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08 2009
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Im Modus der Modulation: Fabriken des Wissens

Gerald Raunig

Gerald Raunig

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knowledge production and its discontents

„Welcome to the Machine!“, so begrüßt die Universität in einem satirischen Blatt des deutschen Zeichners und Schriftstellers Gerhard Seyfried aus den 1970er Jahren ihre Studierenden.[1] Die „Maschine“ entpuppt sich bei genauer Betrachtung des Blatts jedoch viel eher als Fabrik, denn es geht um die automatisierte Massenfertigung der spezifischen Ware Wissen in den Universitäten. Die Seyfried’sche Wissensfabrik hat auch Elemente einer Geisterbahn (mit allerlei gruseligen Überraschungen für ihre Insassen), eines Flipper-Geräts (die Studierenden als gestoßene und getriebene Flipper-Kugeln), eines dreistöckigen Nürnberger Trichters (das Wissen wird hier allerdings – wie es sich für eine Fabrik gehört – massenweise und anonymisiert abgefüllt). Derlei anschauliche Übertragungen zentraler Komponenten der fordistischen Kern-Institution Fabrik auf andere Institutionen waren stets weit verbreitet. Doch was bedeutet es, dass auch am Übergang zu postfordistischen Produktionsweisen weiterhin ungebrochen gerade die Metapher der Fabrik auf die Universität angewandt wird?

Unter „Fabrik“ versteht man im Allgemeinen ein Gefüge von Maschinen und ArbeiterInnen, durch das alle Aspekte der Produktion auf der Basis der Trennung der Arbeit gerastert, mechanisiert und standardisiert werden. Gefüge von Maschinen und ArbeiterInnen – das heißt, im Vordergrund steht nicht zuletzt das Verhältnis zwischen diesen beiden Komponenten, ihr Austausch und ihre Verkettung. Karl Marx eröffnet dementsprechend im Kapital-Kapitel über die Fabrik[2] zwei verschiedene Perspektiven auf die Fabrik: Von der einen Seite her gesehen ist es der „kombinierte Gesamtarbeiter oder gesellschaftliche Arbeitskörper“, der „als übergreifendes Subjekt“ den Produktionsprozess bestimmt. Hier geht es vor allem um die „Kooperation verschiedner Klassen von Arbeitern, erwachsnen und nicht erwachsnen, die mit Gewandtheit und Fleiß ein System produktiver Maschinerie überwachen“. Aus dieser Perspektive ist es also die lebendige Arbeit und Virtuosität der ArbeiterInnen, die mithilfe ihrer Kompetenzen die Führung und Überwachung der Maschinen betreiben. Von der anderen Seite gerät dagegen die Maschinerie in den Blick, wird „der Automat selbst das Subjekt, und die Arbeiter sind nur als bewußte Organe seinen bewußtlosen Organen beigeordnet und mit denselben der zentralen Bewegungskraft untergeordnet“. Die Bedienung der Maschinen wird hier zum Dienst an der Maschine, die Virtuosität geht von der ArbeiterIn auf die Maschine über, die lebendige Arbeit der ArbeiterInnen findet sich eingeschlossen in der Maschine. Und genau dieser zweite Aspekt ist es, der nach Marx die kapitalistische Anwendung der Maschinerie, das moderne Fabriksystem prägt.

Diesem auf die eine von zwei Perspektiven reduzierten Blick auf die Fabrik als kapitalistische Anwendungsform der Maschinerie, die aus den Subjekten der Produktion Objekte der Maschinen, aus den Maschinen aber die Subjekte macht, entspricht exakt der Blick Gerhard Seyfrieds auf die Universität als Fabrik: Nicht nur das Wissen selbst wird hier zur Ware, sondern auch die Subjektivierung der WissensproduzentInnen – nach dem Bild Seyfrieds vereindeutigt als Unterwerfung der Studierenden, die demnach nur mehr als passive Komponenten der Wissensfabrik, als formatierte WissensreproduzentInnen erscheinen.

