Selbstverwaltung". Der Grad an Utopie in der Selbstverwaltung. Einer der interessantesten Aspekte der Commune ist die Entwicklung einer starken Frauenbewegung. Die Frauen waren aus verschiedenen Gründen in das Geschehen involviert. Eine historische Niederlage - die man besser aus der Erinnerung streicht - erlitten die Frauen während der Französischen Revolution, wo die Frauenbewegung von den Jakobinern unterdrückt wurde. Während der Commune zeigen die Frauen erneut ihre Stärke, inmitten einer doch recht machistisch geprägten revolutionären Welt. Wir haben von den Soldaten gesprochen: Nun, sie waren nicht gerade begeistert von der Vorstellung, dass sich die Frauen an dem bewaffneten Kampf gegen Versailles beteiligen wollten. Schließlich erhielten die Frauen, zumindest manche von ihnen, erst ganz am Ende Waffen, in der "semaine sanglante", der blutigen Woche, zur Verteidigung des Montmartre. Was wirklich unglaublich war: Sie ließen eine Gruppe von nur 50 Frauen die Commune retten, mit der Verteidigung des Montmartre, jenes Ortes, wo die Commune geboren wurde und die ihr Symbol war. Sie errichten also Barrikaden, und schießen, gemeinsam mit den Männern, auf den Feind; manche kommen dabei um, andere werden niedergemetzelt. Manche konnten auch entkommen und von dem Geschehen Zeugnis ablegen. Nach dem Fall der Commune oder ihrem "Scheitern"
ging die revolutionäre Bewegung einen anderen Weg
und folgte einer anderen Logik: Ziel war die Gründung
einer organisierten Partei der Arbeiterklasse. Das führt
zur Gründung der Bolschewistischen Partei und anderen.
Die Commune hat man zwar nicht vergessen, sie wird jedoch
zur Negativreferenz - zu einem Beispiel, wie man es
nicht machen soll. Und jetzt, wo alle diese Parteien
und Staaten mit der Etablierung des Sozialismus gescheitert
sind, wo die Berliner Mauer gefallen ist, wenden viele
Menschen in der ganzen Welt wieder ihren Blick auf diese
Pariser Commune und versuchen, ihr auf den Grund zu
gehen. Die Commune war negative und positive Referenz zugleich. Von welchem Gesichtspunkt auch immer man es betrachtet: die Commune ist in erster Linie eine bewaffnete Revolution. Was also die Mittel betrifft, ist das schon sehr spezifisch. In einer Zeitung der Kommunarden stand einmal: "Jeder Bürger ist ein Soldat". Das ist die grundlegende Idee der Fédération: man kann keine vollen Bürgerrechte genießen, wenn man nicht bewaffnet ist. Und das ist ein großer Unterschied verglichen mit der heutigen Situation in unseren Gesellschaften, wo die Menschen wehrlos gegenüber dem Staat sind. Was wirklich betont werden muss, ist, dass die Pariser Commune von 1871 eine direkte Demokratie ist. Und diese spezielle direkte Demokratie hat nichts mit einer partizipatorischen Demokratie zu tun. Der Commune geht es nicht darum, die öffentlichen Einrichtungen zu reformieren; es geht darum, die Gesellschaft zu verändern und nicht darum, sie anzupassen. 1871 wollen die Menschen eine Revolution und sie glauben, in der Lage zu sein, diese mit Gewehren und Kanonen herbeizuführen. Leonine Champsey, eine der bedeutendsten Frauen der
Commune, vielleicht bedeutender als ihre Freundin Louise
Michel, schrieb einen sehr interessanten Artikel in
ihrer Zeitschrift "La Sociale" - unter dem
Titel "Les Soldats des Idées" ("Soldaten
der Ideen"). erschienen in: "Alternative Ökonomien, Alternative Gesellschaften", Kurswechsel 1/2005 Bei den in diesem Band erschienen Texten wurden die Übersetzungen der englischen Originaltranskripte von Waltraud Heinz, Werner Raza, Oliver Ressler, Elisabeth Springler und Beat Weber vorgenommen. |