Das Seyfried’sche Bild weist die Universität als Fabrik und Maschinerie aus: Sofort nach dem Durchschreiten des Portals finden sich die Studierenden auf einem Fließband wieder, das sie – unterstützt von diversen rüden Mechanismen des Drills und maschinischen Schikanen – streng und stetig vorantreibt: durch die Zahnräder des Grundlagenwissens, die Disziplinierungsschleuse der Übungen, die Stress-Presse der Klausuren, die Einsperrung des Ordnungsrechts, die Mühle des Fachwissens bis hin zu den Abschlussprüfungen, die den Einschluss der Gefügigen und den Ausschluss des unbelehrbaren Ausschusses vornehmen. Ausschluss wird hier ganz drastisch als dauerhafte Aussonderung aus der Wissensfabrik vorgestellt, im Deutschland der 1970er ins Extrem geführt als „Berufsverbot“. Einschließung bedeutet andererseits eine spezifische Form der Aufteilung des Raums, der hierarchischen Anordnung im Raum, buchstäblich der Einsperrung in den Raum. Innerhalb des Territoriums der Universität als Fabrik befördert das Fließband die StudentInnen unaufhaltsam der Vereinheitlichung zur genormten StudienabgängerIn hin zu.

Die Hauptaussage dieses Bilds ist einfach: Die Universität-Fabrik ist eine ungeheure, monströse Maschinerie, in der die anfangs unterschiedlichen und vielfältigen Studierenden zu Einheitsmenschen geformt und fit für die Verwertung in einer einförmigen Gesellschaft gemacht werden. Natürlich erscheint diese Metapher der Universität als Fabrik heute, unter den fortgeschrittenen Bedingungen der Kommodifizierung des Wissens und der Rasterung, Homogenisierung und Verbetriebswirtschaftlichung der Universitäten einleuchtender denn je. Doch sie geht nicht weit genug.

 
Wissensproduktion und Weiterbildung als permanente (Selbst-)Verpflichtung

Seyfrieds Bild erfasst nicht die Potenz der AkteurInnen, und es erfasst ebenso nicht ihre Verstrickungen. Es hebt in Analogie zum Blick des einäugigen Marx auf die Fabrik die Studierenden als Opfer hervor und konstruiert einen schroffen Gegensatz zwischen dem institutionellen Apparat und den durch ihn dominierten Studierenden. Es geht damit nicht nur am heutigen Amalgam von Repression und Selbstregierung der Studierenden vorbei, sondern blendet auch alle weiteren Komponenten der Fabrik Universität aus: die Lehrenden in all ihren hierarchischen Abstufungen, die Wirkungsbereiche der Administration und die vielen Aspekte der Dienstleistung, vom Putztrupp bis zum Kantinen- und zum Sicherheitspersonal, sei es verbeamtet oder radikal outgesourct und prekär.

Schon das Bild der ebenso aufrechten wie unschuldigen StudienanfängerIn allerdings, die vor Studienantritt unverbildet über die Schwelle der Wissensfabrik stolpert und erst durch den Eintritt in die Institution sich den Mechanismen der Entfremdung ausgesetzt sieht, ist – selbst für die Situation in den 1970er Jahren – etwas zu einfach gestrickt. Heute mehren sich Erfahrungen und Berichte von Studierenden, die von Beginn an ihr Studium als reine Übergangsetappe zwischen Schule und Job, die Lehre als durch ihre Studiengebühren finanzierte Dienstleistung sehen und dementsprechend mitbestimmen wollen: Mitbestimmung nicht mehr als basisdemokratische Selbstorganisation, sondern als tauschwertgeregelte Beziehung zwischen StudentInnen-Stakeholders und Dienst leistenden Lehrenden.[3]

Das Ideal eines die Emanzipation von Patriarchat, Familie, Schule und ländlichen Gemeinschaften fördernden Schritts in die Universität geht davon aus, dass dieser Schritt auch von den Subjekten gewollt, geplant und unternommen wird. Doch die Tendenz scheint dahin zu gehen, dass sich der Schritt von den Institutionen Schule und Familie an die Universität nicht mehr als Bruch ereignet, sondern vielmehr als bruchloser Übergang in einer Existenzweise der wachsenden Verunsicherung. War der Übergang von der Institution Schule in die Institution Universität (und vielleicht auch in die Fabrik) tatsächlich einmal ein viel versprechender Neuanfang, so ist gerade die Bruchlosigkeit dieses Übergangs (ebenso wie das Verschwimmen der unbezahlten Praktika während des Studiums mit den prekären Beschäftigungen danach) Indiz für das Ununterscheidbarwerden der früher institutionell geprägten Zeitabschnitte (und ihrer signifikanten Territorien), Indiz auch für die Koexistenz verschiedener post-institutioneller Formen der Prekarisierung. Zentrale Komponente der permanenten Selbsterziehung ist das Konzept des lebenslangen Lernens, aber nicht mehr als aufklärerisch-emanzipatorische Idee der Weiterbildung, als Überwindung von Klassengrenzen und Vehikel des sozialen Aufstiegs, sondern als lebenslange (Selbst-)Verpflichtung, als Imperativ und lebenslanges Gefängnis der Weiterbildung.

 
Der Modus der Modulation

Das „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ ist wohl der bekannteste Text von Gilles Deleuze. Nahezu manifestartig fasst der französische Philosoph hier die Thesen seines Freundes Michel Foucault zur Einschließung (sowie zu deren Krise, Agonie und dem, was auf sie folgt) zusammen, entwirft ausnehmend zitierfähige Formulierungen zu den Transformationen von den Disziplinar- zu den Kontrollgesellschaften und führt en passant seine Strategie der creatio continua von Begriffen vor. So marginal der Artikel für seinen Verfasser wohl gewesen sein mag, so massiv hat sich umgekehrt seine Verbreitung und Rezeption entwickelt. Kürze und Knappheit des Postskriptums haben allerdings auch ihre Schattenseiten: Die Schwäche des Textes liegt ungeachtet all seines konzeptuellen Potenzials in dem an sich recht undeleuzischen Schema einer zeitlichen Abfolge von Disziplin und Kontrolle.

Was wir erleben, lässt sich weniger als eine lineare Entwicklung von den Gesellschaften der Einschließung und der geschlossenen Milieus hin zu Gesellschaften der offenen Kreisläufe erklären denn als eine Kumulierung beider Aspekte: Zur sozialen Unterwerfung der ArbeiterInnen/Studierenden-Subjekte kommt die Subjektivierungsweise der maschinischen Indienstnahme hinzu, zur erzwungenen Anpassung im institutionellen „Internat“ gesellen sich neue Weisen der Selbstregierung im total-transparenten, offenen Milieu, zur Disziplinierung durch persönliche Überwachung und Strafe tritt das freiheitliche Antlitz der Kontrolle als freiwilliger Selbstkontrolle.

Modulation ist der Name für dieses Ineinanderrinnen von Disziplinargesellschaft und Kontrollgesellschaft: Wie die Aspekte von Disziplin und Kontrolle stets als ineinander verwoben zu verstehen sind, so wird ihr Zusammenwirken am Beispiel der zeitgenössischen Wissensfabrik noch evidenter. Während die Zeit der Studierenden kleinteilig in Modulen organisiert, gerastert, insofern also die Disziplinierung auf die Spitze getrieben wird, findet der modulierende Zustand des Lernens dennoch nie ein Ende. „Denn wie das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab, und die kontinuierliche Kontrolle das Examen.“[4] Was Deleuze jedoch noch als getrennte und aufeinander folgende Zuweisungen für Disziplin und Kontrolle beschreibt, fließt in Wirklichkeit ununterscheidbar ineinander: Im neuen Modus der Modulation hört man nie auf anzufangen, und zugleich wird man nie mit dem Lernen fertig.[5]

Der Imperativ des lebenslangen Lernens impliziert eine doppelte Anrufung: eine Anrufung zur rasternden Modularisierung nicht nur der Bildung oder der Arbeit, zur Schichtung, Kerbung und Territorialisierung aller Verhältnisse, des gesamten Lebens, und zugleich eine Anrufung zur Bereitschaft, sich ständig selbst zu verändern, anzupassen, zu variieren. Die Modulation ist bestimmt durch diese doppelte Anrufung, sie gründet auf dem Zusammenwirken der säuberlichen zeitlichen wie räumlichen Trennung und Rasterung der Module mit der Untrennbarkeit von unendlichen Variationen und grenzenlosen Modulierungen. Während Modulation im einen Fall Zügelung bedeutet, die Einsetzung eines Standardmaßes, das In-Form-Bringen jedes einzelnen Moduls, erfordert sie im anderen Fall die Fähigkeit, von einer Tonart in die andere zu gleiten, in noch unbekannte Sprachen zu übersetzen, alle möglichen Ebenen zu verzahnen. Besteht die Bestimmung der Modulation einerseits darin, Module zu formen, verlangt sie andererseits eine konstante Selbst-(De-)Formierung, eine Tendenz zur ständigen Modifizierung der Form, zur Transformation, ja zur Formlosigkeit.

 
edu-factory: Widerstand in der Fabrik des Wissens

Die drei ersten Qualitäten der Fabrik waren mit Foucault/Deleuze[6]: konzentrieren, im Raum verteilen, in der Zeit anordnen. Mit dem Hegemonialwerden postfordistischer Produktionsformen erfolgte zweifellos ein Zerstreuungsprozess, in dessen Verlauf die Fabriken zunehmend in die Gesellschaft diffundierten. Die Fabrik, nunmehr fabbrica diffusa, funktioniert in dieser Transformation nicht mehr einfach nur nach den alten Mechanismen aus dem 19. Jahrhundert. Konzentration, Verteilung im Raum und Anordnung in der Zeit haben nicht gänzlich ihre Bedeutung verloren, variieren aber sehr wohl ihre Funktionen. Die Theorie der fabbrica diffusa ist eine Erfindung der autonomia, der italienischen Kämpfe der 1970er Jahre. Für die darin und daraus entstandenen operaistischen und postoperaistischen Theorien besteht eine der wichtigsten Komponenten der Zerstreuung der Fabriken in die Gesellschaft im Exodus der ArbeiterInnen aus den Fabriken, der hier nicht als Effekt, sondern vielmehr als Auslöser der weit gehenden kapitalistischen Transformationen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts (Postfordismus, Hegemonialwerden immaterieller und affektiver Arbeit, kognitiver Kapitalismus) verstanden wird.

Aus und in diesem theoretischen Umfeld entfaltete sich im letzten Jahrzehnt eine neue Generation von aktivistischen ForscherInnen, die sich vor allem aktuellen Interpretationen der Wissensfabrik annahm und ihr Handlungsfeld weit über Italien hinaus als globales ansetzte. Nicht ohne Grund gab sich das transnationale Netzwerk von AktivistInnen im Bildungsbereich 2006 den Namen edu-factory. Die Fabrik, um die es hier geht, ist erneut die Fabrik des Wissens, die knowledge factory[7], diesmal aber in ihrer zweifachen Gestalt: die alte Figur der Universität in ihrem Austauschverhältnis mit dem vermeintlichen sozialen und territorialen Außen, der Gesellschaft und den Metropolen, aber auch das diffus gewordene Gefüge von Institutionen und kooperativen Netzwerken der Wissensproduktion.  

2006 wurde die edu-factory-Mailinglist gestartet, deren Themen um die neoliberale Transformation der Universitäten und um Formen des Konflikts in der Wissensproduktion angelegt sind.[8] In einer ersten Diskussionsrunde ging es vor allem um die Konflikte an den Universitäten, in der zweiten um den Prozess der Hierarchisierung des Bildungsmarkts und die Konstituierung autonomer Institutionen. Und genau diese zwei Linien sind es auch, die das Verhältnis der edu-factory zur Universität, ihre doppelte Exodus-Strategie bestimmen: Exodus heißt hier nicht einfach nur Auszug aus der Universität, sondern vielmehr Kampf um autonome Freiräume in der Universität und zugleich Selbstorganisation und auto-formazione jenseits der existierenden Institutionen.

Gerade rechtzeitig für die onda anomala, die Welle der Proteste, Besetzungen und Streiks an den italienischen Universitäten Ende 2008, brachte das edu-factory-Kollektiv bei Manifestolibri das Buch L'università globale: il nuovo mercato del sapere heraus, das im Herbst 2009 auch in englischer Sprache bei Autonomedia erscheinen wird. Der Band fasste die wichtigsten Texte der online-Diskussionen zusammen und wurde in vielen Präsentationen in ganz Italien zu einem Angelpunkt jener Diskurse, die die Kämpfe der onda anomala mit anfachten und begleiteten. In der Einleitung des Buchs findet sich in Bezug auf den Namen des Netzwerks ein interessanter Widerspruch, der das Paradox der edu-factory repräsentiert: Zunächst lautet der zentrale Slogan: Ciò che un tempo era la fabbrica, ora è l’università. Was einmal die Fabrik war, ist nun die Universität. Doch keine zwei Seiten danach steht zu lesen, dass die Universität keineswegs funktioniere wie eine Fabrik. Ich denke, dass dieser offenbare Widerspruch uns auf eine Fährte führt, die die Universität als Fabrik nicht mehr nur als Metapher lesen lässt.

Gehen wir dennoch einmal mehr zurück zur anfangs dieses Textes etablierten Assoziation der Universität als Fabrik, die auf der Ebene des Metaphorischen verbleibt. Im Laufe der bemerkenswerten Ausbreitung von Kämpfen, Besetzungen und Streiks an den europäischen Universitäten im Laufe der letzten Monate organisierte die edu-factory unzählige Meetings (vor allem, aber nicht nur in Europa), bei denen in erster Linie die unsichtbare Verkettung dieser singulären Kämpfe thematisiert wurde. Für die Bewerbung einer dieser Veranstaltungen, die im Rahmen des deutschen Bildungsstreiks im Juni 2009 an der TU Berlin stattfand, verwendeten die Berliner VeranstalterInnen nun gerade jenes Blatt Gerhard Seyfrieds, das die Universität so aussagekräftig als Fabrik illustriert und dennoch an den wichtigsten Merkmalen der Transformationen der Wissensproduktion im kognitiven Kapitalismus vorbeigeht. Ich glaube, dass jene Wiederaufnahme des simplifizierenden Bilds ebenso wie der Widerspruch in der Fabriksdefinition der edu-factory nicht einfach in einer Art Verzauberung durch die mächtige Metapher der Wissensfabrik als Repressionsapparat begründet liegen, sondern dass sie – bewusst oder unbewusst – auf die Möglichkeitsbedingungen des Widerstands im Modus der Modulation rekurrieren.

Bei Marx haben wir gesehen, dass die zwei Perspektiven auf das Verhältnis zwischen ArbeiterInnen und Maschinen in der Fabrik auf den Unterwerfungsaspekt unter die Maschinerie reduziert wurden. Im „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ werden die Subjektivierungsweisen zwar keineswegs ausgeblendet, aber es erscheint das Problem der zeitlichen Abfolge von Disziplin/Repression (incl. der ihr adäquaten Widerstandsformen) und Kontrolle/Selbstregierung. Wollen wir heutige Existenzweisen und Formen der Wissensproduktion nicht einfach als aus der Abfolge von Disziplin und Kontrolle hervorgegangen verstehen, müssen wir einerseits ein komplexes und modulierendes Amalgam von sozialer Unterwerfung und maschinischer Indienstnahme konstatieren, andererseits aber auch Möglichkeiten neuer Subjektivierungsweisen und Widerstandsformen gerade unter Berücksichtigung der sich wandelnden Komplexität dieses Amalgams entwerfen. Ein Verständnis der Modulation als Simultaneität und Wechselwirkung von Disziplin und Kontrolle kann also weder auf die alten Formen des Widerstands in den Zeiten der Fabrik zurückgreifen, noch kann das widerständige Gegenüber einfach nur als Deterritorialisierung der Kontrolle gegenüber der reterritorialisierenden Disziplin konzeptualisiert werden. Die pure Anrufung von Dezentralität, Deterritorialisierung und Zerstreuung reicht nicht aus, um Fluchtlinien aus dem Gefüge  von sozialer Unterwerfung und maschinischer Selbstregierung zu ziehen.

Die volle Ambivalenz der fabbrica diffusa im Modus der Modulation, ihre Vereinnahmungsmechanismen ebenso wie ihre Widerstandspotenziale, lässt auch die Orte der Wissensproduktion nicht nur als Orte der Kommodifizierung des Wissens und der Ausbeutung der Subjektivität aller AkteurInnen, sondern auch und vor allem als Orte neuer Formen des Konflikts verstehen. Und hier könnte schließlich auch ein Grund für das Insistieren der edu-factory auf einen Kampf um den traditionellen Ort der Wissensfabrik, um autonome Freiräume innerhalb der Universität liegen. Die Fabrik war und ist der Ort der Konzentration – was die Inwertsetzung der Arbeitskraft und was die Formen des Widerstands betrifft. In einer Situation der Prekarisierung, vor allem aber der Diffundierung, der extremen Zerstreuung der Kultur- und WissensarbeiterInnen, sind Schulen und Universitäten vielleicht die letzten Orte, in denen Konzentration möglich ist. In diesem Sinn lässt sich vielleicht in der Tat sagen: Was einmal die Fabrik war, ist nun die Universität. Und zugleich wird klar, dass die Universität als Konzentrat im Modus der Modulation neue Funktionen übernimmt.  Potenziell auch als Ort der Organisierung, des Konflikts, des Kampfes.

 
Vielen Dank an Isabell Lorey, Otto Penz und Birgit Sauer für die anregende Diskussion des Textes.

 



[1] Bekannt wurde das Blatt Seyfrieds vor allem dadurch, dass es das Cover der ersten Auflage eines vielgelesenen universitätskritischen Buchs zierte: Wolf Wagner, Uni-Angst und Uni-Bluff, Berlin: Rotbuch 1977.

[2] Karl Marx, Das Kapital, Erstes Buch, IV.13.4., MEW 23, 441 f.

[3] Derartige Erfahrungen sollten allerdings weder zu moralischen Belehrungen noch zu kulturpessimistischen Auslassungen über die Jugend von heute Anlass geben, sondern besser – wie in Deleuze’ abschließenden Bemerkungen in seinem „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“  – mit der Erkenntnis verbunden werden, dass aus den neuen Subjektivierungen eine neue Notwendigkeit hervorgeht, diese zu analysieren, und dass damit auch neue kritische Haltungen und neue Widerstandsformen entstehen: „Viele junge Leute verlangen seltsamerweise, ‚motiviert’ zu werden, sie verlangen nach neuen Ausbildungs-Workshops und nach permanenter Weiterbildung; an ihnen ist es zu entdecken, wozu man sie einsetzt, wie ihre Vorgänger nicht ohne Mühe die Zweckbestimmung der Disziplinierung entdeckt haben.“

[4] Gilles Deleuze, „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“, in: ders., Unterhandlungen. 1972-1990, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1993, 254-262, hier 257.

[5] Mein Begriff von Modulation umfasst damit – über Deleuze hinausgehend – sowohl Aspekte der Disziplin als auch solche der Kontrolle. Deleuze entnimmt seinen Begriff der Modulation aus Gilbert Simondons L’ individu et sa genèse physico-biologique und setzt ihn nur im Rahmen des zweiten Paradigmas ein, vor allem in seinen ästhetischen Schriften ab 1983: in Francis Bacon, wo er Bacons diagrammatisierte Form beschreibt als „zeitliche, variable und kontinuierliche Gussform, auf die einzig der Name Modulation im strengen Sinne passt“ (82), oder in seinem ersten Kinobuch Das Bewegungs-Bild (vor allem 40-44). Auch hier findet sich schon das duale Verhältnis vom Gießen der Form, von der Gussform einerseits (in diesem Fall der Fotografie, die den „unbeweglichen Schnitt“ verkörpert) und der Modulation andererseits (exemplifiziert am Bewegungs-Bild des Films, am „beweglichen Schnitt“, hier vor allem an den zwei Methoden der beweglichen Kamera und der Montage): „Die Photographie ist eine Art ‚Formguss’: Die Gussform organisiert die inneren Kräfte einer Sache so, dass sie in einem bestimmten Moment einen Gleichgewichtszustand erreichen (unbeweglicher Schnitt). Während die Modulation nicht endet, wenn ein Gleichgewichtszustand erreicht ist, nicht damit aufhört, die Form zu modifizieren, bis zur Konstitution einer veränderlichen, kontinuierlichen und zeitlichen Form.“ (43) Zur Verkettung von ästhetischer und politischer Modulation vgl. Gabu Heindl, Drehli Robnik: „Öffnungen zum Außen: Der Entwurf des Diagramms bei Deleuze und das Diagramm des Entwurfs bei OMA, Eisenman und UN Studio“, in: UmBau – Theorie der Praxis 19, 2002.

[6] Deleuze, „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“, 254.

[7] Vgl. Irving Louis Horowitz and William H. Friedland, The Knowledge Factory - Student Power and Academic Politics in America, Chicago: Aldine 1971; Stanley Aronowitz, The Knowledge Factory: Dismantling the Corporate University and Creating True Higher Learning, Boston: Beacon 2000.

[8] Bemerkenswert war vor allem die Strenge, mit der dieser Instituierungsvorgang vorgenommen wurde. Statt eine offene Mailinglist zu installieren, wurde die Liste anfangs nur für zwei längere Diskussionsrunden jeweils für drei Monate geöffnet und dann – auch zur Überraschung vieler List-Participants – wieder geschlossen. Einzelne AutorInnen bestimmten je eine Woche lang durch ihre Inputs spezifische thematische Linien. Gerade diese strenge Form gab den Debatten eine Kohärenz und Intensität, die in offenen Mailinglists üblicherweise nicht lange gehalten werden kann. Die Subskriptionsadresse für die Mailinglist, die inzwischen hauptsächlich über aktuelle Kämpfe und Konflikte um Wissensproduktion in den unterschiedlichsten Weltregionen informiert, lautet edufactory-subscribe@listcultures.org, die  Adresse der Website: http://www.edu-factory.org.